01.09.2002

Keine Bio-Revolution in Sicht

Essay von Michael Fitzpatrick

Dr. Michael Fitzpatrick wundert sich über die „Revolutionsvernarrtheit“ von Wissenschaftlern in stagnierenden Gesellschaften.

Der Politologe Francis Fukuyama und der Biomediziner Gregory Stock sind sich einig. Beide beobachten in der Biologie eine Revolution, die die moderne Gesellschaft in den nächsten Jahren immer schneller verändern wird. Beide erwarten eine Zukunft mit Designermedikamenten, Designerbabys und eine um Jahrzehnte verlängerte Lebenserwartung.

In ihrer Bewertung liegen sie jedoch weit auseinander. Fukuyama sieht diesen Ausblick als Bedrohung der menschlichen Natur und Gefahr für die Gesellschaft; Stock dagegen begrüßt die Möglichkeit, die menschliche Natur zum Nutzen des Einzelnen und der Gesellschaft zu verbessern.

Das Problem in dieser Debatte liegt in der zugrunde liegenden Prämisse: Es hat in der Biologie in den letzten Jahren keine Revolution gegeben. Und es gibt auch wenig Anzeichen dafür, dass eine solche in der nächsten Zeit auf uns zukommen könnte.Wie der US-Genetiker Richard Lewontin bemerkt, „sind Wissenschaftler in die Idee von Revolutionen vernarrt“.[1]Seiner Meinung nach hat es nur zwei wirkliche Revolutionen in der Biologie gegeben: die erste im 17. Jahrhundert durch Harvey und Descartes, die die mechanistische Herangehensweise einführten, und die zweite durch Darwins Evolutionstheorie 200 Jahre später.

“Es hat in der Biologie in den letzten Jahren keine Revolution gegeben. Und es gibt auch wenig Anzeichen dafür, dass eine solche in der nächsten Zeit auf uns zukommen könnte.”

Während Revolutionen im sozialen und historischen Lauf der Welt aus der Mode gekommen sind, scheinen sie in den Wissenschaften zum Alltagsgeschäft zu werden. Es ist kein Zufall, dass Fukuyama, der 1989 „das Ende der Geschichte“ verkündete, die verlustig gegangene gesellschaftliche Dynamik jetzt im Bereich der Biologie wiederzuentdecken sucht.

Es sind drei Bereiche der Biologie, in denen angeblich Revolutionen stattfinden: die Neurowissenschaften einschließlich der Psychopharmakologie, die Genetik und die Altersforschung. Schauen wir sie uns einmal etwas näher an.

Medikamente: Mythen und Realität

Fukuyama präsentiert Medikamente wie Ritalin und Prozac als Beispiele der dramatischen Konsequenzen revolutionärer Fortschritte in der Gehirnforschung. Er glaubt, diese Medikamente würden Jungen und junge Frauen (die Hauptkonsumenten) in neue „androgyne Durchschnittspersönlichkeiten“ verwandeln, die mit sich selbst zufrieden sind und in Einklang mit der Gesellschaft stehen.[2]

Doch es gibt keine Verbindung zwischen den jüngsten Entwicklungen in der Gehirnforschung und diesen Medikamenten. Obwohl Ritalin im letzten Jahrzehnt vor allem in den USA immer öfter zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen verschrieben wird, wurde es bereits in den 1940er-Jahren entwickelt und erstmals 1954 zur Behandlung der Hyperaktivität zugelassen.Prozac kam 1987 auf den Markt, ist aber lediglich das jüngste Produkt in der 40-jährigen Geschichte der Entwicklung von Antidepressiva. Es hat weniger Nebenwirkungen als Vorgängerprodukte, scheint aber auch weniger wirksam zu sein. Prozac ist sehr geschickt als „Selektiver Serotonin Reuptake-Inhibitor“ (SSRI) vermarktet worden, wobei die Erklärung der Wirkungen psychoaktiver Medikamente auf Neurotransmitter meist erst nach ihrer mehr oder weniger zufälligen Entdeckung und pragmatischen Einführung auf dem Markt erfolgt.[3]

Weder von Ritalin noch von Prozac kann man behaupten, es habe eine persönlichkeitsverändernde Wirkung. Ritalin reduziert die Erregbarkeit und verbessert die Konzentrationsfähigkeit von frechen Jungs gerade so weit, dass sie es ein paar Stunden nacheinander auf der Schulbank aushalten. Wie andere Antidepressiva zeigt Prozac bei etwa 70 Prozent der Personen, die es einnehmen, einen Nutzen (wobei wahrscheinlich die Hälfte davon auch von einem Placebo profitieren würde).

Beide Medikamente wirken auf die Stimmung, nicht auf die Persönlichkeit. Der Haupteffekt von SSRIs wurde als „Gefühlspuffer“ beschrieben.[4] Die gefeierte Behauptung, Prozac könne manchen Menschen dazu verhelfen, sich „besser als gut“ zu fühlen (nachzulesen in Peter Kramers Bestseller Listening to Prozac - offenbar Fukuyamas wichtigste Quelle), wurde erstmals 1958 in Hinblick auf das frühe trizyklische Antidepressivum Imipramin aufgestellt.[5]

Obwohl Fukuyama Recht hat, wenn er sagt, die Anwendung von Medikamenten wie Ritalin und Prozac in großem Stil reflektiere einen Prozess der Medikalisierung sozialer Probleme, liegt er daneben, wenn er glaubt, die Ursachen hierfür in den Fortschritten der Hirnforschung und Psychopharmakologie suchen zu müssen.

Sowohl Fukuyama als auch Stock stimmen darin überein, dass die Fortschritte in der Genforschung die Entwicklung von maßgeschneiderten, auf die individuelle Persönlichkeit abgestimmten Psychopharmaka gestatten wird. Das scheint ein viel versprechendes Forschungsfeld, doch die Anwendung hinkt hier noch weit hinter der Forschung her. Nach Einschätzung des britischen Psychiaters und Spezialisten für die Geschichte von Antidepressiva David Healy bleibt der „direkte Einfluss der Neurowissenschaften auf die Entwicklung von Medikamenten zur Jahrtausendwende ohne praktische Bedeutung“.[6]

Träume von Dolly

Seit der Entdeckung der Doppelhelix durch Watson und Crick 1953 bis zur Geburt von Dolly, dem ersten geklonten Säugetier im Jahre 1997, haben Fortschritte in der Genetik große Aufmerksamkeit erregt. Der erfolgreiche Abschluss des Humangenomprojekts im letzten Jahr hat zu neuerlichen Spekulationen über künftige Anwendungen der Gentechnik und Gendiagnostik geführt.Fukuyama und Stock beschreiben ausführlich die Aussichten für die somatische Gentherapie, bei der Einzelne von einer Krankheit, etwa der zystischen Fibrose, geheilt werden sollen, und für die Keimbahntherapie, die darauf abzielt, Veränderungen vorzunehmen, die weiter vererbt werden können.Doch bevor wir über die Zukunft spekulieren, sollten wir uns einmal die Erfolge der genetischen Revolution bis heute ansehen. Es ging in den frühen 70er-Jahren los, als die Gentechnik, das Klonen und die Gen-Isolierung entwickelt wurden.

1971 wagte der Pionier der Immunologie und Nobelpreisträger Macfarlane Burnet eine Prognose in Hinblick auf die neue Molekular- und Zellbiologie.[7]Seiner Einschätzung nach lag in der Sozialmedizin ein weit größeres Potenzial für die Behandlung von Krankheiten als in der Laborforschung. Daher wird er (gemeinsam mit Ernest Rutherford, der in den 1930ern voraussagte, die Atomforschung würde nie zur Nutzung von Kernenergie führen) häufig als Beispiel dafür genannt, dass auch große Forscher mit ihren Voraussagen ziemlich danebenliegen können. Doch trotz allem scheint die Bilanz der ersten 30 Jahre genetischer Revolution eher Burnet Recht zu geben.

Für das Jahr 1996 kam das angesehene Journal The Lancet zu dem Urteil, dass die Biotechnologie „für viel Investitionen sehr wenig zu bieten hat“. Die beiden bekanntesten Produkte, rekombinantes Humaninsulin und Interferon, waren den Erwartungen nicht gerecht geworden; das erste, weil es bei seiner Verabreichung häufig zu Unterzuckerung bei Patienten kam, das zweite, weil es bei vielen Indikationen kaum Nutzen zeigte.

“Während Fukuyama und Stock über Gentests spekulieren, die zur Verbesserung der menschlichen Persönlichkeit führen sollen, erweist sich der tatsächliche medizinische Fortschritt auf diesem Gebiet als schmerzlich langsam.”

Ein Impfstoff gegen Hepatitis B und die gentechnische Herstellung von Erythropoietin, das bei Dialysepatienten zur Behandlung der Anämie (und bei der Tour de France als Dopingmittel) eingesetzt wird, waren erfolgreicher. In seinem kritischen Überblick über die „neue Genetik“ beklagt James LeFanu den Widerspruch zwischen einem „nicht enden wollenden Katalog unerfüllter Erwartungen“ und einem „um sich greifenden Glauben an grenzenlose Möglichkeiten“.[8]Während Fukuyama und Stock über Gentests spekulieren, die zur Verbesserung der menschlichen Persönlichkeit führen sollen, erweist sich die Entwicklung von Tests zur Vermeidung der Geburt von Kindern mit einer der 4000 bekannten schweren monogenen Erbkrankheiten (wie zystische Fibrose, Muskeldystrophie, Chorea Huntington, Thalassämie) als schmerzlich langsam. Obwohl der Gendefekt für die zystische Fibrose bereits 1984 identifiziert wurde, kommen in Großbritannien noch heute jährlich 300 Säuglinge mit dieser Krankheit zur Welt.

Wie Juliet Tizzard, Leiterin des Progress Educational Trust, sagt, liegt der wahre Skandal in Bezug auf die Pränataldiagnostik nicht in dem Wunsch nach Kindern mit blauen Augen, hohem IQ und perfekter Ballbeherrschung, sondern in der begrenzten Verfügbarkeit der existierenden Technologien zur Vermeidung schwerer Erbkrankheiten.[9]

Die Jagd nach Krebsgenen (wie BRCA1 und BRCA2, die sich in Familien mit hoher Brustkrebsrate finden) muss erst noch zu wirklichen Erfolgen in der Vermeidung von Krebs führen. Während es große Kontroversen um den Einsatz der Keimbahnintervention gibt, scheint den Debattanten entgangen zu sein, dass trotz einer Vielzahl von Studien und Experimenten mit verschiedenen gentherapeutischen Ansätzen die Ergebnisse bis heute absolut enttäuschend sind. Obwohl es jüngst einige Erfolge gab, muss man eingestehen, dass die Technologie in der klinischen Praxis noch keinen Platz gefunden hat. In Hinblick auf Berichte über großartige Durchbrüche empfiehlt Richard Lewontin, der „vorsichtige Leser solle die nächste Studie abwarten“.

Doch was ist mit Dolly? Der Klon-Erfolg des schottischen Roslin Instituts hat verständlicherweise zu Befürchtungen (und Begeisterung) darüber geführt, nach dem Schaf könne bald ein Mensch an der Reihe sein. Doch Ian Wilmut, Leiter des Roslin Instituts, ist skeptisch. In einer Besprechung der Bücher von Fukuyama und Stock schreibt er in der Hochschulbeilage der Times, dass es – von ethischen Problemen einmal abgesehen – erhebliche technische Schwierigkeiten gebe.[10]

Um gentechnisch veränderte Säuglinge herzustellen, muss man Zellen von Embryos gewinnen, an ihnen präzise genetische Veränderungen vornehmen und sie dazu anregen, sich wieder zu Embryos weiterzuentwickeln. Dies ist teilweise bei Labormäusen gelungen, jedoch mit geringer Effizienz. Bei Ratten, Kaninchen und anderen Tieren kann trotz großer Forschungsanstrengungen keiner der Schritte bisher routinemäßig durchgeführt werden. Nach Wilmuts Ansicht ist die Biotechnologie, die Stock und Fukuyama diskutieren, „noch mindestens Jahrzehnte entfernt und wird noch lange Zeit nicht praktikabel sein“.

Das Schreckgespenst der grauen Macht

Laut Stock sind die „gegenwärtigen Aussichten dafür, das Altern zu verlangsamen oder sogar Schlüsselaspekte umzukehren, recht gut“. Daher spekuliert er über die sozialen Implikationen einer verdoppelten Lebenserwartung. Auch Fukuyama erwartet ein längeres Leben, verbindet damit jedoch die unangenehme Aussicht einer konservativen Herrschaft der Alten, die mit allerlei sozialen Konflikten belastet sein werde. Aber sind 150 Jahre wirklich realistisch?

Da sich die Lebenserwartung im Westen in den letzten hundert Jahren verdoppelt hat, liegt es nahe, die Entwicklung für die nächsten hundert einfach fortzuschreiben. Doch bekanntlich ist der entscheidende Grund für die erhöhte Lebenserwartung der drastische Rückgang der Kindersterblichkeit gewesen. Der Anstieg der Lebenserwartung infolge einer besseren Behandlung der Krankheiten älterer Leute ist dagegen minimal. Tatsächlich hat sich laut Lewontin die Lebenserwartung einer Person, die bereits das sechzigste Lebensjahr erreicht hat, in den letzten 50 Jahren lediglich um vier Monate erhöht.

Es gibt sehr interessante Forschungen auf diesem Gebiet, aber es besteht kein Zweifel, dass Therapien, die den Alterungsprozess hinauszögern, noch lange nicht zur Verfügung stehen werden. Viel diskutierte Ansätze zur Behandlung von Alzheimer und Parkinson haben sich bisher als begrenzt nützlich erwiesen. Es ist ironisch, dass Stocks Vorbild für seinen „Krieg gegen das Altern“ der von US-Präsident Richard Nixon 1971 ausgerufene „Krieg gegen den Krebs“ ist, der ungefähr so erfolgreich war wie sein „Krieg gegen Drogen“.

Ein kleiner Überblick über den derzeitigen Stand der „Revolution“ in verschiedenen Bereichen der Biologie enthüllt eine tiefe Kluft zwischen den Spekulationen von Kommentatoren wie Stock und Fukuyama und der aktuellen medizinischen Praxis.

Es gibt natürlich aufregende Entwicklungen in verschiedenen Bereichen der Genforschung und viel versprechende neue Präventions- und Therapieansätze. Und es mag sein, dass in den nächsten Jahren wichtige Durchbrüche stattfinden, die Möglichkeiten zur Verbesserung der menschlichen Art und im Kampf gegen Krankheiten eröffnen. Es kann aber auch sein, dass diese Durchbrüche viel weiter in der Zukunft liegen, als Kommentatoren heute vermuten. Betrachtet man die letzten 30 Jahre der biologischen Revolution, scheint das zweite Szenario weit wahrscheinlicher.

Biologie und Gesellschaft

Wie kommt es, dass Entwicklungen in der Biotechnologie, die von geringer unmittelbarer und zweifelhafter langfristiger Bedeutung sind, im Mittelpunkt aktueller sozialer Debatten stehen? Es scheint, dass in einer Zeit, in der jede Erwartung sozialen Fortschritts zurückgeschraubt wurde (was der Kern von Fukuyamas Ende-der-Geschichte-These ist), sowohl die Hoffnungen als auch die Ängste über die Zukunft aus der Politik in die Biologie verlagert worden sind.

Stock setzt bei der Suche nach einer besseren Welt auf das Potenzial der Biotechnologie zur Verbesserung der menschlichen Spezies. Dabei ist sein Enthusiasmus für wissenschaftliche Experimente und seine Ablehnung jeder Beschränkung der Forschungsfreiheit zu begrüßen. Seine Erwartung, solche Fortschritte könnten die gesellschaftlichen Probleme der Menschheit lösen, ist jedoch naiv.

“Sowohl die Hoffnungen als auch die Ängste über die Zukunft verlagern sich aus der Politik in die Biologie.”

Außerdem lösen Stocks Phantasien über Cyborgs, Fyborgs und Gentechnik bei Menschen übertriebene Ängste aus, die in keinem Verhältnis zu den realistisch zu erwartenden Entwicklungen stehen. Diese Ängste führen genau zu den Restriktionen der Forschung, die Fukuyama und die Bush-Regierung, die er in diesen Dingen berät, befürworten. Mediziner sind am besten beraten, wenn sie solche Phantasien den Romanschriftstellern und Filmregisseuren überlassen, die erkannt haben, dass in düsteren Zeiten Science Fiction gut ankommt.

Fukuyama ist konservativ und pessimistisch. Sein Buch offenbart eine exzessive Beschäftigung mit bestimmten aktuellen Problemen – mit dem Niedergang von Familie und Gemeinschaft, mit dem Verfall elterlicher Autorität, mit den Spannungen, die sich aus dem Rückgang und der Überalterung der westlichen Bevölkerungen und der wachsenden Zahl von Einwanderern ergeben, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich usw. All diese Themen sind nicht neu (die Geburtenraten in Europa gehen zum Beispiel bereits seit 100 Jahren zurück) und waren auch schon das Hauptthema in Fukuyamas letztem Buch.[11]

“Mediziner wären gut beraten, Phantasien den Romanschriftstellern und Filmregisseuren zu überlassen, die erkannt haben, dass in düsteren Zeiten Science Fiction gut ankommt.”

In Das Ende des Menschen scheint Fukuyama die Ängste vor sozialer Fragmentierung in die Sphäre der Biologie zu projizieren und spekuliert ausgiebig darüber, wie die Biotechnologie dazu beitragen könne, bestehende soziale Probleme weiter zu verschärfen. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen den tatsächlichen aktuellen Problemen der Menschheit und den projizierten Entwicklungen, die diese laut Fukuyama künftig verschlimmern könnten, oder auch nicht. Die letzten Abschnitte des Buches befassen sich damit, wie die Biotechnologie so reguliert werden könne, dass die Gefahren, die sie mit sich bringen mag, verhindert werden können. Was diese Maßnahmen auch immer für Wissenschaft und Technologie bedeuten werden: es steht außer Frage, dass sie rein gar nichts dazu beitragen werden, bestehende soziale Probleme zu lösen.

Beide Bücher sind in unterschiedlicher Weise Beispiele für das, was Lewontin als „Fetischisierung der DNA“ bezeichnet – also der Vorstellung, dass unsere Gene vom Zeitpunkt der Zeugung an unser Schicksal besiegeln. „Wieviel vom menschlichen Leben wird sich durch die Genetik erklären lassen?“, fragt der Journalist Brian Appleyard. „Im gegenwärtigen Klima lautet die Antwort: Fast jeder Aspekt der menschlichen Natur hat eine große und oft entscheidende genetische Komponente.“[12]

Dass die Gene von Mensch und Schimpanse sich zu 98 Prozent gleichen, wird heute dahingehend ausgelegt, einerseits die Sonderstellung des Menschen zu relativieren und andererseits zu betonen, wie sehr uns unsere Gene prägen. Man kann jedoch ebenso gut daraus schließen, dass die fast identischen Gene angesichts der enormen Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse wohl doch nicht so wichtig sein können.

Laut Lewontin verdanken wir unseren komplexen Körper und unser Gehirn unserem Erbgut. Dieses hat auch die „menschliche Natur, eine gesellschaftliche Natur, deren Begrenzungen und möglichen Ausprägungen wir, abgesehen von dem, was wir schon gesehen haben, nicht kennen“, hervorgebracht.[13]

Aber in der Herausbildung des menschlichen Bewusstseins wurden unsere Gene „durch eine neue Form der Prägung ersetzt: die soziale Interaktion mit ihren eigenen Gesetzen, die nur durch eine bestimmte Form der Erfahrung, nämlich das gesellschaftliche Handeln, verstanden und erkundet werden kann“.

Das Problem, dem wir heute in Wirklichkeit gegenüberstehen, ist die Stagnation der Gesellschaft, die sich sowohl in der These vom Ende der Geschichte widerspiegelt, als auch in der Fetischisierung unserer Gene.