01.07.2007

Kampf gegen Malaria: Kolonialmethoden statt Chemokeule

Kommentar von Emily Hill

Entwicklungskampagnen setzen bei der Bekämpfung der Malaria in Afrika anstelle von DDT auf Moskitonetze. Die paternalistische Botschaft solcher Aktionen ist eindeutig: Ihr könnt euch vor der Krankheit verstecken; vernichten könnt ihr sie nicht.

Wir leben in einer Zeit, in der fast jeder Kalendertag einem bestimmten Ereignis gewidmet ist. Wer angesichts der Fülle von „besonderen Tagen“ übersehen hat, dass am 25. April „Afrika-Malaria-Tag“ gewesen ist, sei daher exkulpiert. Ja, Sie haben richtig gelesen: nicht „Malaria-Tag“, sondern „Afrika-Malaria-Tag“.


Die Bezeichnung Afrika-Malaria-Tag macht Sinn, da in der westlichen Welt die Krankheit kein Problem mehr darstellt, wohl aber auf dem „dunklen Kontinent“. Süditalien, aufgrund seines warmen und feuchten Klimas eigentlich eine ideale Brutstätte für die Anophelesmücke, den Überträger des Malariaerregers, ist seit über 60 Jahren malariafrei. [1] Doch das seit den 40er-Jahren eingesetzte Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), mit dem die Anophelesmücken und damit die häufig tödlich verlaufende Erkrankung in Europa ausgerottet wurde, scheint heute für Afrika ungeeignet zu sein. Die umweltfreundliche Alternative: ein mit Pyrethroiden imprägniertes Moskitonetz.


Rund um den Globus haben am 25. April anlässlich des Afrika-Malaria-Tages zahlreiche Kampagnen stattgefunden, um Geld für Moskitonetze und Medikamente zur Behandlung der Tropenkrankheit zu sammeln. Spendern und Aktivisten mag die Beteiligung daran ein gutes Gefühl verschafft haben. In Anbetracht der Botschaft, die mit diesen Kampagnen an die Spendenempfänger ausgesandt wird, stellt sich jedoch Unbehagen ein: Das Beste, worauf diese hoffen können, ist ein dünnes Netz, dass sie zwischen sich und ihre Umwelt spannen können; nicht etwa eine grundlegende Veränderung dieser Umweltsituation.


In den Vereinigten Staaten rief First Lady Laura Bush als Schirmherrin der Kampagnen „Nothing But Nets“ und „Malaria No More“ ihre Landsleute dazu auf, 10 US-Dollar für den Kauf eines Moskitonetzes zu spenden. Unterstützt wurde sie dabei von zahlreichen Prominenten, darunter die Popikone Gwen Stefani, der Drehbuchautor Richard Curtis (Tatsächlich Liebe) sowie der Komiker Sascha Baron Cohen (Borat). Die größte Kampagne hierzulande wurde vom Deutschen Medikamenten-Hilfswerk action medeor organisiert. Medeor-Botschafterin Anke Engelke machte darauf aufmerksam, dass alle 30 Sekunden ein afrikanisches Kind an Malaria stürbe: „Das müsste so nicht sein. Denn die Krankheit ist heilbar. Und helfen ist so einfach. Mit nur 99 Cent kann ein Kind mit Malaria gerettet werden.“ [2]


Dass jährlich zwischen einer und drei Millionen Menschen an Malaria sterben, ist ein Skandal – umso mehr, als DDT ein hoch wirksames Fraß- und Kontaktgift gegen die Anophelesmücke darstellt. Sind Moskitonetze tatsächlich eine Alternative? Dass man sich in den westlichen Industrienationen Sorgen um die medizinische Versorgung in Afrika macht, steht außer Frage. Aber selbst, wenn Afrika mit Netzen überzogen würde – wie viele Kinder (ganz zu schweigen von Erwachsenen) würden tatsächlich vor einer Malariainfektion geschützt? Dem US-amerikanischen Ökonomen Jeffrey Sachs zufolge bewahrt jedes 100. Netz gerade einmal ein Kind pro Jahr vor einer Ansteckung. Dazu kommt, dass die Netze alle vier Jahre ausgetauscht werden müssen, da sich die insektenabwehrende Imprägnierschicht abnutzt und das Netz damit (fast) wirkungslos wird. Kurz gesagt: Die „Zehn-Dollar-Lösung“ ist wohlwollend betrachtet nur eine zeitlich begrenzte und kritisch besehen gar keine, da sie die Krankheitsüberträger nicht vernichtet, sondern nur auf Distanz hält.


Dass die Anophelesmücke in der westlichen Welt ausgerottet und damit die Krankheit gebannt werden konnte, ist schlicht und ergreifend auf den flächendeckenden Einsatz von DDT zurückzuführen. Heute hat DDT keinen guten Ruf und ist für Umweltschützer geradezu ein Reizwort. In den 60er- und 70er-Jahren wurde vor allem seine Umweltverträglichkeit in Zweifel gezogen. In ihrem 1962 erschienenen Buch Der stumme Frühling wies die Zoologin Rachel Carson gravierende Bestandsrückgänge bei Greifvögeln infolge des Einsatzes von DDT nach. Das Buch gilt heute als Initialzündung der Umweltbewegung in den Vereinigten Staaten, die zehn Jahre später zu dem Verbot von DDT führte; die Verwendung in Europa wurde drastisch eingeschränkt. Südamerika und Afrika blieben davon nicht unberührt; und das, obwohl – wie die Kampagnengruppe Africa Fighting Malaria (AFM) herausstreicht – starker DDT-Einsatz im landwirtschaftlichen Bereich zwar gelegentlich Greifvögeln Schaden zugefügt habe, dieser aber reversibel sei, und in 50 Jahren keinerlei schädigende Wirkung auf Menschen habe nachgewiesen werden können.


Immerhin hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im letzten Jahr ihre seit 30 Jahren unveränderte Position neu bestimmt und den Einsatz von DDT zur Malariakontrolle befürwortet. [3] Als Begründung führte sie an, dass DDT kein Risiko für den Menschen berge. AFM-Mitglied Dennis Avery schätzt, dass der langjährige Verzicht auf DDT zum Tod von mindestens 30 Mio. Menschen durch Malaria und Gelbfieber geführt habe. [4] Der frühere Vorsitzende von AFM, Dr. Roger Bate, sagte in einem Gespräch mit der Autorin, dass Netze den Kampf gegen Malaria zwar unterstützen könnten, aber keinen vollkommenen Schutz böten: „Netze können reißen, und wer zu spät ins Bett geht oder nachts aufsteht, kann trotzdem von einer Mücke gestochen und infiziert werden.“ Bate favorisiert stattdessen das Besprühen von Hausinnenwänden mit DDT (Indoor Residual Spraying).


Obgleich DDT in vielen afrikanische Staaten als Mittel zur Bekämpfung von Malaria galt, verzichteten viele von ihnen darauf, es einzusetzen, da Hilfsorganisationen ihre Unterstützung von der Verwendung umweltfreundlicherer Sprays abhängig machten. Den BBC News zufolge kehrte jedoch beispielsweise Südafrika um das Jahr 2000 zu DDT zurück, da die Anophelesmücke resistent gegen die Ersatzprodukte geworden war. Dies bestätigt auch Arata Kochi, Direktor des „Global Malaria Programme“ der WHO: „Von den zahlreichen Insektiziden, die für das Besprühen von Hausinnenwänden zugelassen sind, ist DDT die effektivste Option.“ [5]


Nicht nur die Wirksamkeit von DDT im Kampf gegen Malaria ist erwiesen; auch die desaströsen Folgen von Anti-DDT-Kampagnen für Millionen von Afrikanern sind es. Einige der Aktivisten rufen nun ernsthaft dazu auf, Malaria mit Netzen zu bekämpfen. Abgesehen davon, dass Netze deutlich weniger Schutz vor Mückenstichen und Infektionen bieten als das Besprühen von Hausinnenwänden mit Insektiziden, ist das hinter den Netzkampagnen stehende Konzept mit seinem Rückgriff auf Methoden, die bereits während der Kolonialzeit praktiziert wurden, im höchsten Maße regressiv. Denn es vermittelt die Botschaft, dass Afrikaner (die sich im Übrigen nicht den ganzen Tag im Bett verstecken), Malaria nicht vernichten, sondern sich lediglich davor verwahren können; dass es ihnen unmöglich ist, die Welt vor der eigenen Haustür zu verändern – eine Welt, in der Krankheit und Armut in viel zu großem Maße an der Tagesordnung sind; dass sie nur eine bedingt verlässliche Barriere zwischen sich und dieser Welt errichten können.


Der Symbolcharakter der Moskitonetze ist offensichtlich – sie zielen darauf ab, Mühsal und Bedrängnis fernzuhalten, nicht, diese ein für allemal zu bannen (so, wie wir es in unseren Breiten getan haben). Von Afrikanern zu erwarten, sich hinter einem spendenfinanzierten Stück Stoff zu verbergen, anstatt einen Kanister Insektengift zu kaufen und eine lebensbedrohliche Krankheit auszulöschen, ist an und für sich ein Akt der Bevormundung. Wie die meisten Spendensammelaktionen tragen die Netzkampagnen dazu bei, die Entwicklung in Afrika zu verlangsamen – und verschaffen uns dennoch das beruhigende Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.