23.12.2011

„Jury duty“ in Toronto – Bericht von einem Gerichtshof

Von Vasile V. Poenaru

Der kanadische Staat möchte den Bürger Vasile V. Poenaru als Geschworenen für einen Mordprozess verpflichten. Dieser hat wenig Lust darauf, überschneidet sich der Prozesszeitraum doch mit seiner geplanten Europareise. Eine Anekdote über den Widerspruch von Reiselust und Rechtsstaat.

Ende 2010 bekam ich Post vom Sheriff. Das Vaterland (also in meinem Falle wohl schon eher: der Staat) brauchte mich. Jury duty. Ein Damoklesschwert. Ein nobler Amtszwang, kurz, die harte Seite der Staatsbürgerschaft. Zwölf mehr oder weniger zornige, mehr oder weniger unvoreingenommene Menschen, wie alle Welt vom Kino her weiß. Genauere Angaben erhielt ich vorerst nicht. Nur, dass die kontaktierten Personen sich bereit halten mögen. Ich schrieb dem Sheriff zurück, gab zu bedenken, dass meine wachsende Familie zur Zeit ein zusätzliches Engagement meinerseits nicht verkraften würde, brachte vor, dass ich sowieso auch sonst nicht ganz bei der Sache war und dass sich möglicherweise geeignetere Kandidaten dazu finden würden – aber der Mann ließ nicht mit sich reden (nun gut, Sheriff, das ist heutzutage, wie Magistrat, kein Mensch, sondern eine Institution).

Aha! Noch einer, der sich drücken will, dachten sich die wachsamen Amtsmänner – und warfen das Lasso. Je mehr ich mich bewegte, desto besser saß die Schlinge. In derlei nicht ganz so behaglichen Angelegenheiten ist die Staatsgewalt stur wie ein Stier (wenn mal zur zweckmäßigen Hervorhebung des epischen Moments der Lage eine Alliteration erlaubt ist). Die Nachricht an das widersetzliche Rädchen im Getriebe? Hier geht’s lang. It’s the law. Und gegebenenfalls könne das System auch anders, ja auf der Einladung (denn eine Vorladung war es doch hoffentlich nicht) stand sogar etwas von Tausenden Dollar Strafgeld, und das Wort Gefängnis war da just in case auch zu lesen. In einer Nuss lassen sich die impliziten und expliziten Drohungen an den möglicherweise der Rechtsprechung unwilligen oder unfähigen Staatsbürger wohl am besten durch die beliebte Phrase der amerikanischen Ganovenfilme zusammenfassen: Or else. Mein Name blieb auf der Liste; irgendwann werde es dann so weit sein.

Monate vergingen, ohne dass sich was tat. Inzwischen buchte ich in aller Harmlosigkeit (und ohne auch nur das Geringste gegen die Schlingen des Sheriffs und seiner Mannen im Schilde zu führen) meinen Familienurlaub im guten, alten Europa, das bekanntlich in erster Linie aus meinen zwei Heimaten, Österreich und Rumänien, besteht. Land der Apfelstrudel (und der Sacher Torte), Land der Kormorane (und der Krautwickler). Tja, und wenige Tage später kam ein zweiter Brief. Anfang März hatte ich mich zu stellen. Or else. Keine weitere Angaben. Keine überflüssige Höflichkeit. Erst an Ort und Stelle werde man hinsichtlich des rechtlich angemessenen Verlaufs der Dinge unterrichtet. Ob ich die Flugkarten rüber mailen dürfe? Nein. In Person vorstellig werden. Or else. Alles Weitere ergebe sich dann wie gesagt an Ort und Stelle.

Also dann eben hingehen. Die Obrigkeit versteht nämlich keinen Spaß, und der vorbildlich fügsame Staatsbürger muss müssen, um mal ausnahmsweise mit Lessing (und Schiller) zu sprechen („Kein Mensch muss müssen.“) – genauer gesagt, gegen Lessing und Schiller, denn der Mensch, in diesem Falle ich, muss ja. Es handelt sich immer um eine erhebliche Straftat, wenn die Leut’ dafür eine Jury zusammentrommeln. Da hält es einer wohl am besten mit den alten Römern. Mens rea. Testis unus, testis nullus. Unbehaglichkeit. We, the jury, find the defendent ... Wir: die Mitmenschen.

Was einer sozusagen im Vorfeld der Rechtsprechung zu sehen bekommt: Eine lange, eine sehr, sehr lange Schlange, die von weitem aussieht wie ein Prozessionszug der Verurteilten. Ich stutze. Beim näheren Hinschauen wird klar, dass es sich dabei um meine Fellow Jurors handelt, das heißt, um Mitglieder des Jury Panels (der Gruppe der potentiellen Geschworenen, aus denen dann das Geschworenengericht zusammengestellt wird), von denen ein jeder – so wie ich – eine Nummer hat. Ich bin Juror # 29590 (Panel 46).

Da zur Auswahl der Jury hunderte Leute angeschrieben wurden, sind die Räumlichkeiten an der University Avenue in Downtown Toronto unzureichend, weswegen nun die erste Sitzung beim Metro Toronto Convention Center an der Front Street, in unmittelbarer Nähe des Ontariosees und des CN-Turms, stattfindet. Ich hab meine Flugkarten mit, zeige sie vor, will weg. Ein netter Herr lässt mich erst einmal laufen, ein anderer, nicht so netter Herr fängt mich ab, begleitet mich wieder zurück. Weg? Von wegen! Nur der Richter darf die Entscheidung treffen. „Was heißt denn hier Was tun? Abwarten!“ Es geht nach rechts, in ein Amphitheater. Ich wähle mir einen zentralen Platz, um doch wenigstens alles mitzubekommen, wenn ich schon mal da bin. Die Zeit vergeht.

Wie die Menschen in Toronto sowas hinnehmen? Der Mann zu meiner Linken spricht mit der Frau zu seiner Linken – über einfache Dinge. Ich höre ihm gerne zu. Er ist früher mal Taxifahrer gewesen, hilft jetzt als Rentner freiwillig bei der Wartung eines Altersheims in the Westend. Er erzählt dies und das, hat eine angenehme Stimme und lässt die Zeit schneller vergehen. Anders als die Dame hinter ihm („Was erlauben die sich da? Ist unsere Zeit denn wertlos?“) regt er sich nicht auf. Trotzdem: „There’s got to be a better way to do this.“ Es muss eine bessere Art und Weise geben, das zu tun. Recht hat er.

Irgendwann wird der Vorhang gezogen, und die gut beleuchtete Bühne kommt zum Vorschein. Der Richter in der Mitte, ein paar Staatsanwälte zu unserer rechten, zwei Verteidigungsanwälte zu unserer linken Seite, dazu die zwei Angeklagten und ein paar Polizisten. Auf einmal brüllt die Gerichtsschreiberin, die vor dem Richter sitzt: „Hear ye, hear ye!“ Alles mal her hören! „Whoever has business with Her Majesty the Queen shall speak now!“ Und so weiter.

Business with her Majesty the Queen: sonderlich veraltet. Unzeitgemäß. Theatralisch inszeniert klingt das – und irgendwie nicht ernsthaft genug, denn schließlich geht es ja hier um eine Straftat und nicht um die aus einem anderen Zeitalter so halb und halb hängengebliebene Etikette am irrelevanten, fernen Hof der britischen Königin, die sowieso offensichtlich mit diesem Prozess nichts zu tun haben will. Hear ye, hear ye! Dass das auch heute noch so gemacht wird, wundert mich. Tja, mit der Queen habe ich persönlich ja eigentlich nichts zu schaffen, sage ich mir (obwohl ich ihr als Zugewanderter – wie alle Eingebürgerten – bei der Staatsbürgerschaftsverleihung Treue schwören musste) und will schon aufstehen und den Saal verlassen.

Geht nicht. Court in session. Die Anklage wird verlesen. First-degree murder. Die zwei angeklagten Gentlemen sollen in einem Lyzeum in Toronto einen Schüler ermordet haben. Der Richter will wissen, wie die zwei angeklagten Gentlemen dazu stehen: Not guilty. Not guilty. Wir werden in Gruppen eingeteilt. Nächste Woche soll das Auswahlverfahren des Geschworenengerichts beginnen. Jedes Mitglied der Jury muss Anklage wie Verteidigung von seiner Zumutbarkeit überzeugen, was an sich eine heikle Angelegenheit darstellt, denn wer will schon in einer solchen Jury sein?

„Danke, dass Sie gekommen sind, um Ihrer rechtlichen Pflicht zu genügen. Um diejenigen, die unserer Einladung nicht Folge geleistet haben, werden wir uns schon kümmern.“ Haue? frage ich mich. Und weiter geht’s: Rechte der Angeklagten, Verpflichtungen der Anklage, Aufgabe der Geschworenen: unvoreingenommen zuhören, den Sachverhalt auf Grund der Beweisführung nüchtern beurteilen, das Urteil fällen. Guilty or not guilty. Von Mitte März bis Ende April dürfe der Prozess wohl dauern. Jeden Tag so an die sechs Stunden – oder eben doch fast jeden Tag. „Unsere Soldaten riskieren ihren Kragen in Afghanistan“, schweift der Untersuchungsrichter ab, und lässt es auch gleich mal auf ein politisches Statement ankommen: „ ... im Dienste der Freiheit und Demokratie“. Und ich frage mich schon: Propaganda für den verlorenen Krieg? Jetzt? Hier? Doch nein: Die von der zweiten Staatsgewalt (der ausübenden) in die dritte (die rechtsprechende) eingeschmuggelte und als Patriotismus verpackte Parteilichkeit in Sachen Kriegsführung und Rückzugsverschönerung wird nur kurz als Argument gegen den latent spürbaren Trieb zur Fahnenflucht in den Reihen der Geschworenen in den Raum gestellt. „Das von Ihnen geforderte Opfer ist verhältnismäßig gering.“

Oder auch nicht. Dass der Richter aber überhaupt so mir nichts, dir nichts vom auf mehrfacher (und zwar wohlgemerkt u.a. auf rechtlicher) Ebene ja durchaus umstrittenen Krieg in Afghanistan wie von einer moralisch und rechtlich einwandfreien, guten Sache zu sprechen kommt, hört sich in diesem Zusammenhang unbehaglich-doktrinär an. Wie dem auch sei, jetzt weiß ich wenigstens, worum es geht, und vor allem auch, dass ich zu Beginn des Prozesses im Ausland sein werde. Auf meine Flugkarte will aber auch jetzt keiner schauen. Nur der Richter darf’s. Aber nicht heute. Nächste Woche. Privat sprechen? Geht nicht. Wir haben ja hier keine Geheimnisse. Klar, während der nächsten Sitzung. Ja doch! Nein! Nicht heute! Von der Liste weg? Nein! Nur der Richter.

Übers Wochenende lasse ich mir die Gedanken über die großen Themen Gerichtsbarkeit, Königtum, Queen, Treue, Untertan, Krieg (und das damit offensichtlich verbundene absolute politische Engagement der Justiz), Beweisführung, Urteilskraft, Zumutbarkeit und Mord durch den Kopf gehen – und die Gesichter der mutmaßlichen Mörder, denen man eigentlich vorbehaltlos entgegenblicken sollte, wenn man’s recht bedenkt; die Gesichter der mutmaßlichen Mörder, die mich jetzt kennen (ja, man wird vorgestellt). Ich selber fliege bald. Trotzdem: Die Gewissensfrage an der Superior Court of Justice beschäftigt mich. Kann man, will man, ja darf man einen Mitmenschen überhaupt verurteilen? Und die praktische, die vernünftige Frage: Ist man dazu bereit, unter Umständen einen Menschen zu langer Haft zu verurteilen, der einen dann leicht ausfindig machen kann, werden doch Name, Beruf und Wohnort aller Geschworenen in aller Öffentlichkeit vorgelesen, so dass es in unserem Zeitalter des zügigen Informationsverkehrs wohl in den meisten Fällen ein leichtes Spiel sein dürfte, anhand dieser vom Gericht scheinbar gedankenlos freigegebenen Daten die genaue Adresse, die Telefonnummer und die Schuhgröße wie die Veröffentlichungsliste des Kerls zu ermitteln, der einen als äußerst gefährlich eingestuften Verdächtigen für lange Zeit ins Gefängnis schickt – oder eben doch vorsichtshalber mal lieber nicht.

Aber, wie gesagt, ich fliege ja. Nur darf einer nicht einfach abhauen, sondern man muss rechtmäßig und rechtskräftig veranlassen, dass der Name von der Jury Panel List entfernt wird. Am Dienstag gehe also ich wieder brav hin zum Gericht und wende mich an den Untersuchungsrichter, der jetzt auch gerne mit sich reden lässt – in aller Öffentlichkeit, da es sonst nicht geht. Ich zeige die Flugkarte vor. Der Richter liest mit lauter Stimme, was auf der Flugkarte steht. Dann entbindet er mich meiner Pflicht als Geschworener. Ich bin weg.

Hab mir auch eine Bescheinigung ausstellen lassen (Certificate of Juror’s Attendance): „This is to certify that the above-mentioned juror was present at the sittings of the Superior Court of Justice on the following dates: March 4th and March 7th, 2011 and will be or has been paid $

        NIL        

for these services.“ (9.3.2001, Sheriff, Toronto Region)

Für mich hörte die Geschichte so auf. Mitte März flog ich nach Wien. Eine Woche später begannen die Gerichtsverhandlungen in „meinem“ Mordsfall, und Ende Mai war dann schließlich nach langem Hin und Her alles vorbei. Die zwei des Mordes bezichtigten Gentlemen wurden freigesprochen, da es sich die Kronzeugin inzwischen anders überlegt hatte und nun doch nicht mehr gesehen haben wollte, was sie ursprünglich zu sehen geglaubt hatte. Plusquamperfekt. Schnee von gestern.