01.03.2002

Junge oder Mädchen?

Analyse von Piers Benn

Piers Benn plädiert dafür, Eltern eine sinnvolle Wahlmöglichkeit zu lassen.

Anfang 2001 zahlten Alan und Louise Masterton, ein britisches Ehepaar, ungefähr 9000 Euro an eine Privatklinik in Rom, damit dort mittels In-Vitro-Fertilisation und Geschlechtsbestimmung sichergestellt würde, dass ihr nächstes Kind ein Mädchen sein würde (der Versuch schlug fehl). Das Paar hatte bereits vier Kinder – allesamt Jungen – und wollte, nachdem ihre einzige Tochter 1999 bei einem Unfall gestorben war, ein Mädchen. In den letzten Jahren haben immer mehr Paare mittels Gentests versucht, das Geschlecht ihres Kindes bewusst auszuwählen. Derzeit untersucht die britische „Human Fertilisation and Embryology Authority“ diesen Sachverhalt. Immer wieder ist zu hören, es gäbe einen bedenklichen Trend dahin, der Natur bei der Frage „Junge oder Mädchen“ ins Handwerk zu pfuschen.

In Großbritannien wie auch in Deutschland ist künstliche Befruchtung mit dem Zweck, das Geschlecht des Kindes zu wählen, verboten. Daher wandten sich die Mastersons an eine Klinik in Italien. Bewusst das Geschlecht des eigenen Kindes bestimmen zu wollen, gilt in der westlichen Welt meist als unmoralisch, als nicht zu rechtfertigender Eingriff in den Lauf der Natur. Aber gibt es überhaupt überzeugende ethische Argumente dagegen, das Geschlecht des eigenen Kindes auszuwählen? Wenn es aus ethischen Gründen zulässig ist, Embryos mittels Gentests auf Erbkrankheiten zu untersuchen und Embryos mit größeren Defekten auszusortieren, warum sollte man dann mittels Gentests nicht auch andere gewünschte Eigenschaften wählen oder nicht gewünschte ausschließen dürfen – darunter eben auch das Geschlecht?

Zugegeben, die Art der Embryonenauswahl, die in einigen Teilen der Welt – vorzugsweise in Indien und China – bereits erfolgt, trägt nicht gerade dazu bei, Ängste vor dieser Praxis zu zerstreuen. In einigen Entwicklungsländern werden Mädchen durch Abtreibung, ja selbst durch Kindsmord „aussortiert“, da Frauen, von denen man meint, sie seien nicht in der Lage, Jungen zu gebären, in diesen Gesellschaften verachtet werden. Die Ökonomin Amartya Sen schätzt, dass es aufgrund solcher Praktiken etwa 100 Millionen weniger Frauen und Mädchen auf der Welt gibt, als man erwarten sollte. Dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern werde dazu führen, dass eine immer größere Zahl von Männern keine Partnerin fände und kinderlos bliebe.

Vor diesem Hintergrund mag die Frage, ob es ethisch zulässig ist, das Geschlecht seiner Kinder zu wählen, von bloß akademischem Interesse zu sein. Dieser abfällige Gebrauch des Begriffs „akademisch“ ist jedoch unangebracht. Um richtig zu entscheiden und um politisch sinnvolle Strategien auszuarbeiten, ist es unbedingt notwendig, grundlegende Fragen auch grundlegend zu diskutieren. Plakative Presseberichte über diese Thematik sind hierbei wenig hilfreich.

Gibt es überhaupt überzeugende ethische Argumente dagegen, das Geschlecht des eigenen Kindes auszuwählen?

In der Diskussion darüber, ob Eltern das Geschlecht ihrer Kinder auswählen dürften, sollte die Frage, ob solche diagnostische Methoden zuverlässig sind, separat vom grundlegenden Problem erörtert werden. Gleichermaßen sollten wir ethische Bedenken gegen unterschiedliche Methoden, das Geschlecht des Kindes zu bestimmen – Kindsmord, Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik – geschieden von der ganz grundsätzlichen Frage diskutieren, ob es überhaupt wünschenswert ist, Eltern eine Wahlmöglichkeit zu geben. Viele häufig geäußerte Bedenken gelten eher den Methoden als der Frage an sich. Wenn wir Abtreibung prinzipiell ablehnen, dann werden wir selbstverständlich auch eine Abtreibung ablehnen, die durchgeführt wird, um ein Kind mit einem bestimmten Geschlecht zu bekommen. Konservative ‚Lebensschützer’ werden gleichermaßen die Vernichtung befruchteter Eizellen generell ablehnen, ganz gleich ob sie erfolgt, weil es um eine Behinderung, das Geschlecht oder um etwas ganz anderes geht.

Diejenigen, die bereit sind, diese Thematik offen zu diskutieren – und häufig neigen sie heute dazu, die Vernichtung von Eizellen aus medizinischen Gründen zu befürworten, aus denen der Geschlechtswahl jedoch abzulehnen – , müssen sich einigen grundlegenden Fragen stellen.

Eine solche Frage ist die, ob die Auswahl eines bestimmten Geschlechts für ein Kind an und für sich falsch ist. Ist es falsch, vorhandene Methoden wie zum Beispiel die Separierung von Spermien, durch die man „männliche“ von „weiblichen“ Spermien scheiden kann, anzuwenden, um dann eine Eizelle mit dem bevorzugten Typus zu befruchten? Und wie sieht es mit Beischlafpraktiken oder mit (unsinnigen) Diäten aus, die angeblich zum selben Ergebnis führen? Bei solchen Verfahren werden keine Embryonen aussortiert – das Gegenargument der „Lebensschützer“ greift hier nicht. Dennoch sind auch solche Verfahren vielen Menschen zuwider.

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass die Wahl eines bestimmten Geschlechts für ein Kind auf Sexismus beruhe. Denn wenn ein Paar kein Mädchen wolle, bedeute das dann nicht, dass solche Menschen Frauen gering schätzen – so wie man es aus Kulturen kennt, in denen Mädchen ausgesetzt oder umgebracht werden?

In dieser verallgemeinerten Form ist das Argument nicht stichhaltig. Ein Paar kann ein bestimmtes Geschlecht für sein Kind wählen, ohne das andere Geschlecht deswegen gering zu schätzen. Eltern, die bereits vier Mädchen haben, können sich „zum Ausgleich“ einen Jungen wünschen – und umgekehrt. Andere Paare wiederum wünschen sich sehr ein Kind mit einem bestimmten Geschlecht, lassen aber dennoch dem Zufall seinen Lauf.

Nicht einmal die katholische Kirche behauptet, die Abtreibung raube potenziellen Menschen das Recht zu leben.

Kann man möglicherweise im Namen gleicher Rechte für beide Geschlechter gegen die Wahl des Geschlechts argumentieren, da eine solche Wahl Angehörigen des weniger gewünschten Geschlechts das Recht nimmt, geboren zu werden? Dieses Argument scheint etwas für sich zu haben. Lässt man jedoch metaphysische Spekulationen einmal beiseite, muss man rasch einsehen, dass die angeblichen Opfer dieser Ungerechtigkeit noch nicht existieren und ihnen dadurch, dass sie um ihre potenzielle Existenz gebracht werden, kein Unrecht geschehen kann. Nicht einmal die katholische Kirche behauptet, die Abtreibung raube potenziellen Menschen das Recht zu leben.

Alles in allem überzeugen die Einstellungen derjenigen, die dagegen sind, dass Eltern das Geschlecht ihrer Kinder bestimmen, wenig. Meist leiten sich solche Haltungen von Annahmen her, die unausgesprochen bleiben. Dennoch kann man die Frage ‚Sollen Eltern das Geschlecht ihrer Kinder bestimmen dürfen?’ nicht uneingeschränkt bejahen. Wir müssen uns fragen: Wer möchte das Geschlecht seiner Kinder bestimmen? Und weshalb? Wollen solche Eltern die Natur verbessern? Können sie sich einfach nicht mit dem Gegebenen arrangieren? Haben sie Vorurteile gegen ein bestimmtes Geschlecht?

Bei manchen Eltern ist das ein oder andere sicher der Fall, und wir sollten ihre Gründe jedenfalls hinterfragen. Wie in vielen anderen Bereichen der Genetik gelangen wir, beschäftigen wir uns mit den grundsätzlichen, schwierigen Fragen, nicht zu starren Prinzipien, sondern zu individuellen Problemlagen, die jeweils mit Einstellungen und Charakterzügen zu tun haben. Derartige Fälle sollten deswegen auch nicht pauschal, sondern als Einzelfälle beurteilt werden. Klischeehafte Vorstellungen von Eltern, die „Gott spielen“ wollen, helfen uns nicht, hier richtig zu entscheiden, sie verstärken nur die Verwirrung.