01.01.1999

ITN: Sandy aus Afghanistan

Von Eddie Veale

Es war nicht das erste Mal, dass die Kriegsberichterstattung von ITN in Frage gestellt wurde.

"Die Berichte über die von ITN-Reportern entdeckten serbischen Lager im Norden Bosniens, die am 6. August 1992 gesendet wurden, wurden mit höchster Professionalität und Redlichkeit produziert und präsentiert – genau so wie man es von ITN erwartet."
(ITN-Stellungnahme vom 23. Januar 1997 zu den Vorwürfen im britischen Magazin LM über die täuschenden ITN-Aufnahmen aus Trnopolje)

 

Wer gerne noch ein Beispiel für "höchste Professionalität und Redlichkeit" sehen möchte – "genau so wie man es von ITN erwartet" –, sollte sich auch einmal die Frontberichterstattung von Sandy Gall aus dem Afghanistan-Krieg anschauen.

Im Februar 1989 zogen sich die sowjetischen Truppen nach 10 Jahren der Besetzung aus Afghanistan zurück. Die westlichen Medien erklärten daraufhin zuversichtlich, die durch die Sowjets gestützte afghanische Regierung und die Hauptstadt Kabul werden nun bald fallen und die Mudjaheddin die Macht ergreifen. Hunderte internationaler Journalisten begaben sich unverzüglich nach Peshavar, einem pakistanischen Ort an der afghanischen Grenze, um über die von ihnen erwartete erfolgreiche Beendigung des Mudjaheddin-Kriegs zu berichten. Unter ihnen befand sich auch der altgediente ITN-Reporter Sandy Gall.

Gall war sehr bekannt für seine kreuzzüglerischen Reportagen über den Krieg der Mudjaheddin gegen die von den Sowjets unterstützte Regierung. Margaret Thatcher, die neben Ronald Reagan begeisterte Unterstützerin der afghanischen Rebellen war, schrieb das Vorwort zu Galls Buch Afghanistan, Reisen mit den Mudjaheddin. Im Februar 1989 äußerte Gall gegenüber der Daily Mail:

"Ich will bei der Einnahme Kabuls dabei sein: Ich will mit ihnen da rein. Ich sehe das als Spiegelbild dessen, was in Saigon geschah. Ich möchte gerne dabei sein."

Am 6. Februar 1989 sendete ITN Sandy Galls "Afghan Journal" in den "News at Ten". Der Beitrag zeigte Bilder, die den Eindruck erwecken sollten, als handele es sich um brandneues Material von einem Mudjaheddin-Angriff auf einen Regierungsposten. Sandy Gall kommentierte die Bilder, als sei er gerade live dabei:

"Eine Rakete aus britischer Produktion erwischt den Posten, der die Straße bewacht... schweres Maschinengewehrfeuer setzt ein... Dann feuert ein Panzer zurück, gerade in dem Moment, in dem er selbst getroffen wird. Die Mudjaheddin feiern und schießen in die Luft, sie sind stolz über einen solch dramatischen Beweis ihres Erfolgs... die Kampfmoral ist hoch. Auch hier zeigt sich: Erfolg macht erfolgreich."

Doch Galls "dramatischer Beweis" war nicht ganz das, was er zu sein schien. Einige Monate später, am 13. November 1989, sendete das Channel Four Magazin "Bandung File" einen Beitrag über die Kriegsberichterstattung aus Afghanistan im allgemeinen und Galls "Afghan Journal" im besonderen. Hier wurde aufgezeigt, dass zumindest ein Drittel der in Galls Reportage gesendeten Bilder noch nicht einmal von ITN stammte, sondern von einer Nachrichtenagentur in Peshavar geliefert wurde, dem Afghan Media Resource Centre. Diese Bilder waren alles andere als ein Augenzeugenbericht Galls von einem Mudjaheddin-Angriff während des Rückzugs der sowjetischen Truppen im Februar 1989. Die gezeigte Aktion der Guerillas war mindestens drei Monate früher aufgenommen worden.

Das Afghan Media Resource Centre, das die Bilder lieferte, war keine gewöhnliche Nachrichtenagentur: Es wurde von der amerikanischen Regierung finanziert, um Propaganda der Mudjaheddin zu verbreiten. Dies war die öffentliche Seite der US-Unterstützung, während die militärische Hilfe geheim erfolgte. Die US Information Agency benutzte Geld, das vom Kongress bewilligt wurde für die Ausbildung von Mudjaheddin-Unterstützern an der "Boston University School of Journalism". Einige der dort Ausgebildeten gingen zurück, um das Afghan Media Resource Centre zu betreiben. Der Direktor des Afghan Media Resource Centresagte gegenüber "Bandung File", dass die "jungen Mudjaheddin", die in Boston ausgebildet wurden, Material an ITN, BBC, CNN und andere lieferten. Er bestätigte, dass die Agentur auch Sandy Gall belieferte:

"Als Herr Sandy Gall im Februar nach Peshavar kam, unterstützte ihn unsere Videoabteilung, nahm für ihn Bilder auf und lieferte auch Bildmaterial aus unseren Archiven, und schnitt auch Material, also eine Art Grobschnitt, für Herrn Sandy Gall."

Galls "Afghan Journal" auf ITN zeigte also alte Bilder unbestimmter Herkunft, die von einer nicht akkreditierten, von US-Regierungsstellen finanzierten Mudjaheddin-Propagandaagentur geliefert wurden. Diese Bilder präsentierte Gall als Beweis aus erster Hand dafür, was in Afghanistan geschah – alles zweifellos mit "größter Professionalität und Redlichkeit" erstellt.

In seiner Stellungnahme zu den Enthüllungen in "Bandung File" bestand ITN weiter darauf, dass es "extrem stolz" sei auf seine Berichterstattung aus Afghanistan, und dass "das kleine Detail", das "Bandung File" herauszuheben und zu kritisieren versucht, vor diesem Hintergrund einer großen exzellenten Arbeit zu betrachten ist. "Nichtsdestotrotz", räumte ITN ein, "ist die Kritik berechtigt: ein kleiner Teil des Materials, das in Sandy Galls Reportage am 6. Februar gezeigt wurde, war vom Afghan Media Resource Centreaufgenommen worden. Dass das Afghan Media Resource Centre Material an Fernsehsender liefert, betrachten wir als solches als nicht kontrovers. Es hätte jedoch, worauf ‘Bandung File’ hingewiesen hat, mit Angabe der Quelle klar kenntlich gemacht werden sollen. Das hätte es dem Zuschauer erleichtert, den gesamten Bericht insgesamt besser zu verstehen."

So war denn alles nur ein kleines technisches Versäumnis; so kann man es natürlich auch interpretieren. Man kann die peinliche Episode jedoch auch im Kontext der Berichterstattung über den Afghanistan-Krieg und somit als Symptom für ein noch größeres Problem betrachten.

Als die Sowjetarmee sich zurückzog, kamen die Vertreter der westlichen Medien in Massen an, um sich eine, und nur eine Story zu holen: die vom historischen Sieg der Mudjaheddin-Rebellen und dem Fall der Regierung in Kabul. Wie Sandy Gall es gegenüber der Daily Mailgeäußert hatte, waren die Reporter auf der Suche nach einem "remake" der Szenen vom Abzug der Amerikaner aus Saigon 1975 in Südvietnam – nur diesmal mit den Sowjets in der Rolle der Gedemütigten.

Elaine Parnell, eine Produzentin von Worldwide Television News, gab den Redakteuren von "Bandung File" einen Eindruck davon, wie die Journalisten zu dieser Zeit eingestellt waren:

"Unterernährung in Kabul wurde über alle Maßen übertrieben. Es gab tatsächlich ein einziges unterernährtes Kind im Krankenhaus, das gewiss zu einem der meist fotografierten Kinder des Krieges wurde. Sie fingen an, sich eine Situation wie in Saigon vorzustellen, und sie wollten solch eine Situation sehen. Sie wollten Sowjets sehen, die sich an den Kufen von Helikoptern festklammerten.

Die britische Öffentlichkeit wurde mit einer Diät von Mudjaheddin-Heldentum gefüttert. Alles wurde schwarz-weiß gemalt. Die Sowjets waren die Bösen; die Invasoren, die Mudjaheddin waren die Guten. Sicher waren die Sowjets die Bösen, sie marschierten dort ein. Und die Mudjaheddin waren gewiss tapfer. Aber so einfach ist die Geschichte dann auch wieder nicht. Es gab noch eine andere Seite der Mudjaheddin, die der Öffentlichkeit im Westen wohl nicht so gut gefallen würde... aber die meiste Zeit wurde dies ignoriert, weil es nicht ins Bild paßte, das die westlichen Medien zu vermitteln versuchten."

Aufgenommen wurden die Bilder der westlichen Nachrichtenteams scheinbar immer von hinter den Linien der Mudjaheddin aus, und sie dokumentierten – wie am Beispiel Sandy Gall zu sehen – oft spektakuläre Erfolge, während in Wirklichkeit – wie bei jedem Guerillakrieg – die meisten Operationen schiefgingen. Eine Folge dieser Einstellung war, dass ein Klima geschaffen wurde, in dem Experten der Welt voller Zuversicht erklärten: Sobald sich die Sowjets erst einmal zurückzögen, würde die Regierung in Kabul schnell zusammenbrechen – eine Annahme, die sich als falsch erwies.

Einige mögen behauptet haben, falsche Medienberichterstattung sei einfach nur ein technisches Problem. Andere sahen eher politische Motive:

"Es wurde recht offensichtlich verschleiert, wer die Mudjaheddin unterstützte", sagte Professor Halliday von der "London School of Economics" in "Bandung File". "Ich nehme an, Sandy Gall bezog sich auf diese Unterstützung der Mudjaheddin. Dass hierzu auch Großbritannien und die USA gehörten, wurde nicht ausdrücklich gesagt. Es wurde überhaupt sehr wenig darüber gesagt, wer die Guerillas unterstützte oder von ihrer Seite aus Bericht erstattete. So blieben die politischen Aspekte des Afghanistan-Krieges insgesamt blass."

 

aus: Novo, Nr.28, Mai/Juni 1997, S.27f