01.05.2003

Ist der Mensch biotechnisch optimierbar?

Essay von Hubert Markl

Hubert Markl über Grenzen und Grenzüberschreitungen von Wissenschaft und Politik.

Wird der Mensch technisch optimierbar? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Nein! Aber diese Erklärung wäre sicherlich allzu knapp. Daher muss ich wohl etwas weiter ausholen, um dies Nein zu begründen. Mit Beginn des neuen Jahrtausends – das vermeintlich ein Jahrhundert der Biowissenschaften einleiten soll, nach denen von Physik und Chemie, die ihm vorangegangen sind – haben zwei Medienereignisse die öffentliche Diskussion weithin beherrscht, die bei aller Verschiedenheit der Themen eines gemeinsam hatten: die Frage danach, die Sorge darüber, aber bei manchen auch die Hoffnung darauf, dass der Mensch, dieses verletzliche, hinfällige Geschöpf durch die Fortschritte von Wissenschaft und Technik die ihm natürlich gesetzten Grenzen überschreiten könne: Grenzen der Intelligenz, Grenzen der irdischen Biosphäre, Grenzen, die ihm Alter und Krankheiten setzen, vor allem aber die Grenzen seiner kreatürlichen Sterblichkeit.

So wie damals manche wohl gemeint haben, dass mit der New Economy in global vernetzten Finanzmärkten die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und Grenzen außer Kraft gesetzt worden seien und jeder Dot-Com-Visionär allein mit neuen Ideen von heute auf morgen steinreich werden könne, so haben wohl manche auch geglaubt, dass der Mensch des neuen Zeitalters durch Computer-, Nano- und Gentechnologie endlich die irdische Mühsal seiner biologischen Existenz abschütteln könne. Nun, in der „virtual economy“ sind sicher einige Finanzjongleure tatsächlich reich, die allermeisten Gutgläubigen allerdings wohl eher reich an ernüchternden Erfahrungen geworden, da das reale Geld nach wie vor doch überwiegend in der „real economy“ mit realen, vor allem aber reellen Produkten und Leistungen erarbeitet wird.

Auch in den hochfliegenden Einschätzungen dessen, was die supermodernen Informations- und Biotechnologien (oder beide zusammen) dazu beitragen können, um das menschliche Dasein zu erleichtern und zu bereichern, ist seither erheblich mehr Realismus eingekehrt. Die vollmundigen – wissenschaftlich-technischen, ökonomischen, aber zugleich auch politischen – Verheißungen, die sich an die neuesten Entwicklungen der Computertechnik, der Robotik, der Nanotechnologie und, insbesondere nach der weitgehenden Entzifferung des menschlichen Genoms im Jahre 2000, der Gentechnik knüpften, erwiesen sich bei der Umsetzung in die wirtschaftliche und biomedizinische Alltagswirklichkeit doch als erheblich schwieriger, langwieriger und problematischer, als die Herolde des neuen Zeitalters dies anfangs ausposaunt hatten. Die neuen Technologien werden wohl noch lange an ähnlichen Kinderkrankheiten leiden, die auch die alten Technologien plagten. Vor allem aber wird der neue Mensch ganz sicher noch auf unabsehbare Zeit der alte Mensch bleiben, mit seinen überbordenden Fantasien und ganz realen, bleibenden Schwächen und Grenzen des Möglichen. Und das ist auch ganz gut so, denn dadurch gewinnen wir die Zeit, gründlicher voraus- und über das nachzudenken, was die ja tatsächlich rastlos innovierende wissenschaftliche und technologische Entwicklung mit sich bringen könnte. Denn selbst wenn das Machbare und Mögliche weit von dem entfernt bleiben wird, was manche – vor allem im Eifer des Medienwettbewerbs – erhoffen oder befürchten, es bleibt genug nüchtern abzuwägen, was tatsächlich auf uns zukommen könnte.

Ich will dies zum gegebenen Thema vor allem in Bezug auf zwei aktuelle Aspekte der so genannten Zukunftstechnologien tun, die beide gerade zu Beginn des neuen Jahrtausends besonders ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten sind: erstens die erkennbaren oder extrapolierten Entwicklungen der Computertechnologien, insbesondere in den Visionen molekularer Roboter oder intelligenter Nanomaschinen; und zweitens die erwarteten Entwicklungen der molekularen und zellbiologischen Gentechniken. Beide haben tatsächlich auf das Engste miteinander zu tun, denn im einen wie im anderen Fall bewegen wir uns – ob bei Mikrochips oder Genchips – im Größenordnungsbereich von Makromolekülen oder Atomclustern, so dass in diesem Gebiet der Nanoskala (1 nm = 10–9 m) die anorganische Computerwelt und die organische Genwelt sich unmittelbar nahe kommen. Deshalb stellt sich die Frage, ob in diesem Bereich der Nanotechnologie der Mensch als materielles, biologisches, aber genauso auch als geistiges Wesen von Grund auf erneuerbar und nach eigenem Gutdünken technisch optimierbar werden könnte, zumal die anorganischen molekularen Rechner genauso wie die genetischen Makromoleküle auch darin verbunden sind, dass beide durch die Informationen wirken, die in ihnen verschlüsselt gespeichert und verarbeitet werden.

Ich will zunächst etwas näher auf die mikrominiaturisierte Computertechnologie (und die damit einhergehenden technischen Visionen) eingehen, ehe ich den Blick auf die biotechnischen Errungenschaften oder Zukunftsszenarien richte. Im Jahr 2000 wurde nicht nur mit massiver Computerhilfe das menschliche Genom entziffert. 2000 war auch das Jahr, in dem – jedenfalls bei uns in Deutschland – ein Buch mit dem Titel Homo s@piens in manchen Feuilletons sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zog. In diesem Buch sagte der Computerwissenschaftler Ray Kurzweil nichts weniger als die baldige Machtübernahme von Rechner-Supergehirnen über die ganze Menschheit voraus – von seinem Kollegen Bill Joy mit apokalyptischen Untergangsvisionen sekundiert. Die Frage stellt sich: War es der übliche feuilletonistische Sturm im Wasserglas, durch das wie durch eine Kristallkugel in die Zukunft geblickt wurde, oder erhob sich hier nicht doch eine Grundwelle technischer Neuerungen, die bedrohlich auf uns zurollt?

Ich bin kein Computerwissenschaftler, nur Biologe, weshalb ich der Einfachheit halber annehme, dass Kurzweil und Joy immer dann Recht haben dürften, wenn sie den heutigen Stand und die näher überschaubare Zukunft der Leistungsfähigkeit von Computern aller Art beschreiben. Wobei allerdings die Extrapolationen aus Gordon Moores Gesetz der Vervierfachung der Leistungsfähigkeit von Schaltelementen (bei gleich bleibenden Dimensionen und Kosten) in jeweils maximal zwei Jahren, also eines exponentiellen Entwicklungsverlaufs mit 30 bis 40 Prozent jährlicher Leistungssteigerung, einerseits höchst eindrucksvoll in ihrer nun schon bald 50-jährigen Bestätigung sind, andererseits wie alle Extrapolationen exponentieller Verläufe nach einiger Zeit in der Realwelt zu unsinnigen Konsequenzen führen müssen. Über kurz oder lang werden sie jedenfalls auf der Ebene einzelner Atome und Energiequanten an die Grenzen der Quantenphysik stoßen, wie Richard Fenymann schon vor Jahrzehnten vorausgesagt hat: „There is plenty of room at the bottom“ – die Nanotechnologie hat ganz sicher eine glänzende Zukunft!

Aber bis es soweit ist, beschreiben sie eine Wuchtdynamik, die einen allein schon das staunende Fürchten lehren kann. In biologischen Populationen, die auf solchem Pfad expandieren, folgt entweder eine Gleichgewichtsstabilisierung nach ständig abnehmender Zuwachsrate – nach der berühmten sigmoiden Wachstumsgleichung – oder ein mehr oder weniger totaler Endzusammenbruch. Irgendwo dazwischen dürfte vermutlich daher auch die Computerüberwucherung der Menschheit enden, jedenfalls solange sie auf eine begrenzte Biosphäre beschränkt ist.

Allerdings hat Ray Kurzweil sicher in einem Recht: Was für „materielle Explosionen“ dieser Art gilt, muss für „geistige Explosionen“ keineswegs genauso gelten, denn dem Wachstum geistiger Leistungen könnten tatsächlich keine physischen Grenzen gesetzt sein. Dazu müssten wir allerdings erst einmal wissen, worum es sich bei diesen „geistigen Leistungen“ tatsächlich handelt, mit anderen Worten: was das ist, was da wächst, wenn vermeintlich, von immer leistungsfähigeren Computern getrieben, die Intelligenz solcher Maschinen – der spiritual machines – ins schier Unermessliche wächst. Denn dass das Informationsangebot derzeit mit zweistelligen Zuwachsraten exponentiell wächst, muss ja nicht unbedingt eine entsprechende Intelligenzvermehrung, sondern kann vielleicht eher eine Informationsüberschwemmung bedeuten!

Intelligenz ist mehr als Bits und Bytes

Aber was ist diese „Intelligenz“ denn wirklich? Ach, wüssten wir dies doch nur erst für uns Menschen selbst, geschweige denn für die vernetzten Rechnersysteme! Ich zweifle ja nicht: Ihre Kapazität für Rechenoperationen pro Zeiteinheit und für gespeicherte Bits und Bytes werden die Computerforscher sicherlich richtig schätzen – aber das ist wohl etwa so, als wollten wir aus der Zahl im Weltall verfügbarer Buchstaben und Wörter auf alle schöpferischen Werke schließen, die sich daraus noch hervorbringen ließen. Das gelingt uns allerdings genauso wenig, wie uns – auch nach voller Entschlüsselung aller existierenden organismischen Genome – die Abschätzung gelänge, was in der genetischen Evolution daraus noch für neuartige Spezies hervorgehen könnten, die dann in unüberschaubarer Zahl ungeahnte, auch nie vorhersehbare Biozönosen und Ökosysteme bilden könnten. Denn Lebewesen mögen ja durch Eigenschaften und Häufigkeitsverteilung der Gene im Genpool ihrer Population determiniert sein, sie sind dadurch jedoch hinsichtlich der Eigenschaften, die ihnen ihre Erbanlagen hervorzubringen erlauben, ganz und gar unterdeterminiert, denn diese entstehen ja erst in Wechselwirkung mit den Entwicklungs- und Lebensbedingungen ihrer Umwelt, bei höheren Tieren und Menschen vor allem auch ihrer sozialen Lernumwelt, was erneut die Frage ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, vulgo „Intelligenz“ genannt, ins Spiel bringt. Und damit bin ich schon näher an mir besser vertrautem Terrain: Genau darum geht es nämlich bei den Behauptungen, der Mensch könne biomolekular – durch Genverbesserung – aufgerüstet werden. Zunächst aber nochmals zurück zu den Künstliche-Intelligenz-Visionen, zu denen Computer durch räumliche Miniaturisierung und informatorische Maximierung in Stand gesetzt werden sollen.

Auch hierzu lohnt es sicher, für eine erste Abschätzung den nahe liegenden Vergleich aus der herkömmlichen Lebenswelt zu ziehen. Sprache und weltverbundene Kommunikationsmöglichkeiten verbinden heute ja bereits viele Millionen, wenn nicht bald Milliarden unbestreitbar intelligenter Menschengehirne zum potenziell superintelligenten Superorganismus Menschheit. Rechnet man dann noch den Zugang zum über inzwischen Jahrhunderte bis Jahrtausende in Form von Büchern und anderen Dateien gespeicherten Wissensvorrat längst vergangener Menschengenerationen dazu, so ergibt dies in der Tat eine formidable Ballung menschlicher Intelligenz. Sieht man sich allerdings das Ergebnis dieses Einsatzes von vielen Millionen Tonnen vernetzter Neuronenmasse an, so ist das Ergebnis ungeachtet gewiss vieler glänzender Spitzenleistungen menschlichen Geistes (meist von einigen wenigen genialen Köpfen erbracht!) doch eher ernüchternd. Für meinen Teil – und in Kenntnis dessen, womit Künstliche Intelligenz von Rechenmaschinen uns bis heute beeindruckt hat – will ich daher unvoreingenommen abwarten, ob sich die Extrapolationen von Moores Gesetz tatsächlich so gewaltig maschinenintelligenzsteigernd auswirken werden, wie einige dies voraussehen wollen. Wobei ich allerdings gerne zugestehe, dass die jüngsten Fortschritte auf diesem Gebiet höchst beeindruckend sind und erwarten lassen, dass sich in wenigen Jahrzehnten vermutlich alle Geistesleistungen, die sich als Rechenoperationen darstellen oder nachbilden lassen (oder die auch im menschlichen Gehirn auf solchen Computationen bestehen), schneller, effektiver und effizienter von Maschinen hervorzubringen sind – der Siegeszug des Computerschachspiels ist nur ein Beispiel dafür.

Unsere maschinellen Helfer werden also sicher weiter optimierbar. Dies scheint mir dann allerdings durchaus dem Siegeszug des Autos, Schiffes oder Flugzeugs gegenüber menschlichem Lauf-, Schwimm- oder gar Flugvermögen vergleichbar, womit die Menschheit durchaus zurechtgekommen ist, ohne deshalb die Kommandogewalt über ihr Handeln an immer weiter vervollkommnete Verbrennungsmaschinen abgegeben zu haben. Es ist also keineswegs das erste Mal, dass wir Maschinen entwickeln, die menschliche Leistungen auf ganz bestimmten Gebieten weit übertreffen – gerade deshalb erfinden wir sie ja, ob Kraftmaschinen oder Denkmaschinen: das Kommando müssen wir ihnen deshalb noch lange nicht überlassen – auch nicht in der schönen, neuen Nanowelt!

Berücksichtigt man nun auch noch, dass die so genannten intelligenten geistigen Leistungen des Menschen keineswegs nur auf kognitiven Prozessen beruhen, die sich mutmaßlich auch in Rechensystemen verwirklichen lassen, sondern dass sie tief eingebettet sind in emotionale und volitionale neurale Prozesse, die dem menschlichen Handeln Motivation und Antrieb geben, und dass alle zusammen in ihrem Leistungsvermögen durch die über Abermillionen Jahre vorangetriebenen Prozesse genetischer Evolution auf Lebenstauglichkeit optimiert wurden, dann dürfte das, was im Sinne Immanuel Kants menschliche Vernunft und menschliches Urteilsvermögen über das hinaus bedeutet, was die bloße und vielleicht wirklich algorithmisch computable Rationalität des menschlichen Verstandes ausmacht, einer 1:1-Übertragung in das Rechnermodell vielleicht doch noch länger harren, als jene meinen, die sich nur durch die immens gesteigerten Rechnerkapazitäten beeindrucken lassen. Zwar gibt es kluge Leute – ich erwähne hier nur Dietrich Dörner (Bauplan für eine Seele, Rowohlt, Hamburg 1999) –, die überzeugt sind, dass sich auch emotionale Prozesse prinzipiell im Computermodell verwirklichen lassen, vulgo, dass Rechner mit Gefühlsleben (und notabene dann auch Bewusstsein!) entwickelt werden können, doch bleibt auch hier der lange Weg von der allerdings sehr gründlich durchdachten Theorie zur Praxis erst noch abzuschreiten. Größere Informationsmassen, schnellere Informationsverarbeitung bedeuten also noch lange nicht mehr Intelligenz: ähnlich wie im militärischen Geheimdienstbereich, wo mehr „intelligence“ noch lange nicht zu intelligenten Konsequenzen führen muss!

Aber selbst wenn all dies dann mit gesteigerter Hardware- und Softwareleistung von Rechnern einmal erreicht sein wird, dann werden wir vermutlich mit solchen willens- und gefühlsfähigen und zusätzlich denkstarken Rechnerrobotern umzugehen lernen, wie wir dies mit ähnlich befähigten Tierlebensgefährten – und notabene unseren ebenfalls intelligenten und keineswegs immer harmlos-erfreulichen Mitmenschen – zu tun gelernt haben, wobei durchaus abzuwarten bleibt, wann Robert, der Roboter, es mit Hubert, dem Hund, aufzunehmen vermögen wird. Nach allen bisherigen Erfahrungen trennt jedenfalls auch die so genannten Intelligenzroboter noch ein himmelweiter Abstand vom Urteilsvermögen und von der originellen Kreativität und damit selbstständiger Lebenstüchtigkeit und Problemlösefähigkeit selbst ganz ungebildeter Menschen (und manchmal sogar von Tieren).

Die hier zum Ausdruck gebrachte zurückhaltende, obwohl für Überraschungen durchaus aufgeschlossene Skepsis gegenüber übertriebenen Erwartungen an kommende geistige Leistungen von Computern sollte es auch leicht verständlich machen, dass ich von einer bestimmten visionären Fiktion vorläufig überhaupt nichts halte: Ich meine die Überlegung, durch Abscannen der molekularen Architektur in dünnste Scheibchen zerlegter menschlicher Gehirne als dem physischen Substrat von deren geistigen Leistungen sozusagen den „ghost in the machine“, also die geistig bestimmte Individualität, das innerste Wesen einer Menschenpersönlichkeit mitsamt allen Gedächtnisinhalten als Daten auf einen Rechnerspeicher zu übertragen und ihr dadurch potenzielle – wenn auch virtuelle – Unsterblichkeit zu verleihen. Nichts, was ich selbst über die neuralen Mechanismen geistiger Leistungen weiß, und nichts, was wesentlich erfahrenere Neurobiologen uns dazu sagen, lässt mich vermuten, dass diese Vorstellung auch nur vom Ansatz her verwirklichbar sein könnte – von der Wünschbarkeit einmal ganz abgesehen. Ihr scheint ein doch allzu kruder Materialismus zugrunde zu liegen, der weit entfernt von unserem gegenwärtigen Verständnis der Leistungen des Gehirns ist. Wenn tatsächlich einmal geistige Leistungen in einem Rechensystem nachgebildet werden, so erwarte ich dies eher von einer Softwareemulation von neuralen Prozessen als in einer Hardwarenachbildung neuraler Molekularstruktur in digital gespeicherter Form. Hier scheint mir die Lust an einfallsreicher Science-Fiction doch ein wenig zu stürmisch über die biologische Realität hinausgeschossen zu sein.

Ich gestehe gerne, dass mich der Überschwang visionärer Begeisterung über bevorstehende superkluge Maschinen auch deshalb nicht gleich besinnungslos hinreißt, wenn diese Botschaft aus einem Höchsttechnologie-Land kommt, das vor kurzem nahe daran war, seinen Präsidenten mit Hammelsprung bestimmen zu müssen, weil die computergestützte Auswertung der Stimmabgaben so überzeugend ausgefallen war, dass noch nicht einmal wochenlange Nachzählung per Hand Klarheit schaffen konnte. Es scheint demnach doch, dass der Siegeszug der spiritual machines, die dann am Ende wohl auch noch an unserer Stelle Wahlentscheidungen treffen könnten, noch etwas auf sich warten lässt. Gott sei Dank, so beeile ich mich hinzuzufügen, denn wir sollten die gewonnene Zeit sicherlich nicht nur zum skeptischen Warten, sondern zum prüfenden Nachdenken über das verwenden, was uns als Science-Fiction prophezeit wird.

Schöne neue Nano-Welt

Worum muss es bei solchem Nachdenken über die „Compu-Nano-Robo-Geno-Zukunft“, die uns vorhergesagt wird, vor allem gehen? Wird das wirklich – im Sinne Aldous Huxleys – eine schöne neue Nano-Welt und der Mensch in ihr technisch optimiert und nachgerüstet? Ich möchte – aus der sicherlich beschränkten Kenntnislage und Sichtperspektive eines Biologen – vor allem auf folgende Fragen eingehen, die kritischen und kenntnisreichen Beobachtern des technischen Fortschritts auf diesem Gebiet Anlass zu Befürchtungen geben, die meines Erachtens nicht von der Hand zu weisen sind und keineswegs mit dem Hinweis verniedlicht werden sollten, noch sei das alles ja keineswegs so weit. Denn wenn es einmal so weit ist, könnte es ja in der Tat zu spät zum begrenzenden Eingreifen sein, weshalb wir denen, die „Schreckensszenarien“ vorherzusehen meinen, vor allem dann dankbar sein sollten, wenn sie uns dadurch die Chance geben, sie nicht Wirklichkeit werden zu lassen (vergleiche die Rolle der Berichte des Club of Rome als „self-defeating prophecies“).

Der meines Erachtens wirklich entscheidende Kern des Problems der rasch fortschreitenden Verschmelzung von mikro- und nanosystemtechnischer Computerkontrolle, Sensorik und Robotik, also der Entwicklung weitgehend selbstgesteuerter, lernfähiger und gedächtnisstarker mobiler Kleinroboter, ist die Frage, ob sie mit zunehmender Fähigkeit zu selbstständig-unabhängiger Aktion der Kontrolle ihrer Schöpfer entgleiten – Mary Shelley’s Frankenstein hat das Szenario hellsichtig vorausdenkend mit der Imagination der Künstlerin scharf ausgeleuchtet. In der Form bewaffneter bodengebundener Kampfroboter oder fliegender „intelligenter“ Drohnen – wobei den Biologen die Bezeichnung erstaunt, denn die männlichen Bienen-Drohnen sind ziemlich beschränkt, die wahren Genies unter den Insekten wären die Bienen-Arbeiterinnen, und die sind samt und sonders weiblich! – stehen wir nahe an oder sogar mitten in der Verwirklichungsphase solcher hoch geschicklicher Makro- oder Mikroroboter. Manche sollen ja heute schon an kaum zentimetergroßen Spionagefliegen oder Kampfmücken bauen – wer je an lauen Sommerabenden am Bodensee spazieren ging, wird wissen, dass dies wahrhaft bedrohliche Visionen sein könnten! Da der zivile Laie vermutlich immer nur einen Bruchteil dessen zu sehen bekommt, was in den geheim gehaltenen Entwicklungen militärischer Hochtechnologie in Vorbereitung oder Vollendung ist, sollten wir getrost (oder besser: nicht getrost, sondern durchaus besorgt!) davon ausgehen, dass dieser Bestandteil von Gefahrenszenarien bald zur Realität werden kann und daher genauso der Kontrolle und Einschränkung durch internationale, verifizierbare Abkommen zur Rüstungsbeschränkung bedarf, wie dies für Kernwaffen, chemische Kampfstoffe und biogene Kampfmittel gilt.

Der wirklich über das erkennbar Besorgniserregende hinausgehende Schritt wäre indes die Verbindung solcher Mikro- und Nanorobotik (im Makrobereich sind solche Sorgen weniger virulent) mit der Begabung zur selbstständigen Reproduktionsfähigkeit solcher Roboagenten, insbesondere wenn diese mit einem gleichwie verwirklichten genetischen System verbunden ist, das sich durch Variation, Selektion und Heritabilität beliebigen Umwelten anpassen und durch Stoffwechsel selbsttätig mit Baustoffen und Energie versorgen kann. Geschähe dies in ausreichend winzigen molekularen Dimensionen („Nanobot“-Format) und ausreichend hoher Vermehrungs- und Ausbreitungsrate, so stünde meines Erachtens tatsächlich zu befürchten, dass solche „künstlichen Lebewesen“, um die es sich dann nämlich definitionsgemäß handeln würde, durch explosive Vermehrung in unserer Umwelt (oder sogar in unseren Körpern) große Gefahren für die Anthropobiosphäre – unserem Lebensraum – heraufbeschwören könnten.

Warum muss uns das zugleich ängstigen und vielleicht doch wieder nicht zu sehr ängstigen? Nicht etwa, weil so etwas gar nicht realistisch möglich wäre: Hier vertraue ich durchaus dem Einfallsreichtum und nanotechnischen Geschick von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die sich solchen Aufgaben voller Begeisterung (und zusätzlich in Erwartung erklecklicher Einkünfte!) zuwenden. Und auch nicht etwa, weil ich von ihrer selbstkritischen Vernunft und ihrem moralischen Verantwortungsbewusstsein so sehr überzeugt bin, dass ich ihnen nicht zutraue, Frankenstein-Unfug im Nano-Format zu erzeugen, selbst wenn sie es hernach bereuen. Die „süße Versuchung“ aller Wissenschaft ist der Beweis eigener Fähigkeiten durch den Nachweis der Machbarkeit dessen, was andere bisher noch nicht zu tun vermochten, und dabei geht es Wissenschaftlern, die immer auch Menschen sind, vermutlich mitunter wie Oscar Wilde, der auch nur allzu menschlich feststellte: „I could resist anything but temptation.“

Es sind andere Gründe, die mich nur in Grenzen vor solchen Szenarien erschauern lassen. Solche selbstvermehrungsfähigen, anpassungsfähigen, fitnessmaximierenden molekularen Nanoroboter sind nämlich längst mitten unter uns, über uns und in uns. Wir nennen sie Viren, Phagen, Rickettsien, Mykoplasmen, Bazillen, Bakterien, Myzeten, Protozoen, Nematoden oder parasitische Insekten – von den Mücken war ja eben die Rede – und geben ihnen manche weiteren Bezeichnungen, und wer sich vergegenwärtigt, welch unablässiger schädigender, bedrohender, ja oftmals mörderischer Druck von all diesen garstigen biogenen Molekularrobotern auf alle niederen und höheren Lebewesen, uns eingeschlossen, ausgeht, der wird sich entweder fragen, ob nicht doch ein gefallener Engel Lucifer in einer Hinterkammer der Schöpfungswerkstatt Frankenstein-Experimente mit den verfügbaren Schöpfungsmaterialien gemacht hat und ständig weiter macht, oder ob künstliche neue Nanomaschinchen tatsächlich noch viel gefährlicher werden können, als solche in mehr als drei Milliarden Jahren optimierten Produkte biologischer Evolution ohnehin schon für Mensch und Tier und Pflanze sind.

Ein schwacher Trost, mag man einwenden, so als wolle man den, der sich vor marodierenden Eroberern fürchtet, dadurch beruhigen, dass man darauf verweist, man sei doch ohnehin schon reichlich von Dieben, Räubern und Mördern umgeben. Aber genau aus solchen Gründen: Wir sind ja gegen viele hoch perfektionierte biologische Mikroschädlinge keineswegs wehrlos, weshalb sollte uns dann vor weiteren gar so sehr bange sein? Nun, vermutlich deshalb, weil es viel leichter ist zu leben „with the devil you know, than with the devil you don’t!“

Andererseits könnte es sogar sein, dass – während wir uns noch paniklüstern vor drohenden nanomaschinellen Kunstlebewesen ängstigen – viel größere Gefahren von der ebenfalls nano- und zwar biogennanotechnischen Fortentwicklung sehr wirklicher selbstvermehrungsfähiger Kampfkörper drohen. Was wir zum Beispiel von einem inzwischen in den USA lebenden sowjetischen Spitzenwissenschaftler (Alibekow) über die Entwicklung mörderischer Seuchenerreger als Kampfmikroben im Biopräparat-Programm noch zur Zeit Gorbatschows und Jelzins (und vielleicht sogar auch heute noch) gelernt haben – von Milzbrand bis Pest, von Tularämie bis Pocken, von Ebolaviren bis Fleischvergiftung durch Botulinustoxin –, von ganz neuartigen gentechnischen Möglichkeiten, dieses Arsenal einfallsreich zu ergänzen, gar nicht zu reden, sollte uns vermutlich wesentlich mehr Kopfzerbrechen machen als intelligent programmierte Nanoroboter oder nanotechnisch optimierte Menschen. Denn jede Mikrobe ist bereits ein hoch optimierter, evolutionär programmierter chemischer Nanoroboter.

Deshalb scheint es mir in diesem Zusammenhang aber durchaus angebracht, nicht nur darauf zu vertrauen, dass die natürlichen Abwehrmechanismen von biogenen Lebewesen sich hoffentlich auch den neuen Herausforderungen durch „artigene Lebewesen“ gewachsen zeigen. Ich meine, es bedarf gegenüber der Herstellung, geschweige denn Verbreitung oder gar Freisetzung solcher künstlicher Selbstvermehrungskörper genauso strikter Kontrollen, wie sie sich ja auch im Umgang mit natürlich vorkommenden oder künstlich genetisch veränderten potenziell oder wirklich pathogenen Organismen seit langem bewährt haben. Da der nützliche Einsatz künstlicher Nanoroboter durchaus nicht von vorneherein von der Hand zu weisen ist, wäre meines Erachtens allerdings ein völliger Forschungs- und Entwicklungsverzicht oder gar ein Verbot keine angemessene, sondern eher eine etwas unintelligente, um nicht zu sagen ängstlich „kopflose“ Reaktion. Erstens, weil ein solches völliges Verbot von wissenschaftlicher Forschung und technischer Entwicklung international sicher viel schwerer durchzusetzen ist als ein von allen Staaten gemeinsam vereinbartes Abkommen zur Arbeit unter definierten Kontrollen und Beschränkungen, das öffentliche Überwachung ermöglicht. Und zweitens, weil insbesondere die militärischen, aber auch die zivilökonomischen Einsatzmöglichkeiten viel zu verlockend sein dürften, als dass ein solches weltweites Forschungsverbot auf diesem Gebiet überhaupt zustande gebracht werden kann. In vieler Hinsicht kann uns hier der Umgang mit genetisch modifizierten Lebewesen lehren, wie ein solches Kontrollsystem aufgebaut und implementiert werden kann, aber auch, welche Schlupflöcher und Problemzonen es dabei zu beachten gibt. Man könnte sogar sagen: Wenn die Robotechniker tatsächlich künstliche Lebewesen konstruieren zu müssen meinen, so müssen sie sich ganz selbstverständlich auch den Kontrollmechanismen unterwerfen, die Biologen beim Umgang mit gefährdenden Organismen seit langem zu beachten gelernt haben.

Die Freiheit der Forschung ist dadurch in keiner Weise unangemessen eingeschränkt: Wer durch seine Forschung erkennbare Gefahren für sich selbst, für seine Mitmenschen und für die belebte und unbelebte Umwelt heraufbeschwört, muss sich gefallen lassen, dass die Menschengemeinschaft durch ihre ausführenden Organe, die staatlichen und überstaatlichen Institutionen, seinem Handeln Grenzen setzt und es je nach der Stärke der Gefahren entsprechenden Kontrollen und Sanktionen unterwirft. Wissenschaft und Forschung sind zwar wie die Künste Formen kreativer Nutzung menschlichen Erfindungsvermögens und menschlicher Freiheit. Aber in dieser Hinsicht gibt es eben auch Unterschiede zwischen diesen Bereichen menschlicher Innovationsleistungen. Kunst (Fiktion) darf nahezu alles als schöpferisches Spiel menschlichen Geistes; dies gilt durchaus auch für Kunst, die auf wissenschaftlichen Grundlagen blüht (Science-Fiction). Wissenschaft kennt diese spielerische Erkenntnissuche durchaus auch und verdient und benötigt darin ebenfalls weitestreichende Freiheit. Aber wenn Erkenntnisse in die praktische Tat umgesetzt werden, wenn aus Forschung Entwicklung, aus Fiction sozusagen Faction wird – dann darf, dann muss die Gesellschaft ihren eigenen Interessen gegenüber der Erfindungslust und dem Tatendrang der Forscher und Techniker Geltung verschaffen. Im Begründungszwang steht dann nicht die Gesellschaft, sondern der Forscher und Ingenieur, der etwas Neues machen will, umso schärfer, je weitreichender die Folgen seines Handelns sein könnten. Soweit zur Frage der selbstvermehrungsfähigen, gegebenenfalls sogar evolutionsfähigen „Kunstlebewesen“.

Es gibt dazu jedoch noch eine ganz andere – noch stärker biotechnische – Optimierungsvision für den Menschen: nämlich die wachsende Möglichkeit der Verschmelzung von Mensch und Maschine im Sinne technischer Hilfen zur Behebung mannigfacher Beschädigungen oder auch zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten, also zur technischen Optimierung des Menschen. Am eindrücklichsten ist dabei sicher die Vorstellung eines Menschengehirns, das mit Rechnerchips aus- und aufgerüstet aus jedem Durchschnittskopf nicht nur einen schier allwissenden Polyhistor mit Zugang zu allen Dateien menschlichen Wissens machen könnte, sondern das zugleich den Weg dazu eröffnet, nah und fern mit drahtloser Übertragungstechnik mit anderen solchen „Chipköpfen“ in Gedankenaustausch treten zu können, sozusagen mit eingebauter Handyfreisprecheinrichtung mit drahtlosem Internetanschluss im Schädel.

Zunächst und vorweg: Nichts, aber auch gar nichts würde Menschen zwingen, mit sich machen zu lassen, was sie nicht mit sich machen lassen wollen – jedenfalls in freien, demokratisch verfassten Rechtsstaaten. Das gilt für den Einzelnen genauso, wie es für ganze Bevölkerungen gilt: Der Weg von Science-Fiction zur praktischen Anwendung muss auch hier durch das enge Tor moralischer und rechtlicher Beurteilung gehen, die sich an den strengen Maßstäben der unantastbaren Rechte jedes Menschen auf Selbstbestimmung, auf Verfügung über sich selbst im Rahmen des sittlich Vertretbaren und rechtlich Zulässigen richten muss. Wer also hier gleich vor dem Mensch-Maschine-Fabelzwitter – analog zu den griechischen Hippokentauren, also Technokentauren – warnt, der sollte doch auch dazusagen, dass das Rechtssystem eines freiheitlichen Staates durchaus imstande sein wird zu verhindern, dass sich hier Entwicklungen vollziehen, die die Mehrheit der Bürger ablehnen, ganz abgesehen vom Widerspruchsrecht jedes Einzelnen gegen „Behandlungen“, die er nicht mit sich geschehen lassen will. Dieses ist schon heute bei jedem operativen Eingriff – selbst einer einfachen diagnostischen Blutabnahme – so, warum sollte dies künftig anders sein?

Zum Zweiten ist daran zu erinnern, dass die Nutzung mechanisch, chemisch oder elektrisch auf den menschlichen Körper zur Sicherung von dessen Funktionsfähigkeit einwirkender Implantate bereits seit langem und heute öfter denn je Leben rettet und verlängert, aktive Daseinsverwirklichung ermöglicht, unerträgliche Schmerzen beseitigt, peinigende Angstattacken verhindert, kurzum genau das tut, was medizinische Therapie seit jeher zu tun versucht. Man muss sich zum Beispiel nur die Bildberichte über die Paralympics ansehen, um einen Respekt erweckenden Eindruck davon zu gewinnen, in wie vielfältiger und geradezu ingeniöser Weise medizintechnische Prothetik schwerstbehinderten Menschen sportliche Leistungen ermöglicht, die oft von durchschnittlich sportlichen Gesunden kaum erreicht werden. Die Zahl der – sei es genetisch bedingt, sei es durch Umwelteinflüsse auf die Entwicklung, sei es durch Kriegsverletzungen oder Unfälle aller Art – behinderten oder verstümmelten Menschen geht weltweit in die Abermillionen. Zählt man dazu noch die ebenfalls vielen Millionen Menschen mit Vielfachgelenkentzündungen (Polyarthritis) und Gelenkrheuma, denen mit künstlichen Gelenken Schmerzen gemildert und Beweglichkeit wiedergeschenkt werden kann, und auch die Träger von Herzschrittmachern oder Gefäßerweiterungshilfen, dann sollte man es sich sehr gut überlegen, ehe man die Nutzung von Prothesen oder Implantaten pauschal als Bedenken erregende Technotransformation des menschlichen Körpers in Frage stellt. Und warum dann nicht auch gleich Verpönung des Tragens von Brillen oder Hörgeräten? Ist es nicht gerade das zentrale Humanum menschlicher Kulturfähigkeit, der Natur nicht einfach ihren Lauf zu lassen – wie jedes Rindvieh das muss –, sondern in eigener Verantwortung Hand anzulegen, also ganz wörtlich: zu manipulieren, um menschliches Leben zu ermöglichen, zu erhalten, zu erleichtern und auch zu verbessern?

Nicht anders dürfte sich dies bald in wachsendem Maß damit verhalten, dass nicht nur Hilfsorgane aus Polymerchemie, Keramik oder Metall, sondern aus spezifisch gelenkten Zellkulturen Mängel und Schäden versagender menschlicher Körper ausgleichen. Schon heute gilt das für Haut- und Organtransplantate, Blutinfusionen, Knochenmarktransfer; dazu werden mit großer Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft weitere Gewebe- und Organunterstützungen aus Stammzellkulturen kommen, vielleicht auch in manchen Fällen Xeno-Transplantate von Spendertieren. Ich sage voraus, dass so manche hochethisch aufgeladene Debatte über die Zulässigkeit der therapeutischen Nutzung embryonaler Stammzellen sehr viel lebensnäher und nüchterner ablaufen wird, wenn sich die – heute noch allzu fantasievollen – Hoffnungen einer Therapie von Parkinson-, Alzheimer- oder Multiple-Sklerose-Kranken bewahrheiten sollten. Selbstverständlich wäre es uns allen noch viel lieber, wenn solche Gewebe- und Organersatzleistungen aus Zellkulturen eigener adulter Stammzellen entwickelt werden könnten, ohne dass dafür menschliche Embryonen geopfert werden müssen, doch ist es zu früh zu entscheiden, ob diese vorzuziehende Möglichkeit sich in jedem Fall verwirklichen lassen wird.

Fragwürdige Verbesserung des Erbguts

Mit genetischer, biotechnischer Menschenverbesserung hat das, was sich einigermaßen realistisch erwarten und – aus Sicht der Kranken und ihrer Angehörigen – erhoffen lässt, nämlich sehr wenig zu tun, selbst wenn – was derzeit noch kühne Visionen sind – wenigstens einige besonders schwere genetisch bedingte Leiden gelindert oder gar geheilt werden könnten. Auf somatische Gentherapie durch einzelne geschädigte Gene bewirkter Leiden haben sich seit mehr als einem Jahrzehnt große Erwartungen gerichtet: bisher leider mit seltenen Erfolgen, die zudem auch noch schädliche Spätfolgen (zum Beispiel krebshaftes Gewebewachstum) befürchten lassen. Von einer „Verbesserung des Erbguts“ durch Keimbahntherapie kann gar keine Rede sein; wir haben zudem sehr gute Gründe, diese aus moralischer Bewertung abzulehnen.

Deshalb richten sich verständlicherweise viele Hoffnungen auf die Therapie mittels Ersatzgewebe aus Stammzellen; sie hat sich zum Beispiel mit Blut bildenden Zellen des Knochenmarks bereits bewährt. Andere Zell- und Gewebekulturen aus körpereigenen („adulten“) Stammzellen werden sicherlich entwickelt werden. Auf embryonale Stammzellen aus Stammzelllinien, die aus nicht mehr implantierbaren künstlich befruchteten („überzähligen“) Embryonen stammen, richten sich wegen der Vielseitigkeit und Wuchsfreudigkeit solcher Zellen große Hoffnungen. Stammen sie aus genetisch fremden Embryonen, wie es dabei die Regel wäre, bleiben aber hinsichtlich der Abstoßungsgefahr solcherart gewonnener Ersatzgewebe noch viele Fragen offen. Versucht man dies durch die Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen zu umgehen, die durch somatischen Kerntransfer in entkernte Eizellen (also nach der Dolly-Methode) gewonnen werden, so ergeben sich zusätzlich ethisch-rechtliche Probleme von der Freiwilligkeit der Eizellenspende bis zur Gefahr der Ermöglichung des unzulässigen reproduktiven Klonens ganzer Menschenindividuen; zwar halte ich diese Probleme in Abwägung von Heilungschancen für schwer kranke Menschen ethisch und rechtlich für vertretbar zu lösen, doch ist die Mehrheit des Deutschen Bundestages dazu anderer Meinung und hat therapeutisches Klonen beim Menschen derzeit verboten. Dies ist zur Zeit auch durchaus angemessen, da erst noch in Tierversuchen überzeugend zu belegen bleibt, dass therapeutisches Klonen beim Menschen überhaupt als Heilverfahren aussichtsreich wäre.

Aber selbst wenn all dies gelänge: Mehr als die teilweise oder vielleicht in Einzelfällen vollständige Heilung genetisch schwer beschädigter Patienten wäre dadurch selbst im günstigsten Fall nicht zu erreichen. Von einer „Verbesserung des Menschen“ könnte dabei gar keine Rede sein.

Dies gilt insbesondere für geradezu wahnhafte Vorstellungen über die Steigerung menschlicher Intelligenz und sonstiger geistiger Leistungsfähigkeiten des Menschen, seiner Gesundheit, seiner Vitalität oder seiner Schönheit. Solche und ähnliche Eigenschaften hängen erstens niemals nur von Genen ab und zweitens, soweit sie dies tun, von so vielen verschiedenen Genen (polygene Vererbung), dass eine „genetische Optimierung der Menschheit“ durch genetische Manipulation ganz und gar ausgeschlossen erscheint. Genauso gilt dies für eine immer wieder fantasievoll in Aussicht genommene Erhöhung der Langlebigkeit des Menschen; manche träumen gar von seiner Unsterblichkeit. Das ist nicht nur blanker Unsinn; es wäre noch nicht einmal wünschbar, da damit nicht ewige Jugend, sondern allenfalls ausgedehntes Greisendasein zu gewinnen wäre: wahrhaftig keine verlockende Perspektive biotechnischer Optimierung!

Verantwortungsloses Gen-Manipulieren

Ganz allgemein lässt sich wohl resümieren: Wer tatsächlich verantwortungslos und dumm genug wäre, die Menschheit gentechnisch optimieren zu wollen, würde wohl allenfalls eine Vermehrung künstlich gezeugter Krüppel zustande bringen. Für reproduktives Klonen, das manche Verrückte unbedingt versuchen wollen, gilt übrigens genau dasselbe.

Auch vermehrter Einsatz von Präimplantationsdiagnostik wird, wenn sie sich durchsetzt, was wir die betroffenen Eltern selbst entscheiden lassen sollten, so wenig zu einer Optimierung der Menschheit durch genetische Selektion führen, wie dies durch die heute weithin angewandte Pränataldiagnostik der Fall ist. Alles, was dadurch allenfalls bewirkt werden kann, ist, dass weniger genetisch schwer geschädigte Kinder geboren und zu einer meist kurzen Leidensexistenz verurteilt werden – also Leidensvermeidung für Kinder und Eltern, nicht aber Idealkinderzucht ist die wahrscheinlichste Folge solcher genetischen Frühdiagnostik sowie freiwilliger Verzicht darauf, sehenden Auges schwer kranke Kinder in die Welt zu setzen.

Nun mag mancher sagen: alles gut und schön, aber dies sind sozusagen alles technische Eingriffe und Ergänzungen auf rein körperlichem Niveau. Das Gehirn, das Organ unseres Seelenlebens, wird dadurch doch nicht betroffen. Aber selbst hier gibt es manches vergleichend zu bedenken. Nur wenige Menschen zögern, ihr Gehirn durch chemische Einwirkungen in seinen Leistungen zu beeinflussen – also chemotechnisch zu manipulieren! Das reicht von der harmlosen Koffeindosis des Frühstücksgetränkes bis zum Aufmunterungsdrink vor dem Flirt, von der Schlaf- oder Weckpille bis zur Stimmungsaufhellerdroge für trübe Stunden oder der Erektionshilfepille für ermattete Glieder, von härteren Lust- und Suchtdrogen gar nicht zu sprechen. Es wird auch nicht sehr viele Menschen geben, die – im Falle einer schweren Parkinson-Schüttellähmung – zögern werden, Zellimplantate vor- oder hinzunehmen, wenn diese das Leiden mildern oder gar heilen können sollten, und bei anderen neurodegenerativen Krankheiten wird dies nicht anders sein, bis hin zur Hoffnung auf Therapien durch ins Gehirn eingeschleuste Reparatur-Gene. Oder denken wir an den tragischen Ausfall wichtiger Sinnesorgane: Wer würde sich nicht wünschen, dass für Erblindete oder Ertaubte möglichst bald Sensorchips zur Verfügung stehen, die sich so mit intakten Seh- oder Hörnerven verbinden lassen, dass wenigstens gewisse Seh- oder Hörfähigkeiten wiedergewonnen werden können? Da das Wirbeltierauge ja nichts anderes als ein ausgestülpter Gehirnteil ist, befänden wir uns mit einer solchen Techno-Retina-Implantation bereits mitten im Gehirn, jenem großartigen geistigen Zentralorgan, das schließlich auch nur aus Zellen aus „Fleisch und Blut“, also genauer aus biochemischen Bestandteilen, Salzen und Wasser besteht wie andere Organe auch, allerdings aus ungeheuer vielen Zellen, vielen Milliarden davon bei uns Menschen, mit ungeheuer vielen und ungeheuer komplex konfigurierten Faserverbindungen zwischen all diesen Zellen und dem Rest des Körpers. Wieso soll es daher in irgendeiner Weise erschreckender sein, durch chemische oder mechanischelektrische Eingriffe und Implantate verlorene oder gestörte Funktionen dieses Organs wiederherzustellen als bei Herz oder Niere? Man stelle sich nur vor, mit welcher Sehnsucht ungezählte Querschnittsgelähmte darauf hoffen, dass ihnen leistungsfähige Rechnerchips eingepflanzt werden, die ihnen mit vielen Dutzenden Muskeln verdrahtet oder gar drahtlos wenigstens etwas von ihrer Bewegungsfähigkeit zurückgeben. Genauso hoffnungserweckend erscheinen die neuerdings explorierten Möglichkeiten, mittels der bei Denk- und Willensvorgängen im Gehirn auftretenden spezifischen elektromagnetischen Signale in der Außenwelt Signalempfänger zu beeinflussen – einen Bildschirmkursor, der dadurch Buchstaben für eine sprachliche Verständigung zusammensetzen hilft, einen Roboterarm, der einen Kranken mit Greifbewegungen unterstützen kann.

Ich meine, wir sollten uns in solchen Stufen an das Problem heranbewegen, das viele mit den noch sehr fiktionalen Vorstellungen der Rechnerdenk- und Gedächtnisaufrüstung menschlicher Gehirne durch Chipimplantate verbinden und gerne als Gruselszenarien ausmalen. Zugegeben: Dazu kann man sich leicht Schreckensbilder vorstellen, zum Beispiel von ferngesteuerten Zombies, die sich wie Modellbauflugzeuge als elektromagnetisch geführte Marionetten bewegen. Kein schöner Gedanke. Allerdings stören wir uns seltsamerweise gar nicht so sehr daran, wenn schon heute unter uns Menschen weilen, die ganz und gar der totalen mentalen Fremdsteuerung unter Psychosektenkontrolle oder Terrorideologien unterliegen und sich auf Befehl als Selbstmordattentäter zusammen mit Sprengstoff in die Luft jagen. Die Fremdsteuerung beginnt also keineswegs mit dem Mikrochip hinterm Ohr, sondern viel eher schon mit der beschwörenden Einflüsterung ins Ohr! Vielleicht ist fanatischer, nationalistischer oder religiöser Glaube eine viel wirkungsvollere Programmierung empfänglicher Gehirne und Gemüter, als auch durch die raffinierteste Chip-Software jemals zustande kommen könnte. Dennoch, hier wie dort gilt das vorher für die Wahrung der Menschenrechte eines jeden Menschen Gesagte.

Computerchips haben keinen Geist

Allerdings sollte man nun doch auch anmerken, dass zwar die rechnerunterstützte elektromagnetische Manipulation an gestörten sensorischen Eingangspforten oder motorischen Programmausgaben durchaus immer mehr in den Bereich des Möglichen rücken mag, dass jedoch jene Bereiche des Gehirns, in denen sich die eigentlich geistig-seelischen, kognitiven, emotionalen und volitionalen Prozesse abspielen, nach wie vor nicht nur nahezu völlig unzugänglich für jede gezielte Verbindung mit einem Rechnerchip sind, sondern dass wir ihre Arbeitsweise, insbesondere bei Gedächtnisbildung, Urteilsfindung und Handlungsvorbereitung so völlig unzureichend verstehen, dass es beim Stand heutiger neurowissenschaftlicher Erkenntnisse geradezu lächerlich erscheint, eine solche „Geistesverstärkung“ durch Chipimplantate auch nur ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Solchen Vorstellungen liegt übrigens erneut ein so veraltetes, grobes, schematisch-lokalisatorisches Denken über die neuralen Grundlagen geistiger Leistungen zugrunde, wie sie eigentlich nur jemand hegen kann, der meint, ein Gehirn sei geradeso verdrahtet und verlötet wie eine Rechnerplatine. Zwar verstehen wir die dynamischen physiologischen Prozesse, die kognitiven wie motorischen Leistungen des Gehirns zugrunde liegen, noch nicht einmal bei einer Fliege oder Küchenschabe – von solchen Wunderwesen wie Ameisen oder Bienen gar nicht zu reden –, obwohl uns diese Insekten doch wirklich wie kleine biologische Robotermaschinen vorkommen, aber so viel wissen wir doch vor allem von den Prozessen, die sich im Gehirn von Säugetieren und Menschen abspielen, dass sie sich jeder Punkt-zu-Punkt-Abbildung auf die Eingangs-/Ausgangs-Matrix eines Mikrochips entziehen.

Da scheint es doch noch immer tausendfach leichter und lohnender, unser Gehirn und seine geistigen Leistungen dadurch zu optimieren, dass wir jene Methoden weiter nutzen und perfektionieren, die der Menschheit seit Anbeginn zur Verfügung standen, nämlich soziales Lernen in sprachlicher Kommunikation zwischen Menschen, und die seit einigen Jahrtausenden durch die Erfindung von Schriften und seit wenigen Jahrzehnten durch die Erfindung Daten speichernder und Daten verarbeitender Maschinen fast ins Unermessliche gesteigert und erweitert werden konnten – bis hin zur Nutzung des Internet, das uns in wenigen Jahrzehnten, wenn nicht Jahren dazu instand setzen wird, buchstäblich potenziell alle Menschen miteinander und mit allen jemals gewonnenen Erkenntnissen oder festgehaltenen Gedanken in Verbindung zu bringen. Der dadurch erreichbare Zugewinn an kollektiver menschlicher Intelligenz und Wissensfähigkeit dürfte das weit übersteigen, was sich jemals dadurch bewerkstelligen ließe, dass eine Technofreakavantgarde mit einem Computerimplantat im Schädel herumläuft. Vermutlich dürften sich solche Technonarren zu jenen Leuten, die ganz ohne Roboterisierung ihres Gehirns einfach die immens gesteigerten Möglichkeiten nutzen, die eine perfektionierte kommunikative Nutzung von Rechnern und mit Rechnern bereitstellt, ähnlich verhalten wie jene traurigen Walkman-Zappler, die sich die Ohren zustöpseln und das Gehirn mit Musikkonserven zudröhnen, zu Menschen, die nach gründlicher Übung lieber selbst kreativ musizieren. Die nanogentechnischen und computertechnischen Optimierungsfantasien sind nicht nur herrlich geeignet, sich darüber aufzuregen, vielleicht auch, um damit ein Medienspektakel zu inszenieren; viel wichtiger aber sind diese begeisterten oder vor Schrecken entgeisterten Visionen und genauso das große Medienecho, das sie auszulösen vermochten, dadurch geworden, dass sie viele Menschen dazu verleitet oder gezwungen haben, sich viel näher mit dem zu befassen, worum es hier geht, als sie es sonst wohl getan hätten. Ich zähle mich gerne dazu. Diese Visionen können uns nämlich die Augen dafür öffnen, welche enormen Machtzuwächse an technischen Verfügungsmöglichkeiten mit den rapiden Fortschritten von Computertechnik, Nanotechnologie, Robotik und Gentechnik einhergehen, insbesondere, wenn alle diese diversen fachlichen Entwicklungen ihre Kräfte verbinden. Machtzuwächse müssen aber immer zugleich Verantwortungszuwächse und, wo nötig, Kontrollzuwächse mit sich bringen, wenn der menschliche Zauberlehrling nicht die Herrschaft über seine dienstbaren Geister verlieren soll. Deshalb ist auch Panik vor all dem ungewohnten, unbedachten, unvorhergesehenen Neuen genau die falsche Reaktion: Eine Herde in Panik, auch eine menschliche Herde, trampelt sich eher gegenseitig auf wilder Flucht zu Tode, als die Lage nüchtern einzuschätzen und Auswege aus erkennbaren oder befürchteten Gefahren zu suchen.