08.03.2009

Inwendige Raumfahrt: „Abwegige Orte aufsuchen, das zeitigt einen Zauber der Entdeckung, der sich zur

Von Vasile V. Poenaru

Novo-Autor Vasile V. Poenaru spricht mit dem NASA-Ingenieur Dr. Ara V. Nefian über den Zauber der Raumfahrt und seine Aufgaben als führender Experte in der Intelligent Robotics Group der amerikanischen Weltraumbehörde, die u.a. auch für den Mars-Rover „Curiostiy“ verantwortlich ist.

„There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.” – Shakespeare, Hamlet


Der aus Rumänien stammende NASA-Experte Dr. Ara V. Nefian ist seit mehreren Jahren in führender Position beim Intelligent Robotics Group des NASA Ames Research Center und als Wissenschaftler an der Carnegie Mellon University (Silicon Valley) tätig. Er leitet u.a. das Lunar Mapping and Modeling Project (die Vermessung des Mondes). Vor seiner Promotion am Georgia Institute of Technology (1999) studierte er Ingenieurwissenschaften (Elektronik) am Bukarester Polytechnikum. Zehn seiner Erfindungen wurden bereits in den USA sowie auch international patentiert.



Vasile V. Poenaru: Lieber Herr Nefian, es heißt, Sie wollen zum Mars. Stimmt das? Ist das ein Traum? Wird der Traum wahr?

Ara V. Nefian:Gerüchte sind fast immer wahr, oder sie sind stets beinahe wahr. Zum Mars gelangen, das ist ein Traum; dabei stehe ich gegenwärtig im Begriff, eine Software-Komponente zu entwickeln, anhand derer Bilder von Curiosity (Mars Science Lab) verwertet werden sollen. Diese Bilder werden automatisch vom Rover auf dem Mars bezogen, und das System erstellt dann ein dreidimensionales Modell des durchquerten Mars-Geländes.

Beam me up, Scotty. Wie sieht der tägliche Arbeitsweg eines NASA-Experten aus? Und wo genau befindet sich Ihr Arbeitsplatz?

Ich arbeite beim NASA Ames Research Center in Moffett Field in Kalifornien, das liegt so an die 40 Meilen südlich von San Francisco. Ich brauche anderthalb Stunden, um zu meinem Arbeitsplatz zu gelangen, die Hälfte der Strecke lege ich mit dem Fahrrad zurück und die andere Hälfte mit der Bahn. Hört sich wohl echt lang an. Irgendwie ist mir aber zumute, als hätte ich bis zu meinem Arbeitsplatz überhaupt keine Strecke zurückzulegen, denn die Fahrt ist sehr angenehm, und – Hand aufs Herz –  im Zug kann ich ja ganz gut arbeiten. Und was den Teil der Strecke anbelangt, den ich per Fahrrad zurücklege: es gibt viele Touristen, die ein Heidengeld zahlen, um auf den Hügeln von San Francisco Rad zu fahren.


Gesetzt Sie könnten eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen. Wo würden Sie an sich die ersten Anzeichen von dem erkennen, was nun Ihren Alltag ausmacht, den ersten Impuls, andere Welten in Augenschein zu nehmen, vertrauten Boden und vertraute Himmel zu verlassen, um einen Planeten zu umfassen, all seine Geheimnisse kennen zu lernen?

Bei der ersten Mondlandung war ich gerade mal sechs Monate alt. Meine Eltern ließen mich das Ganze spät in der Nacht im Fernsehen mitbekommen. Niemand behält seine Erinnerungen aus einem so kleinen Alter, aber es gibt keine bewährte Theorie, die besagen würde, dass dasjenige, was uns in einem so zarten Alter widerfährt, nicht etwa einen Fingerabdruck auf dem hinterlässt, was wir später so tun. Vielleicht hat jene Nacht, auf die ich mich nicht besinne, zu meinem Interesse an der Raumfahrt beigetragen und irgendwie dasjenige mit gestaltet, womit ich mich heute beschäftige.


Die Milchstraße hat einen Heiligenschein, NASA hat einen Gral – oder doch jedenfalls ein GRAIL (Gravity Recovery and Interior Laboratory mission), der Mars wimmelt nur so von winzigen grünen Kerlen, wenigstens erzählt man sich das. Sie bewegen sich gewiss in höheren Gefilden als die meisten Ingenieure, ja als die meisten Menschen überhaupt. Sind Intuition, Emotion und Offenbarung da am rechten Platz, wo kein Mensch je seinen Fuß setzte?

Abwegige Orte aufsuchen, das zeitigt –  ebenso wie die Arbeit an einem Forschungsprojekt –  einen Zauber der Entdeckung, der sich zur Genugtuung der vollbrachten Tat hinzu gesellt. Sehr wenige Menschen haben das Privileg und den Mut, unbekannte Regionen zu erkunden, doch abenteuerreiche Unternehmungen bringen einen dem Sinn und dem Wesen einer Entdeckungsreise näher.


Die NASA ist ein Mythos, und NASA-Ingenieure sind Helden, so Der Spiegel, 25.07.2008 („50 Jahre Nasa“). Wo begann Ihr heroischer Werdegang? Warum schaut sich einer vom schönen Standpunkt Kalifornien aus die Sterne hoch oben am Himmel an?

NASA-Ingenieure, Wissenschaftler und insbesondere die Astronauten leisten tatsächlich so manches, was im wörtlichen Sinne zu einer anderen Welt gehört, und wenn ich aus der Erfahrung der Arbeitsplätze heraus sprechen darf, die ich kenne, muss ich schon sagen, dass sich die NASA in Sachen Ingenieurwissenschaft und Weltraumerforschung die allerehrgeizigsten Ziele steckt – und diese auch sehr oft erreicht. “The sky is the limit”, nach dieser Vorstellung richten viele Menschen in Kalifornien ihr Leben.


Ein Click auf die NASA-Webseite erweist, dass Sie nicht nur das Lunar Mapping and Modeling Project leiten, sondern auch weitere Initiativen. Bitte gehen Sie näher auf Ihr gegenwärtiges Aufgabenfeld ein.

Kurz zusammengefasst: Ich leite ein planetarisches Vermessungsteam, ein Team, das Bildverarbeitungstechniken und Vermessungsprodukte für planetare Erforschungen entwickelt. Die im Rahmen laufender Mars- und Mondeinsätze erfassten Informationen (meist Bilder) werden automatisch verarbeitet und dienen dann als Grundlage zur Erstellung von zweidimensionalen und dreidimensionalen Karten, die an die Wissenschaftler und Missionsplaner im Hinblick auf künftige bemannte oder vollautomatisierte Einsätze weitergeleitet werden. Kürzlich haben wir auf Grund der Aufnahmen der Apolo-Einsätze (die über nicht weniger als 18% der gesamten Mondoberfläche Aufschluss geben) unter Berücksichtigung des Geländes und des Beleuchtungsfaktors (albedo) eine Mondkarte mit einer bislang noch nie gewährleisteten Auflösung erstellt. Bald soll diese Karte der Öffentlichkeit auf Google Earth/Moon zur Verfügung stehen. Wie gesagt bin ich auch im Umfeld des Mars Science Lab (Curiosity) tätig, indem ich Bildverarbeitungstechniken zur Ortung, Nachvollziehung und Vermessung des Bahnverlaufs des Rovers auf der Marsoberfläche entwickle.


Das moralische Gesetz in uns: Seit Kant wird es mit dem sternbedeckten Himmel über uns in Verbindung gebracht. In seinem Gedicht „Luceafărul“ („Der Abendstern“) verortet der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu seinen Helden zwischen zwei sternbedeckten Himmeln; einer ist oben, der andere unten. Auf und ab, inwendig, auswendig, geradeaus und rundherum: das weitere Bezugsystem Ihrer Arbeit dürfte für Erdmenschen ziemlich verwirrend sein. Vermessen Sie mehr, als das Auge wahrnimmt? Kommt es Ihnen manchmal vor, dass Sie etwas tun, was nicht ganz wirklich sei?

Wir sind allesamt in den Einzelheiten unserer Arbeit befangen, und in den Bestrebungen, Fehler zu beheben und bessere, schnellere und zuverlässigere Produkte zu erzeugen. Gelegentlich mache ich mir dafür Zeit, mal abzuschalten und mich dem Gedanken hinzugeben, wie glücklich ich bin, an Projekten mit zu wirken, die ungemein weit entfernte Welten angehen. Doch, die Frage habe ich mir manchmal schon gestellt: Ist das die Wirklichkeit? Sind diese Mond-Bilder dieselben, die im Rahmen der ersten Mondlandung erfasst wurden, damals, als mich meine Eltern in der Nacht wach bleiben ließen?


Was ist das Rezept Ihres beruflichen Alltags? Ein Teil Routine, ein Teil Durchbruch und ein Teil Schweigen?

Die Routine spielt nur eine geringe Rolle, und das Schweigen überhaupt keine.  Die meiste Zeit bemühe ich mich, die besten Lösungen für Probleme zu finden, und der Durchbruch tritt selten ein, regt uns dann jedoch immer an, bis zum jeweils nächsten Durchbruch weiterzumachen.


Wir leben innerhalb der Sterne, und die Sterne leben in uns. So würde es Wilhelm von Humboldt sagen, wäre er Teil der Mission to Mars. Aber bei Humboldt drehte sich ja alles um die Sprache – und um die Vermessung des Kulturellen. Leben Sie an der Grenze der Dinge oder tief im Innern?

Man kann nicht zur Grenze des Erfassbaren vordringen, ohne tief ins Innere zu blicken und aus dem, was wir bereits wissen, einen Sinn zusammen zu reimen.


Nehmen wir mal an, Sie seien im Weltall. Was sehen Sie, wenn Ihnen auf der Milchstraße vor dem dritten Planeten eines mittelgroßen Sterns eine glückliche Wendung gelingt? Die Karpaten? Die Rockies? Anders gesagt, wie eigenartig ist es, good old San Francisco Ihr Zuhause zu nennen? Und wie weit entfernt von zu Hause ist das Zuhause?

Je nach der Zeit und der Positionierung kann einer den Ararat, die Karpaten oder die Rockies erblicken, ja vielleicht sogar San Francisco oder Bukarest. Dabei sehen wir von all diesen Blickpunkten aus dasselbe Bild der Milchstraße, soweit wir unseren Blick nur hinreichend bemühen.