25.11.2008

Indymedia oder: Mülleimer per E-Mail

Von Andreas Neubrand

Nur anfangs schien es so, als ob de.indymedia.org zu einer seriösen Quelle für die etablierten Medien werden könnte. Dennoch: Es lohnt sich, die Seite zu besuchen, wenn man einen Eindruck vom gegenwärtigen Zustand der linken Szene gewinnen will.

Was zu viel ist, ist zu viel. Am 3. September 2007 musste sich Nora ihr Erlebnis aus dem Berliner Görlitzpark von der Seele schreiben: „In der einen Sekunde bei einem friedlichen Plauderstündchen, in der nächsten schon mitten in einem rassistischen Großeinsatz der Berliner Polizei. So ging es heute den BesucherInnen des Görlitzer Parks in Berlin-Kreuzberg. Gegen 16.30 schlugen circa 60 PolizistInnen, teils in grüner oder schwarzer Prügelmontur, teils in Zivil oder als Müllmänner verkleidet im Görli auf. Zwei orange Müllwagen der Berliner Stadtreinigung hielten bei einer Gruppe von Schwarzen. Heraus sprangen Riotcops um eine sofortige Hetzjagd auf die teilweise flüchtenden Menschen zu veranstalten.“

Was sich liest wie ein unbeholfener Schüleraufsatz (Thema: Meine schönste antifaschistische Empörung), ist ein ganz normaler Beitrag auf der Internetseite Indymedia, der bekanntesten „open-source“-Plattform für linke Aktivisten im Internet. Indymedia erblickte in Deutschland im Jahr 2001 im Zuge der Demonstrationen gegen die Castortransporte sowie der Proteste gegen das Treffen des Internationalen Währungsfond in Prag. Heute ist die Webseite nicht mehr allein Koordinationsnetzwerk für linke Proteste. Vielmehr werden hier Nachberichte von Demonstrationen sowie eigene Erfahrungs- und Erlebnisberichte und rechtliche Tipps und Tricks (von oftmals zweifelhaftem Wahrheitsgehalt) gepostet.

In Deutschland hat sich die anfängliche Begeisterung für Indymedia jedoch deutlich abgekühlt. In ihrer Diplomarbeit „Indymedia Deutschland – vom vielbeachteten Start zum unbeachteten Medium“ (online verfügbar unter www.wortkonserve.de/Indymedia/IndymediaDeutschland.pdf) zeichnet Susanne Högemann nach, dass sich Zeitungen immer seltener auf Indymedia berufen. Nur die taz berichtet heute noch regelmäßig über Indymedia oder benutzt sie als Quellen. Denn die Idee des freien und anonymen Verfassens von Beiträgen bringt auch Nachteile mit sich. Zwei Gefahren sahen schon die Betreiber der ersten Stunde: zum einen, dass die Seite von Nazis missbraucht werden könnte, und zum anderen, dass sich zu ein und demselben Ereignis dutzende nahezu identische Artikel ansammeln. Gelöst wurden beide Probleme dadurch, dass als problematisch geltende Artikel oder auch der 20. Bericht zu einer Demonstration gegen Faschismus in Worpswede in den „Mülleimer“ verbannt werden, den man sich jedoch jederzeit per E-Mail zuschicken lassen kann.

Als größte Achillesferse entpuppt sich für Indymedia der anfängliche Vorzug des „open-source“. Die Idee, dass jeder anonym einen Bericht verfassen kann, bedeutet zugleich einen enormen Qualitätsverfall der Berichte, was zulasten der wenigen guten und interessanten Beiträge geht. Dennoch – oder gerade deswegen – legt die Seite heute beredtes Zeugnis ab über den intellektuellen Zustand der linken Szene: Getreu dem Motto „Was links ist bestimme ich“ wird auf jedem herumgehackt, der nicht dasselbe Weltbild vertritt. Ansonsten sind die meisten Beiträge Selbstbeweihräucherung linken Selbstverständnisses und unreflektierte Panikmache. Da wird die Eröffnung eines Thor-Steiner-Ladens zum Vorboten des Vierten Reiches gestempelt und mit dem Blockieren eines NDP-Standes in der Fußgängerzone das Abendland gerettet. Dieses Suhlen in der eigenen Glückseligkeit und die damit einhergehende Kritiklosigkeit verhindert, dass Indymedia über die linke Szene hinaus in die Gesellschaft wirkt. Doch so lange angehende SozialpädagogInnen in jeder Personenkontrolle eine rassistisch motivierte Tat sehen, werden Plattformen wie Indymedia wohl weiter existieren.

Die Opfer rassistischer Gewalt aus dem Berliner Görlitzpark entpuppten sich übrigens als Drogendealer. Was aber für die Indymediagemeinde kein Grund war, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Allerdings hat man sich noch nicht entschieden, ob man zu ihnen hält, weil sie schwarz sind oder weil sie Drogen verkaufen. Diese schwerwiegende Entscheidung steht noch aus.