02.11.2011

„In Deutschland sind die Schulen voll mit Eltern“

Interview mit Barbara Vinken

Novo-Redakteurin Sabine Beppler-Spahl interviewt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken. Die Autorin von „Die deutsche Mutter – der lange Schatten eines Mythos“ spricht über weibliche Rollenbilder, moderne Elternschaft und die Schwächen des hiesigen Bildungssystems

Sabine Beppler-Spahl: Frau Professor Vinken, Sie sind Autorin des 2007 erschienenen Buches “Die deutsche Mutter – der lange Schatten eines Mythos”. In Ihrem Buch befassen Sie sich mit der Frage, warum Kinder und ein erfülltes Berufsleben in Deutschland immer noch nicht zusammenzugehen scheinen. Das Thema hat, seitdem über eine Frauenquote diskutiert wird, an Aktualität gewonnen. Sie verharren aber nicht bei der Frage nach individuellen weiblichen Karrieren, sondern befassen sich mit einer Ideologie, die Sie mit dem Begriff des „Muttermythos“ umschreiben. Sie kritisieren ein Mutterbild, das auf einer bedingungslosen, aufopfernden Hinwendung zum Kind basiert. Was genau ist der Muttermythos?


Barbara Vinken: Bei uns wird Mutterschaft als eine Berufung wahrgenommen, neben der man eigentlich keinen eigenen Beruf mehr haben kann. Das drückt sich sozial z.B. so aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung davon ausgeht, ein Kleinkind leide darunter, wenn die Mutter arbeitet, oder dass man nicht beides haben kann - eine vollwertige Karriere und Kinder. Hierzulande glaubt eine überwältigende Mehrheit, sich entscheiden zu müssen zwischen Kindern und Karriere.


Sabine Beppler-Spahl: Ist das ein deutsches Phänomen?


Barbara Vinken: In dieser Schärfe, ja.


Sabine Beppler-Spahl: Deutsche Frauen verbringen sehr viel Zeit mit ihren Kindern und zwar mehr als früher. Sie fahren ihre Kinder zu Freizeitaktivitäten, helfen bei den Hausaufgaben usw.


Barbara Vinken: Ja, Kinder sind zu einem Vollzeitprojekt geworden und das Jahrhundert des Kindes, als das das 20. ausgerufen worden war, ist noch lange nicht zu Ende. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass jetzt jedes Kind ein Wunschkind ist. In den sechziger Jahren, als es noch keine Antibabypille gab und die Kinder, wie Adenauer mal so nett sagte, einfach so kamen, da machte man aus ihnen kein Vollzeitlebensprojekt. Jetzt scheint Kinder fördern und erziehen die volle und ausschließliche Aufmerksamkeit der Mütter einzufordern.


Sabine Beppler-Spahl: Dabei haben Mädchen und junge Frauen in den letzten Jahren, was z.B. Bildung betrifft, ihre männlichen Altergenossen überholt. Es machen heute mehr Mädchen Abitur als Jungen. Haben junge Frauen, die heute in den Beruf starten, nicht die gleichen Chancen wie ihre männlichen Altersgenossen?


Barbara Vinken: De jure schon. De facto nicht. Bildung bedeutet schon lange nicht mehr Zugangsmöglichkeit zu einem guten Beruf. Höhere Bildung ist zu einem Massenphänomen geworden und das hat natürlich zu einer Abwertung etwa des Abiturs oder auch der Universitätsabschlüsse geführt. Das heißt, es reicht für Frauen nicht zu studieren, um Karriere zu machen. Der deutsche Arbeitsmarkt ist nach wie vor durch Männer- und Frauenberufe und durch Teilzeit und Vollzeit extrem segregiert. Frauen haben in Deutschland nach wie vor schwache Karrieren; sogar in Vollzeit verdienen sie 25 Prozent weniger als ihre Kollegen. Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen ist damit der höchste in ganz Europa. Ganze 4 Prozent der Vorstände der DAX-Unternehmen sind weiblich – unterirdisch, wie Frau von der Leyen so schön sagte. Umgekehrt ist die überwältigende Mehrheit im Niedriglohnsektor ohne Aufstiegschancen weiblich. Diese krasse Benachteiligung von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat verschiedene Gründe. Einer dieser Gründe ist offensichtlich der Leitbildkonflikt, in dem junge Frauen stehen. Das Leitbild der erfolgreichen Frau kollidiert mit dem der guten Mutter. Und für viele ist hier bereits eine Vorentscheidung gefallen. Die Mutter findet es ist richtig und praktisch, sich erst einmal nur um das Kind zu kümmern, ihr Mann und alle anderen finden das auch. Genügend Betreuungsplätze gibt es ohnehin nicht. Nur 3 Prozent der Kinder im Alter von einem Jahr werden im Westen Deutschlands ganztätig betreut. Da müssen Frauen schon sehr bewusst die volle Berufstätigkeit wählen und frühzeitig die Weichen dafür stellen, um nicht blind auf dem Trampelpfad der guten Mutter zu landen.


Sabine Beppler-Spahl: Gibt es nicht auch einen Mythos der Väterlichkeit? So wie es das Bild der „guten Mutter“ gibt, gibt es ein nicht weniger ausgeprägtes Bild des „guten Vaters“. Dabei fällt auf, dass sich beide Rollen annähern. Die Gleichstellung zwischen Mann und Frau löst sich in der „guten Elternschaft“ beider auf. Hier ein Beispiel aus dem Elternbrief des Arbeitskreis Neue Erziehung e.V., der an fast alle Haushalte mit Kindern in Berlin verschickt wird. Da steht „Kinder brauchen Erwachsene, die Zeit für sie haben - – Väter, mit denen sie Kuchen backen können, Mütter, die ausgelassen im Schwimmbad mittoben“ [1]


Barbara Vinken: Es stimmt, dass die Kindzentriertheit und damit die Ansprüche an die Eltern, in den letzten Jahren enorm zugenommen haben. Dem Druck, gute Eltern zu sein, unterliegen die Mütter und die Väter gleichermaßen. Was allerdings die Mütter von den Vätern unterscheidet – und das können Sie sehr gut daran sehen, wie das Elterngeld in Anspruch genommen wird – ist, dass es bei den Vätern nicht wirklich zu einem Leitbildkonflikt kommt. Väter arbeiten nach der Geburt eines Kindes nach wie vor mehr als davor. Die Väter definieren sich klar primär als Brotverdiener. Das zeigt sich auch beim Erziehungsurlaub. Die Väter nehmen zwei Monate – die sonst „verfallen“ – aber nicht mehr. Sie sind zwar heute eingebundener in die Erziehung als früher, sehen aber dennoch die Kindererziehung klar als etwas, das neben dem Beruf herlaufen muss - und kann. Die Tatsache, dass die Väter fast immer die Besserverdienenden sind, lässt dies außerdem wie eine rationale Entscheidung aussehen.


Sabine Beppler-Spahl: Woher kommt denn dieser Druck, der auf Eltern ausgeübt wird und schon quasi mit der Geburt einsetzt?


Barbara Vinken: Wir erleben eine Art Dauerterror. Sobald ein Kind, selbstverständlich „natürlich“, zur Welt kommt, wird der Mutter gesagt, sie muss unbedingt stillen. Wenn sie dies nicht tue, so wird gesagt, bekomme ihr Kind Allergien und, sie werde schon sehen, möglicherweise psychische Störungen. Dann geht es gleich weiter mit dem ersten Blickkontakt, dem Bonding, dem frühen Lernen usw. Dem Kind, das mit einem Jahr in die Krippe kommt, werden mindestens Schlafstötungen vorhergesagt. Der Anspruch, den man an die Eltern stellt, hat in Deutschland jedes Maß gesprengt; er scheint bei uns auf besonders fruchtbaren Boden zu fallen. Die Französinnen etwa sind lässiger mit ihren Kindern. Der Druck, den wir hier erleben, geht auf unsere säkularisierte, protestantische Tradition zurück. In der Tradition des Protestantismus wird die Familie gegen die Welt gestellt. Die Familie gilt als ein Ort der reinen Menschlichkeit, während die Welt als egoistisch und karrierebesessen wahrgenommen wird. Der religiöse Druck, der auf der protestantischen Familie lastete, ist säkularisiert und wird jetzt von Pädagogen, Ärzten und Psychologen ausgeübt. Im Namen des Schutzes der heilen Welt, der unverdorbenen Kinder, des Menschlichen schlechthin darf Eltern alles mögliche vorgeschrieben werden.


Sabine Beppler-Spahl: Wird das nicht aber von vielen Frauen willig angenommen? Erst einmal gibt es wenig Opposition gegen diesen Druck, und junge Frauen werden ja auch nicht direkt gezwungen, sich dem Leitbild der guten Mutter zu fügen. Könnte es nicht sein, dass hier auch Bequemlichkeit mit ins Spiel kommt – Frauen suchen einen Vorwand, um sich den oft mühseligen Strapazen des öffentlichen Lebens zu entziehen?


Barbara Vinken: Das mag sein, aber ich denke, es macht mehr Sinn, Strukturen zu analysieren als moralisch individuell Schuld zuzuweisen. Wir leben in einem Land, in dem es noch nicht einmal Ganztagsschulen gibt. Insofern reicht es nicht, den Frauen Bequemlichkeit vorzuwerfen. Die Familienpolitik hat aber, um das Positive einmal hervorzuheben, mit dem Elterngeld eine entscheidende Wendung genommen. Zum ersten Mal ist in der deutschen Politik das Leitbild der berufstätigen Mutter, und zwar nicht nur der teilzeitberufstätigen, privilegiert worden. Zum ersten Mal werden Frauen damit als Berufstätige gesehen, die Kinder bekommen können. Auch wurde endlich nicht mehr nach den neuen Vätern gerufen, sondern es wurde ganz klar gesagt, dass hier die Gesellschaft gefordert ist. Der Krippenausbau und der Ausbau von Ganztagsschulen ist der nächste notwendige Schritt.


Sabine Beppler-Spahl: Ganztagsschulen und Ganztagskinderkrippen sind also die Lösung?


Barbara Vinken: Ja. Das ist sine qua non. Gleichzeitig kann das nur passieren – und können diese Institutionen nur angenommen werden –, wenn es zu einem Mentalitätswandel kommt. Was die Bevormundung der Eltern betrifft, wäre es nützlich, auf der Trennung von Schule und Elternhaus zu bestehen. Auch dadurch könnte man den Druck von den Frauen und den Familien nehmen. In Deutschland beschreiten wir den entgegengesetzten Weg. Es wird auf eine immer engere Verflechtung zwischen Elternhaus und Schule gedrängt. Als die für die deutschen Schulen ja eher ernüchternden Ergebnisse der ersten Pisa-Studie veröffentlich wurden, die vor allen Dingen den engen Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Schulerfolg aufwiesen, ging mein Sohn in Berlin zur Schule. Doch statt der Frage nachzugehen, was sich an unseren Schulen zu ändern habe, wurden wir Eltern umgehend in die Klassenräume bestellt. Uns – und die Eltern, die kamen, waren natürlich die aus den privilegierten sozialen Milieus – wurde gesagt, wir sollten mehr mit unseren Kindern lesen. Bei uns übernehmen die Schulen nicht genug Verantwortung für die Kinder – und wir räumen ihnen diese Verantwortung auch nicht ein. Stattdessen wird die Verantwortung zurück ins Elternhaus verlagert. Auf der anderen Seite wollen die Eltern das aber auch. Das ist eine Art Teufelskreislauf.


Sabine Beppler-Spahl: Die Sorgen der Eltern um das eigene Kind werden ausgenutzt, um Schwächen im Bildungssystem auszubügeln…


Barbara Vinken: In Frankreich zum Beispiel ist so etwas undenkbar. Da gilt: Schule ist Schule und zuständig sind die Lehrer. Elternhaus und Schule sind auch räumlich streng getrennt. Die Eltern dürfen das Schulgelände nicht betreten. Sie warten extra muros auf ihre Kinder. In Deutschland sind die Schulen voll mit Eltern. Eine kleine Anekdote, die diese unterschiedliche Einstellung der Institution gegenüber erhellt. Ich habe eine französische Freundin, deren Sohn kurzzeitig in Berlin zur Schule ging. Eines Tages wurde der Vater in die Schule zitiert. Die Lehrerin erzählte ihm, dass der Junge im Unterricht mit den Füßen scharre und oft unkonzentriert sei. Ganz erstaunt fragte der Vater, was das mit ihm zu tun habe. Das sei doch Aufgabe der Lehrer, dafür zu sorgen, dass die Kinder dem Unterricht aufmerksam folgten. Leider ist es bei uns aber Usus, Probleme, die in der Schule auftreten, auf die Eltern abzuschieben.


Sabine Beppler-Spahl: Es ist aber einzelnen Eltern kaum möglich, sich dem zu entziehen, da unser gesamtes Schulsystem auf Elternbeteiligung ausgerichtet ist…


Barbara Vinken: Ja. Die Institutionen haben zuwenig Selbstvertrauen und man schenkt ihnen auch kein Vertrauen. Sie treten ihre Autorität ab, indem sie die eigenen Aufgaben an das Elternhaus delegieren. Wir Eltern geben ihnen aber auch nicht das Vertrauen, das sie bräuchten, um ihren Aufgaben gerecht zu werden. Man sollte den Institutionen, der Schule, dem Kindergarten, den Kinderkrippen mehr Vertrauen schenken, ihnen die Kinder anvertrauen. Ganz nebenbei wären wir dann vielleicht auch auf dem Weg, den engen Zusammenhang zwischen schulischem Erfolg und sozialem Hintergrund aufzubrechen. Und wir hätten viel getan, um Müttern eine volle Berufstätigkeit zu ermöglichen.

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Barbara Vinken: Die deutsche Mutter: Der lange Schatten eines Mythos, Frankfurt, Fischer (Tb.), 12,95 EUR