01.03.2006

Im Gehäuse des Kulturrelativismus

Analyse von Sabine Reul

Statt über infantile Zeichnungen zu streiten, braucht die Welt eine ernsthafte Debatte über Freiheit, Demokratie und gesellschaftlichen Wandel.

Seit Ende Januar bewegen militante Proteste in islamischen Ländern gegen Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Tageszeitung die Welt. Schon sehen viele Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ gekommen und fürchten das Schlimmste. Brandschatzung, Morddrohungen, Entführungen und stets neue Bilder erregter islamischer Demonstranten liefern dieser düsteren Vision laufend neue Nahrung.

Doch was ist wirklich geschehen? Als in der Jyllands Posten im vergangenen Oktober die eher kindischen Zeichnungen des Propheten erschienen, geschah zunächst wenig. Erst als muslimische Geistliche vor Ort, die zunächst die dänische Polizei zum Einschreiten aufgefordert hatten, die Sache an Regierungsstellen und Glaubensbrüder im Ausland weiterreichten, kam der Stein allmählich ins Rollen. In den Palästinensergebieten, Syrien, Libanon, Jemen und immer weiteren Ländern des nahen und mittleren Ostens nahmen islamistische Gruppierungen ab Januar die Kunde von der Verunglimpfung Mohammeds zum Anlass für militante Proteste. Seither wird Europa von Schreckensvisionen eines islamischen Kulturkampfs heimgesucht. Und in sonst seltener Leidenschaftlichkeit werfen sich seine Intellektuellen für die Pressefreiheit als westliches Kulturgut in die Bresche.

Hier erhitzen sich auf allen Seiten die Gemüter an einem Scheinkonflikt. Erstens sind die Zeichnungen des Propheten nicht, wie die radikalen Demonstranten in Nahost offenbar vermuten, Zeichen um sich greifender islamfeindlicher Tendenzen in Europa. Zweitens sind sie aber auch kein geeigneter Prüfstein für Gedeih oder Verderb der Pressefreiheit. Gerade wer die Presse- und Meinungsfreiheit als Grundvoraussetzung unserer anderen Freiheiten unnachgiebig verteidigt, sieht sie nicht als ehernes Prinzip, das auch noch die geschmacklosesten Darstellungen adelt.

„Der Karikaturenstreit zeigt, wie schrill an sich belanglose Auseinandersetzungen werden können, sobald sie als Kampf um die Behauptung angeblich verletzter kultureller Identität geführt werden.“

Pressefreiheit – einschließlich des Rechts auf Provokation und Verunglimpfung – brauchen wir, weil sie für freie Information und unbeschränkte geistige Auseinandersetzung unabdingbar ist. Pressefreiheit darf gewiss nicht, wie Islamisten und CSU-Politiker inzwischen einmütig meinen, durch die Forderung nach Rücksichtnahme auf religiöse oder weltanschauliche Befindlichkeiten relativiert werden (auch wenn bestehendes deutsches Recht dies ohnehin in Fällen grob beleidigender oder verletzender Darstellungen bereits vorsieht). Gerade im vorliegenden Fall ist die Aufforderung zur Rücksichtnahme auf religiöse oder weltanschauliche Sensibilitäten vor allem deshalb abzulehnen, weil sie genau den engstirnigen antiuniversalistischen Geist des Rückzugs auf kulturelle Identitäten legitimiert, der den ganzen Karikaturenkonflikt überhaupt erst in Gang gesetzt hat.

Deshalb haben Zeitungen selbstverständlich das Recht, noch die missglücktesten Darstellungen zu verbreiten. Doch weder müssen wir das als Ausweis eines gehobenen Freiheitsverständnisses werten, noch ist Pressefreiheit das eigentliche Thema dieses Konflikts.

Hier steht etwas ganz anderes auf dem Spiel. Der Karikaturenstreit zeigt, wie schrill an sich belanglose Auseinandersetzungen werden können, sobald sie im Zeichen des Multikulturalismus als Kampf um die Behauptung angeblich verletzter kultureller Identität geführt werden. Protagonisten klassischer politischer Konflikte definieren sich durch Ziele und Interessen, die bei aller Härte der Auseinandersetzung rational und damit auch verhandel- und eingrenzbar sind. Konflikte, die sich aus der Haltung des Opfers kultureller Kränkung speisen, sind dagegen rationaler Eingrenzung schwer zugänglich.

Darauf hat jüngst mit Blick auf den arabisch-israelischen Konflikt in einer klugen Rezension des Spielberg-Films München der britische Autor Daniel Ben-Ami hingewiesen. Er meinte: „Sobald sich Menschen in erster Linie als Opfer definieren, lässt sich wohl alles legitimieren – auch die Liquidation.“[1] Die schier grenzenlose Empörung, die sich an drittklassigen Karikaturen festgemacht hat, zeigt, welch starken Einfluss die ursprünglich im Westen geborene Politics of Identity inzwischen gerade auf den Nahostkonflikt ausübt. Und in Europa, wo nun die Empörung über Islamisten wächst und schon der Kulturkampf an die Wand gemalt wird, entfaltet die Kulturalisierung der Politik inzwischen eine nicht minder geisttötende Dynamik.

Samuel Huntingtons Werk über den Clash of Civilisations aus dem Jahre 1996 gehörte zum Genre geopolitischer Spekulation, das mit dem Ende des Kalten Krieges insbesondere in den USA zu neuer Blüte gelangte.[2] Huntingtons Werk war zwar in Fachkreisen sehr umstritten, aber seine reaktionäre Fantasie des Kulturkampfs als Grundprinzip des Weltgeschehens nach dem Ende der klassischen Konfliktlinien zwischen Nationalstaaten, Ideologien und Erster und Dritter Welt fand gleichwohl ein starkes Echo. Das galt sowohl für amerikanische Regierungskreise, die sich auf der Suche nach Wegmarken in der neuen weltpolitischen Konstellation befanden, als auch für eine breitere Öffentlichkeit in Amerika und Europa. Hier fand die These der prinzipiellen Konfliktträchtigkeit divergierender Kulturen angesichts der zu dieser Zeit schon tief verankerten Ideologie des Kulturrelativismus breite Aufnahme.

Huntingtons Buch war in vielerlei Hinsicht nur eine aus konservativer – viele linke Kritiker würden sagen: rassistischer – Sicht zugespitzte Variante einer viel breiteren Strömung des kulturrelativistischen Zweifels am universellen Aufklärungsprojekt der Moderne, dem sich trotz aller Differenzen sowohl konservative als auch linke politische Formationen zuvor zugehörig empfanden.

Der Kulturrelativismus in seiner liberalen wie in seiner reaktionären Ausprägung signalisiert den Verlust des Vertrauens westlicher Eliten in die Geltung ihrer eigenen Weltsicht und insbesondere in die geistigen und philosophischen Voraussetzungen des Universalismus.

Da hatten natürlich ganz andere Denker als Huntington mit der Gleichsetzung von Aufklärung und Holocaust oder Universalismus und Eurozentrismus schon lange Vorarbeit geleistet. Huntington ging nur einen Schritt weiter. Erstens sagte er, mit dem Ende der alten Ordnung werde nicht nur die kulturelle, sondern auch wieder die religiöse Identität zu einem bestimmenden und trennenden Merkmal verschiedener Zivilisationen, da die Menschen nach der Entzauberung der säkularen Visionen wieder der Religion bedürften. Zweitens wurden bei ihm die „Anderen“ zur Gefahr.

Damit befand sich Huntington wohl im Gegensatz zum „progressiven“ Multikulturalismus, der das Andere ja eher als Bereicherung denn als Bedrohung wahrzunehmen geneigt war. Doch diese Differenz erweist sich als relativ flüchtig. Einig sind sich die progressiven wie die reaktionären Ausprägungen des Kulturrelativismus in der Auffassung, wir alle seien unüberwindbar durch unsere partikularen, emotional verankerten Identitäten geprägt. Zwischen denen wünscht man sich zwar Frieden und Verständigung, betrachtet sie aber gerade damit als vorgegebene und konfliktträchtige Determinanten des Daseins.

Von beiden Seiten also hat uns diese intellektuelle Ausformung des westlichen fin de siècle in den Käfig eines angeblich unverrück- und unüberbrückbaren statischen Soseins kulturell determinierter Identitäten gesperrt. Und die Folgen dieser geistigen Einflüsse sind inzwischen unübersehbar. Nicht erst seit dem 11. September 2001 spielt der vermeintliche Gegensatz zwischen westlichen und nicht-westlichen (insbesondere islamischen) Kulturen in der amerikanischen Außenpolitik eine zunehmend zentrale Rolle. Kulturelle Differenz ist weit darüber hinaus zu einem beherrschenden Motiv der Wahrnehmung der Beziehungen zwischen verschiedenen Weltregionen und Menschen unterschiedlicher geografischer Herkunft geworden. Das belegen nicht zuletzt die gequälten Debatten über Einbürgerungsfragebogen in Deutschland in de„Wir leben in einer globalen Kultur und nicht in mehreren.“einer globalen Kultur und nicht in mehreren.“

Wir sehen die Welt heute durch das entstellende Prisma der kulturellen Differenz - im Orient wie im Okzident. In den islamisch geprägten Ländern hat sich unter dem Eindruck der enttäuschenden Ergebnisse anti-imperialistischer Kämpfe oder nationaler Modernisierung die Behauptung kultureller Identität als Ersatzprojekt etabliert. Dieses Projekt – auch wenn es von bärtigen Imamen gesponsert wird – als originär islamisch zu werten, wäre abwegig. Denn hier hat lediglich die westliche Ideologie des dekadenten Antiuniversalismus besonders fruchtbaren Boden gefunden. Man macht ernst mit der Behauptung der kulturellen und religiösen Identität – nicht im soziologischen Oberseminar, sondern auf der Straße.

Um aus diesem geistigen Gehäuse einen Weg zu bahnen, bedarf es einer eingehenden Auseinandersetzung mit den destruktiven Dogmen des Kulturrelativismus. Es ist an der Zeit, wieder an einfache Wahrheiten zu erinnern. Dazu zählt die, dass wir in einer konfliktreichen Welt leben, aber nicht in verschiedenen Kulturen. Wir leben in einer globalen Kultur, zu deren Eigenschaften es eben zählt, sehr unterschiedliche soziale, religiöse und weltanschauliche Traditionen in sich zu bergen. Doch deren Verhältnis zueinander ist sehr viel offener und dynamischer, als die Theorien der kulturellen Differenz uns glauben lassen möchten.

Unsere aktuellen Verständigungsschwierigkeiten beruhen zu einem großen Teil auf einer manierierten Obsession mit kultureller Fremdheit. Damit soll nicht das Bestehen beträchtlicher wirtschaftlicher und politischer Probleme auf dieser Welt in Abrede gestellt werden – ganz im Gegenteil –, wohl aber das Bestehen unverrückbarer kultureller Barrieren. Es geht darum, dem heute verpönten Gedanken des Universalismus wieder Geltung zu verschaffen, der in der Betrachtung der Menschheit das Verbindende gegenüber dem Trennenden und das Dynamische gegenüber dem Statischen sehr viel ausgewogener und realistischer fasst als unsere modischen Kulturtheorien.