01.03.2007

Ich schau Dir in die Augen, Kleines

Kommentar von Karl Sharro

Werden wir überwacht oder überwachen wir uns selbst?

Ich bin nicht der Erste, dem es auffällt: George Orwell war sehr hellsichtig. 1984 ist Vergangenheit. Die Überwachungstechnik ist geblieben; dank des technischen Fortschritts breitet sie sich immer mehr aus. Googelt man „eye in the sky“, stößt man außer auf einen Hit von Alan Parsons Project vor allem auf Überwachungskameras. Praktisch jede Straße Londons wird videoüberwacht, und der Rest des Landes holt rasch auf.


Was daran besonders ärgerlich ist: Niemanden scheint es zu scheren. Wie kann es sein, dass unser Widerstand einer Gleichgültigkeit gewichen ist? Das Leben nähert sich der Kunst immer mehr an, und wir sind bestenfalls amüsiert. Die Stadtverwaltung von Middlesborough hat kürzlich sieben Kameras mit Lautsprechern versehen. Fast meint man, Politiker benutzten Orwells Roman als Anleitung. In der Pressemitteilung lesen wir, die Lautsprecher sollten dem Personal die Möglichkeit geben, „Bürgern mit Rat und Tat“ zur Seite zu stehen. Ich stelle mir dabei einen Mann vor, der vor einem der Geräte steht und sagt: „Ich glaube, meine Frau betrügt mich …“


Es scheint, dass die herrschenden Kreise Großbritanniens, nachdem sie zwei Jahrhunderte lang allerlei Unruhen überstanden haben, ohne die Polizei mit mehr als Knüppeln auszurüsten, heute ihr Selbstvertrauen, ihre fast stoische Ruhe eingebüßt haben. Während andere Teile Europas von Unruhen erschüttert wurden, hatte die britische Elite mit ihren Aufrührern nie allzu große Probleme – statt zum Schlag auszuholen, wurde über sie meist nur gespöttelt. Und in welchem anderen Land hat sich aus einem versuchten Bombenanschlag auf das Parlament (dem Gunpowder-Plot von 1605) eine Art Fasching mit Fackelzug und Feuerwerk entwickelt?


Aber es steckt mehr dahinter. Zwar stimmt es, dass die Mächtigen heute überreagieren, wenn einige Betrunkene am Samstag Radau machen, aber die Gesellschaft setzt dem Vordringen des Staates nicht das Geringste entgegen. Die Einzelnen fürchten sich, misstrauen einander, weshalb man lieber dem Kameraauge einer gütig wachenden Autorität glaubt als an das Gute im Mitmenschen. Über den Verfall der sozialen Bande in den letzten Jahrzehnten ist viel geschrieben worden. Dieser Trend trägt sicher seinen Teil dazu bei, dass es heute keinen Widerstand gegen die sich ausdehnende Überwachung gibt.


Die Ironie der Geschichte ist, dass die Ausbreitung von Kameras und anderen Formen der Überwachung teils von Ideen befördert wird, die ursprünglich etwas ganz anderes meinten. Die kürzlich verstorbene US-amerikanische Stadt- und Architekturkritikerin Jane Jacobs hatte 1961 in ihrem Buch Tod und Leben großer amerikanischer Städte eine an der Basis ansetzende Politik propagiert, um mehr Sicherheit zu schaffen. Wenn Jacobs davon sprach, Sicherheit und Vertrauen in einem Wohnviertel könnten nur dadurch hergestellt werden, dass alle sich offenen Auges dem Gemeinwesen zuwenden, benutzte sie die Formulierung „eyes on the street“. Jacobs hielt nicht viel von Bürokratie. Für sie konnte ein Gemeinwesen nur dann funktionieren, wenn sich die Bürger spontan und einfallsreich um ihre eigenen Belange kümmern, statt sich von Regierungen und Konzernen abstrakte Planwerke aufdrücken zu lassen.


Die Augen, die heute die Straßen überwachen, sind Kameras. Von Bürgerwehren, die unter Namen wie „Neighbourhood Watch“ daherkommen, wird Jacobs gerne zitiert, und auch Kriminologen und andere „Sicherheitsexperten“ führen sie gerne für ihre Sache an. Was hier betrieben wird, ist das Gegenteil von dem, was Jacobs im Sinn hatte – Überwachung wird automatisiert und institutionalisiert.


Abgesehen von solchen Verdrehungen ist Jacobs jedoch nicht ganz unschuldig an der heute allgegenwärtigen Überwachung. Ganz gleich, ob die „Augen“, die die Straßen überwachen, diejenigen von Anwohnern oder von Sicherheitsleuten an Monitoren sind, gehört doch immer ein ordentliches Maß an Voyeurismus dazu, dergleichen überhaupt zu tun. In beiden Fällen wird davon ausgegangen, die anderen stellten ein Problem, eine Bedrohung dar. Damit aber eine Stadt, eine Gesellschaft funktionieren kann, bedarf es eines Mindestmaßes an Vertrauen, auch Fremden gegenüber. Im Glauben, dass andere Menschen, sobald sie unbeobachtet sind, Schlimmes tun, drückt sich eine ganz und gar pessimistische Sicht des Menschen, der Gesellschaft aus.


Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen die üblichen Regeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt sind. Das jedoch ist die Ausnahme, nicht die Normalität. Der Libanon, in dem ich geboren wurde und den Großteil meines Lebens verbracht habe, ist so ein Beispiel. Während des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990 kam es zu vielen Anschlägen mit Autobomben. Dadurch erhöhte sich das Misstrauen Fremden gegenüber, und jeder, der sich auffällig benahm, wurde schräg angesehen. Stadtviertel schotteten sich gegeneinander ab, und Beirut, eine zuvor weltoffene Großstadt, zerfiel in zahlreiche „Dörfer“. Der städtische Charakter ging verloren. Bis heute hat sich Beirut von dieser Erfahrung nicht erholt.


Leben wir im Westen heute in ähnlichen Umständen? Die Antwort ist ein klares Nein. Politiker begründen die immer umfassendere, immer tiefer greifende Überwachung mit der Terrorgefahr. Diese Begründung hält einer Überprüfung nicht stand. Terroranschläge sind im Westen sehr selten, in Großbritannien in neuerer Zeit sogar seltener geworden als früher während der Kampagnen der IRA.


Dass es eine Bedrohung gibt, will ich nicht leugnen. Aber die Anschläge der letzten Jahre haben zu einer symbolischen Reaktion geführt, die in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Uns wird suggeriert, wir seien unablässig gefährdet, müssten wachsam sein. Diese „Wachsamkeit“ ist aber nichts Konkretes – wachsam wogegen, in welchen Situationen? Es ist ein Zustand, eine geistige Verfasstheit, die wir uns zu eigen machen sollen, ohne irgendetwas tatsächlich tun zu können.


Einer der wenigen Fälle, für den es eine konkrete Handlungsanweisung gibt, sind unbeaufsichtigte Gepäckstücke. Bemerkt man dergleichen, soll man es dem Aufsichtspersonal melden. Ein britischer Comedian merkte kürzlich an, die Gefahr in der Londoner U-Bahn gehe ja eben nicht von „unbeaufsichtigten Gepäckstücken“ aus, sondern von Gepäckstücken, die jemand sehr genau im Auge habe. Wachsamkeit hat nichts mit Verantwortung und Bürgersinn zu tun. Wachsamkeit bedeutet, der Staat tritt an uns heran, damit wir ihm bei der Überwachung helfen. Wir sollen allem um uns herum ständig misstrauen, da es, so die Logik, im Zweifelsfall allemal besser sei, misstrauisch zu sein als tot. Die Überwachung aller durch alle ist viel gefährlicher als die Allgegenwart der Kameras; sie zersetzt das soziale Gefüge.


Leider scheinen wir nur allzu bereit, unsere Mitbürger zu überwachen – und nicht nur, wenn es um eine terroristische Bedrohung geht. Das US-amerikanische Recht sieht vor, dass nach der Entlassung von Sexualstraftätern deren Adressen und weitere Angaben zur Person veröffentlicht werden. Gelegentlich verteilen Anwohner diese Informationen in der Nachbarschaft. Offensichtlich sind immer mehr Menschen in immer mehr Fällen dazu bereit, andere zu überwachen.


Die Bereitwilligkeit, anderen nachzuschnüffeln, zeigt, dass uns die Privatsphäre unserer Mitmenschen wenig gilt. Wird über Überwachung diskutiert, ist einer der häufigsten, gedankenlos wiederholten Sätze: „Wer nichts zu verbergen hat, muss sich auch keine Sorgen machen.“ So eine Einstellung macht Angst, geht es doch um öffentliches, gesellschaftliches Zusammenleben. Hinter ihr verbirgt sich die Annahme, unsere Entscheidung, etwas solle öffentlich sein oder privat bleiben, hinge alleine davon ab, ob etwas illegal oder unmoralisch sei. Darüber, dass es unsere persönliche Entscheidung ist, ob wir etwas für uns behalten wollen oder nicht, wird hinweggegangen und uns damit die Freiheit genommen, selbst zu entscheiden, wem wir etwas mitteilen wollen und wem nicht.


Heute sollen wir uns fortlaufend entblößen. Die meisten scheinen nichts dagegen zu haben. Das Fernsehen dringt in jeden Winkel, und sehr viele setzen sich dem Kamerablick bedenkenlos aus. Google weiß sehr viel über uns, und jeder, der will, kann auf diese Informationen zugreifen, ohne dass wir darauf großen Einfluss hätten. Auch in Gesprächen wird häufig und wie selbstverständlich verlangt, wir sollten „jetzt doch mal ganz offen“, „ganz wir selbst“ sein.


Verwechselt wird hierbei Enthüllung mit Authentizität. Alles, was man unbedeckt ins Licht der Öffentlichkeit hält, wird automatisch für „echt“ gehalten. Wenn wir uns aber komplett offenbaren müssen, wo bleibt dann noch Raum für Authentizität? All diese Beispiele zeigen, dass sich die Idee des Selbst auflöst. Unser Selbst wird bestimmt durch das, was wir für uns behalten und durch das, was wir bereit sind, öffentlich zu machen. Heute aber müssen wir alles enthüllen. So kommt es, dass uns die staatliche Überwachung nur noch wenig Angst macht, da wir es sowieso schon hinnehmen, auf Schritt und Tritt öffentliche Personen zu sein. Jeder Versuch, etwas für sich zu behalten, ist unter diesen Umständen ein Verdachtsmoment.


In einem Artikel im New Statesman berichtete Brendan O’Neill von einem Besuch in einer unterirdischen Überwachungszentrale in London.[1] Dabei wies er darauf hin, wie eng die öffentliche, voyeuristische Kultur und die fraglose Hinnahme der allgegenwärtigen Überwachung zusammenhängen. Die Art, in der wir miteinander umgehen, entwickelt immer stärker voyeuristische Züge – wie man an den Reality-TV-Shows und verwandten Formaten sehen kann. Voyeurismus kann nur erklären, warum wir bei anderen hinter den Vorhang spicken wollen, aber nicht, warum wir es hinnehmen, selbst ständig durchleuchtet zu werden. Um das zu verstehen, müssen wir uns mit der Enthüllung, der Selbstenthüllung beschäftigen.


Was die Logik, mit der sich die Überwachung heute ausbreitet, so heimtückisch macht, ist, dass sie uns nicht einfach von oben aufgedrückt wird. Sehr viel davon kommt von unten und drückt sich in der Art und Weise aus, in der wir miteinander umgehen. Mir scheint, Widerstand gegen Überwachung ist nur möglich, wenn politische und kulturelle Ansätze zusammenkommen. Es ist wichtig, sich gegen Kameras zu wehren. Wichtiger ist, dass wir damit beginnen, die Bedeutung und den Wert von Gesellschaft wieder zu entdecken.