01.01.1999

Gute Lügen machen schlechte Nachrichten

Von Mick Hume

Mick Hume, Herausgeber des englischen Magazins LM über "attachment journalism" und seine Folgen.

Auf Deichmanns Artikel in der Februar-Ausgabe von LM hat ITN mit gerichtlichen Verfügungen, Verleumdungsklagen und der Verordnung von Maulkörben reagiert. Deichmanns Darstellung der Entstehungsgeschichte der berühmten ITN-Bilder hat aber auch eine weiterreichende Diskussion über Journalismus im allgemeinen losgetreten. Von wem und mit welchen Mitteln werden heutzutage Nachrichten gemacht?

Seit den Propaganda-Exzessen während des Zweiten Weltkrieges haben westliche Journalisten immer wieder Medieninstitutionen denunziert, die im Auftrag der Regierungen in der Sowjetunion oder in Südafrika als "Lügenmaschinen" agierten. Im liberalen Weltbild der Nachkriegszeit galt die Vorstellung, dass Nachrichten für politische Zwecke gefälscht werden, als Alptraum im Sinne von George Orwells "1984".

Zu Recht erregen sich die Gemüter, wenn "Wahrheit" wie eine Ware behandelt wird, über deren Form und Preis im Dienste mächtiger Interessen zu feilschen ist. Doch im Großen und Ganzen herrschte bis vor kurzem die Meinung vor, dass systematische und korrupte Medienmanipulationen eigentlich nur "bei denen da drüben" stattfinden können. Insbesondere britische Journalisten haben sich immer damit gerühmt, besonders objektiv und professionell zu berichten. Für Journalisten im Ausland, bspw. für den verstorbenen deutschen "Mister Tagesschau", Hanns Joachim Friedrichs, galten sie als Vorbild.

Umso irritierender war es anzusehen, wie die renommierte BBC-Reporterin Kate Adie letztes Jahr von Vorgesetzten für ihren "unangebrachten" Tonfall bei der Berichterstattung aus Dunblane kritisiert wurde. Es schien fast so, als sei es ein Vergehen, mit einem professionellen journalistischen Anspruch über die Ermordung von 16 Schulkindern und eines Lehrers zu berichten: Sie präsentierte in erster Linie die Fakten. Was jedoch die BBC von ihr wollte, war keine sachliche Darstellung des Tathergangs und Angaben über Tote und Verletzte, sondern ein moralisierendes Statement über das Böse und die Unschuld am Tatort. Die "Adie-Affäre" brachte ans Tageslicht, wie sich derzeit die Spielregeln im journalistischen Gewerbe wandeln: Grundsätze für Reporter werden umgeschrieben, ethische und moralische Prinzipien eingeführt und Sorgfaltspflichten und Standards neu formuliert.

Es gibt einen deutlichen Trend dahin, dass Journalisten und Chefredakteure es begrüßen, Geschichten einen besonderen moralischen Touch zu geben. Anscheinend ist die reine Faktenlage heute nicht mehr der entscheidende Faktor bei der Frage, welche Geschichte wie gebracht wird. Stattdessen wird häufig auf die "größere Wahrheit" verwiesen, die sich hinter einem simplen Sachverhalt verbirgt: Eine "Wahrheit", die angeblich bedeutender ist als simple Details über das "Wer", "Wie", "Was" und "Warum" eines Vorgangs. Im Zuge dieses neuen Strebens nach Darstellung der "größeren Wahrheit" gilt es zunehmend als akzeptabel, wenn Journalisten die Faktenlage sogar vernachlässigen, vorausgesetzt, sie vertreten die "richtige" moralische Haltung.

Wie weit dieser Trend bereits fortgeschritten ist, zeigte sich vergangenes Jahr, als ein sehr bekannter Kommentator in den britischen Medien seine Sympathie für gut gemeinte Lügen zum Ausdruck brachte. Im Juni 1996 zeigte eine neue Untersuchung, dass Briten, die keiner Risikogruppe zugeordnet wurden, sich bislang nur in insgesamt 161 Fällen durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr mit dem Aids-Virus infiziert hatten. Ein Vertreter eines Schwulenverbands erklärte, seine Gruppe habe dabei geholfen, falsche Zahlen zu verbreiten, um Heterosexuelle aufzuschrecken und mehr Unterstützung für Anti-Aids-Kampagnen zu gewinnen. Konservative Zeitungen beschwerten sich daraufhin, die Regierung habe Millionen Pfund für Werbekampagnen aus dem Fenster geworfen, in denen eine Bedrohung durch Aids für Heterosexuelle heraufbeschworen wurde.

Mark Lawson, Kolumnenschreiber für den Guardian und Moderator der Talkshow  "Late Review" bei BBC2, sah das anders. "Die Regierung hat gelogen", schrieb er, "und das freut mich" (Guardian, 24.6.96). Lawson wusste, dass Zeitungsleser in der Tat mit Fehlinformationen über Aids bombardiert wurden. Na und? Er war der Meinung, dass diese unehrliche Berichterstattung einen guten Zweck erfüllte: Die Bereitschaft, Kondome zu benutzen sowie sexuelle Zurückhaltung seien gestärkt worden, insbesondere bei Jugendlichen. Philosophie, Theologie und andere geisteswissenschaftliche Disziplinen hätten sich "jahrhundertelang an der Frage aufgerieben, ob es so etwas wie eine ‘gute Lüge’" geben könne, fasste er zusammen: "Nun, hier haben wir eine", war seine Antwort.

Der Versuch, Menschen mit Lügen aufzuschrecken, um eigene Vorstellungen durchzusetzen, wäre früher als Untat von fremden Tyrannen gegeißelt worden. Heute hingegen sind es Vertreter der liberalen Medien, die "guten Lügen" Sympathie zollen.

Derart offene Sympathiebekundungen für eine "gute Lüge" sind noch selten. Aber Lawsons Haltung, es sei legitim, im Sinne einer "größeren Wahrheit" Fakten zu manipulieren, findet sich unterschwellig bei zahlreichen anderen Diskussionen wieder – nicht zuletzt auch bei solchen über Kriegsberichterstattung. Die Reaktion auf Deichmanns Artikel über die täuschenden ITN-Aufnahmen aus dem Lager Trnopolje spricht hierfür Bände.

Während des Bosnienkrieges hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass Kriegsberichterstatter nicht neutral sein dürfen und die Pflicht haben, sich auf eine Seite zu stellen. Martin Bell, ehemaliger Kriegsreporter der BBC, ist der bekannteste Wortführer dieser Entwicklung. Er wendet sich gegen traditionelle journalistische Gepflogenheiten und gegen einen "losgelösten und gelassenen, klinisch neutralen... ‘Zuschauerjournalismus’" in Konfliktsituationen.

Seit Bosnien, sagt Bell, seien Journalisten "nicht mehr länger Beobachter, sondern Teilhabende... und es ist angesichts dieser Leiden nur natürlich, sich auf die Seite der Opfer zu stellen." Bell meint, Journalisten sollten sich nicht "neutral zwischen Gut und Böse stellen": "Meine Antwort ist was ich mit Attachment-Journalismus umschreibe, ein Journalismus, der sich kümmert und gleichzeitig Wissen vermittelt."

Martin Bell hat nichts für Lügen übrig, egal ob sie ‘gut’ sind oder nicht. Er glaubt an die "Heiligkeit von Fakten". Reportern, die einfach nur NATO-Presseerklärungen wiedergeben, warf er vor, keinen ernst zu nehmenden Journalismus zu betreiben. Er verurteilte auch einige britische Fernsehsendungen über den Balkankrieg, die ein verfälschtes Bild wiedergaben, und bezeichnete dies als die "reinste Verlogenheit". Nun aber schlägt er selbst mit "Attachment-Journalism" eine Art der Berichterstattung vor, bei der der Journalist sich einer Sache zugehörig fühlen soll. Er ebnet damit einer sehr gefährlichen Entwicklung den Weg – einer Entwicklung, die andere nur allzu gerne vorantreiben werden.

Wenn Journalisten sich zum Richter berufen fühlen und darüber entscheiden wollen, was und wer "gut" oder "böse" ist, und wenn sie meinen, sie sollten "Partei für die Opfer ergreifen", sollten in allen Redaktionen Alarmglocken läuten. Die Rolle des objektiven Berichterstatters über Fakten ist schwer zu vereinbaren mit der Haltung besorgter Kreuzritter und Mitglieder von Opferinitiativen oder mit der Intention eines, wie Bell es nennt, "Es-muss-etwas-geschehen-Vereins".

Martin Bell hat sich anerkennend über eine Art des Kriegsjournalismus geäußert, der eine neue "Perspektive" entwickelt, der "ein wenig humaner und gefühlsbetonter" sein sollte. Noch deutlicher ist dies bereits von Journalisten vorgetragen worden, die, egal ob Frau oder Mann, in Bosnien und andernorts eine "weiblichere" Schule der Kriegsberichterstattung prägen. Eine Schule, die für sich in Anspruch nimmt, weniger an Politik und Armeen und mehr an "Menschen" interessiert zu sein.

Es handelt sich hier um ein journalistisches Minenfeld. Die Gefahr ist, dass weiche Emotionen sehr leicht harte Fakten verdrängen können und dass ein rationales und klares Verständnis des politischen Gesamtzusammenhangs hinter einer von humanistischen Interessen geleiteten Berichterstattung auf der Strecke bleibt. Es dürfte nicht schwer fallen, in einem Krieg auf allen Seiten menschliches Leid zu entdecken. Und darüber lassen sich genauso problemlos Berichte verfassen, die viel Emotionen und Mitleid hervorrufen. Aber die Ursachen und Hintergründe von Konflikten wird dies nicht verständlich machen.

Die Worte Andrej Gustinics von Reuters verdeutlichen, wie begrenzt der so genannte "Standpunkt des Opfers" ist: "Der politische Kontext scheint so irrelevant, wenn man draußen auf dem Feld ist... weil man dort Menschen beobachtet. Ob man will oder nicht, die eigene Berichterstattung wird gefärbt, weil man Teil eines Geschehens wird, sich um die Menschen sorgt und oft selbst Angst hat".

Die Gefahr, dass Journalisten, die sich in einem Konflikt einer Seite zugehörig fühlen, am Ende das sehen, was sie wollen, und nicht das, was wirklich geschieht, ist immer gegeben. In seinem Resümee über die Berichterstattung in Bosnien stellte Martin Bell selbst fest, dass viele Journalisten sich klar auf die Seite der Muslime geschlagen hatten, dass die meisten englischen Journalisten während des gesamten Konflikts keinen einzigen Serben getroffen hatten und dass er selbst Probleme hatte, einen Beitrag, in dem er von einem blutigen Hinterhalt von Muslimen gegen Serben berichtete, bei der BBC unterzubringen (In Harms’ Way, 1996). Die Fakten paßten einfach nicht zum gängigen Bild mit muslimischen Opfer und serbischen Aggressoren, demnach mussten die Fakten falsch sein.

Und wie kommentierte einst Ian Williams, einer der Reporter von ITN und jetzt Kläger gegen LM, die erhitzte Reaktion der internationalen Medienwelt auf das berühmte Lagerbild aus Bosnien: "In gewisser Weise ist es fast so, dass die Macht der Bilder der Beweisführung, die mit ihnen erbracht wurde, zwei Schritte vorausgeht." Wahrscheinlicher ist, dass das internationale Journalistenkorps gar nicht auf irgendwelche weiteren Beweisführungen wartete, sondern sofort mit Begriffen wie "Todeslager" um sich warf. Schließlich paßten die Bilder zur Vorstellung, bei den bosnischen Serben handele es sich um die neuen Nazis. Die Aufnahme erzählte ihnen die Geschichte, die sie hören wollten. Wie gefährlich dieser neue Ansatz für den Journalismus ist, veranschaulichen die Reaktionen auf Deichmanns Reportage. Hier zeigte sich deutlich Sympathie für die "gute Lüge". Als wir versuchten, für den Artikel in LM Interesse zu wecken und ITN alles in ihrer Möglichkeit stehende tat, um eine Medienblockade zu errichten, kam es unter Journalisten und Redakteuren zu hitzigen Debatten. Ein zentrales Argument, das auch von erfahrenen Hasen in der Medienbranche gegen LMvorgebracht wurde, war, dass die Täuschung durch die Bilder wenig ins Gewicht falle, wenn man die "größere Wahrheit in Bosnien" betrachte.

Was soll das heißen? Im Grunde wird gesagt, dass LMvielleicht Recht haben mag (die meisten Journalisten stimmen in der Tat zu, dass die Beweise Deichmanns für die Korrektheit seiner Recherche sprechen), dass dies aber im Grunde nicht zählt. Die genauen Details – das wahre Bild – darf also ruhig vernachlässigt werden, und zwar im Interesse der "größeren Wahrheit", die wohl darin besteht, dass die Serben von Anfang an die Bösewichte waren, denen man eben eine Lektion erteilen musste.

Mit anderen Worten wird hier die Art, in der die ganze Welt viereinhalb Jahre lang durch die ITN-Bilder an der Nase herumgeführt wurde, gerechtfertigt. Warum? Weil sie dazu führte, dass sich die internationale Stimmungslage zugunsten einer westlichen Intervention gegen die Serben verschob. Der Zweck heiligt also die Mittel, das Ziel rechtfertigt die "gute Lüge". Aber wo führt diese Argument hin? Wann ist solches Verhalten noch legitim und wann nicht mehr? Und wer behält über diese Entwicklung die Kontrolle? Wäre es nicht auch in Ordnung, wenn Journalisten ein paar "Details" (z.B. Leichenberge) künstlich fabrizieren würden, um die internationale Stimmungslage zu beeinflussen und die "größere Wahrheit" rüberzubringen? Warum eigentlich nicht?

Wir von LM haben kein Problem damit, wenn Menschen in einem Konflikt Position beziehen wollen. Wir vertreten selbst genügend Standpunkte, aber es ist eine Sache, eine bestimmte Position zu vertreten und dafür zu argumentieren. Eine andere Sache ist es hingegen, wenn man Fakten selektiert und nur bestimmte Informationen zulässt, um einer "größeren Wahrheit" zu dienen, einer Wahrheit, die mehr auf einer unkritischen, emotionalen Bindung und moralischen Überzeugung beruht, als auf dem Verständnis komplexer, realer Zusammenhänge.

Ein Thema, zu dem LM nie Position bezogen hat, ist der Bürgerkrieg in Jugoslawien. Die Zeitschrift, die von mir herausgegeben wird, denunzieren heute manche Kritiker als pro-serbisch. Ich fühle mich in diesem Krieg keiner Seite zugehörig, weder der serbischen, der kroatischen, noch der muslimischen. Allerdings fühle ich mich Prinzipien verpflichtet, die ich mit den Begriffen "Wahrheit" und "objektive Fakten" umschreiben würde.

Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass die Berichterstattung in vergangenen Kriegen nicht schon immer auf ihre jeweils eigene bestimmte Art manipulativ war. LM war eines der ersten Magazine, das die Mythen der Berichterstattung über den Golfkrieg knackte – zum Beispiel als die Geschichte aufkam, dass irakische Soldaten imaginäre kuwaitische Babys aus nicht-existierenden Brutkästen warfen (ich nehme an, einige glauben nun, wir seien Teil einer internationalen serbisch-muslimischen Verschwörung). Der Unterschied ist, dass heute viele Vertreter der liberalen Medien, die in der Vergangenheit die Entlarvung solcher Lügen gutgeheißen hätten, bereit sind, einen Ansatz zu verteidigen, der die Wahrheit nur selektiv befürwortet. Und das ist wirklich eine üble Nachricht für alle diejenigen, die lieber mit der unangenehmen Wahrheit konfrontiert sind, als ständig gute Lügen schlucken zu müssen.

 

aus: Novo, Nr.27, März/April 1997, S.22f