15.06.2010

Gruppen-Gipfeltreffen auf gut Kanadisch

Von Vasile V. Poenaru

Ja wie viele sind wir denn? - Über ein cooles Treffen am See.

Ja wie viele sind wir denn?
Zu viele. Gut über zwanzig, meint der Leumund. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Und Toronto liegt ja sowieso direkt am Babel-Turm. Zu viele Sprachen: gut über hundert. Zu viele Baumeister mit ihren Plänen und Kränen und Visionen und Illusionen. Konsensus? Kanadischer Juni als gemeinsamer Nenner zwischen G8 und G20. Jeder klagt sein Leid: zu viele Schulden. Es kriselt immer noch. Aber bloß keine Bankenabgabe! Kanada will nicht.
Das “Metro Toronto Convention Centre”? Abgeschirmt. Die Innenstadt? Lahmgelegt. Die G-Gegner? Im Visier der Sicherheitsleute. Schätzungsweise eine Milliarde lässt sich das Ahornland den Spaß kosten. Und an einem höchstumstrittenen künstlichen See mögen sich die angereisten Reporter immer nur ruhig kunstvoll erfrischen, um wohlgelaunt weltfremd in heiteren Tönen über das traute Welten-Treffen zu berichten.
Urteilskraft als Geschmacksache: Hoch oben auf dem CN-Turm befindet sich ein Drehrestaurant. Allerlei Perspektiven, die man sich zu eigen machen kann (oder doch jedenfalls könnte – um mal vorsichtigerweise den Konjunktiv zu gebrauchen) werden da feilgeboten. Cool sei das Gipfeltreffen am See, viel cooler als Kopenhagen, wo sich Kanadas Vertretung nach ein paar prinzipiellen Standortbestimmungen halbherzig leisetreterisch hinausschlich, um nicht beim Wort genommen zu werden. Oder als Seoul, wo der kanadische Finanzminister von gewissen Alternativen sprach, die an einer (unter anderem von Deutschland geforderten) internationalen Bankenabgabe vorbeigehen sollen. Nur: Gewiss, das ist hier ungewiss.
Toronto: Gute Küche, leidliche Aussicht, erstklassiges Business, hinreißend strömende, wiewohl nicht immer hinreichend definierte Finanzprodukte, verbraucherfreundliche Einkaufszentren – aber von nun an bitte keine nackten Leerverkäufe mehr (zu unanständig), sondern nur noch hundertprozentig garantierte, so durch und durch krisendichte BP-Aktien (schütten immer noch Dividende in Milliardenhöhe aus), und, last but not least, schmucke Fonds und Regierungsbonds, das höchste der Gefühle, besonders, wenn die Regierungen allesamt irgendwann in ferner Zukunft vielleicht doch noch gut bei Kasse sein werden. Ein bindendes Leitwort der Gipfelbezwinger, die ihr Organ für die strengstens regulierten Märkte kommender Zeiten trainieren: Get the big picture. Einfältig schülerisch ausgedrückt: Auf diesem Bild haben wir ein Treffen.
Wir: das Volk. Wir haben was. Endlich! Wir haben Anteil an der Macht, nein, wir haben Anteil an der Diskussion rund um die Macht. Wir zählen. Sechs (Gründungsmitglieder 1975), sieben (mit dem 1976 hinzugetretenen Kanada), acht (denn seit 1997 mischt auch der Russe mit)... Und dann acht plus fünf… Schwellenländer und emerging markets… nichts wie rein in den Topf… Und es will kein Ende nehmen. Ja, von nun an zählen wir. G8 und G20 in einem Schlag, das macht doch G28! haben sich – in ihrem geheimen multi-korporatistischen Nest – gerissene Finanzkraftkerle der Postkrisenzeit ausgerechnet, bei denen allerdings nicht nur Zahlen und Figuren „Schlüssel aller Kreaturen“ sein sollen, wie es der Dichter eins so romantisch ausdrückte. Die Großen des Tages kommen uns entgegen, lassen sich umarmen, tanzen den Can-Can für die Menge, lächeln verbindlich, wollen zusammen mit dem einfachen Fernsehvolk und wohlgemerkt unter Einbindung der Demonstranten Mehrwert für alle schaffen. Wir stoßen nicht mehr auf taube Ohren, wenn wir nach oben sprechen. So sehen es die kanadischen Cartoonisten Jason Sherman und David Parkins –im Spaß, versteht sich.
Die von ihnen in der Juni-Ausgabe der angesehenen kanadischen Zeitschrift The Walrus* zum besten gegebene Super-G8-Geschichte: Während in Huntsville, dem festgelegten Ort des G8-Treffens, acht den entsprechenden Staatschefs ähnelnde Schauspieler als Köder für die Aktivisten eingesetzt werden, tagt die wirkliche G8 im entlegenen (besser: im noch entlegeneren) North Bay, wo sie der kanadische Premierminister Steven Harper strategisch in das dortige Super-8-Motel zusammenpfercht. Das kommt: Super-G8. „Ja, ist gut Idea, Shteeven“, lobt ihn Angela Merkel in dem freilich aüßerst engen Raum, in dem die sieben Supermänner und die Superfrau der baldigen Pressekonferenz harren, während deren Doppelgänger in Huntsville ihre Not haben, die überaus aufgebrachten Demonstranten in Schach zu halten. „Glad we’re not there”, fasst der britische Premier die allgemeine Stimung der Super-G8 zusammen. Kanadas Premierminister, dem der Karrikaturist natürlich eine lange Pinocchio-Nase zudachte, muss mal – gerade jetzt, fünf Minuten vor der geplanten „echten“ Pressekonferenz, das heißt derjenigen in North Bay, die dann aber nicht mehr stattfindet. “I cannot wait to see the eckspreshions on ze reporters’s faces when zey zee uss“, frohlockt Merkel, indes sie gemeinsam mit den anderen echten Super-G8-Leaders im Fernsehen die Beklemmung der in Huntsville „konferierenden“ Super-G8-Doppelgänger unter dem Ansturm der Demonstranten mitverfolgt.
Die Köder-Schauspieler aber maßen sich in ihrer Bedrängung an, aus der vorgeschriebenen Rolle (dem Nichtstun) zu schlüpfen, den dürftigen Rahmen ihrer trügerischen Mission zu sprengen, das kindische Spiel der internationalen Vogel-Strauß-Politik und dadurch auch den Lauf der Geschichte zu ändern, kurzum, auf die Anwesenden zuzugehen und Vertreter des Pöbels zu den Gesprächen einzuladen, die nun somit – gezwungenermaßen und ja eigentlich nur durch ein jämmerlich missratenes Täuschungsmanöver – auch wirklich in Huntsville, und nicht in North Bay stattfinden, da Aktanten und Figuranten auf allerhöchster Ebene in grotesker Art und Weise kommutieren. Direkte Demokratie ist auf einmal eine Sache der Wirklichkeit geworden, wobei sich allerdings eine zur Irreführung der Massen erfundene Kollateralversion des Denkbaren bewahrheitet. Fassungslos sehen die gleichsam von ihren ratlosen Doppelgängern unwillkürlich aus der öffentlichen Wahrnehmung entrückten tatsächlichen Staatschefs in ihrem preiswerten Super-8-Motel fern und bangen mit gutem Grund um ihre künftige Rolle, im tieferen Sinne: um das weltweite Rollenspiel der abdankenden Gruppe von nicht mehr ganz so ernst zu nehmenden Aktanten, die sie ja geworden sind. Die kanadische „gut Idea“, anhand einer heimtückischen Parallelaktion der Doppelgänger-Staatschefs Demonstranten und Weltöffentlichkeit abzulenken, um in aller Ruhe (aber eben doch recht eingeengt) in einem nördlichen Versteck über Sein und Schein und Lug und Trug und Pleitengeschichten und Rezessionsängsten (und herzlichsten Erholungswünschen) konferieren, plaudern oder eben auch nur flüstern zu können, passt auf einmal gar nicht mehr so recht ins Konzept. Freilich: Konzept…Wie macht man das?