15.07.2010

Grenzwertig: das Vaterland, die Heimat, der Unrechtsstaat

Von Vasile V. Poenaru

Wem hält Christa Wolf den Spiegel entgegen?

„Vergangenheitsbewältigung“ – so lautete die Überschrift des am 14.6.10 veröffentlichten Spiegel-Gesprächs mit Christa Wolf. Der Leser soll merken, es wird was bewältigt. Und damit man auch ja nicht etwa auf den Gedanken kommt, dass wieder mal – wie früher so üblich – die Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft gemeint sei, erläutern die Interviewer Susanne Beyer und Volker Hage im Inhaltsverzeichnis immerhin ziemlich säuberlich und sprachpolitisch angemessen, es gehe um „die DDR und die Zeit der Wende“. Ein klein bisschen selbstgefällig rechthaberisch wirken die beiden Spiegel-Redakteure in ihrer unidimensionalen Gesprächsführung schon, doch möglicherweise wollen sie nur provozieren – oder anregen, um es mal weniger scharf auszudrücken. Christa Wolf sorgt ja ihrerseits reichlich für Anregung – und Aufregung.


Schon mit dem ersten Hauch im Vorfeld der Fragestellung wird eins klar: Die weltberühmte und bis zur 1993 durch die „Gauck-Behörde“ erfolgte Bekanntmachung ihrer Stasi-Akte im Westen weitgehend nicht nur verehrte, sondern auch beliebte deutsch-deutsche Kassandra-Autorin (die Erzählung erschien zur gleichen Zeit in der DDR und in der BRD), besser, die in ihrem am 21.6.10 bei Suhrkamp erschienenen „romanhaften Journal oder journalhaften Roman“ (Ursula März, Deutschlandfunk) „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ unter anderem gegen die pauschale öffentliche Abwertung, gegen die unwiderrufliche Verurteilung der seit 1989 ausverkauften ostdeutschen Lebensweise ans Werk gehende Zeugin einer Zeit, die sie sich nicht ohne Weiteres wegnehmen lässt, soll in ein spiegelhaft vermitteltes Wortgefecht mit dem Bürgerrechtler Joachim Gauck gelockt werden. Gauck war es ja schließlich, der seinerzeit die Wolf-Täterakte ans Licht brachte (die Wolf-Opferakte aber nicht). Fast sieht es so aus, als wolle die Rechnung der Spiegel-Redakteure aufgehen. Fast wird das Interview zu einem kleinen Skandal, zu einer grotesk vereinfachten Gegenüberstellung zwischen demjenigen, der Recht hat und derjenigen, die Unrecht hat bzw. Unrecht vertritt. Doch Christa Wolf hält sich zurück. Gegen Joachim Gauck will sie sich jetzt nicht äußern. Kein gefundenes Fressen für den Spiegel.


Hier der starke Bundespräsidentschaftskandidat („der Richtige zur richtigen Zeit“ und „Stärker als sie?“ heißt es etwa in der „Zeit“ vom 10.6.10, wobei freilich Angela Merkel, und nicht etwa Christa Wolf, gemeint ist), da die belesene, die gelesene Trägerin des Georg-Büchner-Preises, des Heinrich-Mann-Preises usw., die nicht nur davon ablässt, die DDR einen Unrechtsstaat zu nennen, sondern sogar die gewagte, die umstrittene, die verpönte Formulierung zum Interview-Titel liefert: „Wir haben dieses Land geliebt.“ Was für ein Land? Ein Land mit Menschen, kommt es gleichsam zwischen den Zeilen hindurch.


Frage und Antwort stehen möge die 81jährige, der Ostalgie bezichtigte (oder bereits überführte?) Legende deutscher Dichtkunst, und zwar im Klartext bitte schön. Wie als solle sie dem längst abgedankten und verstaubten Unrecht der kommunistischen Diktatur den Spiegel entgegenhalten – und auch sich selbst tunlichst ins Spiegelbild hineinschmuggeln. Dies und das wolle man wissen – und vieles mehr. Es wird konkret. Es geht wieder einmal um die Akte. Und warum blieb sie? Und warum…?


Dies und das und vieles mehr steht doch im Buch, hält die des Wiederholens wie des Orakelns müde gewordene Berichterstatterin einer alternativen Fürwahrhaltung der von ihr miterlebten und zum Teil mitgestalteten Geschichte ihren angeblich so wissbegierigen Gesprächspartnern missmutig entgegen. Nicht gelesen? lautet die geheime Nachricht. Der bittere Unterton eines stillen Vorwurfs klingt mit. Ohne Hintergrundwissen kein vertretbares Gesamtbild. Nur allzu leicht werden aus Urteilen Verurteile, warnt die Autorin.


Natürlich war die DDR kein Rechtsstaat. Nur, die Phrase „Unrechtsstaat“ mute, so Christa Wolf im Spiegel-Gespräch, wie der Gesslerhut an, vor dem sich (wie jeder beflissene Leser weiß) alle verbeugen sollen. Was freilich im Interview nicht zur Sprache kam: Der Gesslerhut war ein sogenannter Kurhut, das heißt, er symbolisierte nicht die an sich im Kontext ja eigentlich rechtmäßige Macht des Kaisers, sondern dessen Hausmacht – und diesbezügliche Annexionslüste – als Kurfürst. Da Kaiser Albrecht zugleich König von Böhmen war, wollte er diesem (seinem kurfürstlichen Böhmen) sehr gerne das damals rechtlich betrachtet reichsunmittelbare Tal Uri (mit seinem hochwertigen, unmittelbar ansprechenden Käse) zuspeisen – dazu Schwyz und Unterwalden. In diesem Falle gilt, wie so oft: Hut ist nicht Hut. Es passt eben so manches unter dem bisweilen recht abgetragenen Hut eines Begriffs.


Ossis heute im Rückspiegel: nur halbe Deutsche, dafür aber doppelte Vergangenheitsbewältigung – en gros aufgekauft und in ein gängiges, auch mal von der Bundeskanzlerin bekräftigtes Klischee gezwungen. „Wenn man den Sumpf trockenlegen will, darf man die Frösche nicht fragen“, hat Merkel freilich ebenfalls gesagt, so der „Spiegel“ (31.5.10) im Zeichen des gerade verabschiedeten Sparpakets – und der plötzlich offenbarten Tücken eines verhängnisvollen und wenig behaglichen politischen Alleingangs („CDU-Team mit elf Torhütern“). Was aber, wenn die Frösche auf der Hut sind?


Es sieht ganz so aus, als wolle Christa Wolf derlei Ruck-Zuck-Bewältigungen der Vergangenheit, der Gegenwart, der Staats- und Sprachgewalt immer noch wenigstens so halbwegs in Angriffsstellung beäugen, bedenken, und – warum nicht? – beanstanden. Ob sie sicher sei, so schreibt Wolf in „Stadt der Engel“, dass es dieses Land auch wirklich gibt, wollte ein Beamter der US-Grenzbehörde von ihr wissen, als sie sich nach der Wende (auch dies ein Begriff, den sie nicht sonderlich mag) „mit dem noch gültigen Pass eines nicht mehr existierenden Staates“ (der DDR) für ein paar Monate nach Los Angeles begab. „Yes, I am, antwortete ich knapp, das weiß ich noch, obwohl die korrekte Antwort ‚no‘ gewesen wäre.“


Also dann: Unkorrektheit? In Angelegenheiten der Passkontrolle? In Angelegenheiten der Staatssicherheit? Im Moralischen, im Literarischen? Die unrechte Frau zur unrechten Zeit: Warum versäumt sie es immer noch, den Gesslerhut zu grüßen? Um was für eine Unmittelbarkeit geht es ihr? Fragen nach außen. Christa Wolf reflektiert Sinn und Form und Berichterstattung und Poetik und Liebe und Tod aus ihrer sehr persönlichen Perspektive gelebter historischer Befunde, ohne unbedingt „korrekt“ sein zu wollen oder zu können. Sie spannt den Bogen mit ruhiger, langjährig geübter Hand – und schießt los, den zweiten Pfeil bedachtsam auf Lager. Fragen nach innen: Wieviel Heimat braucht der Ostmensch? Wie viel Bewältigung ist ihm zumutbar?