12.02.2014

Grenzenloser Lebensstandard

Kommentar von Alexander Fink

Einwanderung ist keine Bedrohung für den Lebensstandard der Bevölkerungen reicher Länder. Aber selbst geringe Einkommen in wohlhabenden Staaten sind für viele Einwanderer eine deutliche Verbesserung gegenüber der Heimat. Daher sollten wir die Grenzen öffnen.

Die deutsche Debatte über EU-Einwanderung scheint sich von der schweizerischen vor allem durch die Abwesenheit einer Volksabstimmung zu unterscheiden. In beiden Ländern wurden bisher vornehmlich mögliche Vor- und Nachteile der sich derzeit im Inland aufhaltenden Bevölkerung erörtert. Wenig Beachtung haben in den Diskussionen leider die Interessen der Einwanderer gefunden. Sie sind es jedoch, die zweifelsohne ihre Lebenssituation durch die Einwanderung maßgeblich verbessern können. Wer um das Wohl aller Menschen besorgt ist, sollte sich deshalb für den freien Personenverkehr über Ländergrenzen hinweg aussprechen. Dabei sollte es irrelevant sein, ob die Ländergrenzen innerhalb der EU verlaufen oder zwischen EU-Mitgliedsländern und Nicht-EU-Mitgliedsländern.

Wir alle streben stets nach Verbesserung unserer Lebenssituation; zum Beispiel durch die Wahl unseres Wohn- und Arbeitsortes. Das gilt auch für Flüchtlinge aus ärmeren Ländern der Welt. Sie verlassen ihre vertraute Umgebung und nehmen Strapazen auf sich, die für uns teilweise unvorstellbar sind, um fernab der Heimat die Chance auf ein besseres Leben zu bekommen. Wenn sie bei uns ankommen, sollten wir sie daher mit offenen Armen und nicht mit verriegelten Grenzzäunen empfangen.

Dramatische Verbesserung des Lebensstandards durch Migration

Menschen, die aus den ärmsten Ländern der Welt in eines der reichsten Länder einwandern, können ihre Lebenssituation auf einen Schlag dramatisch verbessern. Und dabei geht es keineswegs um Peanuts. Einige Zahlen sollen helfen, die großen Unterschiede bezüglich des Lebensstandards zu veranschaulichen. Laut Internationalem Währungsfonds [1] bezogen die knapp 81 Millionen in Deutschland lebenden Menschen 2013 ein durchschnittliches Einkommen, das 30-mal so hoch war wie das durchschnittliche Einkommen der 88 Millionen in Äthiopien lebenden Menschen. Wenn ein Äthiopier nach Deutschland einwandert und hier ein Einkommen erwirtschaftet, das sich gerade einmal auf ein Zehntel des deutschen Durchschnittseinkommens beläuft, so verdient er etwa das Dreifache des durchschnittlichen Einkommens der Menschen in Äthiopien. Die unterschiedlichen Preisniveaus der beiden Länder sind in diesen Überlegungen bereits berücksichtigt.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass laut Michael Clemens [2] vom Center for Global Development der Abbau der bestehenden Migrationsbarrieren einen wesentlich größeren Beitrag zur Verbesserung des Lebensstandards auf der Welt leisten könnte als der weltweite Abbau aller Handelsbarrieren. [3]

Angst vor Zusammenbruch der Sozialversicherungen unbegründet

Die in Deutschland viel diskutierte Einwanderung in die Sozialversicherungssysteme ist kein Problem. Zum einen gibt es empirische Hinweise darauf, dass Einwanderer in Deutschland etwas mehr in die Sicherungssysteme einzahlen als sie ausgezahlt bekommen. [4] Zum anderen ließe sich die Einwanderung in die Sozialversicherungssysteme vermeiden, wenn die Menschen erst dann einen Anspruch auf Leistungen erhalten, wenn sie bereits mehrere Jahre Beiträge gezahlt haben. Bei der gesetzlichen Rentenversicherung gilt dasselbe Prinzip heute bereits mit aller Selbstverständlichkeit für jeden Arbeitnehmer in Deutschland. Erst wer mindesten fünf Jahre lang Beiträge gezahlt hat, erhält dadurch Anspruch auf Rentenzahlungen im Alter. Eine solche Regelung könnte man auch auf die anderen Sozialversicherungen ausweiten. Dennoch würden viele Menschen nach Deutschland einwandern wollen, denn die Arbeitsmöglichkeiten und die Leistungen der sozialen Sicherungssysteme in ihren Heimatländern sind deutlich weniger attraktiv.

„Für die meisten nicht hochqualifizierten Einwanderer hat ein Mindestlohn von 8,50 Euro die gleiche Wirkung wie der Entzug der Arbeitserlaubnis.“

Mindestlohn inkompatibel mit offenen Grenzen

Ein Mindestlohn in der von der derzeitigen Bundesregierung angestrebten Höhe ist mit einer Politik offener Grenzen ganz offensichtlich inkompatibel. Für die meisten nicht hochqualifizierten Einwanderer hat ein Mindestlohn von 8,50 Euro die gleiche Wirkung wie der Entzug der Arbeitserlaubnis. [5] Einwanderer mit geringem Ausbildungsniveau und geringen Sprachkenntnissen erzielen zunächst relativ niedrige Löhne. Diese in Deutschland relativ niedrigen Löhne sind jedoch hoch im Vergleich zu den Löhnen, die die Einwanderer in ihren Heimatländern hätten erzielen können.

Migration als effektive Entwicklungshilfe

Der Abbau bestehender Migrationsbarrieren ist die vermutlich effektivste Form der Entwicklungshilfe. Befürchtungen, eine Zunahme der Einwanderung würde sich erheblich auf das Beschäftigungs- und Lohnniveau der derzeit in den reichen Ländern lebenden Bevölkerung auswirken, scheinen unbegründet. [6] In Deutschland gibt es empirische Hinweise lediglich auf schwach negative [7] oder schwach positive [8] langfristige Effekte Empirische Hinweise gibt es beispielsweise für Deutschland in der langen Frist lediglich auf schwach negative oder schwach positive Effekte. Derweil würden die Einwanderer massiv profitieren und durch Transfers in ihre Heimat ihre Familie und Freunde unterstützen können. Wer nicht nur am Wohl der momentan in Deutschland oder in Europa Verweilenden interessiert ist, sondern am Wohl aller Menschen, sollte sich folglich für eine stärkere Öffnung der Grenzen einsetzen.