26.04.2013

Glückspolitik: Sei zufrieden mit dem, was Du hast…?

Von Ashely Frawley

Die moderne Glückspolitik ist ein von oben verordnetes Elitenprojekt. Wir sollen lernen mit wenig zufrieden zu sein und unsere Erwartungen an gesellschaftlichen Fortschritt herunterschrauben. Die britische Soziologin Ashley Frawley über die Rolle des Glücks im politischen Diskurs.

Relativ arme Menschen sind mindestens ebenso glücklich, oder gar glücklicher, als materiell Bessergestellte. Das ist die Botschaft zweier jüngst veröffentlichter Berichte, von denen der eine die Zufriedenheit der Menschen weltweit und der andere die Zufriedenheit der Bevölkerung Großbritanniens untersucht. Die Wendung „arm aber glücklich“ mag zwar ein weitgehend akzeptiertes Klischee sein, aber die Behauptung „lieber glücklich als reich“ ist auf jeden Fall sehr kritisch zu beleuchten.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Gallup-Umfrage stehen an der Spitze der Zufriedenheitsskala nunmehr einige der ärmsten Länder der Welt – einschließlich Panama, Paraguay und El Salvador. Und im November veröffentlichte das britische Office for National Statistics (ONS) im Rahmen des National Wellbeing-Programm neue Ergebnisse über das „allgemeine Zufriedenheitsniveau“ im Vereinigten Königreich. Nicht nur sind die Werte für die Lebenszufriedenheit ungeachtet der Rezession offenbar „weitgehend stabil“, sondern in den sozialen Brennpunkten scheinen auch eine Menge recht glücklicher Menschen zu leben (zumindest solange sie freie Sicht auf grüne Bäume haben).

Der Aufstieg der Glückspolitik

Die Glücks-Agenda mag zwar nicht jedem augenfällig sein, aber dennoch ist ihr Einfluss kaum zu überschätzen – sie ist allgegenwärtig, von Oxfam bis zu Coca Cola, von der Weltbank bis hin zur britischen Bildungspolitik. In den 1990er Jahren gab es im Rahmen der Diskussion um das Selbstwertgefühl (engl.: self esteem) verschiedene Kampagnen, die die Bedeutung individuellen Glücks betonten. Fast jeder sozialer Missstand sei demnach durch eine Steigerung des „subjektiven Wohlbefindens“ beziehungsweise des Glücksgefühls lösbar.

Entsprechend konnte man in einem Bericht der Children’s Society von 2012 lesen, dass „ein geringes subjektives Wohlbefinden“ bei Jugendlichen potentiell zu einem erhöhten Risiko von Krankheit, sozialer Isolation, Diskriminierung und riskantem Verhalten führen könnte. Und für den inoffiziellen britische Glücksprophet, Richard Layard, ist Unzufriedenheit sogar das „schlimmste soziale Problem“ Großbritanniens.

Aber die in den letzten Jahren von offizieller Seite betriebene Konzentration auf das Glück ist keineswegs eine Reaktion auf eine wachsende Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Tatsächlich betonen die Befürworter der Glücks-Agenda, dass sich gar nicht so viel verändert hat: Trotz „massiven Wirtschaftswachstums“ sei paradoxerweise kein Anstieg des subjektiven Glücksempfindens zu verzeichnen gewesen. Zweifler sollen mit anschaulichen Grafiken überzeugt werden, die bei stetig steigendem BIP eine stagnierende „Glücks-Rate“ darstellen.

So kam im April letzten Jahres etwa auch UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zur inzwischen weit verbreitete Schlussfolgerung, man solle den traditionellen monetären Indikatoren des „sogenannten Fortschritts” weniger Aufmerksamkeit schenken und sich stattdessen stärker auf die Dinge konzentrieren, die die Menschen wirklich nachhaltig glücklich machen. Ganz ähnlich argumentierte die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des deutschen Bundestages in ihrem Abschlussbericht im April diesen Jahres: neben dem Bruttoinlandsprodukt solle man in Zukunft auf weitere Messwerte zur Berechnung der allgemeine Lebensqualität, wie Artenvielfalt, Gesundheit oder Treibgas-Ausstoß, setzen. Bereits 2006 äußerte sich auch der britische Premierminister David Cameron entsprechend mit den Worten: „Wir müssen uns sowohl darüber klar sein, was die Menschen glücklich macht, als auch darüber, was die Aktienkurse steigen lässt.“

Glück als Elitenprojekt

Diese neue Wahrnehmung dessen, „was für die Menschen wirklich wichtig ist“, wird zwar oft als besonders fortschrittlich und irgendwie „links“ gepriesen, aber man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass das moderne Glücks-Projekt schon immer eine Top-down-Initiative war. Im gesellschaftlichen Establishment waren diese Vorstellungen schon lange präsent. Ende der 1990er Jahre wurden sie von der amerikanischen Strömung der Positiven Psychologie weiter kultiviert, um kurz darauf auch in Großbritannien begeistert aufgegriffen zu werden – von eng mit der britischen Politik verbundenen Einzelpersonen und Gruppen, die auch die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen suchten.

So scheint die sprichwörtliche Rede vom nicht käuflichen Glück als Leitfaden für die Politik zwar denkbar albern, ist aber dennoch seit den späten 1990er Jahren sehr einflussreich. Nicht nur will das ONS im Rahmen einer viel beachteten Initiative das „Wohlbefinden“ in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung aufnehmen, die amtierende britische Regierung gründete auch ein sogenanntes „Behavioural Insight Team“, das die Menschen darin bestärken soll, vermehrt dem Glück förderliche Entscheidungen zu treffen. Mit Bezug auf diese Glücks-Expertise wurden bereits zahllose Maßnahmen zur Förderung des „emotionalen Wohlbefindens“ gerechtfertigt, von der vermehrten Anwendung von Behandlungsmethoden wie der kognitiven Verhaltenstherapie in der psychiatrischen Behandlung bis zur Einbeziehung der Frage nach dem Glück in den Lehrplan der Schulen.

Linke Kritiker lehnten das von Cameron seit seinem Amtsantritt 2010 an den Tag gelegte Engagement für das Glück mit dem Argumente ab, dass die Regierung damit lediglich von geplanten Ausgabenkürzungen ablenken wolle. Aber tatsächlich war es mehr als nur politisches Kalkül. Denn man muss sich die unbequeme Frage stellen, warum auch solche Gruppierungen für die Glücks-Agenda gewesen sind, von denen man eigentlich eine ablehnende Haltung erwartet hätte.

TINA und der Aufstieg der Glücksagenda

Es gibt viele Gründe für die weitgehende Akzeptanz dieser Glückskonzeption. Vor allem akzeptieren viele unbewusst das berühmte TINA-Mantra der kürzlich verstorbenen ehemaligen britischen Premierministerien Margaret Thatchers: „es gibt keine Alternative“ (engl.: There is no alternatve) zum Kapitalismus. Wenn also keinerlei Hoffnung auf eine reale Veränderung der materiellen gesellschaftlichen Bedingungen besteht, dann können wir vielleicht wenigstens die Einstellungen in den Köpfen und die damit verbundenen Verhaltensweisen positiv verändern, mag sich manch einer denken. Angesichts einer derart verengten politischen Perspektive ist es dann plausibel, wenn die „Wiederentdeckung des Glücks“ als höchster gesellschaftlicher Zweck nicht nur radikal klingt, sondern gar eine Utopie zu versprechen scheint. Mit diesen Vorstellungen lässt sich auch wunderbar von den Unsicherheiten des eigenen politischen Selbstverständnisses ablenken, indem man die Menschen über den kleinsten gemeinsamen Nenner zueinander in Beziehung setzt. Denn glücklich will ja schließlich jeder sein.

Diese weitgehend akzeptierten Konzepte sind derart allgemein gehalten, dass nur schwer vorstellbar ist, was man ihnen entgegenhalten könnte. Scheinbar sind sich alle darin einig, dass „man Glück nicht kaufen kann“.

Aber die Glücks-Politik löst das Gefühl ungerechtfertigt von der individuellen und gesellschaftlichen Erfahrung ab und verflacht es so zu einem messbaren politischen Ziel. Ich weiß genauso wenig, was die Zukunft bringt, wie die Menschen im Jahr 1800; hätte man damals eine „Glücks-Umfrage“ gemacht, dann hätten sie sich auch nicht als weniger glücklich eingestuft, denn natürlich konnten sie nicht wissen, dass sie über bestimmte moderne Innovationen, wie Stromversorgung in jedem Haushalt, noch nicht verfügen – und daher haben diese ihnen auch nicht gefehlt. Jede Generation findet ihr Glück in der für sie selbstverständlichen Welt, so wie sie ihnen konkret begegnet. Nimmt man aber Glück als Indikator für Fortschritt, dann würde damit die Gegenwart ungerechtfertigt zur besten aller möglichen Welten stilisiert.

Entsprechend verteufeln einige Apologeten der Glücks-Agenda den materiellen Fortschritt als „hedonistische Tretmühle“. Nach ihrer Einschätzung werden wir aufgrund der „Anpassungsfähigkeit des Glücks“ auch dann nicht glücklicher, wenn wir unsere materiellen Wünsche erfüllt haben. So müssen dann die außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit des Menschen und seine Fähigkeit, tendenziell auch aus ungünstigen Situationen das Beste zu machen, als Rechtfertigung für das Festhalten an niedrige gesellschaftliche Erwartungen herhalten.

Glück statt sozialem Fortschritt

Die Tatsache, dass diese Ablehnung des materiellen Fortschritts kaum auf Widerstand stieß, belegt die fundamentale Desorientierung der gegenwärtigen „Linken“. Es gab Zeiten in denen die Ausweitung des Wohlstands als Segen für die Menschheit galt. So konnte etwa der irische Sozialist James Connolly noch 1907 schreiben: „Weil wir modert in unseren Forderungen sind, wollen wir nur die ganze Welt!“

Das Versprechen, den Menschen ein besseres Leben zu geben, war früher auch ein wesentlicher Anspruch des Kapitalismus. Aber da er offenbar keinen Wohlstand für alle schaffen konnte und außerdem keine klaren Alternativen bestehen, ist es für die kapitalistische Klasse unserer Tage durchaus naheliegend, die Vorteile des materiellen Reichtums herunterzuspielen. Natürlich blickten auch schon die Reichen des viktorianischen Englands auf die Konsumgewohnheiten der arbeitenden Klassen herab, wohlgemerkt aber wenigstens noch mit dem Hinweis, dass sie nicht arm wären, wenn sie ihren kargen Lohn sparen würden.

Zwar gebiert sich das gegenwärtige Nachdenken darüber, „was uns wirklich glücklich macht“, als besonders progressiv, aber wir sollten uns deswegen nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Glücks-Agenda ein bewusst oder unbewusst von oben verordnetes Projekt zur Festschreibung des Status Quo als dem einzig möglichen ist. Eigentlich sollten wir heute nicht über Glück diskutieren, sondern über den Fortschritt – und darüber, wie der Mensch ihn vorantreiben kann.