02.12.2008

Gesundheitsgefahr oder Panikmache?

Von Jan Lucht

Am 11. November 2008 wandte sich Greenpeace mit einer Medienmitteilung an die Öffentlichkeit: „Langzeitstudie: Verzehr von Gentech-Mais verringert Fruchtbarkeit – Greenpeace fordert sofortigen Zulassungsstopp für Gentech-Pflanzen“.

Zitat: „Die Diskussion um gentechnisch veränderte Lebensmittel bekommt ab heute eine neue, schreckliche Dimension. Was sich im Tierversuch abzeichnet, kann unter Umständen auch für den Menschen gelten. Man stelle sich vor, dass Paare ihren Kinderwunsch begraben müssen, weil sie durch den Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel unfruchtbar wurden.“ (Marianne Künzle, Gentechnik-Expertin von Greenpeace). Ein genauer Blick in die Studie verrät hingegen: Greenpeace und andere gentechnikkritische Organisationen betreiben haltlose Panikmache und wollen durch die Verunsicherung der Öffentlichkeit strengere Zulassungsvoraussetzungen und Verbote für GVO erzielen. Hintergrund der Kampagne sind gegenwärtig laufende Diskussionen innerhalb der EU zu einer Überarbeitung des GVO-Zulassungsverfahrens.

Greenpeace Schweiz forderte von den Behörden einen sofortigen Rückzug der bestehenden Bewilligungen und einen Zulassungsstopp für weitere gentechnisch veränderte Pflanzen, um die Gesundheit von Mensch und Tier nicht zu gefährden. Auch auf internationaler Ebene wurde ein sofortiger Rückzug sämtlicher gentechnisch veränderter Nutzpflanzen gefordert. Greenpeace berief sich dabei auf eine Studie, welche am selben Tag vom Projektleiter Prof. Jürgen Zentek (Veterinärmediziner an der Universität Wien) im Rahmen einer Tagung vorgestellt worden war. Erstautorin der Arbeit ist Dr. Alberta Velimirov vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FibL (Österreich). Die Studie mit Einzelheiten zu den Versuchen war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht veröffentlicht worden. Entsprechend verhalten fiel auch das Medienecho auf die massiven Greenpeace-Vorwürfe aus – kaum ein seriöses Journalist wollte sich allein auf die Greenpeace-Informationen verlassen und über dieses Thema berichten, ohne die Untersuchung selbst gesehen zu haben.

Die detaillierten Resultate wurden erst in den folgenden Tagen auf der Website des Österreichischen Bundesministeriums für Gesundheit, Familie und Jugend BMGFJ zugänglich gemacht (Velimirov u.a.,2008). In Langzeit-Fütterungsversuchen war der Einfluss von gentechnisch verändertem Mais der seit 2007 in der EU als Lebens- und Futtermittel zugelassenen Sorte „NK603 X MON810“ auf Mäuse geprüft worden.

Die Forscher wählten drei verschiedene Versuchsdesigns, bei denen jeweils Mäusefutter mit einem Zusatz von einem Drittel Gentech-Mais oder unverändertem Kontrollmais eingesetzt wurde. In einer Mehr-Generationenstudie (MGS) wurden Mäuse und ihre Nachkommen über insgesamt vier Generationen mit der Maisdiät gefüttert. Während dieser Zeit wurde kein Einfluss der Fütterungsart auf die Gesundheit der Tiere festgestellt. Die Futteraufnahme, die Fruchtbarkeit sowie die Anzahl an Jungen und deren Wachstum zeigten keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den mit Gentech-Mais und den mit konventionellem Mais gefütterten Tieren. In einem Lebensdauer-Versuch wurden zwei Gruppen von Mäusen bis zu ihrem Lebensende mit Gentech-Mais oder zwei herkömmlichen Maissorten gefüttert. Die durchschnittliche Lebensdauer der Tiere betrug 17 Monate mit Gentech-Mais, und 15,7 bzw. 16,3 Monate mit konventionellem Mais; diese Unterschiede wurden aber als nicht statistisch signifikant beurteilt.

In einem dritten Studienansatz wurden Mäusepaare über einen längeren Zeitraum zusammen gelassen, sodass die Weibchen fortwährend neue Würfe produzierten. Hier berichten die Autoren bei der dritten und vierten Nachkommen-Generation der gleichen Eltern über eine Abnahme der Gesamtzahl der Würfe, der durchschnittlichen Anzahl der Nachkommen pro Wurf, und daher auch des Gesamt-Gewichts der Nachkommen, wenn die Tiere mit Gentech-Mais gefüttert worden waren. Bei den Geburtsgewichten und der Gewichtszunahme der neu geborenen Mäuse in den ersten drei Wochen zeigten sich jedoch keine deutlichen Unterschiede zwischen den verschieden gefütterten Mäusen.

Bereits am Nachmittag des 11. November veröffentlichte die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES, die den Vortrag von Prof. Zentek organisiert hatte, eine Medienmitteilung „Klarstellung zu neuen Erkenntnissen zur Fütterung mit GVO-Mais“, nachdem gentechkritische Organisationen dieser Resultate als „Horrorszenario“ interpretiert hatten. Es handele sich bei den Versuchen um eine Einzelfallprüfung, deren Ergebnisse keinesfalls direkt auf den Menschen übertragen werden können. Eine Absicherung dieser vorläufigen Ergebnisse durch weitere Studien sei dringend erforderlich, urteilte der Projektleiter Prof. Zentek selbst. Üblicherweise werden wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse erst nach gründlicher Bewertung der Resultate durch unabhängige Experten („Peer Eeview“) in Fachzeitschriften veröffentlicht. Auf diese Art der Qualitätskontrolle hatten die Verfasser der Velimirov-Studie verzichtet, indem sie ihre Resultate ohne vorherige unabhängige Begutachtung präsentierten.

Eine gute Woche nach Vorstellung der Studie legte Monsanto, die Herstellerfirma der untersuchten Gentech-Maissorte, eine Stellungnahme zweier externer Gutachter sowie eine eigene Beurteilung vor. Sie fanden viele Ungereimtheiten, Abweichungen von üblichen Vorgehensweisen und fragwürdige Versuchsauswertungen. Besonders erstaunlich ist, dass die Zahlen der Velimirov-Studie mehrere offenbare Rechenfehler enthalten, wie mit einem Taschenrechner leicht selbst überprüft werden kann – meistens zuungunsten der GVO-gefütterten Tiere. So war ein Mäusepaar aus der GVO-Futter-Gruppe in der RACB-Langzeitstudie offenbar schon seit Versuchsanfang steril, was über die vier untersuchten Wurfperioden große negative Auswirkungen auf die Gesamtzahl der Nachkommen in dieser Gruppe hatte. Bei korrekter Versuchsdurchführung und ohne die Rechenfehler wäre der von den Forschern vermutete negative Einfluss von Gentech-Mais auf die Fruchtbarkeit nicht mehr nachweisbar.

Insgesamt sieht Monsanto keinen Grund, aufgrund der mit zahlreichen Mängeln behafteten Velimirov-Studie die eigene Sicherheitsbewertung der NK603 X MON810-Maissorte oder die positive Beurteilung durch die weltweiten Zulassungsbehörden infrage zu stellen. Solange die Resultate nicht auf eine sicherere Basis gestützt werden können, wird die Studie von Velimirov und Mitarbeitern wohl kaum große Auswirkungen haben.

Wenige Tage später wiederholte sich das Spiel: Die österreichische Umweltschutzorganisation Global 2000 forderte unter Berufung auf eine neue italienische Studie ein sofortiges Importverbot für den Bt-Mais MON810, da er zu Veränderungen im Immunsystem führe, die häufig in Zusammenhang mit Allergien und Unverträglichkeiten stehen. Tatsächlich wurde in einem in einer Fachzeitschrift veröffentlichten Artikel (Finamore u.a,2008) über Veränderungen in der Anzahl bestimmter Immunzellen und mancher Immun-Botenstoffe im Serum von Mäusen berichtet, die über längere Zeit mit der Bt-Maissorte MON810 gefüttert worden waren. Dass der Körper und das Immunsystem auf Inhaltsstoffe der Nahrung reagiert, ist allerdings nicht ungewöhnlich, sondern normal – problematisch wird es nur, wenn es hier zu einer unangepassten oder übertriebenen Reaktion (Allergie) kommt. Krankheitsanzeichen wurden bei den GVO-gefütterten Mäusen allerdings nicht beschrieben, auch ihre Futteraufnahme und ihr Wachstum unterschied sich nicht von konventionell gefütterten Artgenossen. Die Autoren schließen selbst, dass die Bedeutung ihrer Beobachtungen und ob es sich um bedeutsame nachteilige Veränderungen des Immunsystems handle, unklar sei – auch hier kann die als Begründung herangezogene wissenschaftliche Studie kaum die weitreichende politische Forderung von Global 2000 nach einem österreichischen MON810-Importverbot stützen, wenn man sich einmal die Zeit nimmt, die Originalarbeit zu lesen.

Dr. Jan Lucht ist promovierter Biologe und Leiter der Geschäftsstelle von Internutrition, Schweizerischer Arbeitskreis für Forschung und Ernährung, in Zürich. Der vorliegende, leicht gekürzte Text ist im Original im Newsletter „Internutrition POINT. Aktuelles zur grünen Biotechnologie“ erschienen (Nr. 85, November 2008), der kostenfrei über die Website www.internutrition.ch abonniert werden kann.