13.05.2009

Gesine Schwan: Robin Hood im Schloss Bellevue?

Von Sabine Reul

Wenn nächste Woche die 1224 Delegierten der Bundesversammlung zusammentreten, wird die schon 2004 erfolglose SPD-Kandidatin Gesine Schwan wohl auch im zweiten Anlauf den Sprung in das Bundespräsidentenamt verpassen. Sie wollte als Integrationsfigur parteiübergreifend Zuspruch finden, muss nun aber erwarten, dass auch SPD-Delegierte ihr die Stimme versagen. Und selbst wenn die Bürger den Bundespräsidenten direkt wählten, würden laut einer Infratest-Umfrage vom April nur 14 Prozent für die emeritierte Universitätspräsidentin stimmen. Zu Recht.

Anscheinend weiß niemand mit Frau Schwan so recht etwas anzufangen. Sie genießt zwar beachtliche Sympathie, darf als humanistisch hoch gebildet gelten, tritt dem politischen Apparat entsprechend kritisch reflektierend gegenüber und hat inhaltlich vor allem gegen den Trend zur Ökonomisierung der Bildung recht überzeugend Position bezogen. All das spricht durchaus für die bekennende Katholikin und Anhängerin des großen polnischen Philosophen und Dissidenten Leszek Kolakowski.

In der Politik stößt Schwan nicht ohne Grund auf enorme Vorbehalte: Schließlich hat sie sich als eine Art Stachel im Fleisch der Parteien positioniert. Dass sie dem amtierenden Bundespräsidenten Köhler vorwarf, mit seiner Amtsführung den Graben zwischen Politik und Bürgern zu vertiefen, um dann vor einer „explosiven Stimmung“ in der Bevölkerung zu warnen, die eine sozial unausgewogene Krisenpolitik heraufbeschwöre, hat die Skepsis gegenüber der Kandidatin in allen Parteien stark anschwellen lassen. Auf den ersten Blick mag das zwar unlogisch sein, denn Frank Walter Steinmeier, der Schwan besonders scharf für ihre Warnung vor sozialen Unruhen kritisierte, äußerte sich selbst bei verschiedenen Anlässen ganz ähnlich. Der Punkt ist aber: Wenn Steinmeier und andere auf Belegschaftsversammlungen gegen Empfänger überzogener Boni wettern, gilt das als legitim, da jeder weiß, dass es sich um Wahlrhetorik handelt – und da hackt wohl keine Krähe der anderen ein Auge aus. Wenn aber Schwan dem ganzen politischen Betrieb mangelndes Gerechtigkeitsempfinden oder fehlende Bodenhaftung vorhält, was sie in zahlreichen Artikeln und Reden immer wieder tut, ist das aus Sicht der Parteien überaus unerquicklich.

Nun könnte man gerade deshalb vonseiten der Bürger starken Zuspruch für Schwan als eine Art Robin Hood im Bundespräsidentenamt erwarten. Doch den hat sie zumindest den Umfragen zufolge eher nicht. Das mag für die Klugheit der Bürger sprechen, denn Gesine Schwan verweist zwar auf offenkundige Defizite des politischen Apparats, bietet aber wenig, was zu ihrer Überwindung beitragen könnte. Nun erwartet man von Kandidaten für unser seltsames Präsidentenamt zwar keine politischen Programme, aber Gesine Schwan steht für einen sozialtherapeutischen Ansatz, der die Unterstützungs- und Verständnisbedürftigkeit der Menschen ins Zentrum der Politik gestellt sehen möchte. Und das findet bei denen offenkundig kein großes Echo – zu Recht.