01.11.2001

Gene im Suppentopf

Kommentar von Beda M. Stadler

Beda Stadler hat das erste Kochbuch der Welt für gentechnisch veränderte Speisen geschrieben. Novo kredenzt eine Kostprobe.

Tomatencremesuppe

Natur pur mit Hightech und Genen

Zutaten für vier Personen

  • 800g Pelati-Tomaten aus der Dose
  • 2 kleine Schalotten
  • Olivenöl
  • 1 Zehe Knoblauch
  • 1 Nelke
  • Salz
  • Cayennepfeffer
  • 2,5dl Rahm

Zubereitung

Dieses Rezept ist eine Hommage an Fredy Girardet. Die Suppe lebt von dem Hauch Knoblauch und der Spur Nelke. Meine Variation geziemt sich allerdings nicht für einen Starkoch, weil ich Ihnen anstelle von frischen Tomaten Dosentomaten vorschlage. Selbstverständlich können Sie das Rezept nach Original-Girardet zubereiten, indem Sie sich die frischen, sonnengereiften Tomaten direkt auf dem Markt besorgen und diese blanchieren und enthäuten. Da frische Tomaten aber nicht immer zur Verfügung stehen, empfehle ich Dosentomaten. Zumal diese, im Gegensatz zu den so genannt frischen, auch wirklich sonnengereift sind!

Würfeln Sie die Schalotten sehr klein und dünsten Sie diese in Olivenöl, bis sie glasig sind. Fügen Sie die Pelati samt dem Saft aus der Dose bei und zerteilen Sie diese mit der Kelle. Salz beifügen, dies hilft bei der Extraktion der Geschmacksstoffe. Die Nelke und die halbierte Knoblauchzehe beifügen, umrühren und langsam vor sich hin kochen lassen.

Nach einer Stunde die Nelke und den Knoblauch entfernen und die Suppe mit einem Stabmixer in der Pfanne pürieren. 10 Minuten vor dem Servieren Rahm beifügen, aufwallen lassen und mit Cayennepfeffer und Salz abschmecken.

Wissenswertes

Dieses Rezept ist aber auch eine Hommage an das erste gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, das von den Konsumenten Beachtung fand. Als die GVO-Tomate vor einigen Jahren in Amerika auf den Markte kam, habe ich sie probieren dürfen und war maßlos enttäuscht. Die Idee allerdings, die dahinter steckte, hat mich überzeugt. Mit der so genannten „Antisense-Technik“ hat man jenes Gen zum Schweigen gebracht, welches für die schnelle Reife der Tomate verantwortlich ist. Tomaten, die derart zum Schweigen gebracht worden sind, können an der Staude reifen, rot werden, Aroma und mehr Vitamine entwickeln. Dies wäre wahrlich ein Fortschritt im Vergleich zu den grün gepflückten, geschmacklosen Tomaten, die wir heute gezwungenermaßen kaufen, wenn unser Rezept frische Tomaten erfordert. Diese Lösung wäre nicht nur bei Tomaten anwendbar, sondern bei einer ganzen Reihe anderer Gemüse und Früchte. Darauf warte ich als Stadtkoch ohne eigenen Garten. Denn ich bin darauf angewiesen, dass Gemüse und Früchte möglichst frisch und hoffentlich mit möglichst viel Geschmack bei meinem Gemüsehändler erhältlich sind. Wenn der Produzent diese empfindlichen Produkte unreif pflücken muss, wie das bei Bananen, anderen Südfrüchten und vielen Gemüsen der Fall ist, bekommen wir nur einen Abgeschmack von dem, was wir erhalten könnten.

Meine Enttäuschung war wie gesagt groß, als ich in diese GVO-Tomate biss. Ich stellte mit einem Bissen fest, dass deren Entwicklung in den Händen von Wissenschaftlern und nicht von Köchen lag. Die Wissenschaftler hatten eine Fleischtomate verwendet, die man zur Ketchup-Produktion oder bestenfalls für eine Suppe benutzen könnte. Es war keine dieser wunderbar duftenden Tomaten, die man beispielsweise in Sizilien erhält. Im Gegensatz zur Tomate war die Idee nicht voll ausgereift, sondern stand unter dem Motto: „Schauen wir mal, ob so was funktioniert. Nehmen wir die erstbeste Labortomate, bei der kein Tomatenproduzent Rechte anmeldet und am Ende noch ein Anwalt im Labor aufkreuzt.“ Zu Tomatenpüree verarbeitet, hat sich die erste GVO-Tomate in England gleich gut verkauft wie herkömmliche Tomaten. Manch einer soll in diesen Dosen gar mehr Geschmack festgestellt haben. Für die Gentechnik-Gegner wurde die GVO-Tomate zum Anti-Gentechnik-Symbol schlechthin. Als Anti-Matsch-Tomate verschrien, wurde sie als giftig und gesundheitsgefährlich dargestellt und sogar in Zusammenhang mit BSE gebracht. Wen wundert es da, dass die Konsumenten sich schließlich vor einem zum Schweigen gebrachten Gen fürchteten, das in jeder herkömmlichen Tomate voll zum Zug kommt.

Weiter wurde die Tomate zum Barometer des Wissensstands rund um die Gentechnik auserkoren. Die seit 1996 jährlich an Europäer und Amerikaner gestellte Frage, ob herkömmliche, also gentechnisch unveränderte Tomaten Gene enthalten, wird in praktisch allen Ländern von etwa 30% der Befragten mit Nein beantwortet. Zwar können wir für dieses Unwissen Verständnis haben, und es sollte uns anregen, noch mehr Informationsarbeit zu leisten. Kein Verständnis habe ich allerdings dafür, dass dieses Unwissen von Gentechnik-Gegnern zum Erreichen ihrer politischen Ziele ausgenutzt wird. Diese fordern ja mittlerweile sogar eine genfreie Alpenzone. Man stelle sich das vor: Alpen rein aus Granit und Eis – ohne ein einziges Pflänzchen, denn diese sind voller Gene.