17.03.2011

Geistiges Erdbeben nach Japan: Das Oberste nach unten kehren

Kommentar von Yvonne Caldenberg

Die Debatte hierzulande ist von Ablehnung gegenüber technologischen Errungenschaften geprägt - ein Zeichen der zunehmender Vereinzelung in unserer Gesellschaft, findet Yvonne Caldenberg. Misstrauen und Ängste wachsen. Gleichzeitig fehlt es an verbindenden politischen Zielen

Ein Meteorit trifft die Rurtalsperre in Nordrheinwestfalen; die Talsperre bricht. Die Flutwelle zerstört zahlreiche Ortschaften in der Umgebung, schwemmt tausende von Häusern weg, über zehntausend Menschen sterben. Die Folge? In Japan entbrennt eine Debatte über die Nutzung der Wasserkraft, in Tokio halten Demonstranten Schilder in Kameras, Aufschrift: „Das Wasser ist unser Tod.“


Es gibt, zumindest was die Ursachen angeht, zwei Arten von Katastrophen, menschengemachte und Naturkatastrophen. In manchen Fällen ist die Unterscheidung einfach: Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, menschengemacht – der Ausbruch des Pinatubo, Naturphänomen. Was die Folgen angeht, ist diese Unterscheidung manchmal weniger leicht. Die Sturmflut von 1962 an der deutschen Nordseeküste und die Flut von 1970 in Ostpakistan waren Naturkatastrophen, die Folgen aber sehr verschieden: In Deutschland starben 315 Menschen, in Ostpakistan und Bengalen zwischen 300.000 und einer halben Million. Die Gründe für die Folgen von Naturkatastrophen sind, was ihre Abwehr betrifft,  auch menschengemacht – ihre Größe hängt davon ab, wie gut es uns gelingt, die Natur in den Griff zu bekommen, das heißt, Voraussagen und Gegenmaßnahmen zu treffen. Im reichen und hochentwickelten Deutschland von 1962 war dies offensichtlich besser möglich, als 1970 im armen, unterentwickelten Ostpakistan. Die Gründe sind nicht schwer zu verstehen.

Das Erdbeben vom 11. März 2011 und der darauf folgende Tsunami haben den Norden Japans schwer getroffen; es wird mit über 10.000 Opfern gerechnet. Die Gewichtung und der Ton der Berichterstattung und der Diskussionen hierzulande könnten einen allerdings zu dem Schluss kommen lassen, mitten in Tokio sei ein Atomkraftwerk explodiert. Nicht nur diese schiefe Sicht der Dinge, die einen vergleichsweise leichten und unbedeutenden Unfall in den Fukushima-Reaktoren in seiner Bedeutung über die direkten Folgen des Erdbebens erhebt, mutet merkwürdig an. Noch eigenartiger ist, was in Presse und Debatte ganz fehlt. Das Erdbeben vom 11. März war mit einer Magnitude von 9.0 eines der schwersten jemals Gemessenen. Zudem traf es mit Japan ein sehr dicht besiedeltes Land. Bemerkenswert ist nicht das Ausmaß der Zerstörung oder die hohe Zahl der Opfer, sondern im Gegenteil die, für die Stärke des Bebens, geringe Zahl an Opfern. Wie kürzlich beim Beben in Neuseeland zeigt sich, dass im Vergleich zu den Katastrophen im Iran 2003, Indonesien 2004 und Kaschmir 2005 Erdbebenschutz möglich ist und sehr viele Menschenleben retten kann.

In der deutschen Debatte ist das allzeit zu hörende Argument, der Mensch habe sich in seiner Arroganz über die Natur erhoben und mit Hilfe seiner technischen Schöpfungen – zuvorderst Atomkraftwerke - Kräfte entfesselt, die er nun, wie Goethes Zauberlehrling, nicht mehr in den Griff bekomme. Diese Behauptung verkennt nicht nur die tatsächlichen Ereignisse, sondern übersieht auch, dass gerade wir in unserem hochentwickelten und -technisierten Land dank solcher zivilisatorischen Errungenschaften die Kräfte der Natur glücklicherweise nur noch sehr wenig zu spüren bekommen; so wird die eigentliche Bedeutung dieser Errungenschaften in ihr Gegenteil verkehrt. Das Erdbeben in Japan deshalb zum Zeichen für das Ende der Atomkraft auszurufen, wäre in etwa so, als hätte man 1999, nach dem Orkan Lothar, das Experiment Windkraft für beendet erklärt. Wir erleben die Folgen eines geistigen Erdbebens, das das Oberste nach unten gekehrt hat.

Zu dieser Umwälzung haben zwei Entwicklungen beigetragen. Kaum jemand hat heute noch mit Naturgewalten kämpfen. Unsere zivilisatorischen Errungenschaften schirmen uns sehr wirkungsvoll von ihnen ab. Natur ist für viele Deutsche heute nur noch der Spaziergang im Wald (der alles andere als natürlich ist) oder eine TV-Dokumentation über interessante Tiere. Auch der Großtechnik begegnen sie in etwa auf dieselbe Art: bei einer Werksbesichtigung oder eben wieder in einer TV-Dokumentation. Dies allein wäre kein Grund, das eine negativ, das andere positiv zu besetzen (und dem „authentischen Erleben“ soll hier durchaus nicht das Wort geredet werden – es wird überbewertet). Die Wertung rührt vielmehr von sozialen Prozessen der letzten Jahrzehnte her, verkürzt gesagt vom Zerfall gesellschaftlicher Kollektive, geteilter Vorstellungen und Werte. In dem Maße, in dem westliche Gesellschaften sich erst in Gruppen, dann Grüppchen, dann Ich-AGs zerlegten und die Einzelnen von Gemeinschaftswesen zu versprengten Individuen wurden, wuchs auch die Entfremdung von und das Misstrauen gegen alles, was über den eigenen, engen Blickwinkel hinausgeht – gegen Institutionen und Großtechnik beispielsweise. Ein solcher Widerwille gegen alles, was der eigene Tunnelblick nicht erfasst, ein solches Misstrauen hat mit politischer Kritik, hat mit einem Kampf gegen staatliche und wirtschaftliche Willkür und für mehr Mitbestimmung reichlich wenig zu tun. Was sich hier regt, scheint in erster Linie ein ungutes Gefühl in der Magengrube sein – viel mehr aber auch nicht. Statt sich gemeinsam auf eine geteilte Vorstellung von einer anderen Gesellschaft zu einigen und dafür zu kämpfen, werden zuallererst rein persönliche Ängste projiziert und Dampf abgelassen. Entsprechend haben aktuell auch Verschwörungstheorien Konjunktur und politische Forderungen (so es sie überhaupt noch gibt), die über eine bloße Verneinung von etwas hinausgehen, sind meistens auch wenig zukunftsweisend. Man möge die Kirche doch bitte im Dorf lassen und überhaupt möchte man doch bloß seine Ruhe, so der allgemeine Tenor heutzutage.

Durch neue Kommunikationstechnologien und Möglichkeiten, billig zu reisen, haben wir uns vernetzt wie nie zuvor. Wo sich früher Fuchs und Hase gute Nacht sagten, twittern heute selbst die Vögel im Wald. Diese Vernetzung hat aber nicht für mehr Gemeinsinn gesorgt. Geteiltes Verständnis, einen Austausch von Ideen und Kooperation gibt es, außer in einem engen technischen Sinn, kaum. Es ist Zeit, über den Tellerrand zu schauen. Wer nur ein „Ich Ich Ich“ in die Welt simst, wird ein entsprechendes Echo zurückbekommen. Wer angesichts der Ereignisse in Japan nur ein „Da ham wir’s ja – hab ich doch immer gesagt“ von sich gibt, muss sich nicht wundern, wenn andere sich für ihn oder sie ebenso wenig interessieren, ebenso viele Vorurteile haben.


„Nachdem der Meteorit die Rurtalsperre zerstört, zu großen Schäden, vielen Toten geführt hatte, beschlossen die Vereinten Nationen auf Anregung Deutschlands und Japans ein weltweites Programm zur Abwehr von Meteoriten und anderen, die Erde bedrohenden Himmelskörpern aufzulegen. Mit dem auf zehn Jahre angelegten Programm, für das die reichsten Staaten 80 Milliarden Euro zahlen, soll sichergestellt werden, dass sich derartige Katastrophen in Zukunft nirgends auf der Welt wieder ereignen können.“