01.03.2006

Frühkindliche Bildung statt Elitevorschulen!

Essay von Hubert Markl

Warum im globalen Innovationswettbewerb alles mit allem zusammenhängt.

Wir brauchen über Erfolg und Spitzenleistungen im internationalen Wettbewerb der Besten gar nicht reden, wenn wir nicht die Menschen haben, die dazu befähigt sind, sich in ihm zu bewähren. Und obwohl es manche geben mag, die glauben, man könne den Bedarf einer Gesellschaft an solchen Frauen und Männern doch auch durch „creaming off“, also durch das Absahnen der Eliten anderer Nationen decken – wie dies ja vor allem den USA gerne unterstellt wird –, so täuschen sie sich damit sicherlich in zweifacher Hinsicht.

Wer nämlich nicht einmal für den eigenen Nachwuchs zu sorgen vermag, der hat auf längere Sicht auch zugewanderten Talenten nicht viel zu bieten. Und wer meint, ohne Sorge für die Bildung der eigenen Kinder könne jener Wohlstand erblühen, der dann auch die Besten anderer Länder anzieht, der irrt ebenfalls, denn Wohlstand für alle kann nur schaffen, wer seine Talente optimal entwickelt und nutzt. Nichts zieht die Besten von überall her so sehr an wie die Aussicht, dabei selber mit den Besten anderer Nationen zusammenarbeiten zu können. Deshalb muss in der globalen Innovationsgesellschaft – wie auch sonst im Leben – schon selber sehr gut sein, wer anziehend auf andere wirken will.

Das hängt auch unmittelbar mit der Unvorhersagbarkeit der Ausnahmetalente zusammen – und zwar auf allen Gebieten gesellschaftlichen Lebens, nicht nur in Wissenschaft und Forschung, genauso in der Kunst, im Sport, im Unternehmertum. Dass jede oder jeder ein Genie sein kann, mag zu den Wahnvorstellungen egalitärer Bildungsphilosophie gehören; in der Wirklichkeit finden wir das nirgendwo bestätigt.

Dass wir aber von keinem, wirklich gar keinem einigermaßen gesunden Kleinkind ausschließen können, dass gerade aus ihr oder ihm etwas ganz Besonderes werden kann, ist ebenfalls wahr und keineswegs nur der Traum der meisten Eltern und Großeltern, der sie übrigens auch immer wieder trotz aller Lasten motiviert, alles dafür zu tun; es ist genau die Folge der Einzigartigkeit eines jeden Individuums und daher seines unersetzlichen Wertes; und es ist auch das Ergebnis seiner unberechenbaren Freiheit, die uns immer aufs Neue überraschen kann.

Darin liegt auch der tiefere Grund, warum jede Talentförderung, die später einmal zu Spitzenleistungen befähigen soll, gleichsam talentblind und ohne Voreingenommenheit gegenüber Geschlecht, Herkunft oder Wohlhabenheit der Kleinkinder in buchstäblich jedem von ihnen die künftigen Hochleistungsnaturen sehen muss, obwohl jeder weiß, dass aus den verschiedensten Gründen keineswegs alle dazu imstande sein werden. Wer zu früh ausliest, wer zu früh nur wenigen zugute kommen lässt, was nur den angeblich als besonders begabt erkannten Kindern zugute kommen soll, der schadet der ganzen Gesellschaft – also eigentlich sich selbst –, indem er chancenreiche, aber früh noch nicht sicher erkennbare Talente verschwendet.

"Wer zu früh nur wenigen zugutekommen lässt, was nur den angeblich als besonders begabt erkannten Kindern zugute kommen soll, der schadet der ganzen Gesellschaft."

Was wir gerne Breitenbildung nennen, hat nirgends mehr Berechtigung, ja zwingende Begründung als im frühen Kindesalter. Georg Christoph Lichtenberg hat dies schon vor langer Zeit überaus klarsichtig erkannt: „Unglücklich, wer zu früh als Genie erkannt wird“, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Weil damit nämlich immer der Ausschluss anderer, als nicht so ausgezeichnet angesehener Kinder einhergeht, deren Potenziale damit nicht entwickelt werden. Und weil die Treffsicherheit des Urteils für die allzu frühe Heraushebung von Wenigen so gering ist, dass eine Gesellschaft, die diesen Weg der Begabtenförderung geht, am Ende mit allzu vielen fälschlich Bejubelten dasteht oder besser sitzen bleibt, während wirkliche Talente unerkannt, d.h. vor allem nicht anerkannt und damit auch nicht gemeinschaftsnützlich verkümmern.

Kleine Genies

Gewiss, auch ich kenne die Geschichten von den unverkennbaren Kindergenies, den Amadeus Mozarts oder John Stuart Mills; aber das sind immer die – insoweit irreführenden, obwohl durchaus zutreffenden – Beispiele post festum: nachdem ihr glänzender Rang unverkennbar im fortgeschrittenen Alter hervorgetreten war, erwies sich auch ihre Frühgenialisierung als bestätigt. Wie viele vermeintliche Kindergenies daneben Opfer ihrer belastenden Früherkennung geworden sind? Keiner zählt sie. Und wie viele unerkannte Begabungen daneben verkümmert sind, weil sie keine frühe und angemessene Förderung erfahren haben? Keiner weiß es.

Später bestätigte Kindergenies erinnern mich – statistisch betrachtet – immer an den 90-jährigen Raucher oder Trinker, der als Beleg für die Unschädlichkeit lebenslangen Tabak- oder Alkoholmissbrauchs herhalten soll. Alte Säufer beweisen aber ebenso wenig etwas über die Breitenwirkung des Alkohols, wie alt gewordene Kindergenies etwas über die Breitenförderung im Kindesalter aussagen können. Aus der Biografie des Jahrhundertgenies Albert Einstein können wir lernen, dass die höchst besorgniserregende Spätentwicklung seines Sprachvermögens – er soll bekanntlich bis zum vierten Lebensjahr kaum einen Satz gesprochen haben – überhaupt keine Voraussage über seine spätere geniale Entwicklung erlaubt hat; natürlich genauso wenig, wie wenn er ein frühreifes Plappermäulchen gewesen wäre. „The proof of the pudding is in the eating” – und der Beweis des Genies besteht in seinen genialen Leistungen, nicht deren Vorhersage!

Aber warum sollen wir überhaupt so früh – schon im zarten Kindesalter – mit der Bildung beginnen? Nun, was immer wir ganz richtig über die ständige Beschleunigung aller Innovationsprozesse hören, der Mensch braucht nun einmal aus ganz biologischen Gründen für jede Generation seine 20, 25 oder sogar 30 Jahre, und wenn wir wünschen, dass bei den 25-Jährigen eine innovationsfreudige, für Wissenschaft, Technik und Forschungsfortschritte begeisterungsfähige, wenn auch nicht unkritische Haltung vorherrscht – was gerade wir Deutschen gut gebrauchen könnten –, so sollten wir doch vielleicht schon bei den Fünfjährigen anfangen, sie darauf vorzubereiten.

Ich plädiere dabei keineswegs gegen frühkindliche Hochbegabtenförderung. Wenn Kinder früh besondere Neigungen und Gaben erkennen lassen, spricht alles dafür, ihnen damit zur Entfaltung zu verhelfen und sie nicht im Durchschnittsalltag dahinkümmern zu lassen. Aber alles, was wir über Entwicklungspsychologie wissen, spricht dagegen, in diesen früh und unverkennbar gezeigten besonderen Begabungen alle jene Menschen zu vermuten, die ausschließlich und mit größter Gewissheit die künftigen Leistungseliten bilden werden. So mancher Früh-Hochbegabte schwimmt mit all seinen sprachlichen oder mathematischen oder künstlerischen Talenten in seinen wirklichen Lebensleistungen durchaus im Durchschnittsstrom seiner Mitmenschen dahin – wie gesagt: Ausnahmen erlauben keine Regel! Während früh wenig beachtete, sozusagen im Stillen reifende Kinder am Ende ihrer Entwicklung zu persönlichen Höchstleistungen gelangen können, die ihnen früher keiner zugetraut hätte.

Gewiss, blöde oder faul, undiszipliniert oder desinteressiert sollten sie dafür nicht sein, aber dies ist ja eine der nachdrücklichsten Erfahrungen mit Kleinkindern aller Gesellschaftsschichten und in allen Völkern. Blöde oder lernunwillig sind die allerwenigsten darunter, aufgeweckt und eifrig die meisten davon. Wir sollten uns eher Sorgen darum machen, dass verfehlte Bildung und mangelnde Erziehung – also „Unkultur“ im sprichwörtlichen Sinne – ihnen solche guten Gaben nicht austreibt oder diese erstickt, als dass wir befürchten müssen, wir würden die vermuteten Begabungen einiger, von „Natur“ aus besonders Begünstigter verkennen und nicht früh genug in den Himmel loben.

Einfach ausgedrückt: Wir brauchen bestimmt keine Elitevorschulen, solange wir nicht einmal Kindergärten und Vorschulerziehung für alle unsere Kleinen sicherstellen können – selbst wenn wir, was ganz und gar zutrifft, am Ende durchaus Eliteforschungsstätten benötigen.

Frühstarter und Spätentwickler

Ich hatte in meinem Leben die Gelegenheit und Aufgabe, wirklich sehr viele Lebensläufe später zu Ruhm und Erfolg gelangter Spitzenwissenschaftler zu lesen. Als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder der Max-Planck-Gesellschaft bleibt einem so etwas nicht erspart. Dabei fiel mir nichts mehr auf, als dass die allermeisten dieser späteren Fachgutachter, Preisträger, Eliteprofessoren oder Max-Planck-Direktoren (immer beiderlei Geschlechts und übrigens aus vieler Damen und Herren Länder) in ihrer Kindes-, Schul-, ja oft sogar Berufsausbildungs- und Hochschulstudienentwicklung ganz und gar unauffällig geblieben waren; Menschen wie Du und ich sozusagen; keine exzeptionellen Frühstarter (das schon manchmal auch); keine auffallenden Spätentwickler (das aber eben auch); keine ausschließlich Vielfachbegabten (obwohl das manchmal auch); aber auch keine Fachidioten von Anfang an (gelegentlich freilich auch diese). Lässt man diese Hunderte und Aberhunderte besonders kreativer und leistungsfähiger Menschen an seinem geistigen Auge vorbeiziehen, so haben sie sich eigentlich nur durch eines völlig überzeugend ausgezeichnet: durch ihre superben wissenschaftlichen oder technischen Leistungen zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Entwicklung – einige schon recht früh, z.B. durch ihre exzellenten Doktorarbeiten; andere erstaunlich spät, zu einer Zeit, in der andere schon ans Aufhören denken.

Und noch eins: ich habe als Hochschullehrer im In- und Ausland bestimmt Tausende von Studenten kennen- und mehr oder weniger, meist mehr, schätzen gelernt. Aber ich könnte nicht behaupten, dass jene mit den brillantesten, von Anfang an beständigen Studienleistungen später ausnahmslos oder auch nur überwiegend die erfolgreichsten Wissenschafter geworden wären: manche schon, andere wieder gar nicht. Talent ist also gar nicht immer offenkundig oder gar marktschreierisch, in der Wissenschaft am allerwenigsten, wo sehr viel besonders Gutes am besten im Stillen reift, wenn keiner behindert, aber auch keiner dauernd stört.

Ich bezweifle natürlich nicht den statistischen Zusammenhang zwischen frühen und beständig erbrachten Leistungen und spätem Berufserfolg. Er ist genauso evident, wie die positive Korrelation zwischen frühen hohen IQ-Werten und künftiger Tüchtigkeit. Worauf ich hinaus will, ist dies: Eine solche Korrelation erlaubt erstens in keinem einzigen Einzelfall die sichere Vorhersage künftigen Könnens aus einer früh festgestellten Qualifikationsbestimmung, auch wenn sie eine mehr oder weniger gute Wahrscheinlichkeitsschätzung für ein Kollektiv erlaubt. Und eben diese Tatsache statistischer Korrelation legt zweitens geradezu zwingend nahe, sehr früh mit sehr breit gefächertem Bildungsangebot das Netz der „Menschenfischerei“ sehr weit auszuwerfen – also wirklich gleiche Bildungschancen für alle nicht gerade lernbehinderten Kinder anzubieten –, damit eben diese Korrelation später auch den gewünschten, möglichst großen Ertrag an Hochqualifizierten erbringen kann.

Aber noch eines hat mich mein langes Arbeitsleben als Hochschullehrer gelehrt: Lernt man Jahr für Jahr Hunderte Studienanfänger kennen und versucht man, sie in dem von ihnen hoffentlich freiwillig gewählten Fachgebiet heranzubilden, so wird einem nichts deutlicher, als dass man dabei fast nichts erreichen kann, wenn man sich nicht auf Vorleistungen verlassen kann, die diesen jungen Menschen auf ihrem bisherigen Lebensweg mitgegeben worden sind, von klein an, in den Familien, Kindergärten, Vorschulen, Grundschulen und in der Mittel- und Oberstufe ihrer Schulentwicklung.

Ich will damit nicht dem Verdacht Vorschub leisten, ich wolle unsere Hochschulen etwa dazu verleiten (neben allenthalben sprießenden Kinder- und Greisenuniversitäten), künftig vielleicht auch noch Babycurricula anzubieten. Sie sollten sich vielmehr lieber auf ihre Hauptaufgabe konzentrieren: wissenschaftlich qualifizierten Nachwuchs für alle gesellschaftlichen Bereiche optimal auszubilden und wissenschaftliche Lehre durch Forschung an der Front des Wissens gemeinsam mit Lehrenden und Lernenden fortzuentwickeln – zumal auch die hymnischste Greisenvergötterung die Alten nicht jünger, und keine noch so medienpopuläre Kinderuniversität kleine Gören zu Früherwachsenen machen kann.

Charakterbildung

Am Anfang und im Zentrum dessen, was junge Menschen erfolgreich ins Leben hineinführt, sie also lebenstüchtig macht, muss Charakterbildung stehen. Ein Begriff, der vielleicht etwas altfränkisch klingen mag, den ich der heute so oft berufenen „Werteerziehung“ aber schon deshalb vorziehe, weil es gar nichts bringt, wenn man – noch dazu ganz ungenau definierte – Werte anerzieht, an die sich leider meist weder Erzieher noch Erzogene halten. Charakterbildung zielt auf etwas anderes: Sie hat vor allem etwas mit Ehrlichkeit, Anstand, Lebensmut, Lebensfreude, Selbstvertrauen und auch der Fähigkeit zu tun, zugleich anderen zu vertrauen wie für sie vertrauenswürdig zu sein, also zur Gemeinschaftsbefähigung, um Gemeinschaftsverantwortung zu tragen – man könnte durchaus sagen: sie zu Tugenden zu erziehen.

Solch kindliches Selbstvertrauen und solche kindliche Gemeinschaftsfähigkeit benötigen aber von früh an genauso die Neugier auf alles Neue (mit der uns unsere Primatennatur meist reichlich versehen hat), verbunden mit der Anstrengung, es zu suchen, zu erkennen und zu meistern (also Disziplin), wie auch eine schier unerschöpfliche Lernbegier, wie sie fast schon als das Markenzeichen des heranwachsenden Homo sapiens bezeichnet werden kann. Kommt dazu noch die nimmer ermüdende explorative Spielfreude und eine fast beständige Neuerungssucht, die uns ebenfalls von Natur aus eigen sind, so sind in solcher Charakterentfaltung eigentlich schon alle jene Eigenschaften vereint, die wir als Grundvoraussetzung jeder Kreativität erkennen. Charakterbildung, soll sie gelingen, wäre dann genau das Schaffen jener Entwicklungs- und Erziehungsbedingungen, unter denen diese Eigenschaften sich Schritt für Schritt entfalten, erproben und festigen können, so dass sie den ganzen Menschen und seine Grundfähigkeiten für das ganze Leben lebensertüchtigend prägen.

Ich gestehe natürlich sofort gerne, dass ich wenig davon weiß, wie gute Eltern und tüchtige Erzieher es zustande zu bringen vermögen, ständig fröhlich oder missmutig krähende Bündelchen Menschenleben zu solchen tatkräftigen, lerneifrigen und neuerungslustigen Figuren werden zu lassen, als die sie die alma mater dann besonders gerne in Empfang nimmt, obwohl sie diese doch weder hervorbringen noch erziehen könnte. Aber dass es wenig oder gar nichts gibt, was Eltern und Erzieher einem Kleinkind mit mehr Folgewirkung für ein gelingendes Leben mitgeben können als eben diese Charakterbildung, dessen bin ich mir sehr sicher.

Spracherwerb

Von diesen fast „infrastrukturellen“ Voraussetzungen für Geist und Gemüt führt nun jedoch auf biologisch subtil mit Neigungen vorbereitete Weise ein sehr kurzer und sehr direkter Weg zu jenen viel spezifischeren Anforderungen und Fähigkeiten, um die sich frühkindliche Erziehung allein deshalb intensiv zu kümmern hat, weil auch der schönste Rahmen ohne Gemälde noch lange kein Bild, geschweige denn ein Kunstwerk ergibt. Dabei dreht sich vom frühesten Anfang des kindlichen Lebens eigentlich alles um Sprache, Spracherwerb als Tor zu Weltverständnis und Kommunikationsvermögen – mündlich und schriftlich –, als Weg zur aktiven Einflussnahme auf die soziale Umwelt eines jeden Kindes.

Es gehört zu den kennzeichnenden Wesensmerkmalen der Biologie des Homo sapiens und zugleich zu den bis heute kaum erklärbaren Unglaublichkeiten unserer Natur, dass jedes einigermaßen gesunde Kind in wenigen Jahren zu sprechen und Sprache verstehen zu lernen vermag, von Sanskrit mit 800 Verbformen bis zu den afrikanischen Sprachen mit nicht nur zwei oder drei so genannten „Geschlechtern“, sondern Dutzenden von Substantivklassen; vom isolierenden Chinesisch ohne jede Flexion bis zum „agglutinierenden“ oder „polysynthetischen“ Türkisch oder Eskimo, die in ein ellenlanges zusammengehängtes Wort einen ganzen Komplexsatz fassen können. Dass x-beliebige Dreijährige auf der ganzen Welt jede beliebige dieser sieben-, acht- oder gar zehntausend Sprachen und ungezählte Aussprachedialekte davon, sogar das Altbairische, geradezu begierig und weitgehend fehlerfrei erlernen, obwohl man später ein halbes Leben lang studieren müsste, um auch nur einen Bruchteil dessen, was die vergleichende Sprachforschung wissenschaftlich darüber ermittelt hat, zu begreifen.

Ich hebe dies so heraus, weil nicht nur sein Sprachlern- und Sprechvermögen jedes Homo-sapiens-Baby erst zum wirklichen Menschen macht, sondern weil jede frühkindliche Bildung immer bei dem ansetzen muss, was angeborenermaßen jedes Menschenkind an Bedürfnissen, Begabungen, Befähigungen, also gleichsam als Naturerstausstattung mitbringt, während Bildung und Erziehung dann nur noch für die „Extras“ – freilich unendlich viele davon – zu sorgen hat. Muttersprache ist solch ein Rundum-Sorglospaket von natürlicher Grund- und kultureller Ergänzungsausstattung, und jede Kindesbildung tut von früh an gut daran, dafür zu sorgen, dass jedes Kind aus einer solchen freien Mitgift das Beste machen kann. Es ist doch seltsam, dass wir uns im Kultiviertheitsdünkel des bildungsdurchgestylten Westeuropäers so gar nicht darüber wundern, dass selbst das einfachste, ungebildete Kind aus den Slums der Dritten Welt reden kann wie ein Wasserfall – und das oft sogar in mehreren Sprachen.

Da zudem jedes Kind in dieser höchst sprachgeöffneten Phase seines Lebens die Fähigkeit hat, nicht nur seine Muttersprache, sondern auch eine Zweitsprache spielerisch mit aufzunehmen – jedenfalls unter Sprachbildungsbedingungen, von denen die Spracherziehung heute viel Vernünftiges weiß –, kann die Vor- und Grundschulperiode geistig höchst förderlich zu solchem Mehrspracherwerb genutzt werden, ohne die kleinen Geister untunlich zu überlasten. Vergessen wir nicht, dass solche Mehrsprachigkeit bei vielen Mischvölkern der Welt seit Jahrtausenden gang und gäbe ist, und auch nicht, dass schon heute zahlreiche Migrantenkinder unter Bedingungen heranwachsen, die sogar eine Dreisprachigkeit eher alltäglich macht als eine klassische Sprachmonokultur, die manche von uns für normal halten mögen. Dem kleinen Köpfchen schadet dies nicht, es kommt ihm in seiner Entwicklung, wenn einfühlsam nahe gebracht, nur rundum zugute, damit es auch von früh an zu einem klugen Köpfchen werden kann.

Dies auch deshalb, weil uns die PISA-Studie – wie andere Erkundungen vor ihr – einmal mehr eindrücklich gelehrt hat, dass auch das zweite, große geistige Erziehungsfeld, das mathematisch-logisch-rational-naturwissenschaftliche Denken (selbstverständlich auf kindgerechtem Niveau), enorm von gelungener Sprachförderung gewinnen kann (und vermutlich vice versa auch). Da rationales Denken und experimentierendes, technisches problemlösendes Können auf das Engste verknüpft sind – vor allem durch unser Kausalitätsverständnis –, gewinnt das bildsame Kind, richtig geführt, zugleich kognitives Weltverständnis und motorisch-manuelles Gestaltungsvermögen. Vom Kindergarten bis zur Pubertät und Schulmittelstufe wächst so ein Weltwissen und Können, das dem kindlichen Handlungsselbstvertrauen erst jene Fähigkeiten verleiht, die es später wirklich erfolgreich werden lassen. Dass dazu in altersgemäß fortschreitender Weise anhaltendes Bemühen und eingeübte Disziplin gehören, um sich durch Erfolg am Meistern von Schwierigkeiten jene Erfolgsfreude zu verschaffen, die nach mehr verlangt, ist eine erzieherische Binsenweisheit. Übermäßig geschonte, verwöhnte Kinder sind keineswegs besonders glückliche Kinder, sondern eher arme Schlucker, denen die erste Voraussetzung glücklichen Lebens vorenthalten wurde: eigener Kraft vertrauen zu lernen und mit eigenen Kräften Erfolge zu erleben.

Spiel, Sport und Musik

Schließlich möchte ich noch eine, die frühkindliche Bildungslandschaft ausweitende Facette ansprechen, ohne die schwerlich jene Menschen heranwachsen können, die wir im späteren Erwachsenenleben als besonders originelle, innovationsfähige Frauen und Männer erkennen. Es geht dabei um die Entwicklung und Förderung musischer und die Körper übender Bildungsbereiche. Es ist ein Gemeinplatz, dass Kinder geborene Künstler und geborene Akrobaten sind: darin drückt sich nur ihr natürlicher Drang aus, ohne vorgefasste Meinungen und Hemmungen alle ihre angeborenen Fähigkeiten zu erproben. Das Aufspüren der jedem Kind eigenen Befähigungen, sich auch anders als nur sprechend auszudrücken, ihm zu ermöglichen, die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeiten zu erfahren, in späteren Jahren auch im Messen der Kräfte mit anderen Lust und Leid gewonnenen oder verlorenen Wettbewerbs zu erleben, ist etwas viel Wichtigeres als nur entspannende „Geistesabwesenheit“: es ist die Erfahrung, dass jeder Mensch viele Perspektiven seiner Persönlichkeitsentfaltung hat, dass das kreative Vermögen sich keineswegs in den „Symboltechnologien“ von Sprache und rechnerischer Abstraktion erschöpfen muss, dass es vielmehr mannigfache Querbezüge der Lockerung eigener Potenziale gibt, die einen jeden Menschen zu einem kleinen – und manche dann zum sehr großen – Schöpfer ihres eigenen Lebens werden lässt, allein und noch mehr in Gemeinschaft und im Wettbewerb mit anderen. Es ist das Verständnis dafür, das Vermögen dazu und das Vertrauen darauf, was Menschen als Herangewachsene dazu befähigt, ihre Rolle im globalen kompetitiven Wechselspiel von Gesellschaften zu spielen, Entwicklungen voranzutreiben, eingefahrene Vorstellungen zu überwinden, mit anderen Worten innovativ und kreativ zu handeln.