01.03.2005

Frische Milch in alten Schläuchen

Essay von Thomas Deichmann

Greenpeace präsentierte zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche in Berlin eine Neuauflage des Einkaufsratgebers für gentechnikfreien Genuss. Dabei kann einem die Lust auf den Hamburger Verein endgültig vergehen.

In einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit und eines wachsenden Misstrauensklimas setzen allerlei ökologistische PR-Strategen auf das Geschäft mit der Angst. Da man die Gentechnik nicht riechen oder schmecken kann, bietet sich das Thema geradezu an, um an sensible Verbraucherseelen zu appellieren. Der neu aufgelegte Einkaufsratgeber von Greenpeace, der im Rahmen einer Pressekonferenz am 19. Januar 2005 auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin präsentiert wurde, passt hierzu.[1]

Im Fokus stehen gentechnisch veränderte proteinhaltige Futtermittel, die an Rinder, Schweine und Geflügel verabreicht werden – Sojaschrot und Maiskleber zum Beispiel. Solche GV-Produkte werden seit vielen Jahren in riesigen Frachtschiffen nach Deutschland importiert, anschließend als Futtermittel verwendet oder als verarbeitete Produkte im Handel angeboten. Transgene Futtermittel haben sich aufgrund ihrer agronomischen Vorteile längst als Standardware auf den Weltmärkten etabliert, und sie sind seit Jahr und Tag auch hierzulande fester Bestandteil der Milch- und Fleischerzeugung.[2]

Seit Anfang 2004 müssen sie gemäß neuer EU-Vorschriften als solches GVO-Material gekennzeichnet werden. Und damit wurden sie erst richtig interessant für die Kampagnenstrategen bei Greenpeace. Seit letztem Frühjahr intensivierte der Hamburger Verein seine Angstkampagne gegen die Gentechnik und bemüht sich seither darum, die Hersteller von Molkereiprodukten dazu zu bringen, künftig nur noch Milch von Kühen zu verwenden, die nicht mit GV-Futter versorgt worden sind. Im Hintergrund wurde die Drohkulisse eines Verbraucherboykotts aufgebaut, und zwar gegen Hersteller und Händler, die nicht nach der Greenpeace-Pfeife tanzen wollen. Der Einkaufsratgeber Essen ohne Gentechnik ist das Mittel für diesen Zweck. Für die Grüne Woche 2005 wurde er überarbeitet und noch zweckdienlicher gestaltet. Er hat nun einen expliziten Schwerpunkt auf Molkereiprodukte und auf gängige Markennamen.

„Angeblich geht es für Greenpeace bei seiner Kampagnenarbeit um ,Wahlfreiheit’. Tatsächlich handelt es sich wohl eher um den Versuch, Verbrauchern die Kaufentscheidungen abzunehmen und GV-Produkte vollständig aus dem Warensortiment zu verbannen.“

Im letzten Herbst begannen die Vorbereitungen für den neuen Ratgeber für gentechnikfreien Genuss. In einem breit gestreuten Brief vom 4. November 2004 forderte Greenpeace zunächst deutsche Lebensmittelproduzenten auf, bis zum Stichtag am 19. November zu versichern, ob oder ob nicht die hauseigenen Produkte „tierische Rohstoffe wie z.B. Fleisch, Eier und Milch von Tieren enthalten, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden“. Auf Grundlage solcher Firmenangaben ordnete Greenpeace anschließend die Unternehmens- und Markennamen wie gehabt einer grünen, gelben und roten Kategorie im Einkaufsratgeber zu. Grün bedeutet, dass die Firmen ohne GV-Futtermittel auskommen, rot, dass GV-Futtermittel genutzt werden und dass es keinerlei Bemühungen gibt, die von Greenpeace gewünschte „Gentechnikfreiheit“ anzustreben. In der gelben Kategorie werden wieder Unternehmen und Marken aufgelistet, die den von Greenpeace gewünschten „Standard“ zumindest zukünftig erreichen wollen.

Für Greenpeace geht es bei dieser Kampagnenarbeit angeblich um „Wahlfreiheit“. Tatsächlich handelt es sich wohl eher um den Versuch, Verbrauchern die Kaufentscheidungen abzunehmen und GV-Produkte vollständig aus dem Warensortiment zu verbannen. Zudem werden ihnen subsatzlose Wahlmöglichkeiten vorgegaukelt. Denn aus oben genannten Gründen wäre eine globale Trennung konventioneller und transgener Futtersorten im Zuge der Vermarktung nicht nur sehr aufwändig, teuer und schwerlich realisierbar. Sie ist, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht, auch völlig unbegründet. In etlichen unabhängigen Studien ist immer wieder bestätigt worden, dass sich die Fütterung von Kühen mit GV-Futter nicht auf die Zusammensetzung, Qualität und Sicherheit von Milch auswirkt und dass, selbst wenn einmal ein DNA-Schnipsel gentechnischen Ursprungs irgendwo in der Milch gefunden werden sollte (was bisher noch nicht gelang), damit keineswegs irgendein Risiko verbunden sein dürfte. Im Vorfeld der Grünen Woche hieß es dazu in einer gemeinsamen Stellungnahme renommierter deutscher Forscher von fünf verschiedenen Forschungsanstalten und Universitäten:
„DNA ist Bestandteil der täglichen Nahrung. Gentechnisch veränderte DNA verhält sich im Verdauungsprozess der Milchkuh genauso wie nicht gentechnisch veränderte Pflanzen-DNA. Es ist in der Wissenschaft gesichert und unstreitig, dass die Verfütterung gentechnisch veränderter Futtermittel an Kühe nicht dazu führt, dass sich die Milch dieser Kühe von der Milch solcher Kühe unterscheidet, die mit entsprechenden nicht gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden. Anders lautende Studien liegen nicht vor.“[3]

Auch die Bundesregierung bestätigte im vergangenen Dezember diesen Sachverhalt – wenn auch etwas widerwillig. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Abgeordneten Christel Happach-Kasan erklärte das BMVEL im Namen der Bundesregierung, dass bisher keine DNA aus gentechnisch veränderten Futterpflanzen in der Milch nachgewiesen werden konnte. Die Bundesregierung nannte elf Studien, die diese Aussage belegen.[4]

Dass Greenpeace trotzdem nicht von dieser unsäglichen Futtermittel- und Milch-Kampagne ablässt, bringt immer mehr Sachverständige auf die Palme. Der hoch angesehene Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) wehrte sich schon letztes Jahr mit deutlichen Worten gegen die „Diffamierung rechtlich einwandfrei vermarkteter Produkte“. Das Vorgehen von Greenpeace trage „in keiner Weise zu der notwendigen und allseits geforderten sachlichen Verbraucheraufklärung bei“, erklärte BLL-Geschäftsführer Marcus Girnau. Anlässlich der Herausgabe des neuen Einkaufsratgebers auf der Grünen Woche legte der BLL Girnau nach und monierte, dass es Greenpeace wohl darum gehe, „bewusst Ängste bei den Verbrauchern [zu] wecken und deren Verunsicherung [zu] erhöhen“.[5]
Paroli bot ab Sommer 2004 erstmals auch ein hochrangiger Vertreter der Lebensmittelbranche: Theo Müller, dessen erfolgreiches Molkereiimperium auf der roten Greenpeace-Liste und im Zentrum der Kampagne landete. Müller erwirkte seither mehrere einstweilige Verfügungen gegen die Stimmungsmacher aus Hamburg – die letzte am 14. Januar 2005 vor dem Landgericht Bautzen für das Tochterunternehmen Sachsenmilch AG. Greenpeace wurde unter Androhung eines Ordnungsgeldes bzw. von Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten verboten, „mittels eines Diaprojektors Aussagen auf Wände von Werksgebäuden der Antragstellerin ... zu projizieren, insbesondere die Aussage ‚Müller-Milch = Gen-Milch. Mit genmanipuliertem Tierfutter hergestellt’“.

Theo Müller ermutigte mit seiner Gegenoffensive auch andere Betroffene, sich gegen die Kampagnen des Hamburger Vereins zur Wehr zu setzen. Ein Werftbesitzer an der Ostsee, der das neue Greenpeace-Kampagnenschiff Beluga II gebaut hatte, wandte sich an die Medien und klagte darüber, dass der Verein Rechnungen nicht beglichen habe – die Werft ging wenig später in Konkurs.[6] Und schließlich erhielt Greenpeace im vergangenen November erstmals auch offizielle Absagen zweier wichtiger Zusammenschlüsse der deutschen Ernährungswirtschaft. Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) und der Milchindustrie-Verband (MIV) empfahlen den von ihnen vertretenen Molkereiunternehmen, gegenüber Greenpeace keinerlei Auskünfte mehr zur Nutzung konventioneller und gentechnisch veränderter Futtermittel abzugeben.
Unter dem Dach des DRV sind die mehr als 3200 überwiegend in der Landwirtschaft tätigen Raiffeisen-Genossenschaften vereint. Der MIV repräsentiert rund 90 mittelständische Unternehmen, die mit einem Jahresumsatz von etwa 20 Mrd. Euro sogar den größten Bereich der deutschen Ernährungswirtschaft bilden.
„Wir sehen keinen Grund, warum unsere Mitglieder auf die anhaltende Verunsicherungskampagne von Greenpeace reagieren sollten“, erklärte DRV-Präsident Manfred Nüssel im letzten November. Dem DRV-Schreiben an die Molkereiunternehmen wurde ein Musterbrief an Greenpeace beigelegt, um die ablehnende Haltung des Raiffeisenverbands noch einmal aktiv bekräftigen zu können. In einem zeitgleich verschickten offenen Brief an Greenpeace-Kampagnenleiter Alexander Hissting monierte der DRV, dass durch den Greenpeace-Einkaufsratgeber fälschlicherweise suggeriert werde, dass Waren von mit GV-Futtermitteln versorgten Tieren nicht sicher seien. Die Ankündigung, die Neuauflage der Broschüre im Januar 2005 sogar auf Molkereiprodukte und speziell auf Markennamen zu fokussieren, wertete der DRV als Beleg dafür, dass Greenpeace „an einer sachlichen und umfassenden Darstellung der Futtermittel-Thematik nicht interessiert“ sei, sondern vielmehr versuche, „das verdientermaßen ausgezeichnete Renommee sicherer, qualitativ hochwertiger und Verbraucher geschätzter Molkereiprodukte bewusst zu schädigen“. Anlässlich der Grünen Woche in Berlin im Januar bekräftigte DRV-Präsident Nüssel seine Kritik, dass zum Thema Futtermittel „in der Vergangenheit oftmals gezielte Verbraucherverunsicherung an die Stelle eines sachlichen Dialogs getreten“ sei.

Den MIV- und DRV-Initiativen entsprechend ist im neu aufgelegten Einkaufsratgeber die rote Liste der Molkereiprodukte stark angewachsen. Wenn man die Listungen mit dem jeweiligen Umsatz und Marktvolumen der Betriebe koppeln würde, wäre die rote Kategorie umso dominanter, die grüne wäre verschwindend klein und die gelbe bekäme immerhin ein paar ansehnliche Prozentpunkte – wohl aber nur, weil hier offenbar auch Großbetriebe gelistet sind, die in Wirklichkeit gar nicht anstreben, auf gentechnikfreie Futtermittel umzusteigen. Unternehmen, die auf Anraten des DRV keine Angaben zum Futtermitteleinsatz machten, erhielten nämlich Ende November erneut Post aus Hamburg. Kampagnenleiter Hissting erläuterte in seinem Schreiben, dass er trotz der Auskunftsverweigerung kurzerhand davon ausgehe, dass sich die Unternehmenshaltung nicht geändert habe und dass deshalb die alte Kategorisierung beibehalten werde. „Wir werden Sie daher weiterhin in der ‚gelben’ Kategorie führen“, schrieb er an einen dem DRV angeschlossenen Betrieb. Dieses Unternehmen erwiderte schriftlich, man möge es doch bitte zukünftig unter „rot“ führen, da nicht beabsichtigt werde, sich bei den Milchlieferanten um eine Versorgung der Kühe ohne GV-Pflanzen zu bemühen. Diesem Wunsch leistete Greenpeace Folge, aber nicht alle erneut von Hissting kontaktierten Betriebe dürften ausdrücklich um eine Rot-Listung gebeten haben. Das wiederum dürfte im Sinne von Greenpeace gewesen sein: Wären nämlich sämtliche großen Anbieter von Molkereiprodukten auf „rot“ gesetzt worden und unter „grün“ nur ein paar kleine Öko-Betriebe, deren Waren man in normalen Supermärkten kaum findet, wäre das ein Eingeständnis gewesen, dass sich in der Milchbranche nur wenige große Firmen um die hinterwäldlerische Weltanschauung des Hamburger Vereins kümmern.

„Das Verhalten der ,Verbraucher’ steht im direkten Widerspruch zu Greenpeace-Verlautbarungen. Sie zeigen sich nämlich beim Einkauf anhaltend immun gegen die spekulativen Risikowarnungen aus Hamburg.“

Die erfrischend positive Einstellung zahlreicher landwirtschaftlicher Betriebe und Lebensmittelproduzenten zu Sachverstand, wirtschaftlicher Effizienz und wissenschaftlichem Fortschritt zeigt sich auch daran, dass der Markt für „gentechnikfreie“ Futtermittel nach wie vor sehr klein ist. Es gibt hierzulande zwar auch eine Reihe sojaverarbeitender Unternehmen, die Landwirten „gentechnikfreies“ Schrot ohne GVO-Kennzeichnung anbieten. Aber dieses substanzlose Extra hat seinen Preis, den die meisten Bauern (und Verbraucher) nicht zahlen wollen: Die Mehrkosten für die Logistik und für die umfangreichen Nachweispflichten bei solchen Waren belaufen sich nach Angaben der Bundesregierung auf 5 bis 25 Euro je Tonne, was in etwa 3 bis 13 Prozent des Produktpreises entspricht – womit sich, nebenbei bemerkt, auch die Greenpeace-Vorwürfe gegenüber Sojaanbietern, sie würden die Preise ihrer nicht kennzeichnungspflichtigen Waren künstlich erhöhen, um diesen Markt zu sabotieren, als ebenso abgeschmackte Fehlinformationen erübrigen. Landwirte sehen augenscheinlich keinen Grund dafür, auf seit Jahren genutzte Futtermittel zu verzichten, nur weil sie seit Anfang 2004 als GV-Waren gelten und Greenpeace nicht schmecken.

Im direkten Widerspruch zu Greenpeace-Verlautbarungen steht auch das Verhalten der „Verbraucher“. Die zeigen sich nämlich beim Einkauf anhaltend immun gegen die spekulativen Risikowarnungen aus Hamburg. Greenpeace hat vor der Herausgabe des neuen Einkaufsratgebers mit dem Argument, dass schon „nahezu 1,5 Millionen Exemplare in der nunmehr fünften Auflage in Deutschland“ verteilt worden seien, Eindruck zu schinden versucht. Allerdings ist davon auszugehen, dass ein Großteil dieser gratis verschenkten Broschüren unbeachtet blieb. Hinweise auf ein verändertes Kaufverhalten der Verbraucher zu Ungunsten der „rot“ gelisteten Handelsmarken sind jedenfalls nicht bekannt. Vielmehr hat eine kurz vor der IGW durchgeführte Emnid-Umfrage im Auftrag des Deutschen Raiffeisenverbandes ergeben, dass Verbraucher beim Einkauf von Milchprodukten vorrangig auf Frische, Preis und Qualität achten und dass Produktinformationen über die Gentechnik bei der Kaufentscheidung nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Umfrage ergab zudem, dass der Einsatz von GV-Futtermitteln keinen nennenswerten Einfluss auf die hohe Wertschätzung der Bürger gegenüber Milchprodukten hat und dass die überwiegende Mehrheit der Befragten das „Nebeneinander von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und nicht veränderten Produkten im Regal des Lebensmittelhandels akzeptieren“ würde.[7]
Eine eklatante Irritation der Verbraucher ließ sich hingegen bei dem von Greenpeace popularisierten Begriff „Gen-Milch“ feststellen: 35 Prozent der Befragten konnten sich gar nichts unter dem Begriff vorstellen, ein weiteres Drittel hatte falsche Bilder im Kopf: so assoziierten 20 Prozent „Gen-Milch“ mit gentechnisch veränderter Milch beziehungsweise gentechnisch veränderten Kühen, und weitere 13 Prozent vermuteten gar, dass „Gen-Milch“ vollkommen künstlich hergestellt werde. „Nur 28 Prozent stellen sich unter ‚Gen-Milch’ ein Produkt vor, das unter Verwendung gentechnisch veränderter Futtermittel erzeugt wurde“, so der DRV.
Diese Verbraucherverwirrung darf sich niemand anders als Greenpeace auf die Fahnen schreiben. Auch wenn immer wieder (auch vor Gerichten) scheinheilig behauptet wird, man wolle doch gar nicht am Image der Milch rütteln, sondern auf die Futtermittelsituation hinweisen, ist die Botschaft, die beim Verbraucher ankommt, offensichtlich eine andere. Während der Greenpeace-Pressekonferenz auf der Grünen Woche auf diesen Sachverhalt angesprochen, erwiderte Kampagnenleiter Alexander Hissting etwas eigensinnig, er wolle sich „nicht am Kampf um Begrifflichkeiten festbeißen“. Zudem stehe die Kampagne noch am Anfang und die Verbraucher würden schon noch „lernen“, was Greenpeace mit „Gen-Milch“ meine. Aufgabe seines Vereins sei nun mal, „komplexe Zusammenhänge in vermarktbarer Form“ darzustellen.

Trotz solcher Kampagnenvermarktungsstrategien läuft es nicht so, wie Greenpeace es gerne hätte. Die oben genannten Faktoren sind letztlich auch ausschlaggebend dafür, dass die Nachfrage nach Futtermitteln ohne Gentechnikeinsatz im Jahre 2004 hinter allen Erwartungen zurückblieb. Eine große deutsche Ölmühle blieb regelrecht auf ihrer nicht kennzeichnungspflichtigen Ware sitzen und stellte die Produktion schließlich wieder auf GV-Standardware um. Parallel dazu verzichtet ein großes deutsches Handelsunternehmen neuerdings darauf, die eigenen Fleischprodukte als „gentechnikfrei“ zu bezeichnen, weil es sich als wenig werbewirksam erwies. Ein großer Geflügelhersteller folgte diesem Schritt, und im Ausland deutet die Entwicklung in die gleiche Richtung: Wegen mangelnder Nachfrage hat der umsatzstärkste dänische Schlachtereikonzern Danish Crown vor einigen Monaten die Verträge mit den angeschlossenen Erzeugerbetrieben, die auf der Basis von „gentechnikfreiem“ Futter Schweine mästen, gekündigt. In Norwegen sah sich indes der Lebensmittelhersteller Danofa wegen der dort praktizierten Nulltoleranz von GV-Futtermitteln mit einem Jahresverlust von etwa 30 Mio. Euro konfrontiert. Danofa war dazu übergegangen, auf teureres, kennzeichnungsfreies Soja aus Brasilien zurückzugreifen.

„Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit könnte Greenpeace Kopf und Kragen kosten.“

So bleibt die Frage, warum die Greenpeace-Macher krampfhaft am Thema GV-Futtermittel festhalten. Vielleicht ist der Verein lediglich verwöhnt. In der Vergangenheit profitierte er jedenfalls stark von der Uneinigkeit und Verunsicherung in der Lebensmittelbranche. Indem nämlich früher fast alle Firmenvorstände brav auf alle möglichen Greenpeace-Schreiben reagierten, Angaben zu ihrer Firmenpolitik machten und öffentliche Reuebekenntnisse ablegten, rührten sie kräftig die Greenpeace-Werbetrommel. Sie bescheinigten dem Hamburger Verein damit die moralische Autorität, sich als vermeintlich unabhängige Instanz zum angeblichen Wohle der Bürger aufspielen zu dürfen. Und konkret auf die substanzlose Futtermittelkampagne bezogen, werteten solche Unternehmen Greenpeace nur noch weiter auf, indem sie suggerierten, mit der Grünen Gentechnik sei etwas nicht in Ordnung. Dieses Spiel scheint nun dank Theo Müller nicht mehr so einfach zu funktionieren. Aber offenbar wird dies in Hamburg noch nicht zur Kenntnis genommen. Stattdessen wird versucht, die laue Futtermittelkampagne künstlich am Leben zu erhalten. Das wiederum kann als Ausdruck der tieferen „Sinnkrise“ bei Greenpeace verstanden werden, wie es der Spiegel kürzlich formulierte.[8]

Ein gewichtiger Krisenfaktor ist gewiss die derzeitige Prüfung des Gemeinnützigkeitsstatus des Vereins. Die Hamburger Finanzbehörde hatte im letzten Dezember mit konkreten Hinweisen auf Kampagnentätigkeiten im Jahre 2003 Zweifel an diesem ehrenwerten Status angemeldet.[9] Derzeit wird eine Greenpeace-Stellungnahme zu den vorgelegten Vorwürfen geprüft. Zudem ist davon auszugehen, dass im Anschluss an die Prüfung des Geschäftsjahres 2003 die ebenso zahlreich in Hamburg eingegangenen Hinweise von Firmen und Privatpersonen, denen zufolge Greenpeace auch mit Kampagnen im Jahre 2004 Gesetze brach und Bürger hinters Licht führte, von den Finanzbeamten unter die Lupe genommen werden. Finanzexperten haben berechnet, dass der Fiskus allein für 2003 rund 14 Millionen Euro entgangener Steuergelder in Rechung stellen könnte. Für 2004 dürfte der Betrag ähnlich hoch sein. Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit könnte Greenpeace Kopf und Kragen kosten. Das Image des Vereins hat in den letzten Monaten ohnehin schon schweren Schaden davongetragen.