01.09.2007

Freundliche Übernahme im Literaturbetrieb

Kommentar von Carl Wiemer

Die Verwandlung des freien Autors in den Dipl.-Schriftsteller.

Seitdem die Literatur ein Produkt der Schreibschulen, also zur Sache amtlich approbierter Literaturverweser geworden ist, seitdem die Ausdrucksbedürfnisse junger Menschen als Diktat der Kreativität in staatliche Regie genommen werden, seitdem der Betrieb seinen fürsorglichen Triumph über die literarische Imagination im Literaturinstitut institutionalisiert hat, droht die vielleicht einzige Freiheit sich zu verflüchtigen, die inmitten der modernen Gesellschaft je existiert hat: die der ungegängelten, nicht konfektionierten künstlerischen Formgebung. Deren Ende droht ihr gleichwohl nicht von ihren Feinden, die ihr seit je fehlende politische oder gesellschaftliche Relevanz vorrechneten, sondern von ihren Freunden, staatlich besoldeten Literaturfunktionären, die dem Handwerk des Schriftstellers eine reglementierte Ausbildung mit Bewerbungsunterlagen, Lektionen und Abschlussprüfungen verordnet haben. Wirft man einen Blick auf die Neuerscheinungen des Frühjahrs 2007, fällt die Unmenge an Texten von Absolventen diverser Schreibschulen ins Auge, die die Abschlussarbeiten ihres Schreibstudiums nun als Romane auf dem Markt feilbieten. Gut möglich, dass die deutsche Literatur eines nicht so fernen Tages einmal über den Mangel an „Autodidakten“ – denn zu solchen werden neuerdings Autoren degradiert, die sich weigern, sich in Seminaren das Schreiben beibringen zu lassen – beschweren wird, so wie der deutsche Fußball schon lange das Verschwinden des echten Straßenfußballers beklagt.


Bei genauerem Hinsehen fällt weiterhin auf, dass sich die den Literaturinstituten entsprungenen Autoren den Stoff ihrer Werke von den aktuellen journalistischen Konjunkturthemen vorgeben lassen. So handeln die leitartikelkompatiblen Literaturformate des Frühjahrs vor allem von Familiengründung und Kinderaufziehen, neben den obligatorischen Beziehungskisten steht auch der Evergreen jeder adoleszenten Biografie, das Verhältnis zu den Altvorderen als Generationskonflikt im Mittelpunkt. Auf Teufel komm raus wird thematisiert und problematisiert, was ebenfalls Familienministerien, Rentenversicherungsanstalten und Pflegekassen umtreibt. Man muss kein Prophet sei, um vorherzusagen, dass der bevorzugte Gegenstand der kommenden Jahrgänge der Klimawandel sein wird. Dabei geben die vielen Schreibschulen, insbesondere das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, durchaus einen brauchbaren Stoff für eine Satire ab. Dass darauf bisher weder einer ihrer Lehrer noch einer ihrer Absolventen gekommen ist, wirft allerdings kein gutes Licht auf sie. Wer sich einmal als Autor, sei es als Lehrender oder als Lehrling, in eine Schreibschule begibt, droht, darin umzukommen.


Mit Literaturinstituten verhält es sich wie mit allen Institutionen, die sich nicht etwa durch Verdienste ausweisen müssen, sondern sich durch ihre bloße Existenz legitimieren. Womöglich ist der Ertrag eines Literaturinstituts aber tatsächlich messbar: an der Zahl der ausgestellten Diplome, der verlegten Manuskripte und der Höhe der Auflagen, die diese erreichen. Unermesslich ist dagegen der Schaden, den diese Institute nicht nur dem Begriff der Literatur zufügen, sondern vor allem bei ihren Studenten anrichten, indem sie dazu beitragen, das Selbstbewusstsein junger Menschen zu zerrütten, die sich der Prozedur eines bürokratischen Aufnahmeverfahrens und eines Ausbildungsganges unterwerfen, um sich schließlich durch ein Diplom demütigen zu lassen, denen also eine Erniedrigung abverlangt wird, die unvermeidlich in jeder staatlich organisierten Berufsausbildung steckt. Die Gefahr, die der Literatur dadurch erwächst, dass die Schreibschule aus dem freien Autor einen Dipl.-Schriftsteller macht, ist kaum zu überschätzen. Wenn Schriftsteller ein Diplom anstreben, werden sie, was sie nie sein wollten: Akademiker. Was jungen Autoren an Schreibinstituten blüht, die Anpassungszwänge, denen sie dort ausgesetzt sind, die Verkümmerung künstlerischer Fantasie durch das Exerzieren von Schreibroutinen, die dort eingeübt werden, davon verschafft die in einer Melange aus Managersprech und penibelstem Ärmelschonervokabular der Bürokratie verfasste Homepage des Deutschen Literaturinstituts Leipzig einen Eindruck. Dort ist die Rede von „professioneller Schreibkompetenz“ und „Schlüsselqualifikationsmodulen“, von „Seminaren, Übungen, Kolloquien, Werkstattseminaren, Lesungen und Projektseminaren“, und wem das noch nicht genügt, dem werden „Kooperationen mit Institutionen und Kulturträgern“ in Aussicht gestellt, als sei der Kulturträger nicht seit je Anathema der Literatur. Außerdem wird der potenzielle Bewerber mit der Vorstellung der beiden Studiengänge des „Bachelorstudienganges B.A. Literarisches Schreiben sowie des Masterstudienganges M.A. Literarisches Schreiben“ verlockt. Vor allem aber verstört der Hinweis auf die subalterne Geisteshaltung des Networking, die in Leipzig gepflegt wird: „Das Alumni-Netzwerk zu pflegen und den Kontakt der Absolventen mit dem DLL aufrechtzuerhalten, wird in Zukunft eine der Hauptarbeiten des Fördervereins des Literaturinstituts sein.“ Professionalität, die für jeden freien Autor unentbehrlich ist, wird hier ununterscheidbar von der Kunst des Strippenziehens aufstiegswilliger Karrieristen, die in der Herstellung von Kontaktdatenbanken und im Betreiben von Ego-Marketing besteht. In der Schreibschule soll anscheinend vor allem eine Erkenntnis eskamotiert werden, um die bis zur Gründung dieser Institute vor wenigen Jahren kein freier Autor herumkam: dass ein Leben als Schriftsteller meistens den bürgerlichen Untergang bedeutet, aber auch, dass das Ausüben dieser Tätigkeit mit einem Risiko verbunden war, das eine Verwegenheit erforderte, die nicht wenige Meisterwerke hervorbrachte. Walter Benjamins Einsicht, dass man Geist nicht habilitieren kann, hat sich bis Leipzig, wo man ernsthaft glaubt, Schriftsteller mit einem Diplom versehen zu sollen, immer noch nicht herumgesprochen. Damit wird ein neuer Typus des Schriftstellers in die Welt gesetzt, denn bisher erachtete dieser es als unter seiner Würde, sich examinieren zu lassen. Dass die Anziehungskraft solcher Einrichtungen vor allem auf eine Klientel wirkt, die sich immer schon gerne untereinander tummelte, indiziert eine Passage aus Gottfried Kellers Erzählung Die mißbrauchten Liebesbriefe: „Es ist etwas Eigentümliches um die schlechten Skribenten. Obgleich sie die unverträglichsten und gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie doch eine unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins Massenhafte zu vermehren, gewissermaßen um so einen mechanischen Druck nach der oberen Schicht auszuüben.“

„Literatur entsteht nicht in Seminaren, Übungen, Workshops, sie intendiert das Gegenteil von ‚professioneller Schreibkompetenz‘, ihr lebendiger Geist flieht das Institut.“


Trotz dieses altbekannten Phänomens war noch vor 100 Jahren die bestimmende Strömung in allen Kunstgattungen die Befreiung vom Akademismus. Wo immer es Akademien gab, entstanden Sezessionen. Prüfungs- und Unterrichtsverfahren wurden als Kulturtechniken angesehen, die dem Geist jeder Kunst widersprechen und ihrer Praxis Gewalt antun. Kunst antwortet zwar auf Zwang, ist aber ein Produkt der Freiheit. Die Literatur im Besonderen verdankt ihre größten Werke vor allem den Voraussetzungen der Einsamkeit und der Freiheit. Das Unterrichtsverfahren, das in Leipzig und anderswo geübt wird, die Protektion, die dort gewährt wird, die Schulbank im Allgemeinen ist deren Gegenteil. Literatur entsteht nicht in Seminaren, Übungen, Workshops, sie intendiert das Gegenteil von „professioneller Schreibkompetenz“, ihr lebendiger Geist flieht das Institut. Indem die Schreibschule eine Institutionalisierung des Nicht-Institutionalisierbaren anstrebt, bewirkt sie, dass ihre Absolventen oft in jungen Jahren schon so verhärmt und verhärtet dreinschauen, so gelackt und alert auftreten wie sonst nur in die Jahre gekommene Lehrstuhlanwärter.


Die Selbstverständlichkeit, dass insbesondere die Literatur des 20. Jahrhunderts aus dem Geist des Widerstands gegen die Kultur, ihren Betrieb, ihre Institutionen und ihre Sachwalter entstand, muss angesichts des florierenden Schreibschulengewerbes ebenso wieder betont werden wie die Gefahr, dass die Gegenwartsliteratur unrettbar hinter die Standards ihrer modernen Ahnherren zurückfällt, sofern die Konjunktur der Schreibschulen anhält. Dass die Literatur keine Sache von Zulassungsbedingungen, Bewerbungsunterlagen und Diplomprüfungen werden soll, wird kein Autor, der vom Anpassungsdruck des Betriebs nicht schon gebrochen ist, abstreiten. Dass zudem einige der wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur,man denke etwa an Arno Schmidt, Thomas Bernhard, Franz Böni, aber auch an Wilhelm Genazino, Einzelgänger gewesen sind und sich vom Literatenklüngel der Gruppe 47 und anderer Vereinsmeiereien ferngehalten haben, ist dafür nur ein Indiz. Selbstredend kann man sich keinen der Genannten als Absolventen eines Literaturinstituts denken, so unvereinbar ist ihre Literatur mit allen Formen „professioneller Schreibkompetenz“. Entscheidender aber ist, dass sie ebenso wenig als Lehrkräfte einer Schreibanstalt vorstellbar sind. Daher nimmt es nicht wunder, dass die in Leipzig bestallten Professoren zwar versierte Essayisten sind, als Romanciers aber doch eher unbeachtlich – ein Sachverhalt, der bezeugt, dass Literatur weder lehr- noch lernbar ist.


Die Schreibschule ist eine weitere Filiale des ubiquitären Evaluierungsbetriebs und der expandierenden Testindustrie, der nun auch die Literatur ausgeliefert werden soll. Formal ist die Produktion, die an Literaturinstituten hervorgebracht wird, einem Werkbegriff verpflichtet, der der Rezeptur des Romans gehorcht und in der Regel allen Formen literarischen Experimentierens abhold ist. So entsteht aus der sozialen Anpassung, die in jeder Schule eingeübt wird, eine konfektionierte, oft konformistische Literatur. Schlimmer noch: Wer einmal den Seminarbetrieb eines Literaturinstituts durchlaufen hat, dem eignet zeitlebens in seinem Habitus etwas Musterschülerhaftes, und der verströmt auch in seinen Texten die Stickluft des Klassenzimmers für Künstler, wie sich am Auftreten und der Produktion der wohl erfolgreichsten Absolventin des Leipziger Instituts, Juli Zeh, studieren lässt. Zeh, die einerseits mit ihrem Mitschüler David Finck Propädeutiken für Vierbeiner und deren Herrchen verfasst, andererseits in ihrem Roman Spieltrieb die metaphysischen Fragen Dostojewskis in der Manier pubertierender Oberschüler auf den Hund bringt, ist wohl das beredteste Beispiel dafür, dass in Leipzig und anderswo erst gar kein Zwang zur Gefügigkeit und Botmäßigkeit ausgeübt werden muss, denn wer die dortigen Geschäftsbedingungen einmal akzeptiert hat, ist schon darauf geeicht, den Klassenprimus zu geben.


Es soll nicht geleugnet werden, dass die Imago des sich fern von jedwedem Betrieb haltenden Poeten ein unhaltbares Klischee ist. Dagegen kannten gerade die renommierten Repräsentanten der modernen Literatur einschlägige Ausbildungsstätten, in denen sie ihre Fähigkeiten erprobten. Man denke etwa an den unermesslichen Beitrag, den etwa das Wiener Kaffeehaus oder der Pariser Salon zur Literatur der Moderne geleistet haben. Auch hatten die an diesen Orten versammelten Kreise ebenfalls Aufnahmebedingungen, die zu erfüllen waren. Aber es waren eben keine Kulturinstitutionen zur Verstaatlichung der Imagination, keine Schulen zwecks Examinierung ihrer Teilnehmer. Daher entsprang ihrer Praxis auch keine handzahme und einverstandene Literatur, über deren Entstehung Professoren für literarische Ästhetik wachen und die allenfalls darauf abzielt, die Abonnenten des Feuilletons in Wallung zu bringen. Ebenso wurden im Kaffeehaus keine Hätschelkinder des Kulturbetriebs herangezogen, deren Texte man auf Sozialverträglichkeit verpflichtete. Stattdessen waren die wichtigsten Ingredienzien der modernen Literatur die Ungebundenheit und Ungebärdigkeit ihrer Produzenten. Allerdings war es mit der sprichwörtlichen Freiheit des Dichters, nachdem dieser sich in der bürgerlichen Moderne aus der Protektion des fürstlichen Mäzens gelöst und den Gesetzen des Marktes, also dem Geschmack des Publikums, zu genügen hatte, nur so weit her, wie seine Freiheit aus der Not bestand, seine Produkte an den Mann zu bringen. Obwohl die Idee der Autonomie der Kunst in feudalen Verhältnissen geboren wurde, sei zur Ehrenrettung der bürgerlichen Gesellschaft vermerkt, dass diese der ihrem eigenen Funktionsprinzip fremden Idee lange ein Obdach geboten hat. Die immer unbarmherzigen Zwänge des Marktes wirkten auch befeuernd auf die Produktion der Schriftsteller und trugen zur Entfesselung der Literatur der Moderne bei. So ist etwa ein Werk wie jenes von Balzac weder unter feudalen Bedingungen denkbar noch unter den heutigen Umständen eines abgeschirmten Kulturbetriebs, dessen Günstlingswirtschaft Schriftsteller mit Stipendien alimentiert. Zu seiner Entstehung brauchte es den brutalen Druck, der von den Mechanismen des Marktes ausgeht. Diese entfesselten Balzacs frühkapitalistischen Willen zu seiner Eroberung, der ihn antrieb, ein monumentales Werk zu schaffen. Mit den Pfründen, die der heutige Kulturbetrieb in Gestalt von Preisen und Stipendien bereithält, hätte ein Balzac sich nicht abspeisen lassen.


Heutige Literaturinstitute lassen eine wichtige Lehre aus der Geschichte der modernen Literatur außer Acht: dass sich ihre glänzenden Werke der Unsicherheit und dem Risiko der freien Autorschaft verdanken, dass sich Talent, Scharfsinn und Geistesgegenwart am besten unter den Bedingungen ungesicherter Lebensverhältnisse und ökonomischen Drucks entfalten. Noch ein Thomas Bernhard verwandelte diesen Druck in ein Ferment seiner Produktivität, indem er sich beständig gezielt verschuldete. Auch heutige Schreibschulabsolventen kennen die ungewissen Chancen einer Existenz als freier Autor, ziehen daraus aber entgegengesetzte Konsequenzen, indem sie durch die Flucht unter die Kuratel eines Literaturinstituts meinen, das Risiko der Existenz eines freien Autors mit den Sicherheitsbedürfnissen eines Angestellten versöhnen zu können. Sie versuchen sich an der Aporie, den Lohn zu wollen, ohne den Einsatz zu wagen. Aber die Protektion, die der Betrieb gewährt, ist nicht umsonst zu haben. Die Absolventen zahlen für sie mit dem Preis der Standardisierung ihrer Produkte und des nicht geringeren eigenen Wohlverhaltens. In dieser Haltung werden sie von der Institution der Schreibschule bestärkt. Diese fungiert als Gehege, als Schutzraum vor der Konkurrenz des freien Marktes. Ihr Doppelcharakter besteht darin, einerseits Funktion des Marktes zu sein, andererseits ihre Absolventen vor dessen Mechanismen zu bewahren. Das Programm des Literaturinstituts etabliert eine zunftmäßige, korporatistische Organisation der Literatur, indem es ein hierarchisches Verhältnis innerhalb der Literatur aufbaut – eines von Meistern und Gesellen, Lehrern und Schülern – und einen Betrieb installiert, der seine Absolventen vor dem Druck allfälliger Konkurrenz schützen soll. Der Betrieb ist dem Markt vorgeschaltet und erlässt Zugangsbeschränkungen zu ihm. Genau dieser Versuch, Literatur ein Reservat zu verschaffen, erweist sich als antimodern, früher hätte man gesagt: als reaktionär. Literaturinstitute sind Phänomene der nachbürgerlichen Gesellschaft; sie üben eine neofeudale Klientelpolitik, indem sie dem Prinzip der Konkurrenz jenes der Kartellierung entgegensetzen.


Die Protagonisten der modernen Literatur gehörten dagegen keiner Gilde an, jeder von ihnen hätte es als schlechten Scherz betrachtet, sich diplomieren zu lassen, und die Joyce, Musil, Robert Walser, Beckett, Gombrowicz kultivierten diesen Hochmut, indem sie der Geschichte des Romans etwas anderes als Fußnoten hinzufügten. Sie wussten, dass es dazu nicht die Bravheit des Eleven, sondern die Chuzpe braucht, mit der sie sich gegen die Zumutungen der literarischen Tradition wappneten. Diese Autoren waren Außenseiter, die das Risiko, das sie mit ihrer Literatur auf sich nahmen, oft mit dem totalen Scheitern auf dem Markt bezahlten. Dass sie aber überhaupt die Epoche der literarischen Moderne fortschreiben konnten, hatten sie auch der Freiheit jenes Marktes zu verdanken, auf dem sie sich zwar zu Lebzeiten nur in wenigen Fällen durchsetzen konnten, der aber gegenüber dem Neuen und Nie-da-Gewesenen keine Zugangsbeschränkungen in Gestalt eines Literaturbetriebs aufgebaut hatte, als dessen Zulieferindustrie heute die Schreibschulen und Literaturinstitute fungieren, eines Betriebs, dem etwas Inzestuöses anhaftet und der jene Harmlosigkeit und jenes Einverstandensein prämiert, die aller Originalität immer schon im Wege standen. Für jeden dieser Repräsentanten der Moderne war es besser, dem Markt ausgeliefert zu sein, als einem Literaturinstitut überantwortet zu werden, das ihn allenfalls zur Betriebsnudel umgemodelt hätte. So entstand eine Literatur, die ihre Lehrmeister verleugnete und keine Rückversicherung kannte, die weder staatsfromm noch sozialverträglich war, eine Literatur, die alles sein konnte – verschroben, abseitig, irrelevant, versponnen – und nur eines niemals sein durfte: gefällig. Genau dieses Bewusstsein, diese Mischung aus Nonchalance und Respektlosigkeit, wird den Teilnehmern heutiger Creative-writing-Seminare ausgetrieben. Vermittelt wird ihnen allenfalls technisches Know-how, das aller Gefälligkeitsprosa eigen ist, dem das Proprium avancierter Literatur aber entgegensteht. Sollte man diesen Sachverhalt den Produkten der Schreibschulen nicht anmerken? Ist das Risikolose der neuen deutschen Vollkaskoliteratur, das Verschwinden ästhetischer Negativität, das eine Literatur, die nicht mehr wehtut, zur Folge hat, nicht auch ein Resultat ihrer institutionellen Entstehungsbedingungen im Seminarbetrieb?


Dass die wichtigsten Repräsentanten der literarischen Moderne in ihrer bürgerlichen Existenz nicht nur gescheitert, sondern vernichtet waren, verdeutlicht, dass der Preis, den die Literatur einmal von ihren Verfassern forderte, mit den Vorstellungen, die sich an eine geregelte Berufsausbildung knüpfen, unvereinbar war. Dagegen wird an Literaturinstituten einem Typus das Feld bereitet, der dem des Karrieristen recht nahe kommt, dem neben Schreib- und Medienkompetenz auch Talkshowkompatibilität vermittelt wird und dem Wittgensteins Aperçu, dass Ehrgeiz der Tod des Denkens sei, allenfalls ein müdes Lächeln entlockt. Kursorisch lassen sich vier Quintessenzen der literarischen Moderne ausmachen: die Krankheit, das Elend, der – manchmal fingierte – Wahnsinn und der Selbstmord, denen, stellvertretend für andere die Schicksale von Franz Kafka, Robert Musil, Robert Walser und Max Herrmann-Neiße entsprechen. Ihren Werken gilt nach wie vor eine Verehrung, die ihren Impuls auch aus dem bürgerlichen Scheitern ihrer Verfasser bezieht. Es scheint, als sei ihr materieller oder physischer Untergang nicht nur die Konsequenz, sondern das Medium ihrer Ungebärdigkeit gewesen. Heutige Dipl.-Schriftsteller könnten daraus einen Gleichmut gegenüber dem Erfolg lernen, der ihnen in all den Seminaren und Werkstattgesprächen kaum beigebracht wird. Zur Legende macht einen Autor nicht der Nobelpreis – dieser macht ein Werk unantastbar, bereit für die Gesamtausgabe, deren Bände bekanntlich am seltensten gelesen werden –, sondern die Kompromisslosigkeit seines Zugrundegehens, in dem sich manches Mal die Unverwechselbarkeit seiner Texte spiegelt. Was diese Helden des Niedergangs bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Werke verbindet, ist die Unfähigkeit, sich aus der Affäre zu ziehen, ihr Unwille, ungeschoren zu bleiben, die Verachtung des Betriebs, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten und die sie deswegen teuer bezahlen mussten. Sie waren nicht bereit, mit den Schrecken, den sie in ihren Texten beschwören, zu kokettieren. So wurden sie zur Legende, aber so reüssierten sie nicht im Betrieb. Dieser nostalgische Rückblick auf die legendären Gescheiterten der Literatur lehrt, dass, was dem Werk frommt, dem Autor meistens zum Verhängnis wird.

„Die Schichtleiter der Literaturindustrie freveln durch ihre Tätigkeit an Begriff und Geschichte jener Literatur, die sie sehr genau kennen.“


Schule machen bedeutet dagegen, die Standardisierung der Werke mittels der Uniformierung der Eleven zu betreiben. So vermitteln die Absolventen in ihren Arbeiten wie in ihrem Auftreten das Institutsspezifische, eine Mischung aus Kulturbeflissenheit, Medienkonformität und kalkuliertem Distinktionsgewinn. Der Dipl.-Schriftsteller verkörpert jene Gerissenheit und Gewieftheit, die den zugrunde gegangenen Protagonisten der literarischen Moderne abgingen. Das sind Eigenschaften jedes Aufsteigers, die zu allem prädestinieren, nur einem unfehlbar den Garaus machen: der Unsterblichkeit. Es sind Eigenschaften, die die Dipl.-Schriftstellern mit ihren Lesern teilen. Für die Mimikry an ihre Leserschaft pflegt diese sich mit umgehendem Vergessen zu rächen.


Keiner der Dipl.-Schriftsteller wird sich je den grandiosen Hochmut eines Arno Schmidt oder das Draufgängertum eines Thomas Bernhard erlauben, keiner wird je das megaloman Unbescheidene ausprägen, das sich dann auch in waghalsigen Werken Bahn brach, die so kühn waren, dass das Publikum irgendwann bereit war, seine Indolenz über Bord zu werfen, und sich nach ihnen richtete. Stattdessen stehen sie vor der Aufgabe, das subaltern Beflissene, das ihnen mit ihrer Ausbildung eignet, zum Markenzeichen auszugestalten. Die Kraftmeiereien eines Clemens Meyer, die nicht einmal mehr öffentlich-rechtliche TV-Moderatoren aus der Fassung bringen, bestätigen diesen Befund eher, als dass sie ihn widerlegen.


Dennoch muss man die Absolventen vor der Institution, in die sie niemand gezwungen hat, in Schutz nehmen. Wer heute als junger Autor, kaum, dass er der Schule entwachsen ist, sofort die Bank einer Schreibschule drückt, hat meist gar keine Vorstellung mehr davon, dass es eine nicht verschulte Literatur vor nicht allzu langer Zeit einmal gegeben hat. Keiner der in Leipzig und anderswo Unterwiesenen ist so dumm wie die Einrichtung, die er zu bilden hilft. Ihre Lehrer hingegen haben die Zeit noch erlebt, als es für einen sich als frei rühmenden Autor als ehrenrührig galt, den Beruf des Schriftstellers qua Abschlussprüfung zu ergreifen. Sie sollten ihren Schülern das Wissen voraushaben, dass Literatur, die diesen Namen verdient, nicht im Seminarbetrieb entsteht. Diese Schichtleiter der Literaturindustrie freveln durch ihre Tätigkeit an Begriff und Geschichte jener Literatur, die sie sehr genau kennen. Sie tragen nicht unerhebliche Verantwortung dafür, dass zeitgenössische deutsche Romane zunehmend den Geruch von Seminararbeiten verströmen.


So betrüblich angesichts dieser Tendenzen eine Bestandsaufnahme der aktuellen deutschen Romanproduktion ausfällt, so niederschmetternd lautet die Prognose für die Zukunft der hiesigen Literatur unter den Bedingungen ihrer sich ausbreitenden Verschulung: viele Schriftsteller mit Prädikatsexamen und eine Literatur, die immer musterschülerhafter, öder und austauschbarer sein wird.