01.11.2004

Foucault und die Rückkehr des Subjekts

Analyse von Hanko Uphoff

Hanko Uphoff über späte Wandlungen eines Philosophen.

Zwanzig Jahre nach dem Tod des französischen Philosophen Michel Foucault ist die letzte Vorlesung, die er noch 1981/1982 am Collège de France hielt, jetzt auf Deutsch erschienen[1]. Deutlich wird in diesen Vorlesungen ein spätes Umdenken des Kritikers der philosophischen Subjektkategorie, der in seinem 1966 erschienenen Buch Die Ordnung der Dinge dem Menschen noch ein Verschwinden „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ prophezeite. Nahm das Subjekt im Denken Foucaults zunächst einen nur marginalen Raum ein, so gewinnt es in den jetzt unter dem Titel Hermeneutik des Subjekts erschienenen Vorlesungen wieder an Bedeutung. In der flächendeckenden und anhaltenden Diskussion um Subjektphilosophien, die in der philosophischen Landschaft im Anschluss an die Phrasen „Tod des Subjekts“ und „Ende des Menschen“ entbrannte, werden die Stimmen der Verteidiger des Subjekts neuerdings wieder lauter. Das geschulte Ohr konnte diese Stimmen zwar schon lange vernehmen, etwa diejenigen von Luc Ferry und Alain Renaut, die bereits in den 80er-Jahren gegen das von ihnen als antihumanistisch identifizierte Denken der Subjektbeseitiger Sturm liefen. In einer gesellschaftlich-historischen Situation, in der universale Bezugsrahmen verschwimmen, ist es vielleicht Ausdruck eines wachsenden Bedürfnisses nach gedanklichen Fixpunkten, wenn inzwischen wahrgenommen wird, dass einer der populärsten Subjektbeseitiger selbst zum Subjekt zurückgekehrt ist, während die von ihm angestoßene Diskussion um dessen Tod noch immer anhält.


Die taz konstatierte anlässlich des Erscheinens der Hermeneutik des Subjekts einen Riss in der Foucault-Rezeption.[2] Der späte Foucault werde zum Vorbeter „für den wohlstandsgebeugten Mittelständler“ verkorkst. Eine enge Verbindung bestehe hier zu den „altbekannten Scharlatanen des ‚Du schaffst es!’ und ‚Sei du selbst!’“. Richtig ist, dass eine solche Rezeptionsweise tatsächlich verfehlt wäre. Foucaults wesentlich stoisch denkendes Subjekt ist vielmehr eines, das seinen inneren Überzeugungen gemäß handelt, und das sich vom Geschrei des Marktes unabhängig macht. Es ist ein Subjekt, das seine Überzeugungen nicht aus Meinungsumfragen ableitet.


Die philosophische Subjektkategorie – Inbegriff aufklärerischen Glaubens, der Mensch könne sein Leben nach seinen Vorstellungen gestalten – war im 20. Jahrhundert zweifelhaft geworden. So hatte auch Adorno dem bürgerlichen Subjekt das Verschwinden prophezeit, wenn es nicht in ästhetischer Erfahrung Hilfe gegen drohende Überwucherung durch die Kulturindustrie suche. Mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus verabschiedete sich zusammen mit dem Glauben an eine emanzipatorische Arbeiterklasse auch das historische Subjekt der marxistischen Theorie. Foucaults Philosophie, die auf die Subjektkategorie scheinbar völlig verzichtet und stattdessen anonyme Diskurse sowie Wissen und Machtpraktiken betont, schien der Linken einen Standpunkt jenseits der Kritik politischer Ökonomie zu ermöglichen. Entsprechend wurde der Subjektbeseitiger Michel Foucault nach seinem Tod vor allem von der postkommunistischen Linken rezipiert.
 

„Anders als in seinen früheren Schriften, in denen er das Subjekt als ein reines, gesellschaftlichen Zwängen unterworfenes Produkt moderner Machtmechanismen betrachtete, betonte Foucault in seinem späteren Werk dessen Möglichkeit zu Selbstentwurf und Selbstgestaltung.“



Das Werk Foucaults unterteilt sich bezüglich der Subjektthematik in unterschiedliche Phasen. Foucault thematisierte in seinen machtanalytischen Schriften bis 1976 die Unterwerfung des Subjekts unter moderne Machttechniken, die das Individuum disziplinieren und kontrollieren. Er kam hier zu einer negativen Machtauffassung, die die Möglichkeit von Selbstbestimmung und Widerstand des Subjekts gegen überindividuelle Mechanismen unerklärlich werden ließ. In der Überbewertung von Diskursen und Machtpraktiken suggeriert Foucaults Werk, dass es eine zentrale anonyme Macht gebe, die – völlig einseitig wirkend – Subjekte produziert und diszipliniert. Er selbst lehnte diese Vorstellung jedoch ab, und sie hätte seiner eigenen Lebenspraxis als politisch engagiertem und kritischem Intellektuellen auch offensichtlich widersprochen. Es ist in dieser die dezentralen Machtmechanismen so stark betonenden Werkphase jedoch gerade die Zurückweisung dieser Vorstellung einer zentralen Macht, die wiederum unklar lässt, wie die Auswirkungen dieser Macht auf die Individuen umfassend koordiniert werden.


Es sei dahingestellt, ob Foucault mit der für seine Leserschaft überraschenden Rückkehr zum Subjekt explizit auf derartige Widersprüche reagieren wollte. Anders als in seinen früheren Schriften, in denen er das Subjekt als ein reines, gesellschaftlichen Zwängen unterworfenes Produkt moderner Machtmechanismen betrachtete, betonte Foucault in seinem späteren Werk dessen Möglichkeit zu Selbstentwurf und Selbstgestaltung. Durch Einführung des Begriffs Regierung, der auch „Selbstregierung“ im Sinne einer „Stilisierung der Haltung“ des Selbst durch sich umfasst, tritt in seinem Werk das Subjekt wieder in den Vordergrund. Im Schaffen Foucaults ist eine Wende erkennbar, die auch in der Hermeneutik des Subjekts zum Ausdruck kommt.


Foucaults Lehrstuhl an der Académie Francaise hieß „Geschichte der Denksysteme“. Entsprechend stellt Foucault auch in den jetzt erschienenen Vorlesungen die Charakteristika des philosophischen Denkens verschiedener Epochen einander gegenüber, um ideengeschichtliche Veränderungen herauszuarbeiten. Entgegen seinen früheren Untersuchungen, in denen er die Transformationsprozesse von der Renaissance hin zur Moderne untersuchte, greift er hier aber weiter in die Vergangenheit zurück. Der Untersuchung liegen zwei Epochen zugrunde. Zum ersten die klassische griechische Antike, deren Charakteristika Foucault vornehmlich anhand des platonischen Dialogs „Alkibiades“ darstellt. Zum anderen die philosophischen Strömungen der Stoa in den ersten beiden Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, die an Autoren wie Seneca, Epiktet, Marc Aurel und anderen exemplifiziert werden. Diese beiden Epochen – in der Wandlung als verbunden zu denken – stehen dem von Foucault kritisierten Subjektverständnis der Moderne gegenüber.


Dem „Subjektdenken“ der Epoche, von der Foucault ausgeht, liegen zwei Motive zugrunde. Diese sind die „Selbstsorge“ und das „Erkenne dich selbst“. Die „Selbstsorge“ als Aufforderung, sich um sich selbst zu kümmern, war ursprünglich das umfassendere und grundlegendere Motiv, dem die Selbsterkenntnis nachgeordnet war. Die von Foucault gesehene Entwicklung liegt darin, dass in der philosophiegeschichtlichen Entstehung der Idee des modernen, ausschließlich nach rationalistischer Methodik verfahrenden Erkenntnissubjekts das Motiv der Selbstsorge, spätestens seit Descartes, völlig von der Idee der Selbsterkenntnis überlagert wurde.


Ein weiteres wesentliches Motiv ist die Bestimmung des Verhältnisses von Subjekt und Wahrheit, das sich unterscheidet, je nachdem, ob die Selbstsorge oder das „Erkenne dich selbst“ überwiegt. Folgt das Subjekt der Aufforderung, sich um sich selbst zu sorgen, so ist mit dieser Sorge eine Transformation seiner Seinsweise verbunden. Die wirkliche Teilhabe an der Wahrheit, von der es durch seinen philosophischen Lehrer zunächst schlichte Kenntnis erlangt, erreicht das Subjekt nicht durch Akte reiner Erkenntnis, die es selbst unberührt ließen. Foucault sieht in der Sorge um sich selbst eine an die Praxis zurückgebundene Einübung des Subjekts in die Wahrheit. In diesem Einüben in die Wahrheit durch „Suchverfahren, Praktiken und Erfahrungen, die Läuterung, Askese, Verzicht, Umwendung des Blicks, Lebensveränderungen usw. sein können“, vollzieht das Subjekt in der Sorge um sich selbst eine Konversion zur Wahrheit. Diese Transformation, die mit der Einübung in die Wahrheit verbunden ist, nennt Foucault die „Geistigkeit“ der Selbstsorge. Aus dieser Denkweise, die davon ausgeht, dass das Subjekt sich im Vollzug dieser Geistigkeit in einen der Wahrheit adäquaten Zustand bringen kann, ergibt sich für Foucault, dass die Wahrheit dem Subjekt hier ein Heilsversprechen zu gewähren vermag. Erreicht das Subjekt durch Konversion den der Wahrheit adäquaten Zustand, wird es des Heils teilhaftig.


Foucault sieht die umfassende zeitliche Entwicklungslinie in der vollständigen Überlagerung dieser an die Geistigkeit gebundenen Selbstsorge durch das „Erkenne dich selbst“ in der Moderne. Im „Erkenne dich selbst“ ist ein in seiner Beschaffenheit endgültiges und fertiges Selbst und diesem korrespondierend eine „fertige“ Welt vorausgesetzt, in die das Subjekt durch rationale Erkenntnisakte Einsicht erlangt. Entscheidend ist hier, dass das Sein des Subjekts vom Vollzug dieser Erkenntnisakte unbeeinflusst bleibt. Voraussetzung ist dabei, dass es, so wie es ist, der Wahrheit fähig ist. Gegenüber dem Motiv der „Selbstsorge“ fällt damit das Heilsversprechen weg, das ja gerade an die Konversion des Subjekts gebunden war.


Das Verhältnis zwischen „Selbstsorge“ und „Erkenne Dich selbst“ und damit auch die wesentlichen Charakteristika der dargestellten Epochen „klassische griechische Antike“ und „Stoa“ gegenüber der „Moderne“ benennt Foucault daher wie folgt:


„So wie die Wahrheit von jetzt an geartet ist, ist sie nicht dazu geeignet, dem Subjekt ein Seelenheil zu gewähren. Wird die Geistigkeit als jene Form von Praktiken definiert, die voraussetzen, dass das Subjekt, so wie es ist, der Wahrheit nicht fähig ist, dass aber die Wahrheit, so wie sie ist, das Subjekt zu läutern und zu retten fähig ist, dann sagen wir, dass die moderne Epoche der Beziehungen von Subjekt und Wahrheit an dem Tag beginnt, an dem wir voraussetzen, dass das Subjekt, so wie es ist, der Wahrheit fähig ist, dass aber die Wahrheit, so wie sie ist, das Subjekt nicht länger retten kann.“


Vor diesem Hintergrund sind Foucaults Ausführungen zur Transformation der anhand des „Alkibiades“ veranschaulichten Denkfiguren der klassischen griechischen Antike hin zum Denken der Stoa zu verstehen. Der Sokrates des platonischen Dialogs wandte sich mit seinem Aufruf „Sorge dich um dich selbst“ an eine Elite aristokratischer Jünglinge, die zur Führung der Polis bestimmt waren. Wie man sich nicht nur um seine eigenen materiellen Belange zu kümmern habe, sondern um die eigene Seele, so habe man sich entsprechend nicht nur um die materiellen Belange der Polis zu kümmern, sondern darum, sie im Lichte klarer Ideen, etwa der Gerechtigkeit, zu führen. Sokrates weist dem Alkibiades nach, dass er über diese Ideen keine Klarheit hat. Diese Klarheit muss er erst erreichen, indem er sich um sich selbst kümmert, um reif für die Übernahme seines politischen Mandats zu werden.
 

„Die Subjektkategorie ist unverzichtbar, wenn wir Ideen wie Gerechtigkeit oder Freiheit mit Leben füllen wollen, denn diese Ideen haben keinen Ort, wenn sie nicht im Menschen Ereignis werden.“



Der Unterschied des Motivs der Selbstsorge in der klassischen griechischen Antike gegenüber der Stoa besteht darin, dass erstere sich nicht an die Allgemeinheit, sondern an eine zahlenmäßig begrenzte Elite wendet, und darin, dass diese Selbstsorge sich in einem bestimmten Lebensabschnitt, der Jugend, zu vollziehen hat. Die Autoren der Stoa erweitern demgegenüber die Aufforderung zur Selbstsorge in beiden Punkten. Dass man sich um sich selbst zu sorgen habe, soll für jeden gelten, und diese Selbstsorge muss das ganze Leben lang kontinuierlich betrieben werden. Das Leben wird damit zu einer immer währenden Selbstprüfung, die es dem Subjekt ermöglichen soll, sich darüber klar zu werden, ob es guten Gewissens sagen kann: Ich bin auf dem richtigen Weg. In dieser Prüfung erlangt das Subjekt innere Festigkeit gegenüber seiner Situation in der Welt und deren Missliebigkeiten. Die letzte Prüfung erfolgt angesichts des Todes, der das Subjekt letztlich in Ausübung irgendeiner seiner Tätigkeiten erwischen wird. Das bewusste Leben im Wissen um die eigene Endlichkeit dient dabei dem Ziel der Klarheit, weil das Subjekt sich fragen muss, in Ausübung welcher Tätigkeit es dem Tod entgegentreten will. Die Art der Tätigkeit gewinnt dabei an Bedeutung.


Offen bleibt in Hermeneutik des Subjekts jedoch die Frage nach dem Ursprung der Wahrheiten, in die das Subjekt sich einübt. Aber gewissermaßen stellt sich die Frage hier auch nicht. In der Schule der Stoa teilt der Lehrer dem Schüler die Wahrheit mit. Das heißt, es gibt diese Wahrheiten schlicht. Hier kann man den subjektlosen Foucault durchschimmern sehen und sagen: das Subjekt ist also doch nur das Gefäß, in dem die Diskurse Wirklichkeit gewinnen. In postmodernen Zeiten, wo so manchem das Gespenst des Relativismus erscheint, stellt sich dem einen oder anderen vielleicht darüber hinaus die Frage, welche Wahrheit überhaupt die relevante ist. Aber das ist ein anderes Thema.


Wenn man Foucault aber auf die Fahnen schreibt, dass sein Denken unsere aktuelle gesellschaftliche Situation grundsätzlich betrifft, so kann man diese Aktualität vielleicht in Folgendem sehen: Die Subjektkategorie ist unverzichtbar, wenn wir Ideen wie Gerechtigkeit oder Freiheit mit Leben füllen wollen, denn diese Ideen haben keinen Ort, wenn sie nicht im Menschen Ereignis werden.