09.09.2015

Fortschritt: „Um 2050 wird es kaum noch Kriege geben“

Interview mit Michael Shermer

Trotz anderslautender Meldungen konnte die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten erhebliche moralische Fortschritte verbuchen. Wissenschaftshistoriker Michael Shermer betont im Interview mit Marco Visscher, dass dabei die Meinungsfreiheit eine zentrale Rolle gespielt hat

Marco Visscher: Sie beschäftigen sich in Ihrem neuen Buch The Moral Arc mit moralischem Fortschritt. Lesen Sie denn keine Zeitung?


Michael Shermer: Haha. Ja, die Nachrichten strotzen vor Elend, nicht wahr? Als ich meinen Freunden erzählt habe, worum es in dem Buch gehen soll, haben sie mich für verrückt erklärt und den IS, Syrien und ethnische Probleme in den USA angeführt. Unser Gehirn hat sich so entwickelt, dass unsere Sorgen sich vor allem auf emotional Berührendes beziehen. Relativ viele Menschen sterben an einem Herzinfarkt oder bei einem Autounfall, dennoch ängstigen wir uns viel mehr vor einem Terroranschlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie oder ich durch einen solchen ums Leben kommen, ist allerdings außerordentlich gering.


Das mag schon sein, aber die Nachrichten machen wenig Hoffnung auf moralischen Fortschritt.


Vergessen Sie die Nachrichten. Entscheidend sind nicht die Schlagzeilen, sondern die langfristigen Trends. Das bereitet uns Schwierigkeiten, da unser Gehirn nicht auf die Wahrnehmung längerfristiger Entwicklungen ausgelegt ist. Solche Trends können wir nur durch wissenschaftliche, statistische Analysen sichtbar machen.

Dann erkennen wir die voranschreitende Zunahme unserer Moralsphäre. Eines Tages haben wir uns auf natürliche Rechte besonnen, wie das Recht nicht gefoltert zu werden, schlichtweg, weil man ein Mensch ist. Diese Vorstellung haben wir immer wieder erweitert und arbeiten daran bis heute. Im Laufe dieser Entwicklung haben wir Schwarzen und Frauen Bürgerrechte zuerkannt, die zu einer Gleichbehandlung vor dem Gesetz und in der Folge auch zu gleicherer Behandlung in der Gesellschaft geführt haben. Das erleben wir nun auch bei Homosexuellen.

Das alles war früher undenkbar. Andere Menschen aus anderen Gruppen galten als gefährlich. Die eigene Familie, der Clan oder das Dorf – das war die eigene Gruppe. Heute sieht das anders aus, unsere Gruppe ist immer größer geworden. Wir haben gelernt, dass sich Vertrauen in Mitmenschen lohnt. Mittlerweile hat sich unser Gehirn so weiter entwickelt, dass wir Mitgefühl für Menschen empfinden können, die wir überhaupt nicht kennen oder die ganz anders sind als wir.


Wenn wir unsere moralischen Vorstellungen gesetzlich verankern, um unsere Rechte zu schützen, heißt das noch lange nicht, dass auch die Praxis dem entspricht.


Der moralische Fortschritt in der westlichen Welt lässt sich objektiv an der Abschaffung von Phänomenen wie der Sklaverei, der Folter als Rechtsinstrument oder der Todesstrafe ablesen. Die Vereinigten Staaten sind die letzte moderne, westliche Demokratie, in der die Todesstrafe noch gesetzlich erlaubt ist. Ich will das gar nicht schönreden, aber so häufig kommt sie nicht mehr vor. Die meisten Insassen der Todeszellen sterben an Altersschwäche und nicht auf dem elektrischen Stuhl. Sklaverei gibt es hier und da noch, aber noch nie zuvor hat ein so kleiner Anteil der Weltbevölkerung sein Dasein als Sklave fristen müssen. Sklaverei ist überall verboten und wird allgemein verurteilt. Dies gilt auch für Folter: Früher öffentliche Gaudi, heute Gegenstand von Abscheu.

Insgesamt können wir eine spektakuläre Abnahme von Gewalt feststellen. Es gibt weniger Morde, weniger Gewaltdelikte, weniger Kriege. Kriege fordern weniger Opfer. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden um 2050 so gut wie keine Kriege im herkömmlichen Sinne mehr geführt. Gelegentlich treten Aufstände und Konflikte auf, aber auch das mit immer geringerer Wahrscheinlichkeit.


Das erinnert an ein Werk, das der Harvard-Psychologe Steven Pinker über die Abnahme von Gewalt geschrieben hat. Inwiefern unterscheidet sich Ihr Buch davon?


Ich gehe einen Schritt weiter. Pinker führt beispielsweise Demokratie, Handel und Bildung als wesentliche Gründe für den Rückgang physischer Gewalt an. Meines Erachtens nach geht dem etwas voraus, nämlich die Wissenschaft. Wissenschaftlichem, rationalem Denken sei Dank konnten gesellschaftliche Experimente wie Demokratie, Handel und allgemein Bildung stattfinden, die zu einem Gewaltrückgang und sogar zu einem moralischen Fortschritt insgesamt geführt haben.

Das geht zurück auf Gelehrte wie Kopernikus, Galileo, Kepler, Francis Bacon und Newton. Sie gingen davon aus, dass das Weltall und die Welt auf bestimmten Naturgesetzen beruhen, dass es möglich ist, diese Gesetze zu ergründen und zu beschreiben. Sie brachten eine wissenschaftliche Revolution zustande. Ihnen folgten Gelehrte, die in anderen Bereichen entsprechenden Ausgangspunkte wählten: dass auch Gesellschaften auf bestimmten Prinzipien beruhen.


An welche Gelehrten denken Sie dabei?


Thomas Hobbes bezeichnete sich als den Galileo der bürgerlichen Gesellschaft. In seinem Leviathan kombinierte er Naturgesetze mit gesellschaftlichen Visionen. Montesquieu erforschte, wie unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme verschiedene Gesellschaften hervorbrachten und gelangte so zu sechs Prinzipien. François Quesnay war überzeugt, dass Geld durch eine Gesellschaft fließt wie Blut durch einen Körper, wodurch er auf die Laissez-Faire-Theorie kam, auf der Adam Smith wiederum sein eigenes wissenschaftliches Werk über Themen wie Angebot und Nachfrage aufbaute.


Sie haben Denker der Aufklärung genannt. Waren das Wissenschaftler oder Philosophen?


Sie selbst bezeichneten sich als Philosophen, heute würden wir sie Wissenschaftler nennen. Man braucht keinen weißen Kittel und kein Labor, um Wissenschaftler zu sein. Ein Wissenschaftler macht von dem Besten Gebrauch, was unserem Geist zur Verfügung steht: seiner Vernunft. Nur dank der Vernunft können wir die Welt verstehen und Ideen zur ihrer Verbesserung und Verschönerung entwickeln. Dieser Ansatz gilt gleichermaßen für Aufklärungsdenker wie Spinoza, Locke und Kant, denen eine so große Bedeutung für die Ausarbeitung der Naturrechte zukommt. Für mich sind das Wissenschaftler, weil sie sich mit systematischen Studien über unsere Gesellschaft beschäftigten. Ihre Forschung war teils so exakt ausgerichtet wie die der Physiker über das Weltall.


Als Herausgeber einer Zeitschrift für Skeptiker wollen Sie in diesem Zusammenhang bestimmt auf den Nutzen der Skepsis hinweisen.


Sicherlich, Argwohn gegenüber Ideen und Überzeugungen ist äußerst wichtig. Daher spielt die Meinungsfreiheit eine große Rolle. Zwangsläufig liegen wir bei wahnsinnig vielen Dingen daneben. Das Problem besteht darin, dass das erst in unser Bewusstsein rückt, sobald jemandem das klar wird und er es uns erklärt. Die einzige Methode, sich der Wahrheit anzunähern – sofern es die überhaupt gibt – besteht darin, in aller Offenheit Ideen vorzustellen bzw. sie zu bekämpfen.


Drängen Sie also auf absolute Meinungsfreiheit ohne Wenn und Aber?


In der Tat. An den Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Europa und Kanada stoße ich mich außerordentlich. Schauen Sie, ich stoße ich mich ebenso außerordentlich an Holocaustleugnern. Dennoch müssen sie ihre Meinung kundtun dürfen, so unsinnig sie auch sein mag. Dass sie unsinnig ist, steht außer Frage; ich habe mal in einem Buch diese Geschichten entkräftet. So gehört sich das in einer offenen Gesellschaft: Man kann zeigen, wo andere verkehrt liegen und dass man selbst Recht hat. Das ist allemal besser, als wenn Mehrheiten entscheiden, was man sagen darf und was nicht. In der Wissenschaftsgeschichte ist es die Meinungsfreiheit, der wir den beständigen Fortschritt zu verdanken haben.


Als Argument zur Einschränkung der Meinungsfreiheit wird nicht die Wissenschaft herangezogen, sondern Gruppen von Schwächeren, die vor Beleidigungen geschützt werden sollen. Haben wir es dabei nicht auch mit moralischem Fortschritt zu tun?


Nein, fortschrittlich wäre, wenn niemand Privilegien erhält. Wir leben in einer freien, offenen Demokratie, jeder kann Ideen vertreten oder sie kritisieren. Tja, und wenn sich jemand beleidigt fühlt – na und?


Sehen Sie in den heutigen Beschränkungen der Meinungsfreiheit eine Gefahr für den von Ihnen sogenannten „moralischen Bogen?“


Na ja, darin sehe ich noch keine Trendumkehr, so dramatisch stellt sich das nicht dar. Aber uns muss schon klar sein, was diesen Bogen vorantreibt, nämlich Offenheit und Toleranz gerade denjenigen Vorstellungen gegenüber aufzubringen, die man ablehnt.

Merkwürdigerweise sind die Konservativen fortschrittlicher geworden, aber für die Progressiven ist in mancher Hinsicht das Gegenteil der Fall. Die Regulierung der Meinungsfreiheit zeigt dies sehr exemplarisch. Unser moralischer Fortschritt ist so weit gekommen, dass es nun als progressiv gilt, zu bestimmen, was wir noch sagen oder denken dürfen. Dann heißt es: „Das geht zu weit, so was darf man wirklich nicht sagen!“ Zwar wird man immer ein paar Idioten haben, die weiterhin Geschmacklosigkeiten über Schwarze, Homosexuelle, Frauen, Juden usw. von sich geben. Diese Gruppe ist aber nicht umfangreich und ihretwegen brauchen wir nun wirklich keine Gesetze, die unser aller Meinungsfreiheit einschränken. Wissen Sie, an Universitäten in den USA findet man bei Unterrichtsmaterialien oder Debatten Warnhinweise, sobald Menschen sich vielleicht beleidigt fühlen könnten.


Auch in Europa, etwa den Niederlanden, hat man schon Universitätsdebatten gestrichen, z.B. mit der Begründung angeblicher Frauenfeindlichkeit.


Ist das denn die Möglichkeit? Das Ziel einer Universität kann doch nicht darin bestehen, Studenten vor dem Selberdenken zu bewahren? Man mag sich über vieles Sorgen machen, aber doch nicht über die Frage, ob sich jemand beleidigt fühlen könnte. Man muss schlicht und einfach sagen dürfen, was man will. Das ist und bleibt der beste Garant für eine kultivierte, zivilisierte Gesellschaft, in der wir uns unseres Verstandes bedienen. In einer solchen Gesellschaft bleibt moralischer Fortschritt möglich.