01.04.2001

Fleisch essen statt Tiere schlachten

Analyse von Dirk Maxeiner

Die Gentechnik könnte in Zukunft überraschende Unterstützung durch Tier- und Naturschützer erfahren. Vom Nutzen der Gen-Bulette.

Als 1867 in Paris das erste zentrale Schlachthaus in Europa eröffnet wurde, erfreute sich das Schlachten am laufenden Band breiter Zustimmung. Aus der neuen Verbindung von Mechanisierung und Tod ging die Fleischindustrie hervor. Gelehrte wie Justus von Liebig propagierten “proteinhaltige Lebensmittel für die Massen”. Sozialaktivisten, darunter Friedrich Engels, forderten eine “Demokratisierung des Fleischverzehrs”.

Die Schlachtrufe der Sozialrevolutionäre wurden gründlich befolgt: Im Lauf seines Lebens verputzt ein Nordamerikaner heute das Fleisch von 13 Rindern. Auch die übrige Welt drängt an die Gulaschkanone. Ein Erdenbürger gönnt sich heute im Durchschnitt ein Drittel mehr Fleisch als noch im Jahre 1970. Selbst die Chinesen fallen von der Sojasprosse ab und verlangen mehr als ein Fettauge auf der Suppe. So gewährte die Weltbank dem Land gerade einen 100-Millionen-Dollar-Kredit für neue Fleisch- und Futterfabriken.

Wie so oft nimmt der Fortschritt ironische Wendungen. Die wünschenswerte Demokratisierung eines Privilegs beendete die Mangelernährung der Massen, bescherte dem Stoffwechsel reichlich Cholesterin und besorgte die Umverteilung der Herz-Kreislauferkrankungen auch auf die sozial Schwachen. Dies sind jedoch bei weitem nicht die einzigen Kolateralschäden der gewonnenen Proteinschlacht.Die globale Zahl der Nutztiere hat inzwischen die 20-Milliarden-Grenze überschritten – eine tierische Bevölkerungsexplosion. Über 1,3 Milliarden Rinder, fast eine Milliarde Schweine, 1,8 Milliarden Schafe und Ziegen sowie 13 Milliarden Hühner leben heute auf dem Planeten. Nicht die Ernährung der Menschenmassen ist mittlerweile das große Problem, sondern die ihrer Nutztiere. Dies, weil die Massentierhaltung eine gigantische Kalorienvernichtung darstellt: Besteht das Viehfutter aus Getreide, so werden beispielsweise für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch bis zu neun Kilo Getreide verfressen. Um das Gewicht der planetaren Rinderschar aufzuwiegen, müssten mindestens 15 Milliarden Menschen in die Waagschale steigen. Wer von anderen “weniger Kinder” fordert, sollte erst mal den Stall ausmisten. Wo bleibt eigentlich die Geburtenkontrolle für Rinder?

“Wir können den Planet der Rinder zu einem Planet der Menschen machen”, sagt der Münchner Evolutionsbiologe Professor Josef H. Reichholf, “mit menschenwürdigen Lebensbedingungen und einem guten Miteinander von Mensch und Natur.” Gerade die Wiederkäuer haben sich zum großen Konkurrenten für wilde Tiere, Blumenwiesen und Wälder entwickelt. Die Landwirtschaft bedroht die natürlichen Artenvielfalt, Industrie und Verkehr spielen eine untergeordnete Rolle. Während die Siedlungsfläche 0,5 Prozent der Kontinente ausmacht, werden etwa 40 Prozent der eisfreien Fläche des Planeten landwirtschaftlich genutzt – und davon zwei Drittel als Weideland. Obendrein landen 40 Prozent der Getreideernte und 20 Prozent des Fischfanges nicht als Lebensmittel auf dem Tisch, sondern als Futtermittel im Trog.

Gibt es irgendwo Licht am Ende des Massenstalls? Erste Gesetze zur artgerechten Tierhaltung lassen auf eine bessere Behandlung der Tiere hoffen. Wer vom Biobauern erzeugtes Fleisch kauft, fördert eine naturverträglichere Landwirtschaft. Doch der Biometzger kann angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung, die partout nicht zum Vegetarier werden will, nicht die einzige Alternative sein. Eine über sechs Milliarden hinauswachsende Menschheit wird auch technologische Durchbrüche brauchen, um umweltverträglich zu produzieren und zu konsumieren. Es muss daher die grundsätzliche Frage gestattet sein: Ist die Produktion von Fleisch wirklich zu stark industrialisiert? Oder liegt das Problem – ganz im Gegenteil – darin, dass sie zu wenig industrialisiert und technisiert ist?

Produktionstechnisch betrachtet ist das Nutztier von Pflanzen gespeicherte und für den Verzehr umgewandelte Sonnenenergie. Ein großer Teil davon wird allerdings – denkbar uneffizient – nicht in Fleisch, sondern in tierische Abwärme sowie in problematische Stoffe wie Methangas und Gülle verwandelt. Die Emissionen entweichen ungefiltert in die Atmosphäre und Millionen Tonnen schadstoffhaltiger Rückstände werden in Form von Fäkalien einfach auf die Felder gekippt. Was wäre, wenn ein Chemiekonzern sich Derartiges leisten würde? Richtig: Greenpeace säße auf dem Schornstein und die Manager hinter Gittern.
Die heutige Form der Fleischproduktion ist auf dem Stand der frühen Fabrikationen stehen geblieben, die mit ihren Schloten und Abwässern hemmungslos Wälder und Flüsse ruinierte. Und sie könnte genauso verschwinden wie beispielsweise der Pferdetransport. “Theoretisch ist es nicht notwendig, Tiere zu halten, um Fleisch zu produzieren”, schreibt der amerikanische Umweltjournalist Gregg Easterbrook. Agronomen und Biotechniker suchen nach Verfahren, das Tier in unserer Nahrungskette zu überspringen. In Holland, so berichtet das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, wurde sogar schon ein Patent angemeldet, um Fleisch in Zellkulturen zu erzeugen. Das Endprodukt wäre vollwertiges Fleisch, allerdings würden die Zellen keinen Umweg mehr über ein lebendes und leidendes Tier nehmen.

Aus solchen und ähnlichen Entwicklungen könnten neue Allianzen entstehen: Tierfreunde und Naturschützer dürften sich dem Gedanken öffnen, dass der Fleischhunger der Menschheit nicht mit noch mehr Tierleid und Umweltzerstörung erkauft werden muss. Das vermeintlich “Künstliche” könnte sich einmal mehr als Rettung für das “Natürliche” erweisen. Die heutige Form der Fleischerzeugung ist möglicherweise nur ein vorübergehendes Stadium einer Entwicklung, die vor 10.000 Jahren mit der Domestizierung der Nutztiere begann und im neuen Jahrtausend in die Domestizierung des Fleisches mündet.
Eine Lösung gleichsam durch die kalte Genküche? Labors statt Rinder als Fleischproduzenten? Bis zur technischen Machbarkeit dürfte noch so manches schmutzige Schnitzel verzehrt werden. Und bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz steht ein schwieriger Verdauungsprozess bevor. Während ein Vegetarier sich dem Schulterklopfen progressiver Kreise sicher sein darf, steht ein Wissenschaftler oder Lebensmitteltechniker mit dem gleichen Ansatz sofort unter Generalverdacht: Stoppt Dr. Frankenstein!

“Es wird geheime Restaurants geben, in denen man geschlachtete Tiere essen kann.”

Dies mag eine bizarre Farce aus dem Jahr 1995 illustrieren. Die EU wollte in Deutschland, wie in anderen Ländern auch, geringe Mengen Soja in der Wurst erlauben. Doch eine große Koalition aus Bauern, Fleischern, Verbraucherschützern und Feinschmeckern schrie auf: Von “Manipulationen” und “Imitaten” war die Rede. Anstatt Soja direkt in die Wurst zu befördern, bestand man darauf, dass deren Einarbeitung auf dem Umweg über das geschundene Tier erfolgen müsse – also unter Vernichtung von Ressourcen und Hinterlassung von Fäkalien und Arzneimittelrückständen. Nur dies verdiene das Prädikat “echte deutsche Wurst”. Das Landwirtschaftsministerium assistierte: Würde nur ein Prozent des Fleischanteils in der deutschen Wurst durch Sojastärke ersetzt, dann blieben jährlich 150.000 Schweine und 13.000 Rinder unverkauft. Welch grausamer Gedanke!

Inzwischen darf in der Wurst etwas Soja drin sein und niemand redet mehr darüber. Eines Tages könnte die menschliche Spezies zum De-facto-Vegetarier werden, nicht aufgrund einer ethischen Philosophie, sondern durch Steaks und Schinken, die nichts mehr mit Tieren zu tun haben. Der Gedanke an Millionen Mitgeschöpfe, die in Schlachthäusern getötet werden, wird künftigen Generationen vielleicht genauso fern erscheinen wie einer heutigen Hausfrau der Gedanke an ein lebendiges Huhn, dem sie in ihrer Designerküche den Kopf abhackt. Die Zivilisierung des Menschen tendiert längst dahin, erkennbare Züge geschlachteter Kreaturen zu verbergen. Den vorläufigen Endstand markiert der Hamburger. Weder sieht er aus wie Fleisch noch verrät sein Name diesen Ursprung. Dennoch lieben unsere Kinder BigMacs. Sollte irgendwann kein Fleisch vom lebenden Rind mehr drin sein, wird dies ihre Begeisterung kaum schmälern. Es wäre ein kleiner Schritt für die Bulette und ein großer für die Menschheit.Dann lässt sich trefflich darüber streiten, wer kulturell höherwertig isst: Der Gourmet, den es nach “natürlichen” Stubenküken und Milchlämmern gelüstet, oder der Technovegetarier, der zum tierfreien Steak greift. Der Zukunftsforscher Matthias Horx mutmaßt gar: “Es wird geheime Restaurants geben, in denen man geschlachtete Tiere essen kann – zu horrenden Preisen, manchmal mit Ekelgefühlen, aber welch ein verbotener Genuss!”