01.09.2005

Finale Handlungsszenarien

Kommentar von Claudius Gros

Über Weltuntergänge und Androiden. Von Claudia Gros

Gibt es die Möglichkeit, dass die Menschheit als Ganzes immer alles gut und richtig macht und am Ende doch als Verlierer da steht? Viel spricht man heute von Fehlentwicklungen, die es zu korrigieren gilt. Wir sprechen über Handlungen und Pläne, die wir besser unterlassen sollten, da deren negative Konsequenzen absehbar sind. Das sollte eigentlich der leichte Teil sein: etwas nicht zu tun, von dem man weiß, dass es falsch ist. Doch selbst dieses fällt uns häufig schwer. Und zwar dann, wenn wir Menschen als Gesamtheit handeln. Es gibt fast immer dringende Bedürfnisse irgendwelcher Untergruppen, welche zu wirtschaftlichen und sozialen Zwängen führen, so dass die Menschheit als Ganzes in diesem Sinne häufig unvernünftig handelt.
Wie aber, wenn es Entwicklungslinien gäbe, ich nenne sie „finale Handlungsszenarien“, die auch dann eintreten, wenn wir gar keine Fehler machen? Wenn wir jederzeit zum Wohle unserer und der nächsten Generationen handeln? Und wenn trotzdem, mit einer gewissen finalen Zielstrebigkeit, die Menschheit im Verlauf längerer Zeiträume, im Verlauf einiger Jahrhunderte, in Folge gerade dieser Entscheidungen an den Rand ihrer Existenz getrieben wird? In der Tat kann man sich solche Szenarien vorstellen. Sie haben jedoch mit den üblichen Weltuntergangsideen wenig zu tun.


Katastrophen und Weltuntergänge
Wenn man Bücher liest, die den Untergang der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten oder Jahrhunderten vorhersagen, dann fällt einem auf, dass die meisten Untergangsszenarien nicht sorgfältig durchdacht sind. Häufig werden viele kleine Katastrophen aneinander gereiht, um darzustellen, wie schlimm es um die Zukunft bestellt ist. Vorstellbar sind z.B. nukleare Unfälle, potenzielle Gefahren der Nanotechnologie, allgemeine Klimaverschlechterungen mit Hungersnöten, neue Epidemien oder großflächige terroristische Anschläge. Solche Katastrophen können in der Tat eintreten und werden es wahrscheinlich teilweise auch. Doch sie werden die Menschheit nicht auslöschen.
 

„Aus der Sicht des Menschen gibt es zwei Arten von Weltuntergängen: beim ersten stirbt der Mensch als Gattung aus, beim zweiten wird unsere Zivilisation global und dauerhaft vernichtet, und die überlebenden Menschen fallen auf das Niveau von Jägern und Sammlern zurück.“



Die Pest hat im Mittelalter mehr als ein Drittel der gesamten europäischen Bevölkerung dahingerafft. Doch das hat die Europäer nicht daran gehindert, sich weiterzuentwickeln. Die Indianer des amerikanischen Kontinents waren genetisch auf die Krankheiten der spanischen Eroberer nicht vorbereitet. Sehr viele sind daher an Pocken, Tuberkulose, Masern und Cholera gestorben. Und dennoch, hätten die Europäer den amerikanischen Kontinent nicht besiedelt, hätte sich die Indianerpopulation im Laufe der Jahrhunderte wieder erholt.
Um von einem Weltuntergang zu sprechen, ist es nicht notwendig, dass gleich alle Menschen infolge dieser Katastrophe sterben. Falls es infolge einer einzelnen großen Katastrophe oder einer Kette von kleineren Katastrophen zu einem globalen Niedergang der Wirtschaft, der öffentlichen Ordnung und der Zivilisation käme, dann würden sicherlich 95 bis 99 Prozent aller Menschen sterben. Wenn es dann die wenigen überlebenden Menschen nicht schaffen, eine funktionierende Zivilisation aufrechtzuerhalten, könnte es Jahrtausende oder auch noch viel länger dauern, bis wieder eine menschliche Zivilisation auf diesem Planeten auferstehen würde.
Wir können also aus der Sicht des Menschen zwei Arten von Weltuntergängen unterscheiden: beim ersten stirbt der Mensch als Gattung aus, beim zweiten wird unsere Zivilisation global und dauerhaft vernichtet, und die überlebenden Menschen fallen auf das Niveau von Jägern und Sammlern zurück.


Mensch und Technik
Wenn wir uns im Gedankenexperiment mit der Möglichkeit des gänzlichen Niedergangs der Gattung Mensch beschäftigen, rückt unweigerlich unser Verhältnis zur Technik in den Mittelpunkt der Betrachtung. Um ein gutes Leben führen zu können, um Hunger und Krankheiten auf ein möglichst geringes Maß zu reduzieren, nehmen wir eine Abhängigkeit im konventionellen Sinne in Kauf. Diese kann bei Aus- und Unfällen zu begrenzten Katastrophen führen. Doch erst wenn wir uns in einer weiter reichenden existentiellen Weise von der Technik abhängig machten, gingen wir auch tatsächlich das existenzielle Risiko des Niedergangs ein. Die Achillesfersen der Menschheit lassen sich evolutionsbiologisch festmachen. Es wäre zum einen der Verlust der Reproduktionsfähigkeit, zum anderen das Entstehen einer dem Homo sapiens überlegenen Art.
Eine 100-prozentige Abhängigkeit der menschlichen Fortpflanzung von Technik wäre gegeben, wenn es uns irgendwann ohne technische Unterstützung unmöglich wäre, Kinder zu zeugen. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte eine weitere Verbreitung von In-vitro-Befruchtungen sein. Die Quote von Retorten-Babys liegt derzeit in Deutschland im Prozentbereich (bei mehr als zehn Prozent der Geburten sind andere medizinische Hilfestellungen notwendig). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Wunsch nach Genselektion die Quote von In-vitro-Befruchtungen mittelfristig erhöhen wird. Doch Retorten-Babys an sich führen noch nicht zu einem finalen Handlungsszenario. Erst durch die Möglichkeit einer extrakorporalen Genese von Embryo und Fötus würde die entscheidende Weiche gestellt.
An der Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter wird bereits gearbeitet, erste Erfolge wurden gemeldet. Wann und ob es voll funktionstüchtige künstliche Uteri geben wird, ist schwer vorherzusagen, vielleicht in 20 oder in 50 Jahren. Ohne Zweifel dürfte den meisten Menschen heute der Einsatz eines solchen Hilfsmittels befremdlich erscheinen und verbreitete Ablehnung hervorrufen, analog zu den anfänglichen Reaktionen auf die ersten In-vitro-Befruchtungen. Doch man kann sich schon vorstellen, wie sich eine Gesellschaft allmählich an den Gedanken gewöhnt. Wir beobachten derzeit schon einen starken Trend in Richtung Vermeidung gesundheitlicher Risiken. Es wird bereits propagiert, eine künstliche Gebärmutter sei sicherer und ungefährlicher als eine natürliche, da man das Kunstorgan frei von biochemischen Schadstoffen wie Alkohol und Nikotin halten könne, sowie von Medikamenten, welche eine biologische Mutter aus gesundheitlichen Gründen während einer Schwangerschaft gegebenenfalls einnehmen müsste.
Eine Palette von weiteren Gründen könnte Frauen zudem verleiten, auch ohne medizinische Indikationen die künstliche der eigenen Gebärmutter vorzuziehen: etwa der Wunsch nach dem Erhalt einer jugendlichen und attraktiven Figur oder die Furcht vor den Beschwerden der Schwangerschaft, den Schmerzen der Geburt. So werden die Anfänge aussehen.
Die künstliche Geburt wird, wenn einmal medizinisch-technisch möglich, kein Einzelfall bleiben, sondern sehr schnell, innerhalb von wenigen Jahrzehnten, auf eine Quote von mindestens 5 bis 15 Prozent kommen. Ein nächster Schritt könnte die Ablösung des technisch unterstützten Zeugungs- und Gebärvorgangs von der individuellen Elternschaft sein: die wahrhaft anonyme Geburt.
Wäre eine solche Entwicklung, falls es tatsächlich einmal dazu kommen sollte, als schlecht anzusehen oder gar als „katastrophaler Fehler“ der Menschheit? Nicht unbedingt, denn in einer florierenden und stabilen Gesellschaft wäre nicht offensichtlich, warum aus einem solchen Arrangement zwischen Mensch und Technik negative Spätfolgen resultieren sollten. Der kritische Punkt käme erst, wenn sich ein Verlust der Gebärfähigkeit einstellen sollte. In der natürlichen Evolution ist das Phänomen bekannt: wird ein Organ nicht mehr gebraucht, über viele Generationen hinweg, dann bildet es sich zurück und verkümmert mit der Zeit. Entsprechendes wäre dann für die menschlichen Reproduktionsorgane zu erwarten. Ohne Gegenmaßnahmen würde den Menschen so letztlich die Fähigkeit abhanden kommen, sich natürlich fortzupflanzen. Ab einem bestimmten Punkt wäre dann die Fortpflanzung der menschlichen Art als Ganzes von einer störungsfrei funktionierenden technischen Versorgung abhängig. Ein Weltuntergang zweiter Art wäre dann final und würde in keinem menschlichen Geschichtsbuch je mehr erwähnt werden.
Dieses finale Handlungsszenario wird natürlich mit Sicherheit so nicht eintreten. Und doch ist es wichtig, derartige Handlungsszenarien konsequent durchzudenken, bis zum bitteren oder auch bis zum frohen Ende. Die Erkenntnis, dass auch eine Abfolge von „ethisch guten Entscheidungen“, getroffen zum Besten der lebenden Menschen, die Menschheit Schritt für Schritt in den Untergang führen könnte, ist eine wichtige Einsicht.


Das zweite finale Handlungsszenario neben dem Verlust der Reproduktionsfähigkeit wäre die Verdrängung der Art Homo sapiens durch andere intelligente Wesen. Dieses Gedankenexperiment befasst sich folglich mit Androiden. Ein Menschheitstraum, Gegenstand unzähliger SF-Romane und Filme, ist die Erschaffung künstlicher Intelligenzen, deren Verhalten sich nicht wesentlich von dem einzelner Menschen unterschiede und mit welchen wir friedlich zusammenleben werden. Es ist denkbar, dass solche Androiden irgendwann als vollwertige Interaktionspartner wahrgenommen und als Teil der menschlichen Gesellschaft betrachtet werden. Man wird sich an sie gewöhnen und Vertrauen in sie entwickeln. Menschen und Androiden würden in friedlicher Konkurrenz miteinander leben. Irgendwann aber könnte es zum Konflikt kommen. Und zwar auch dann, wenn die Androiden den Menschen freundlich gesinnt bleiben und nicht, wie in vielen SF-Filmen dargestellt, die Menschheit vernichten oder versklaven wollen. Denn Androide und Menschen haben vollkommen unterschiedliche materielle Lebensgrundlagen. Wenn Ressourcen wie intakte Umwelten und freie Lebensräume auf der Erde knapp würden, dann könnte es auch bei einer friedlichen Konkurrenz zwischen Menschheit und anderen intelligenten Wesen zu existenzbedrohenden Konflikten kommen. Nur wenn Androiden existenziell vom Menschen abhängig bleiben, z.B. für ihre Reparatur oder für den Entwurf der Schaltkreise, dann müssen sie auch auf lange Sicht darauf achten, dass es immer genügend Menschen für diese Aufgaben geben wird und die notwendigen Lebensräume für die Menschen sichern.


Langfristige Entwürfe
Die beiden kurz umrissenen Szenarien erscheinen heute sehr weit hergeholt, aber ein Blick zurück lehrt uns, dass sich die Welt in nur 200 Jahren fundamental verändern kann. Daher ist es außerordentlich wichtig, bestimmte Entwicklungslinien zu Ende zu denken. Und zwar vor allem dann, wenn man technischen Innovationen bis hin zur Erschaffung menschenähnlicher Wesen aufgeschlossen gegenübersteht, wenn man der Ausdehnung der menschlichen Zivilisation keine Grenzen setzen und Risiken in Kauf nehmen möchte, aber selbstverständlich nicht jenes, letztlich geringe, aber existente Risiko des Aussterbens der Menschheit.