16.06.2015

FIFA-Skandal ist ein Ablenkungsmanöver

Kommentar von Mick Hume

Vor kurzem wurden unter dem Jubel der Öffentlichkeit hochrangige FIFA-Funktionäre festgenommen. Das FBI und Politiker nutzen die Ermittlungen, um von ihren Fehlschlägen abzulenken. Mit Fußball hat der FIFA-Skandal nichts zu tun, meint Mick Hume. Er ist ein Ablenkungsmanöver

Der „Kampf um die Zukunft des Fußballs“. So wird der Konflikt zwischen Sepp Blatters FIFA und dem US-amerikanischen Kriminalamt FBI samt Anhang dargestellt. Diesen Kampf zu verfolgen, ist wie ein übermäßig hochgejubeltes „Topspiel“ anzuschauen: Man gönnt keiner Seite den Sieg. Man hofft eher, dass sich der Boden des Fußballfelds auftut und alle verschlingt.

Die FIFA ist natürlich ein verkommenes, eigennütziges Clübchen. Doch die Vorstellung, dass es besser wäre, die Zukunft des Fußballs in die Hände des FBI, Michel Platinis UEFA, des englischen oder deutschen Fußballverbandes, eines parteiübergreifenden Politikergremiums oder vielleicht gleich der britischen Königsfamilie zu legen, mutet so lächerlich an wie Blatters Behauptung, der neue Besen zu sein, der den eigenen Stall ausmisten könnte.

Wie auch immer, das alles hat mit Fußball nur wenig zu tun. Dieses verbale Gefecht um die Tabellenführerschaft in den Schlagzeilen, die Korruptionsvorwürfe und Diskussionen um die Vergabe der nächsten Weltmeisterschaften an Russland und Katar sind ein politisches Spielchen. Ist es nicht viel einfacher, lauthals die Korruptionsbekämpfung zu fordern, als die bedeutenden ökonomischen und politischen Probleme unserer Zeit anzugehen?

„Der FIFA-Skandal ist ein Ablenkmanöver von den drängenden politischen und ökonomischen Problemen der Welt“

Die USA und Europa mögen zwar nicht fähig sein, die jungen Fanatiker des Islamischen Staats aufzuhalten, aber sie können der alten FIFA-Garde einen ordentlichen medialen Tritt verpassen. Auf dieses Fußball-Schlachtfeld laufen alle möglichen diskreditierten Politiker und sonstige Spieler auf, um moralische Posen einzunehmen und einmal wie Helden dazustehen. Wie die ‚Guten‘, die einen Abstauber gegen den „tyrannischen“ Blatter zu erzielen, als wäre er der Bösewicht im neuen James-Bond-Film.

Wir verfolgen seit Jahren, wie der Fußball übermäßig aufgebläht wird, um die Lücke, in der das eigentliche politische und gesellschaftliche Leben stattfinden sollte, zu füllen. Der riesige Wirbel um die FIFA-Korruption weitet diesen Trend auf die globale Ebene aus – zum neuen Kreuzzug, der als Ablenkungsmanöver von den drängenderen politischen und ökonomischen Problemen der Welt dient.

Historischer Rückblick

Man muss sich nur ansehen, wie die beiden Mannschaften in diesem wenig appetitlichen Spiel aufgestellt sind. Die Heimmannschaft ist die FIFA-Elite, angeführt vom 79-jährigen Schweizer Blatter, seines Zeichens Präsident des Weltfußballverbands seit dem Jahr 1998 und erst kürzlich zum fünften Mal wieder ins Amt gewählt. Entgegen anderslautender Beteuerungen fand sich die FIFA seit ihrer Gründung durch acht Mitglieder im Jahr 1904 immer wieder in die internationale Politik verwickelt. So boykottierten die britischen Fußballverbände vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum Ende des Zweiten die FIFA aus politischen Gründen. Die Entscheidung, wer die Weltmeisterschaft austragen darf, war oft mit politischen und ökonomischen Kontroversen verbunden. So hatte schon die Vergabe an Uruguay im Jahr 1930 einen Boykott durch die meisten europäischen Mannschaften zur Folge. Für die zweite Weltmeisterschaft vier Jahre später erhielt Mussolinis faschistisches Italien den Zuschlag.

Doch erst seit den 1970er Jahren hat sich die FIFA zu dem Monstrum entwickelt, das wir heute kennen. Blatters Vorgänger, der Brasilianer João Havelange, führte die FIFA von 1974 bis 1998 an. Havelange, ein Freund und Kollaborateur der Militärdiktaturen in seinem Heimatland und in Argentinien während der 1960er und 1970er Jahre, machte die FIFA zu dem Goliath, der sie heute ist. Einerseits gewann er milliardenschwere Sponsoren wie Coca-Cola für die Weltmeisterschaft. Andererseits köderte er Entwicklungsländer mit Geld und prestigeträchtigen Turnieren und schuf sich so eine persönliche Machtbasis in Lateinamerika, Afrika und Asien als Gegengewicht zu den alten Fußballmächten in Europa.

„Blatters Vorgänger João Havelange machte die FIFA zu dem Goliath, der sie heute ist“

Seit seinem Amtsantritt 1998 setzte Blatter als Präsident die Politik der kommerziellen und politischen Expansion seines Vorgängers fort (unter dem er als FIFA-Generalsekretär gedient hatte). Er sicherte sich durch die Vergabe der Weltmeisterschaften und anderer Reichtümer an neue Länder und Erdteile weitreichende Unterstützung. Im Westen mag Blatter als Tyrann und Ungeheuer gelten, aber noch im April verglichen ihn seine Gefolgsleute in den nord- und mittelamerikanischen sowie den karibischen Fußballverbänden mit Winston Churchill, Nelson Mandela und Jesus Christus. Die FIFA besteht zurzeit aus 209 Mitgliedsverbänden. 2013 erwirtschaftete diese vermeintlich karitative und gemeinnützige Einrichtung einen Gewinn von 1,3 Milliarden US-Dollar und hielt Geldreserven von mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar.

In dem Maße, wie sich Blatters FIFA aufblähte, wuchsen auch die Bestechungen und Schmiergeldzahlungen, die derzeit untersucht werden, an. Die bizarr anmutende Entscheidung, die Weltmeisterschaft 2022 im winzigen, ölreichen Wüstenstaat Katar auszutragen, zog die meiste Kritik auf sich. Dabei war das dieselbe Art von politisch und finanziell motiviertem Handel, durch den schon Südafrika 2010 als erste afrikanische Nation eine Weltmeisterschaft veranstalten durfte. (Südafrika hat inzwischen zugegeben, dass es damals allein zehn Millionen US-Dollar an leitende FIFA-Mitarbeiter in Amerika gezahlt hatte.) Der einzige Unterschied besteht darin, dass es, im Gegensatz zum fußballverrückten Südafrika, sportlich rein gar nichts für eine Weltmeisterschaft in Katar spricht.

Die Reaktion Blatters und seiner Verbündeten auf die neuesten Korruptionsvorwürfe entspricht der klassischen FIFA-Politik des defensiven Verdrängens. Statt Fragen zu beantworten, stilisierte sich Blatter zum Opfer einer imperialistischen anglo-amerikanischen Verschwörung, während die Katarer ihren Kritikern Rassismus und Islamophobie vorwarfen. Sie haben sich, um es in der Sprache des Fußballs zu sagen, hinten aufgestellt und eine Mauer gebaut. Nur hat das Ganze mit Fußball nichts mehr zu tun.

„Sie tun so, als wäre Blatter das Fußball-Äquivalent zu Saddam Hussein“

Was ist nun mit dem Angriff der Gastmannschaft auf Blatters FIFA? Diese Auswahl aus westlichen Kripobeamten, Politikern und Prominenten trägt ein noch hässlicheres Trikot. Sie stellen Blatter als die neueste Inkarnation des internationalen Bösewichts hin, ganz so, als wäre er das Fußball-Äquivalent zu Saddam Hussein oder Oberst Gaddafi, der sich in seinem Schweizer Bunker verschanzt. Es scheint so, als wiederhole sich die politische Geschichte als fußballerische Farce.

Woher rührt das plötzliche Interesse des FBI das FBI an einer transatlantischen Operation zur Verhaftung von fünf Spitzenfunktionären beim FIFA-Kongress in Zürich? Die Behörde stürzt sich schon länger gerne auf einfache und zugleich prominente Ziele. So lenkt sie von ihrer Unfähigkeit, die wahren Probleme Amerikas in Angriff zu nehmen, ab. Wie andere große Fälle ist dieser dem FBI mehr oder weniger in den Schoß gefallen. Es war vornehmlich eine verdeckte Ermittlung, bei der ein Spitzel zum Einsatz kam. (nämlich die ehemalige Nummer eins der FIFA in Amerika, der passenderweise krankhaft fettleibige Chuck Blazer).

Ermittlungsarbeit im herkömmlichen Sinne spielte dagegen kaum eine Rolle. Diese Operation gab dem erschlafften FBI die günstige und seltene Gelegenheit, auf der Weltbühne zu stolzieren. Die Behörde brüstete sich, im Fußball aufzuräumen und die „Weltmeisterschaft im Betrügen“ aufzudecken. Man wollte den amerikanischen Ruhm vergangener Tage in einem Melodram für die globalen Medien wiederbeleben. Was kümmern uns die Misserfolge im Krieg gegen Terror/Drogen/Verbrechen – wir treten den FIFA-Funktionären in ihre dicken Ärsche.

Politisches Ablenkungsmanöver

Den britischen Politikern, die sich dem Anti-FIFA-Mob angeschlossen haben, geht es eigentlich auch um etwas anderes. Die anfänglichen Korruptionsermittlungen bei der FIFA durch die Sunday Times und das Nachrichtenmagazin Panorama von der BBC waren exzellenter Journalismus, erkennbar daran, wie sehr sie Blatter in Rage versetzten. Aber diese gut recherchierten Geschichten über finanzielle Betrügerei sind inzwischen nur noch Vorwand für viel vordergründiges politisches Posieren.

Der englische Fußballverband (FA) schloss sich dem Anti-FIFA-Kreuzzug an - ebenso wie der deutsche DFB. Er war für sie eine willkommene Gelegenheit, ihre Verbände als Kämpfer für die gute Sache erscheinen zu lassen – statt als denjenigen, die den Fans alles verderben. Der konservative britische Premierminister David Cameron verpasste keine Gelegenheit, einen Regimewechsel bei der FIFA zu fordern. Für ihn bot sich die Chance, den noblen Staatsmann beziehungsweise Erlöser zu spielen und die Unordnung vergessen zu lassen, die seine Außenpolitik bei der EU und in Libyen hinterlassen hat.

Ein noch eklatanterer Fall von Effekthascherei war von Andy Burnham zu vernehmen, der neuer Labour-Chef werden möchte. Er erklärte am 31. Mai, England solle im Alleingang nicht Katar 2022 boykottieren, sondern 2018 Russland. Als Grund nannte er die „angebliche Korruption bei der FIFA und die Situation mit Russland und der Ukraine“ [1]. Lassen wir einmal außen vor, dass die westliche Einmischung in der Ukraine die Krise auf jeder Stufe verschärft hat, oder dass Großbritannien heutzutage relativ machtlos auf der Weltbühne dasteht – was für Labours angehenden Vorsitzenden zählt, sind noch mehr sinnlose, selbstherrliche Gesten. (Burnhams Gespür für die Machtverhältnisse beim Fußball ist sogar noch fragwürdiger als sein Verständnis von Geopolitik, denn wer würde schon vom Fernbleiben Englands bei der nächsten WM Notiz nehmen?).

„Die Politik hat viel Lärm um nichts gemacht, um von ihren eigenen Problemen abzulenken“

Die Politik hat viel Lärm um nichts gemacht, um von ihren eigenen Problemen abzulenken. Dies wird klar, wenn man einen Blick auf die Lösungsvorschläge der Anti-Blatter-Kräfte wirft. Ein UEFA-weiter Boykott der WM? Da müsste man die Nebensächlichkeit ignorieren, dass nicht nur Russland, sondern auch die europäischen Topnationen Frankreich und Spanien offenbar für Blatters Wiederwahl gestimmt haben. Sollte man Coca-Cola und Visa sowie die anderen großen Sponsoren dazu zwingen, Blatter aus der FIFA heraus zu befördern, um so den Laden aufzuräumen? Demnach sollen dieselben kommerziellen Interessen, die gemeinhin von vielen Fans für den Niedergang des Fußballs verantwortlich gemacht werden, als Schutzengel wirken. Schutzengel, die, wie Prinz William es bei seiner Rede beim englischen Pokalfinale in Wembley formulierte, im Namen der „breiten und vielfältigen Öffentlichkeit, die unser Spiel liebt und spielt“ [2] wirken. Vergessen Sie es.

Während der Verhaftung der hochrangigen FIFA-Funktionäre kam es zu einem wenig beachteten Vorfall beim FIFA-Kongress am 29. Mai. Die palästinensische Delegation schlug zunächst vor, Israel vom internationalen Fußball zu verbannen und verlangte dann nach einem Sonderausschuss zur Überwachung der israelischen Fußballaktivitäten. Präsident Blatter bestand darauf, dass sich die FIFA nicht in politische Konflikte einmischen sollte. Er sagte: „Wir wollen Sport und nicht Politik betreiben. Da wäre ein sehr gefährlicher Präzedenzfall.“ [3]

Diese Sorge kommt etwas spät, Herr Blatter. Die FIFA ist schon lange dabei, den Fußball zu politisieren. Nun wurde sie selbst in einen Politzirkus verwandelt. Auch mir fehlt die geniale Idee zur Lösung der FIFA-Krise. Aber dieses beschämende Polit-Spektakel, das sich bei den schlimmsten Auswüchsen des Fußball-Exhibitionismus wie Schwalben und Showeinlagen bedient und auf dem Platz der internationalen Diplomatie ausgetragen wird – das wäre mir nicht in den Sinn gekommen.