01.04.2001

Fabelwesen und Ersatzteilmenschen

Analyse von Hazel Rosenstrauch

Zentauren, Nixen, Trolle und Kunstwesen bevölkern seit jeher die Phantasiewelt der Menschen und liefern den Stoff für Zukunftsvisionen – auch mancher Wissenschaftler? Die künftige Forschergeneration träumt in ihren Jugendzimmern von Androiden, Cyborgs und Mutantenhelden.

Gegenwärtig wird die Phantasie besorgter Mahner von designten Wunschkindern aus der Petrischale und von herrschsüchtigen intelligenten Robotern bevölkert. Der oft zitierte Lee Silver erzählt von einer Zukunft mit Gen-Reichen und Gen-Armen, weil es in Verlängerung der aktuellen Entwicklungen nahe liegt, dass sich die wohlhabenden Westler Spermien von Nobelpreisträgern, besonders schöne blaue Augen und aidsimmune Gene leisten können, während ”gewöhnliche Sterbliche” mit einer Normalausstattung vorlieb nehmen müssen, die für das Überleben im dritten Jahrtausend als mangelhaft eingestuft wird. Am meisten beeindruckt mich Lee Silvers Idee, dass sich diese Rassen schon in wenigen Jahrzehnten nicht mehr mischen könnten. Und natürlich werden jene, die bleiben, wie Gott sie schuf, zu einem Leben als hörige Sklaven verdammt sein, bestenfalls noch als Domestiken oder Arbeitstiere.

Mit einer anderen Vision spielend und doch verwandt ist Bill Joys Schreckgespenst einer Zukunft, in der intelligente Roboter ihren Programmierern über den Kopf wachsen und den alten Typus Mensch hinter sich lassen, ihn potenziell auch terrorisieren, quälen, knechten oder vernichten. Dies sind Phantasien, die auf den Podien von Konferenzen und im FAZ-Feuilleton Platz nehmen, verbreitet und rezipiert von besorgten Intellektuellen über 40. Vielleicht sind es die Phantasien von Leuten, die sich in einer digitalen Welt behaupten müssen – 0 und 1, gut und böse, wünschens- und verdammenswert. Mir fallen allerlei Vorbilder ein: Jean Pauls Maschinenmann, Emile Zolas schwer arbeitende Kinder oder Karel Capeks Molche, die ihren Ausbeutern den Krieg erklären, Unter- und Übermenschen aus der hohen Literatur und den Niederungen des wirklichen Lebens.
Noch lachen wir über eine Filmsequenz, in der das Telefon nicht mehr extern, sondern innerhalb des Kopfes klingelt. Aber die Erfindungen von Technikern und Gentechnikern sind immer auch das Ergebnis einer je nach Bodenbeschaffenheit unterschiedlich blühenden Phantasie. Die Entwicklung des Fortschritts, fort vom Gewohnten und hin zu neuen Ufern, vielleicht also auch neuen Menschenbildern, wird nicht nur von Technik, auch nicht nur von Aktienkursen abhängen. Darüber hinaus wird er von bislang noch unsichtbaren Bewegungen in den Hirnen mitbestimmt. Sie sind noch wenig erforscht, zumindest kommen diese Forschungen selten auf jenen Podien zur Sprache, die sich mit den harten Facts der Genomforschung und mit Eingriffen in die Keimbahn befassen.

Hat schon jemand über die mentale Ausstattung der Forscher geforscht? Woher nehmen sie ihre Ideen? Wonach strebt das Biotech-Gewerbe? Welche Nachfrage steuert die Investitionen? Das Bedürfnis, Kranke zu heilen, Leid zu ersparen, der unbremsbare Forscherwille, mehr und mehr unfruchtbare Männer und kinderwünschende Frauen, ein paar Schönheitsideale und ein viel versprechender Markt – es gibt viele Gründe, weiter zu forschen. Aber Geschmack, Wahrnehmung und Werturteile verändern sich. Warum soll nicht die heutige Jugend, die mit Computern, Bildanimation und Zappen aufwächst, Wünsche, Ängste und Produkte entwickeln, von denen wir noch nicht zu träumen wagen?

Kunstmuskeln und Reptilienaugen

Mich hält mein Sohn, der vor 15 Jahren noch konventionell gezeugt und ausgetragen wurde, auf dem Laufenden. Er ist ein eifriger Leser von Fantasyromanen und Sci-Fi, und wenn er kein besseres Publikum findet, türmt er seine Visionen vor mir auf. Derzeit träumt er von ausfahrbaren Klauen, Reptilienaugen und einer Federung in den Kniegelenken. Er erzählt mir von Implantaten, die es alle schon in seinen Büchern und Spielen gibt: superkleine Chips für die Verstärkung des Gehörs oder Cyberaugen mit Infrarotrezeptoren, Recorder, die das Gedächtnis verbessern, Kunstmuskeln und Lautstärke reduzierende Dämpfer für jene, deren Ohren zu fein sind, um Alltagsgeräusche zu ertragen.
Ab einer bestimmten Menge an Implantaten kippt, wenn ich es recht verstanden habe, der Mensch hinüber in den Maschinenzustand, der Übergang ist fließend. Aus den Erzählungen dieses Nachwuchsforschers kenne ich Tanks und Silikanten, Goggleboys und Streetfreaks. Die Vulkanier und Borgs habe sogar ich schon gesehen, als wir noch Enterprise-Filme, erste Serie, gemeinsam besuchten. Meinem Sohn gegenüber komme ich mir mit meinen aus wissenschaftlichen Zeitschriften zusammengeklaubten Kenntnissen über Gentechnik sehr ungebildet vor. Während ich ihm aufmerksam zuhöre, denke ich an Vögel, die ihre Schnäbel dem Großstadtleben anpassen und an Großstadtkinder, denen vielleicht bald die Füße degenerieren, denen aber auch neue, durch Zappen, multimediales Reaktionstraining und genetisch modifizierte Futtermittel geförderte Sinne wachsen könnten.

Meinem Gewährsmännlein (der bis vor kurzem noch aussah wie meine Replik und mir inzwischen über den Kopf wächst – ich kann das Programm, das ich ihm mitgegeben habe, schon lange nicht mehr kontrollieren) gefallen Dinge, vor denen mir schaudert. Er hat weder Angst vor intelligenten Computern noch vor Hybriden, die halb Mensch, halb Tier oder Maschinenmenschen sind. Im Gegenteil. Es wird, sagt er, ”zumindest weniger langweilig sein als jetzt”. Beeinflusst eher von Lektüre als von TV erklärt er seiner hoffnungslos altmodischen Mutter, dass es zahlreiche Abstufungen mit fließenden Übergängen zwischen den Rassen oder Arten geben wird und mehr Einzelgänger, ”viel mehr als heute”. Seine Kinder würde er, wenn dies möglich wäre, mit kleinen Hörnern und gelben Augen ausstatten; über eine schützende Echsenhaut denkt er noch nach.
Als Konsument und Außenseiter weiß er, dass nicht Einheitsmenschen nach Norm, sondern Abweichungen begehrt sein werden. Was heute noch als Gebrechen gilt, ist übermorgen eine attraktive Besonderheit: Krüppel werden zur Sensation, skurrile Formen von Händen, Nasen oder Beinen zum Hit. Damit liegt seine Vorstellung ganz auf einer Linie mit den Erkenntnissen von Soziologen, die von einer Ausdifferenzierung der Systeme sprechen. Multikultisch betrachtet, entwickelt er eine Analogie zur Kreolization, jenem Konzept der Mischung als Normalzustand, die nach langen Identitätsdiskussionen überkommene Vorstellungen von reiner Kultur abgelöst hat.

Bill Joys emanzipierte Computer, oder richtiger: Die Angst vor den mächtig werdenden Computern borgt ihre Wirkung von Frankensteins und Golems, von verschiedenen Versionen der Pygmalion-Erzählung und von Puppenspielern, die in die Vorstellungswelt von Schönheitschirurgen auch dann eingelagert sind, wenn sie nicht wissen, woher ihre Ideen kommen. Wäre die Geschichte der großen Entdeckungen anders gelaufen, wenn es keinen Jules Verne, Aldous Huxley, Stanislaw Lem, Isaac Asimov, keinen Schneider von Ulm oder kein Atlantis gegeben hätte?
In den millionenfach gekauften, gelesenen (ja!), in die Hirne von Jugendlichen transplantierten Utopien finden sich viele Mutationen aus alten, sehr alten Beständen. Die aktuelle Trivialliteratur nährt sich aus den Erzählungen über Monster unterschiedlichster Herkunft. Zyklopen und Sphinxe, Minotauren, Zentauren, fühlende Schwäne, Elfen und Trolle, Nixen und vielarmige Schlangen bevölkern das Innenleben der Köpfe. Womöglich hat es Zwitterwesen gegeben, bevor der Mensch sie als Mythen oder Missbildungen definiert und ausgerottet hat?
Mein Sohn befindet sich in höchst ehrenwerter Gesellschaft. Die Grenze zwischen Facts und Fiktion wird von angesehenen Historikern in Frage gestellt; Genderforscher meinen, dass Geschlecht zuallererst eine kulturelle Konstruktion sei und es eine Vielzahl von Übergängen zwischen weiblich und männlich gäbe, mehr bi, mehr trans, aggressiv und doch weiblich, sanft mütterlich mit Penis – all das kann ich leicht nachvollziehen. Wer will heute noch sagen, was Natur und was Kultur ist, wo selbst Hirnforscher sich auf den fließenden Übergang zwischen materiell nachweisbaren und sozial erlernten Fähigkeiten zurückziehen?

Vom Silikon zur Genomentschlüsselung

Ohne Operationen und auch ohne Drogen leben die surfenden, lesenden, kinobesuchenden Kinder längst in einer Welt mit Kräfte verstärkenden Chips, Mischwesen, virtuellen Kämpfen; gerade das aber unterscheidet sie nicht von Konsumenten älterer virtueller Welten, die zur klassischen Bildung zählen. Wo verläuft die Trennlinie, worin besteht die Zäsur? Ist das sensationelle Datum für ein neues Zeitalter der Tag, an dem das Genom entschlüsselt wurde, oder hat dieses neue Zeitalter mit der Erfindung der Doppelhelix begonnen? Oder doch früher? Gehören in die Annalen der Dekonstruktion des traditionellen Menschenbildes nicht bereits die Mutationen eines Michael Jackson, die Silikonbrüste oder zumindest Herztransplantationen und die immer raffinierteren Prothesen? Wann hat der Mensch angefangen, dem lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen? Mit den Toupets, den Brillen, mit Laseroperationen am Auge oder beim Einbau von künstlichen Hüften? Mit der Ablösung von Hebammen durch männliche Gynäkologen oder mit den Türmen aus Glas und Beton, die in den Himmel reichen? War am Anfang die Phantasie, alles machen und in den Griff nehmen zu können? Oder begann die Anmaßung doch mit dem Pflücken jenes Apfels, der – je nach Standpunkt – die Vertreibung aus dem Paradies oder die Erkenntnis gebracht hat?

“Warum sollten ausgerechnet unsere Tabus und Moralvorstellungen über den Tag hinaus Bestand haben?”

Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, ob sich die abendländischen Bilder, die unsere Vorstellungen und Ideen von beängstigenden oder auch verheißungsvollen Zukünften prägen, im Hirn nachweisen lassen. Wieso wird jetzt über den Zusammenhang zwischen Gewinnen der Pharmaindustrie, medizinischer Behandlung und Finanzierung von Forschung heftiger diskutiert als zu Zeiten von Contergan? Wie unterscheidet sich die gegenwärtige Angst von früheren Ängsten? So viele Fragen, so wenig Antworten. So wenig Übung im Umgang mit offenen Fragen.

Der Übergang zwischen Zerstörung, Erleichterung, Verlängerung, Verschönerung und Rettung von Leben wird fließend bleiben. Und wer den Blick aus den Laboren hinauslenkt in die unendlichen Weiten der menschlichen Geschichte, neigt zu Relativierungen. Warum sollten ausgerechnet unsere Tabus und Moralvorstellungen über den Tag hinaus Bestand haben? Vielleicht nicht die nächste, aber die überübernächste Forschergeneration könnte eine Zukunft mit verschiedenen Arten normal finden – mehr oder weniger menschengleich, geklont, gezüchtet und mit Technik ausgestattet, eine permanente Evolution unzähliger Kombinationen aus Inkubator, Reagenzglas, Chip, Menschenmaterial und Ersatzteilen, gebaut aus dem, was unsereins noch Tier oder Kunststoff genannt hat und was nunmehr neue Namen bekommt. Artenvielfalt, nachgemacht von Wissenschaftlern, die ihre Kindheit in unseren Großstädten vor dem Fernseher oder mit der Nase in Büchern erlebt haben.

Worum sich Forscher bemühen, wurde irgendwann vorgedacht und in die Phantasien der Wissenschaftler eingeschrieben. All jene Romantiker, die den homo sapiens erhaltenswert finden, trotz allem, was er bisher angestellt hat, sollten sich deshalb nicht nur mit Gentechnik und nicht nur mit Ethik befassen. Um Ernst Bloch (wenn auch den klimatischen Veränderungen entsprechend mutiert) zu zitieren: Gerade weil der Molekularmedizin alles, was in die Phantasie greift, suspekt ist, heißt die Forderung des Tages: Dichter an die Front. Auch Drehbuchautoren und Videospiel-Entwerfer können die Artenvielfalt an Ideen erhalten, von denen künftige Forscher sich nähren. Vielleicht entdecken sie humanoide Gene, Viren und Bazillen. Vielleicht wissen phantasievolle Erzähler, womit sich junge Menschen beschäftigen, wenn Schönheit kein Thema mehr ist, oder worüber Alte reden, wenn es keine Krankheiten mehr gibt. In Regalen, auf Leinwänden, im Netz schlummert viel Material, das die Phantasie künftiger Genklempner beflügeln könnte.