01.07.2000

EXPO 2000: Ausflug ins Denken mit Grenzen

Essay

Nichts hat die EXPO mit dem Fortschrittsgeist einstiger Weltausstellungen zu tun. Den Besucher erwarten keine Superlativen, sondern nachhaltige Understatements. Aitak Walter-Barani und Philipp Kissel berichten wie selbst die Industrie technische Errungenschaften negiert.

Der Kristallpalast in London, der Eiffelturm in Paris, das Atomium in Brüssel: das waren Symbole zukunftsweisender Weltausstellungen. Auf dem EXPO-Gelände in Hannover hingegen ragt ein langweiliger großer gelber Briefkasten der Deutsche Post AG ein paar Meter in den Himmel und dient als Aussichtsplattform. Es mangelt in Hannover ganz offensichtlich an Superlativen. Aber das ist so gewollt, denn die EXPO 2000 hat sich die Aufgabe gestellt, ein ganz anderes, neues Zeichen für die Menschheit zu setzen. Der frühere niedersächsische Ministerpräsident und jetzige Bundeskanzler Gerhard Schröder gab das schon im Oktober 1990 zu verstehen, als er das Konzept der ersten Weltausstellung auf deutschem Boden vorstellte: Eine “Bilanzierung der Moderne” solle sie werden – eine äußerst negative, wurde alsbald klar. Zu Schröders Bilanz, der sich die EXPO-Macher verpflichtet fühlen, zählen nicht nur “Umweltzerstörung und das Ozonloch, nicht nur Tschernobyl, Harrisburg oder Gorleben. Hierzu gehören die Geschichte des Kolonialismus, die immer schärfer werdende Zweiteilung der Welt in arme und reiche Länder.”

Der Kulturpessimismus des Bundeskanzlers ist kaum zu überbieten. Sicher hat es im letzten Jahrhundert Fehlentwicklungen gegeben. Die hinter uns gelassene Epoche kann man aber auch in ganz anderem Licht betrachten: Die ereignisreichen letzten Jahrzehnte sind keine bloße Aneinanderreihung von Katastrophen. Vielmehr konnten in dieser Epoche der Menschheitsentwicklung etliche Probleme gelöst, fürwahr katastrophale Missstände überwunden und gigantische Fortschritte in vielen Bereichen gesellschaftlichen Lebens erzielt werden: massive Wohlstandssteigerung, eine höhere Lebenserwartung und bessere Gesundheitsversorgung, die Überwindung des Kolonialismus und das Ende der Sklaverei, der einfachere Zugang zu Informationen und Bildung sowie wachsende Mobilität für die meisten Menschen. Nichts ist perfekt; aber all dies sind Erfolge kreativen menschlichen Schaffens. Die Entwicklung des Penizillins, die Formulierung der Relativitätstheorie, die Erforschung der Elektrizität und wenig später der Kernspaltung, die Erkundung des Weltalls und die Erfindung der Verhütungspille sind weitere herausragende Beispiele des Fortschritts in den letzen 150 Jahren.

“Die EXPO 2000 folgt einem inhaltlichen Konzept, das sich besser für einen Trauergottesdienst eignen würde als für eine globale Menschheitsschau”

Schröder und die EXPO-Macher sehen das anders. Für sie ist die “Moderne” ein Synonym für die drohende Apokalypse, die es jetzt auch in Hannover abzuwenden gilt. Die Betonung liegt auf dem Negativen, und entsprechend wurden altbekannte Krisenbeschwörer, vornehmlich aus der Ökoszene Deutschlands, in die wissenschaftlichen Beiräte der EXPO berufen. Ausnahmen bestätigen auch in Hannover die Regel, augenfällig ist aber dennoch, dass die Weltausstellung für ihre Manager kein Anlass für stolzes Zur-Schau-Stellen menschlicher Errungenschaften ist. Aber wie könnte sie auch, angesichts ihrer einfältigen Negativbilanz. Die EXPO 2000 folgt einem inhaltlichen Konzept, das sich besser für einen Trauergottesdienst eignen würde als für eine globale Menschheitsschau.

Ein flüchtiger Blick in die Pavillons und auf die Themenparks könnte zunächst vermuten lassen, dass die EXPO durchaus ein positives Bild der Zukunft präsentiert. Denn überall zeigt sie “Lösungen” für die “Probleme” von heute, und sie scheint bestrebt, den Anschein zu wecken, die Menschheit sei, trotz aller Pannen, jetzt wieder (auch Dank der Impulse der EXPO) auf dem richtigen Weg. Doch der Schein trügt. Denn das, was die EXPO als “Beispiele aus der Zukunft” zeigt, ist geprägt vom düsteren Rückblick.
Wie sonst ließe sich rechtfertigen, dass auf dem eng bebauten Gelände ein großer Pavillon des Dualen Systems Deutschlands (DSD) steht – der Firma, die die deutsche Müllverwertung koordiniert. Der DSD-Pavillon hat in Hannover seinen Platz gefunden nicht etwa, weil die Abfallverwertung zu den revolutionären Zukunftsbrachen zählt, sondern weil sie der populären Schreckensvision entspricht, wonach die konsumorientierte Menschheit den Planeten Erde bald in einen Müllberg verwandeln wird. Unsere Nachfahren werden sich sicher wundern, dass dem Müll so viel Platz in Hannover eingeräumt wurde, während wahrlich zukunftsweisende Branchen wie Biomedizin, Gentechnik, Robotik und Kernfusion auf der EXPO vergleichsweise ein Schattendasein führen.

Nicht nur am DSD-Pavillon wird deutlich: Wer im Blick zurück lediglich Missstände und Katastrophen lokalisiert, kann sich der Zukunft nur verängstigt und sorgenbeladen zuwenden. “Mensch – Natur – Technik” lautet das an sich nichtssagende EXPO-Motto. Doch diese Chiffre ist Programm. Sie umreißt die Mahnung, unseren Planeten vor menschlichem Größenwahn nachhaltig zu schützen und für künftige Generationen zu bewahren.
Mit dem Ballast der Negativbilanz eines ganzen Jahrhunderts im Rucksack konnte und durfte in Hannover keine offene Zukunftsperspektive geboten werden. Wagnisse und Risiken werden hier nicht als Chance dargestellt, sondern als Gefahr. Statt Visionen und Perspektiven werden auf der EXPO deshalb allerorten horizontverengende “Lösungen” geboten – Szenarien, die die menschliche Innovationskraft vorsorglich in Fesseln legen. Die Präsentation der “Lösungen” auf der EXPO ist daher nicht so positiv, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Für möglichst alle Aspekte der menschlichen Entwicklung im 21. Jahrhundert jetzt schon Lösungen parat zu haben heißt vielmehr, mutigen Fortscherdrang vorsorglich lahm zu legen.

“Die Präsentation der “Lösungen” auf der EXPO ist nicht so positiv wie es auf den ersten Blick erscheinen mag”

Das EXPO-Leitmotiv für das 21. Jahrhundert, aus dem die “Lösungen” abgeleitet werden, lautet entsprechend “Knappheit der Umwelt”. In allen Bereichen, sei es Gesundheit oder Ernährung, wird ein Umdenken gefordert. Der Mensch soll sich zurücknehmen, indem er sich in seiner Mobilität, seinem Energieverbrauch und seinem Konsumverhalten einschränkt. Er soll sich von Fortschritt und Wachstum verabschieden und statt dessen die natürlichen Ressourcen schonen. So ist in einem Interview mit Jobst Fiedler, Hannoverscher Oberstadtdirektor und Wegbereiter der EXPO, zu lesen, man wolle “150 Jahre nach der ersten Weltausstellung” zeigen, “wie die Welt mit den Folgen der Industrialisierung klarkommt: nicht mehr Aufbruchstimmung verbreiten, sondern das nachdenkliche Innehalten verdeutlichen” (SZ, 20.11.92).
Die EXPO-Macher sind sich darüber einig, dass “zur Jahrtausendwende eine Neuausrichtung der Wachstums- und Entwicklungsziele der Weltwirtschaft zur Diskussion steht.” Industrie, Verbraucher, Politik und Wissenschaft sollen sich neu orientieren, um Umweltkatastrophen abzuwenden. Auch neue, bahnbrechende Technologien werden auf der EXPO unter diesem Bewahrungsgesichtspunkt präsentiert. So wird beispielsweise der Gentechnik beim Umgang mit den “Problemen” Ressourcenknappheit und Bevölkerungsexplosion Potenzial zugesprochen, im gleichen Moment aber ihrer unvoreingenommenen Erforschung für Medizin, Fortpflanzungs- und Ernährungspolitik sogleich wieder ein Riegel vorgeschoben. Neue Technologien nur als mögliche Lösung für vordefinierte Probleme zuzulassen, bremst oder verhindert aber die Ausschöpfung ihrer Potenziale. Der Flug zum Mond zum Beispiel diente weniger der Lösung eines irdischen Problems, sondern war Ausdruck menschlichen Erkundungsdrangs. Die praktische Umsetzung des NASA-Projekts allerdings eröffnete Einblicke, von der die Wissenschaften und die Menschheit als Ganzes profitiert haben.

Das Motto der EXPO lässt vermuten, dass in Hannover eine Messe der Umweltlobby geboten wird. Zwar sind Umweltorganisationen an vielen Projekten beteiligt. Aber die ursprüngliche Idee, eine Ausstellung unter dem ökologischen Leitbild “Nachhaltigkeit” zu organisieren, um die “neuen Herausforderungen aufzugreifen, mit denen sich die Industriegesellschaft konfrontiert” sieht, stammte nicht etwa von Greenpeace, sondern von der Messe AG Hannover. Im Einvernehmen mit der Landespolitik unter dem damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU), seiner niedersächsischen Finanzministerin Birgit Breuel und mit dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt war schon Ende der 80er-Jahre die Bewerbung Hannovers für eine Weltausstellung in Angriff genommen worden. Von Anfang an waren sich die Verantwortlichen darin einig, die Ökologie in den Mittelpunkt stellen zu wollen.
Auch die Industrie spielte, nach anfänglichem Zögern, bereitwillig mit, denn ab dem gleichen Zeitraum geriet sie unter zunehmenden Legitimationsdruck. Große Firmen wurden kaum noch als Triebkräfte gesellschaftlichen Fortschritts wahrgenommen, sondern vielmehr als Verschmutzer und Zerstörer der natürlichen Lebensgrundlagen. Ein Imagewechsel kam daher gelegen, und Firmen taten gut daran, die durch ständigen technologischen Fortschritt ohnehin kontinuierlich verbesserte Umweltverträglichkeit der Produktionsanlagen in den Mittelpunkt ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu stellen. Spätestens mit dem Shell-Debakel 1995 im Zuge der geplanten Versenkung der ausgedienten Ölplattform Brent Spar war man sich darüber einig, dass die klassische Werbung für Großprojekte, Wachstum und technologischen Fortschritt ausgedient hatte.
Das Konzept einer Weltausstellung, die das Bild der “industriellen Dreckschleudern” verabschieden und stattdessen die “Versöhnung von Umwelt und Industrie” zur Schau stellen sollte, wurde daher in vielen Vorstandsetagen begrüßt. Mit einer Umwelt-EXPO wollten deutsche Unternehmen aber auch zeigen, dass die Natur mit ausgereifter Technologie am effektivsten zu schützen ist. Ein durchaus sinnvoller Ansatz, denn in der Tat ist der schonendere Umgang mit der Natur weniger auf ideologischen als auf technologischen Fortschritt zurückzuführen. Man beabsichtigte somit auch, mit der EXPO ein Zeichen gegen die wachsende Technikfeindlichkeit in der Gesellschaft zu setzen.

“Das Motto der EXPO lässt vermuten, dass in Hannover eine Messe der Umweltlobby geboten wird”

Die für die inhaltliche Vorbereitung der EXPO einberufenen wissenschaftlichen Foren setzten diese Zielsetzungen der Industrie allerdings nicht um. Nach der ersten Präsentation von Konzepten für den Themenpark grassierte in den Vorständen nicht zu Unrecht die Furcht vor einer esoterisch angehauchten Öko-Messe. Die inhaltliche Zielsetzung der Themenparks blieb lange unklar. Als schließlich bekannt wurde, dass es um die “Grenzen des Wachstums” gehen solle, regte sich Widerstand in den Industrieverbänden. “Wenn die Industrie den Themenpark mitfinanzieren soll, muss sie auch in die Planung mit einbezogen werden, die Unternehmen wollen sich positiv präsentieren und können sich nicht unter ein Dach begeben, das möglicherweise vornehmlich industriekritisch ist”, monierte Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und Vorsitzender im Aufsichtsrat der EXPO-Beteiligungsgesellschaft.
Der Wunsch, einen Konsens zu erreichen, der allen Seiten die Möglichkeit bieten würde, sich in das rechte Licht zu rücken, obsiegte schließlich aber auch bei den kapitalstarken Investoren, und man wurstelte sich zu einem glanzlosen Kompromiss durch.

Deutlich wird dies auf der EXPO 2000 an der Präsentation von Siemens – einem der wenigen “industriellen” Weltpartner der EXPO. Siemens tritt u.a. als Zulieferer und Aussteller im Themenpark “Das 21. Jahrhundert” auf und präsentiert in Halle 9 die “Vision Shanghai”, bei der EXPO-Besucher die chinesische Metropole im Jahr 2030 virtuell besuchen können. Sie treffen dort auf fünf Wissenschaftler aus allen Kontinenten, die an einer nachhaltigen Stadtentwicklung arbeiten – Probleme des Transports und der Wasserversorgung stehen im Mittelpunkt.
Zwar wird ob der Problembeherrschung in 30 Jahren Optimismus ausgestrahlt, aber es zeigt sich, dass Siemens es vermeidet, nach den Sternen zu greifen – und das in Shanghai, einem der derzeit aufregendsten Orte der Welt. Die ökologische Nachhaltigkeitsbremse wirkt also auch hier.
Die Errungenschaften von Siemens auf dem Gebiet der Elektrotechnik und Elektronik werden gleichzeitig als Beitrag zum nachhaltigen Umgang mit der Ressource “Information und Wissen” verklärt. Und vom mittlerweile dem Nachhaltigkeits-Zeitgeist geopferten Transrapid – zu Recht ein früheres Vorzeigeobjekt der Firma – oder gar noch schnelleren Verkehrsmitteln der Zukunft ist in Hannover rein gar nichts zu sehen, obwohl der Transrapid auf der Siemens-Website noch als anerkanntes “weltweites EXPO-Projekt” erwähnt ist. Die Geschäftsführung lobt sich in Hannover nunmehr dafür, zur Vermeidung von “zusätzlichen Umweltbelastungen und Wartezeiten” Leitsysteme für den öffentlichen wie privaten Verkehr entworfen zu haben. Die Präsentation von Siemens auf der EXPO wirkt, als stecke hinter dem Firmennamen kein Industrieunternehmen, das mit gigantischen Anlagen- und Kraftwerksbauten in der ganzen Welt zu Ruhm gelangte, sondern ein bescheidenes Ökounternehmen.
Während Siemens in Hannover multi-mediales High-tech präsentiert, bleibt dem Besucher ebenso verborgen, dass derzeit Hermes-Bürgschaften für große Bauprojekte (beispielsweise für Staudämme in Indien; s. Novo44) von der Bundesregierung zusammengestrichen werden.

“Die Präsentation von Siemens wirkt, als stecke hinter dem Firmennamen kein Industrieunternehmen, das mit gigantischen Kraftwerksbauten in der ganzen Welt zu Ruhm gelangte, sondern ein bescheidenes Ökounternehmen”

Offensichtlich haben also auch große Unternehmen längst den ökologischen Zeitgeist verinnerlicht und ziehen es vor, sich dem Kanon der gedrosselten Erwartungen anzuschließen. Doch das zeichnete sich früh schon ab. Bereits in der Planungsphase war der BDI der Ansicht, dass Form und Inhalte von Weltausstellungen sich ändern und “nationale Anliegen in den globalen Zusammenhang” gestellt werden müssten. Der Orientierung der EXPO an der “Agenda 21”, dem Aktionsprogramm des Umweltgipfels von Rio, stimmten alle Seiten zu.

So herrscht in Hannover trotz allen multimedialen Glimmers bei den grundsätzlichen Fragen zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft ein erdrückender zukunftsfeindlicher Konsens. Nirgends wird in Frage gestellt, dass die Klimakatastrophe vor der Tür steht. Folglich werden “Lösungen” präsentiert, sie zu verhindern: höhere Benzinpreise, neue Umwelttechnologien und die Einschränkung der individuellen Mobilität. Unhinterfragt bleibt zudem, dass die Zunahme der Weltbevölkerung ein Problem sei, das nur durch Senkung der Geburtenrate in der Dritten Welt zu lösen ist. Entsprechend finden sich unter den “weltweiten Projekten” der EXPO etliche, die Geburtenkontrolle in unterentwickelten Ländern zum Ziel haben. Unumstößlich scheint die grundlegende Prognose, dass unsere natürlichen Ressourcen bald erschöpft seien. Öko-effizientes Sparen wird daher als Leitmotiv für das 21. Jahrhundert präsentiert.
Ernst Ulrich von Weizsäcker formulierte in seinem Buch zur EXPO, dass für kritische Überprüfung all dieser ökologischen Postulate keine Notwenigkeit mehr bestehe: “Jetzt sind nicht so sehr Analysen gefragt, sondern politischer Druck” (Jahrhundert der Umwelt. Vision: Öko-effizient leben und arbeiten, Campus Verlag, Frankfurt a.M. 1999). Nicht einmal gegen solch dezidierte Denkfaulheit regt sich heute Protest. Wenn die EXPO eines verdeutlicht, dann dass diesen deprimierenden Zeitgeist hinterfragendes Denken und Forschen angesagt ist.