01.01.1999

“Es stellt sich heraus, dass der Stacheldraht nur ein Symbol war”

Von Phillip Knightley

Das ITN-Bild hat den Verlauf des Krieges in Bosnien verändert, und nun behauptet ein deutscher Journalist, die Welt sei damals getäuscht worden. ITN sagt, dies sei ein unverschämter und unzutreffender Vorwurf. Wer hat Recht? Phillip Knightley, Autor zum Thema Kriegsberichterstattung, präsentiert seine Antwort auf diese Frage.

Am 29. Juli 1992 schrieb die Auslandskorrespondentin der britischen Tageszeitung The Guardian, Maggie O’Kane, einen Bericht über serbische Konzentrationslager in Nord-Bosnien, in denen mehrere tausend Muslime gefangen gehalten wurden. Es war eine anschauliche und emotionale Story, in der eine Frau zitiert wurde, die folgende Begebenheit erzählt: "‘Wo ist euer Allah jetzt’, sagten sie [die Serben]. ‘Wir werden euch muslimische Frauen alle v...n’."

O’Kane schrieb zwar, das Lager Trnopolje sei von allen noch das beste, in das man geschickt werden könne – "dort wird ihnen zu essen gegeben, und die Dorfbewohner dürfen ihnen Vorräte bringen". Trotzdem bezeichnete sie Trnopolje als "ein Konzentrationslager", eine Formulierung, die die Assoziation mit Nazideutschland und dem Holocaust weckt, eine Entscheidung, zu der sie heute noch steht, wenn auch mit Vorbehalten.

Obwohl O’Kane Trnopolje nicht selbst gesehen hatte, hatte ihre Geschichte eine starke Wirkung, vor allem auf Fernsehsender. Innerhalb von 24 Stunden eilten 350 Journalisten zu den Lagern, um der Story nachzugehen. Die ersten Fernsehreporter, die in Trnopolje ankamen, waren Penny Marshall von ITN und Ian Williams von Channel 4 News.

In ihrer preisgekrönten Reportage vom 6. August sehen wir Marshall (damals 30) mit einer blau-weißen Schleife im Haar und in einem rosa T-Shirt und einer marineblauen Fliegerjacke der UN (diese Beschreibung ist wichtig), wie sie schnell auf eine große Gruppe von Männern zugeht – darunter manche mit entblößtem Oberkörper – die in der Nähe eines hohen Stacheldrahtzauns stehen. Sie reicht einem ausgemergeltem Mann die Hand und sagt "Dobar Dan" ("Guten Tag"). Der Mann (später wird bekannt, es handelt sich um den heute in Dänemark lebenden Fikret Alic) lächelt, antwortet und schüttelt ihr die Hand. Die Kamera schwenkt von seiner Taille hoch auf seine Brust, deren stark hervortretende Rippen hinter dem Stacheldrahtzaun deutlich zu sehen sind.

Auf allen Fernsehkanälen der Welt ausgestrahlt und als körniges Foto in den Zeitungen veränderte dieses Bild den Verlauf des Krieges. In Großbritannien betitelten es zwei Zeitungen mit "Belsen 1992". Eine andere schrieb: "Gestern Abend erschien auf unseren Bildschirmen das grausige Bild eines neuen Holocaust". Eine deutsche Zeitung aus Berlin erklärte: "In Bosnien fängt heute ein neues Auschwitz an". In den USA berichtete ABC Television: "Erwachsene verhungern zu sehen, war wie ein Rückfall in die deutschen Todeslager während des Krieges".

Kaum 20 Minuten nach der Ausstrahlung von Penny Marshalls Bericht im US-Fernsehen änderte Präsident Bush seine Politik gegenüber Serbien. In Großbritannien berief Premier John Major sein Kabinett aus dem Urlaub zu einer Notstandssitzung ein, auf der die Entsendung einer 1600 Mann starken Bodentruppe beschlossen wurde. Innerhalb weniger Wochen schlossen die Serben die Lager, aber das Bild des ausgemergelten bosnischen Muslimen hinter dem Stacheldraht war nun Bestandteil der Ikonographie des Krieges. Über Nacht verschwand jede Sympathie, die die Öffentlichkeit für die Serben in diesem brutalen Bürgerkrieg je gehegt haben mochte.

Jetzt behauptet Thomas Deichmann, ein freier Journalist aus Deutschland, der selbst Kriegskorrespondent in Bosnien war und außerdem Expertenzeuge der Verteidigung beim Kriegsverbrechertribunal, dass das Bild nicht das ist, was es seinerzeit zu sein schien und dass die Welt zum Narren gehalten wurde. Er sagt, der Stacheldraht – ein wesentliches Element des ITN-Bilds – habe nicht dazu gedient, die Muslime einzusperren, sondern einen landwirtschaftlichen Lagerplatz aus der Vorkriegszeit zu schützen. Penny Marshall und ihr Kameramann, Jeremy Irvin, seien zufällig auf dieses Grundstück geraten. Wenn sich also jemand hinter Stacheldraht befand, dann waren sie es. Außerdem sei das Lager ein Sammellager für Flüchtlinge gewesen, und viele Bosnier seien freiwillig dorthin gekommen, um Sicherheit zu finden, und konnten, wenn sie wollten, auch wieder gehen.

Er hat diese Anschuldigungen zuerst am 9. Januar in der Schweizer Wochenzeitung Weltwoche veröffentlicht. Seither wurde die Geschichte von angesehenen deutschen, österreichischen und niederländischen Publikationen übernommen. ITN reagierte aber erst, als am 25. Januar Living Marxism erklärte, man werde Deichmanns Artikel in der Februarausgabe veröffentlichen. ITN berief seine Anwälte von "Biddle and Company" auf den Plan.

Sie schickten ein Schreiben an Living Marxism, in dem sie schrieben, Deichmanns Anschuldigungen seien "völlig unzutreffend... ein Schwindel... und diffamierend". Sie forderten das Einstampfen aller Kopien von Living Marxism, eine Entschuldigung, Schadensersatz und eine Verpflichtung, die Anschuldigung nicht zu wiederholen. Der Herausgeber der Zeitschrift erwiderte, er stehe zu Deichmanns Geschichte, die Zeitschrift werde wie geplant veröffentlicht und er fände es "schmierig", dass Journalisten versuchten, andere Journalisten durch die Gerichte zum Schweigen zu bringen.

Wo liegt die Wahrheit? Es gibt keine einfache Antwort. Man könnte ein Buch über die Mängel und Begrenztheiten der Kriegsberichterstattung des heutigen Fernsehens schreiben, seine Vorliebe für "human interest"-Geschichten, die die wirklichen Zusammenhänge verzerren, über die Einstellung von Herausgebern, die dazu führt, dass hunderte von Journalisten sich wie ein Meute auf das stürzen, was daheim in der Redaktion für die Geschichte des Tages gehalten wird und über das Bedienen der Nachfrage der Öffentlichkeit nach leicht identifizierbaren "Guten und Bösen" in komplexen Kriegen, in denen das Recht nie nur auf einer Seite ist.

Ich habe Deichmanns Anschuldigungen untersucht und ein Interview mit ihm geführt. Ich habe nicht nur Penny Marshalls Bericht angesehen, sondern auch das von den ITN-Kameraleuten gedrehtes, aber ungesendete Material. Ich habe mir angeschaut, was Penny Marshall und Ian Williams seit 1992 über die Geschichte gesagt haben. Ich habe Stellungnahmen des Kriegsverbrechertribunals und seiner Ermittler eingeholt. Und ich habe versucht, die Atmosphäre in Bosnien und London zum fraglichen Zeitpunkt zu rekonstruieren.

Im Krieg im ehemaligen Jugoslawien waren mehr weibliche Kriegskorrespondentinnen tätig als je in einem anderen Krieg, und ich glaube, die Art, in der sie über ihn berichteten, änderte den Schwerpunkt der Berichterstattung. Frauen interessierten sich mehr für das Leiden, das Krieg verursacht. Maggie O’Kane sagt, dass das Leiden auf der muslimischen Seite größer war, dass sie sich, da sie nicht überall auf einmal sein konnte, auf Berichte über muslimische Opfer konzentrieren wollte.

Männliche Korrespondenten hingegen schienen sich mehr für die Frage des Territorialbesitzes zu interessieren – wer war dabei, den Krieg zu gewinnen, und wie? Und wenn männliche Korrespondenten über Opfer berichteten, wie zum Beispiel der erfahrene Fernsehreporter Michael Nicolson in seinem Bericht über Kinder in Sarajevo, so schienen solche Berichte nicht die Aufmerksamkeit zu erregen, die denen von O’Kane und Marshall zuteil wurde.

Die Tatsache, dass Penny Marshall eine Frau war, war kein unwichtiger Faktor im Zustandekommen der Bilder, die sie berühmt machten, und ihrer Wirkung. Es war der Anblick einer sauberen, adretten Zivilistin, die – von der Fliegerjacke abgesehen – so aussah, als sei sie gerade von irgendeiner europäischen Hauptstraße herspaziert, und auf einen Stacheldrahtzaun zuging, der zuerst die Aufmerksamkeit Fikret Alics und der anderen Männer erregte. Und es sind die Bilder dieser leger gekleideten Frau, wie sie diese mageren, niedergeschlagen wirkenden Männer begrüßt, die dem Bericht so viel Aussagekraft gaben: Die Normalität begegnet dem Elend und schüttelt ihm die Hand.

Aber beide Reporter – Penny Marshall und Ian Williams – haben Vorbehalte über die Art, in der die Bilder ausgelegt wurden, geäußert. Penny Marshall hat gesagt: "Ich weise die Anschuldigung, der Bericht sei sensationalistisch gewesen, entschieden zurück. Ich habe mir die größte Mühe gegeben – bosnisch-serbische Wächter geben den Gefangenen zu essen. Ich zeigte ein kleines muslimisches Kind, das freiwillig gekommen war. Ich habe sie nicht Todeslager genannt. Ich war unglaublich vorsichtig. Aber immer wieder sehen wir, wie das eine Bild [des ausgemergelten Mannes] benutzt wird."

Und Ian Williams berichtete in einem Interview mit der British Press Gazette, einer Zeitschrift für die Medienbranche, einige Wochen nach Ausstrahlung des Berichts über seine Sorge angesichts der Reaktion auf die Bilder: "In gewisser Weise ist es fast so, dass die Macht der Bilder der Beweisführung, die mit ihnen erbracht wurde, zwei Schritte vorausgeht."

Also, was für ein Lager war Trnopolje? Maggie O’Kane sagt, es war ein Konzentrationslager. Aber dies könnte nur in dem Sinn zutreffen, dass die Serben dort, aus welchen Gründen auch immer, Muslime "konzentrierten". Es war kein Konzentrationslager in der Art des Zweiten Weltkriegs. In den Schnittresten sieht man, wie Marshall sich große Mühe gibt, herauszufinden, was Trnopolje ist: "Was ist dieser Ort?". Aber sie bekommt keine zufrieden stellende Antwort. Die Filmbilder implizieren zweifelsfrei, dass es ein Gefangenenlager war, und als solches hat es auch das Kriegsverbrechertribunal beschrieben.

Deichmann sagt, sie irren. Es sei ein Flüchtlingslager gewesen, und es sei den Leuten möglich gewesen, frei zu kommen und zu gehen. In den nicht gesendeten Teilen des ITN-Filmmaterials sieht man, wie Leute das Lager verlassen und auf der Straße auf und ab gehen. Ein Vertreter des regionalen Roten Kreuzes sagt, es sei ein Flüchtlingslager – allerdings ist er Serbe.

Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass Trnopolje sowohl ein Flüchtlings- als auch ein Gefangenenlager war. Es gab hier mindestens zwei unterschiedliche Gruppen von Menschen – und das hat die Sache wohl verwirrt. Flüchtlinge waren aus freien Stücken angekommen und konnten jederzeit gehen. Aber es gab auch bosnische Muslime wie Fikret Alic, die aus anderen Lagern hierher gebracht worden waren, die auf ihre Registration warteten und denen nicht erlaubt war zu gehen.

Aber selbst diese Gruppe war nicht von Stacheldraht umzäunt. Auf den Schnittresten sieht man sie im Hauptlager, außerhalb des landwirtschaftlichen Grundstücks, und das Hauptlager war nicht von Stacheldraht umgeben, was auch das Kriegsverbrechertribunal bestätigt hat, sondern von einem niedrigen Maschendrahtzaun, der dazu diente, die Kinder von der Straße fernzuhalten. Außerdem war der Stacheldraht für niemand, der möglicherweise hätte entkommen wollen, ein Hindernis. Er war schlecht konstruiert, mit großen Lücken.

Was die Bosnier in Trnopolje hielt, sagt das Kriegsverbrechertribunal, war die Gegenwart der bewaffneten serbischen Wächter. Also hatte ITN in dem Sinne recht, dass die Männer in dem Film in Trnopolje gefangen gehalten wurden, aber das Bild, das benutzt wurde, um dies zu veranschaulichen, war irreführend, denn es implizierte, sie seien von Stacheldraht gefangen gehalten worden. Es stellt sich heraus, dass der Stacheldraht nur ein Symbol war.

Waren die Lagerinsassen alle am Verhungern? Nein. Fikret Alic war eine Ausnahme. Selbst in Marshalls Bericht kann man andere, offenbar gut genährte Männer sehen, und auf den Schnittresten sieht man mindestens einen Mann, dem der Bauch über den Gürtel hängt. Der hochangesehene Korrespondent Phil Davison, der für The Independent den Krieg von beiden Seiten verfolgte, sagt: "Die Lage war etwas ruhig geworden. Plötzlich kamen diese Todeslager/Konzentrationslager-Storys. Sie waren eine Übertreibung. Ich möchte nicht die Serben entschuldigen, aber man darf nicht vergessen, dass es zu der Zeit ein Embargo gegen Serbien gab und dass es für niemanden viel zu essen gab – auch Serben."

Also hat Thomas Deichmann in dem Sinn recht, dass das ITN-Bild nicht ganz das ist, was wir damals dachten. Aber beschuldigen wir hier nicht die falschen Leute? Konnten wir, da Fernsehnachrichten nun mal so sind wie sie sind, wirklich erwarten, dass Penny Marshall oder die Direktoren von ITN ein solch eindrucksvolles Bild mit allen möglichen verbalen Vorbehalten abschwächen würden?

Ein Teil der Schuld liegt mit Sicherheit bei uns. Unser Appetit für solche Bilder ermuntert Kriegskorrespondenten, uns "schwarz-weiße" Berichterstattung zu liefern und ist Ausdruck unserer Abneigung dagegen, uns die Mühe zu machen, die Komplexität von Kriegen zu verstehen. Misha Glenny, der Verfasser des Buchs The Fall of Yugoslavia, gibt seinem Bedauern darüber Ausdruck, dass ein Element in der Berichterstattung über den Krieg fehlte – eine ernsthafte Erklärung dafür, warum die Serben sich so verhielten, wie sie es taten. Er schreibt: "In der allgemeinen Wahrnehmung war es, weil sie völlig verrückte, bösartige, gemeine Bastarde sind".

Wir haben geglaubt, das ITN-Bild sei die absolute Wahrheit, weil wir es glauben wollten, und das Bedauerlichste ist, dass ITN, indem es zu seinen Anwälten Zuflucht nimmt, eine Debatte, die faszinierend und wichtig hätte werden können, unterbindet.

 

aus: Novo, Nr.27, März/April 1997, S.24f