01.01.1999

Es gibt Lager, und es gibt Konzentrationslager

Von Mick Hume

Ed Vulliamy von der britischen Tageszeitung The Guardian besteht darauf: Das von den bosnischen Serben geführte Lager in Trnopolje war ein Konzentrationslager. Und da wagt er es noch, uns zu beschuldigen, dass wir die Geschichte neu schreiben, wundert sich Mick Hume.

Ed Vulliamy erhielt haufenweise Preise für seine Berichte über die Lager der bosnischen Serben, die er im August 1992 mit einem Nachrichtenteam von ITN besuchte. Es genügte ihm jedoch nicht, der internationale Starkorrespondent des Guardian und der Hauptankläger von Skandalgeschichten im Parlament zu sein – seit kurzem entfaltet er auch seine "Talente" als Filmfan, Buch- und Kunstkritiker. Weshalb? Weil ihm dies weitere Gelegenheiten bietet, die Zeitschrift LM und ihre Journalisten im Zusammenhang mit den berühmten Berichten von ITN über das Lager Trnopolje zu verleumden.

Am 20. April 1997 hat Vulliamy im Observer die Rezension eines Buches über die Lager in Bosnien zum Anlass genommen, uns als "Läuse" mit einer "teuflischen" Denkweise an den Pranger zu stellen. Am 25. April erhielt Vulliamy im Rahmen einer Besprechung von Kunstausstellungen über Bosnien die Gelegenheit, "die offensichtlich unbedeutende Gruppe, die Living Marxismveröffentlicht", zu beschuldigen, sie versuche, die Wahrheit "zu vergiften und abzuschlachten". Am 9. Mai bediente sich Vulliamy eines Artikels im Guardian über den Film "Welcome to Sarajevo" und brandmarkte uns als "Extremisten" – und so geht es weiter. Er versteht vielleicht nicht viel von Kunst, aber er weiß, was ihm nicht gefällt. Man erhält geradezu den Eindruck, dass sich Ed Vulliamy – schriebe er eine Kolumne über Nahrungsmittel – wohl bald beklagen würde, LM verderbe ihm seine Mahlzeit.

Liest man zwischen den Zeilen seiner Übellaunigkeit, so ist Vulliamys zentrale Anklage die des Revisionismus und des Umschreibens der Geschichte. Hierbei bezieht er sich auf die Berichterstattung von LM über den bosnischen Bürgerkrieg, und insbesondere auf den Artikel von Thomas Deichmann mit der Überschrift "The Picture that Fooled the World". Mit dem "Umschreiben der Geschichte" meint er wahrscheinlich, dass wir mit seiner Version der Ereignisse nicht einverstanden sind. Hat Ed Vulliamy nun das Monopol über die Geschichte Bosniens? Die Idee, dass die Berichterstattung von Journalisten als historisches Dokument akzeptiert werden sollte, muss in Frage gestellt werden.

Schließlich hat sogar Vulliamy selbst verschiedene "Augenzeugenberichte" darüber abgeliefert, was er am 5. August 1992 im Lager Trnopolje gesehen haben will. Zunächst sagte er, es sei kein Konzentrationslager, und dann erinnerte er sich plötzlich, dass es doch eines gewesen sei.

 

Besessen: Ed Vulliamy

In seinem ersten Bericht aus Trnopolje hat er keinen Stacheldrahtzaun erwähnt; in seinem späteren Buch erinnerte er sich dann, dass das Lager "von Stacheldrahtzaun umgeben" war; und nun (nach Deichmanns Enthüllungen) erinnert er sich plötzlich, dass dort doch kein Stacheldrahtzaun gewesen sei. Welchen dieser Berichte sollen wir nun für bare Münze nehmen (vgl. "Wie Ed Vulliamy alte Erinnerungen auffrischt", Novo, Nr.27)?

Vulliamys "Ich-bin-die-Wahrheit"-Pose und seine fieberhaften Versuche, LM in Misskredit zu bringen, darf aber nicht von der wichtigen Frage ablenken, um die es in der Debatte um das Lager Trnopolje geht. Bei dieser Frage handelt es sich nicht darum, ob es während des Krieges in Nordbosnien Lager gegeben hat oder nicht. Ganz im Gegensatz zu den Behauptungen Vulliamys und seiner Verbündeten hat LM die Existenz der Lager nie bestritten und ITN auch nicht beschuldigt, ihre Bilder "gestellt" zu haben. Es wird hier auch nicht diskutiert, ob der Aufenthalt im Lager Trnopolje angenehm war oder nicht. Wie wir schon immer deutlich gesagt haben, gibt es keine "guten" Lager – und zweifellos wären alle Insassen von Trnopolje lieber anderswo gewesen.

Es dreht sich aber einfach um folgende Fragen: Hatte die Weltöffentlichkeit recht damit anzunehmen, dass die bosnischen Serben Konzentrationslager im Stile der Nazis betrieben? Sind die von ITN gemachten Bilder von Trnopolje, in deren Mittelpunkt Fikret Alic und andere bosnische Muslime hinter Stacheldraht zu sehen sind, tatsächlich ein Beweis für Existenz solcher Lager?

Vulliamy besteht nun darauf, dass Trnopolje ein Konzentrationslager war – ein Symbol der "völkermörderischen" Absichten der bosnischen Serben im Krieg gegen die bosnischen Muslime. LM hält hingegen an seiner Überzeugung fest: Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen einem Lager wie Trnopolje – sei es auch noch so schlimm – und einem echten Konzentrationslager wie Auschwitz oder Bergen-Belsen.

Trnopolje war ein chaotisches Flüchtlings- und Durchgangslager, das sich auf einem lokalen Schulgelände in der Mitte einer Kriegszone befand. Auf seinem Höhepunkt hatte es etwa 7500 Insassen, von denen viele unterernährt waren, und es gab Berichte darüber, dass Insassen verprügelt, vergewaltigt oder sogar getötet wurden. Das Konzentrationslager Auschwitz im besetzten Polen war hingegen eine riesige, industriell organisierte Vernichtungsmaschine, an die ca. 40 "Nebenlager" angeschlossen waren. Dort wurden von den Nazis zwischen drei und vier Millionen Juden, Polen, Russen, Zigeuner, Kommunisten und andere zum größten Teil in Massen-Gaskammern umgebracht.

Im Jahrbuch für 1996 des angesehenen Internationalen Friedensinstituts in Stockholm SIPRI wird geschätzt: Während des gesamten bosnischen Bürgerkriegs kamen auf allen Seiten insgesamt zwischen 30 000 und 50 000 Menschen bei Kämpfen ums Leben – also glücklicherweise viel weniger, als die immer wieder von den Journalisten genannte und aus bosnischen Regierungsquellen stammende Zahl von 250 000 Opfern. Die Nazis haben in Auschwitz allein etwa 100 mal so viele Menschen getötet. Ein intelligenter Vergleich zwischen jenem Konzentrationslager und dem heruntergekommenen Auffanglager in Trnopolje ist einfach nicht möglich.

Das Wesentliche an Deichmanns Argumentation ist: ITNs Bilder vom Lager Trnopolje zeigen scheinbar von einem Stacheldrahtzaun umgebene, abgemagerte bosnische Muslime. Sie vermitteln der Welt den falschen Eindruck, Trnopolje sei ein nazi-ähnliches Konzentrationslager gewesen. Deichmanns Vorwurf lautet, dass weder ITN noch seine Journalisten diesen falschen Eindruck jemals korrigiert haben. Die bosnischen Muslime waren überhaupt nicht von einem Stacheldrahtzaun umgeben; das Lager Trnopolje war nicht mit Stacheldraht eingezäunt. Der auf den Bildern sichtbare Stacheldraht umgab das britische Nachrichtenteam – es filmte das Lager von einem angrenzenden, eingezäunten Bauhof.

Bei all seinen hysterischen Versuchen, die Argumente von LM zunichte zu machen, hat Ed Vulliamy kein einziges Mal das Beweismaterial aufgegriffen, das Deichmann vorlegt. Stattdessen hat er sich auf billige Beleidigungen und auf die langweilige alte Angstmacherei vor den "Roten" beschränkt, oder er versucht, die Frage des Stacheldrahtzauns als "Detailfrage" abzutun. Doch Zeit und Energie, die Vulliamy für seine Kampagne aufgewendet hat, deuten darauf hin, dass er sich der Wichtigkeit der Angelegenheit durchaus bewusst ist.

Das Bild von Fikret Alic hinter dem Stacheldrahtzaun wurde zum Symbol des Krieges in Bosnien: Es überzeugte die Welt davon, dass in von Serben geführten Konzentrationslagern ein neuer Holocaust stattfände. Und diese falsche Interpretation hat nicht nur die Realität in Bosnien verzerrt; sie hat gleichzeitig auch die wahre Massenvernichtung der Juden durch die Nazis geschmälert.

Die Idee, dass der bosnische Bürgerkrieg mit der Absicht des Völkermordes begonnen worden war, wobei die bosnischen Serben die Rolle der neuen Nazis spielen sollten, diente zur Rechtfertigung der westlichen Intervention. Gerade Vulliamy und seine sich an die Brust schlagenden Kollegen verlangten damals "ein Ende der Beschwichtigungen". Tatsächlich war der jugoslawische Bürgerkrieg aber schon durch die Einmischung der Westmächte ausgelöst und später verlängert worden, was allen davon Betroffenen gleichermaßen schadete – den Muslimen, den Kroaten und den Serben.

Das Ergebnis des moralischen Kreuzzuges für eine Intervention besteht darin, dass sich Bosnien nun effektiv unter westlicher Besatzung befindet.

 

Die Trivialisierung des Holocaust

Die bittere Ironie der Sache ist: Vulliamys feste Behauptung, die serbischen Lager Trnopolje und Omarska seien Konzentrationslager gewesen, hat tatsächlich zum Umschreiben der Geschichte beigetragen. Jeder Versuch, diese Lager in einem Atemzug mit Konzentrationslagern vom Kaliber eines Auschwitz oder Treblinka zu nennen, kann nur eine veränderte Wahrnehmung geschichtlicher Tatsachen nach sich ziehen. In der Konsequenz werden dadurch die beispiellosen Schrecken des Holocaust der Nazis trivialisiert.

Der bekannte Nazi-Jäger Simon Wiesenthal sprach dies deutlich aus, als die Lager in Bosnien zum ersten Mal Schlagzeilen machten: "Diese Lager als ‘Konzentrationslager’ zu bezeichnen, ist eine Herabsetzung der Konzentrationslager der Nazis, denn nicht einmal die Gulags waren mit den Lagern der Nazis vergleichbar."

Sogar Vulliamy schien einst nahe daran gewesen zu sein, dieses Argument zu begreifen. In der Einführung zu seinem 1994 veröffentlichten Buch Seasons in Hell erklärte er, wie er – als die Weltpresse aufgrund der Bilder von ITN aus Trnopolje zum erstenmal "Belsen 1992" schrie – sich "weigerte, den Begriff Konzentrationslager... wegen seiner Assoziationen mit dem Holocaust der Nazis" zu verwenden. Dann fuhr Vulliamy jedoch aus unerfindlichen Gründen fort: "Seitdem habe ich beschlossen, dass ‘Konzentrationslager’ genau der richtige Begriff ist." Die Lager verdienten "die genaue Definition ‘Konzentrationslager’, doch dahinter steckt keine Absicht, Parallelen mit dem Umfang des Holocaust der Nazis zu ziehen" (S.xii).

 

Tadic ist nicht Göring

Dann geht das natürlich in Ordnung, Ed. Nur schade, dass der Begriff Konzentrationslager in der Welt nach 1945 nur eine Bedeutung hat und dass er nur direkte Vergleiche mit Auschwitz heraufbeschwören kann. Solange du nicht die "Absicht" hattest, "Parallelen zu ziehen", kann man dich schließlich nicht für die Dummheit der Leute verantwortlich machen. Oder war es sogar "teuflische Verrücktheit" zu glauben, dass du, als du Konzentrationslager sagtest, auch wirklich Konzentrationslager meintest?

Diese Angewohnheit, auf Parallelen mit dem Zweiten Weltkrieg anzuspielen, durchzieht alle Diskussionen über den Krieg in Bosnien. Der Internationale Gerichtshof für Kriegsverbrechen in Den Haag wurde in der Annahme eingerichtet, die Ereignisse in Bosnien wären mit den Taten der Nazis vergleichbar. Im Mai haben drei Richter des Gerichtshofs den bosnischen Serben Dusko Tadic, gegen den Vulliamy als Zeuge aussagte, der "Verbrechen gegen die Menschheit" für schuldig befunden – dieselbe Anklage, die auch gegen die Anführer der Nazis in Nürnberg erhoben wurde und zu Todesurteilen führte. Doch wie kann jemand mit einer auch nur oberflächlichen Kenntnis der Geschichte ernsthaft behaupten, dass ein lokaler Milizsoldat wie Tadic mit den mächtigen Nazis vergleichbar sei? Die Vorstellung, Tadic könnte wirklich ein neuer Hermann Göring, Rudolf Hess, Martin Bormann oder Julius Streicher sein, treibt den Revisionismus ins Lächerliche.

Wer profitiert denn eigentlich von der Mode, jedes Mal, wenn von Bosnien bis Ruanda ein lokaler Krieg ausbricht, "Holocaust" und "Völkermord" zu schreien, ein Vergleich, der in Wahrheit die Nazi-Erfahrung schmälert? Vulliamy macht sich vor, sein bosnischer Kreuzzug sei eine radikale Herausforderung für die "Beschwichtiger" im britischen und amerikanischen Establishment. Tatsächlich haben jedoch die mächtigen Eliten der westlichen Gesellschaften guten Grund dazu, von dem Holocaust-Geschrei Vulliamys entzückt zu sein.

Das Argument, im Osten oder Süden fänden neue Holocausts statt, trägt zur Festigung der moralischen Autorität westlicher Staaten bei. Sie können heute auf der ganzen Welt intervenieren, und zwar nicht unter der Flagge des Imperialismus, sondern legitimiert als rechtmäßige Kreuzritter gegen das Böse. Dies bedeutet natürlich nicht, dass Washington oder London jedem unsinnigen Ruf nach einer Intervention folgen werden. Doch es bedeutet, dass sie die Lizenz zum Intervenieren praktisch in der Tasche haben. Wenn liberale Journalisten sie anflehen, in kleine Länder einzumarschieren und sie als "Beschwichtiger" abstempeln, wenn sie dies nicht tun, dann muss das Musik in den Ohren der großen Militärmächte des Westens sein. Bisher waren sie es eher gewohnt, als Imperialisten gebrandmarkt und dazu aufgefordert zu werden, ihre Hände vom Rest der Welt zu lassen.

Das Holocaust-Geschrei von Vulliamy und anderen seiner Art trägt auch zur Relativierung der Geschehnisse unter den Nazis bei: Der große Völkermord des Jahrhunderts wird auf die Stufe von einer Gräueltat unter vielen herabgesetzt – wie sie heute in den Bürgerkriegen in Bosnien oder Afrika stattfinden. Die deutschen Behörden sehen diesen Prozess der Relativierung natürlich gern; sie ermutigen ihn, um ihren eigenen Weltruf wiederherzustellen. Aber auch alle anderen Westmächte haben ein Interesse daran: Für ein halbes Jahrhundert lag über ihnen der Schatten des Nationalsozialismus. Die rassistische und imperialistische Politik, die den westlichen Gesellschaften so am Herzen lag, war diskreditiert – offenkundig waren die Gefahren eines kapitalistischen Systems, das außer Kontrolle geraten war.

Das ist der Grund, warum das westliche Establishment Vulliamy und den anderen Holocaust-Schreihälsen dankbar sein sollte. Sie liefern ihm eine Gelegenheit, sich aus der Schlinge zu ziehen und die Schuld für Völkermorde in aller Welt zu verteilen. Und es kommt noch besser: Die Konzentration auf vermeintliche Konzentrationslager und Völkermord "dort drüben" im Osten und im Süden ermöglicht es dem Westen, sich als der potentielle Retter der Unschuldigen darzustellen. Die Großmächte erfanden die Politik der rassenbedingten Überlegenheit und setzten sie zum Preis von Millionen Menschenleben auf der ganzen Welt in die Tat um. Nun finden sie sich plötzlich in der Rolle der Superhelden wieder, die Massenvernichtungen verhindern. Da wird die Geschichte nicht nur umgeschrieben – sie wird völlig auf den Kopf gestellt.

Das letzte bisschen Ironie liegt darin, dass Ed Vulliamy nun als Sprachrohr für die Verleumdungsanklage von ITN gegen LM fungiert. Er, der versuchte, sich als Verfechter der Wahrheit gegen Skandalgeschichten und Machtmissbrauch einen Namen zu machen, hilft nun einem Mega-Unternehmen bei dessen eklatanten Versuch, die Presse mundtot zu machen und sich auf dem Rechtsweg Immunität vor Kritik zu erkaufen.

 

aus: Novo, Nr.29, Juli/August 1997, S.33ff