01.05.2003

Einheit mit dem Kosmos - all inclusive

Essay von Hans-Joachim Maes

Auf dem Wellness-Markt tummeln sich Scharlatane und Pseudo-Mediziner und verkaufen die Menschen für dumm.

Februar 2003: Die Beilage einer überregionalen Tageszeitung wirbt für Wellness. „Wellness-Fitness-Gesundheit“ ist der Titel, und der Inhalt lässt erahnen, wie inflationiert der Wellnessmarkt bereits ist. Da wird „Wellness pur“ angeboten, „Wellness vom Feinsten“, „sanftes Entschlacken“, „klassische Naturheilverfahren ganz ohne Nebenwirkungen“, „anti-aging“, „successful aging“ oder gar „Verjüngung“. Wer ein „Wohlfühl-Wochenende“, eine „Yin & Yang-Woche“, Bad-XY-“Wohlfühl-Tage“ oder gleich mehrere „Wohlfühlwochen“ bucht, hat mit einigem zu rechnen. Angeboten wird „Ayurveda“ in etlichen Erscheinungsformen. Ein „Lach-Yoga-Lach-Dich-Glücklich-Kurs“ (ab 1.738 EUR p.P. im Dz.) sei, so wird versichert, „kein Witz“, denn der Veranstalter habe zwei Jahre in indischen Lach-Clubs recherchiert und „sich von Yogis in der Lach-Meditation unterweisen lassen“. Vielfach wird „Medical Wellness aus Fernost“ gepriesen, damit man die „Lebensenergie fließen lassen“ könne, wobei diese – dreist so genannte – „Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)“ „die exakte Diagnose mit ganzheitlicher Therapie“ verbinde.

Warum dieser Wellness-Boom? In der erwähnten Beilage werden einige Antworten gegeben; zwei seien, weil von besonderer Bedeutung, hier beschrieben:

Aus der wahren Erkenntnis, kein Beauty-Salon sei „in der Lage, ein sorgenerfülltes oder trauriges Gesicht wesentlich zu verändern“, schließt Prof. Dr. Horst Przuntek, ärztlicher Direktor einer Rehabilitationsklinik in Mecklenburg-Vorpommern: „Damit ist ein großes Problem der meisten nach Wellness suchenden Menschen angesprochen: der Verlust der Mitte.“ Den durch Wellness wiederzufinden, hält Przuntek für möglich. Er erwartet von einer „guten Wellness-Institution Möglichkeiten zur Meditation und zur Verinnerlichung“. Nichts Kompliziertes; die Mitte ist wohl auch banal entdeckbar, schreibt Przuntek doch: „Die Ausbildung zu diesen Übungen sollte so einfach sein, dass sie auch zu Hause weiterpraktiziert werden können.“

Der Trendforscher Matthias Horx definiert Wellness auch als Erscheinung eines „Upgrading“ der sozialen Schichten: „Das Bildungsniveau der Bevölkerung steigt auf breiter Front... Damit werden nun auch komplexere Motive des Urlaubs wichtig: Sinn- und Selbstfindung, Kulturerlebnis etc.“ Wichtig sei auch: „Zustände, die früher als nicht behandlungsbedürftig galten, werden nun pathologisiert. Man denke etwa an die Impotenz. Oder das neue Thema Depression – eine Krankheit, die früher weitgehend im Verborgenen stattfand und als kaum therapierbar galt.“

Diese Darstellungen sind hilfreich, führen sie doch zu des Pudels Kern, der im Folgenden anhand der Überprüfung einiger Hypothesen gefunden werden wird.

  • Wellness ist häufig eine Umschreibung für primitive Übungen und Praktiken.
  • Das Bildungsniveau der Bevölkerung ist nicht gestiegen, sondern eher gesunken, so dass heutzutage Aberglaube, Paramedizin und Scharlatanerie hoffähig sind.
  • Die von Matthias Horx richtig erkannte Pathologisierung von Zuständen ist zumindest auch ein Produkt der Unfähigkeit der eigentlich Zuständigen, klar und sachbezogen zu agieren. Wo sich Paramedizin ausbreitet, haben Vertreter seriöser Medizin versagt – aus welchen Gründen auch immer. Schlimmer wäre übrigens, wenn diese Szene selbst nicht mehr immun gegen low-level-Pseudo-Medizin wäre (wofür es durchaus Anhaltspunkte gibt).

Die Wellness-Welle ist mir eine willkommene Gelegenheit, auf einige mit ihr verbundene und durch sie repräsentierte grundlegende Gegebenheiten einzugehen.

These 1:

Wellness-Angebote sind zeitgemäße Mittel, der Langeweile Herr zu werden. Langeweile ist ein uraltes Phänomen, dem Menschen eigen. Horror Vacui, Langeweile oder auch Leerheitsscheu nannte man das Gefühl; beschrieben wurde es als „Schmerz der Untätigkeit“, ähnlich bohrend schlimm wie Ekel. Früher kannte man nationenspezifische Lösungen, der Langeweile Herr zu werden, wie im folgenden Zitat beschrieben:

„Briten erschießen sich; andere Nationen vertrinken ihre Langeweile, wie im Norden; der Deutsche und der Holländer verraucht sie, der Franzose vertanzt und versingt sie, der Spanier verbetet oder verseufzt sie, der Italiener verschläft, der Pole verflucht sie; Türken und Orientalen verruhen sie und nehmen zwischenhinein Opium und Betel.“

Heute treffen wir gelangweilte Teile genannter Nationen in Beauty-, Sport- oder Wellness-Salons. Dort vertreiben sie sich die Zeit, und es bestätigt sich wie seinerzeit, dass gelangweilte Zeitvertreiber faul sind, nicht wissen, was sie wollen und unfähig sind, mit der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit Vernünftiges, vielleicht auch nur Nützliches anzustellen. Wellness ist Mode par excellence, und damit von sehr absehbarer Endlichkeit.

These 2:

Wellness entspricht dem epochalen Trend zum Infantilismus. Heute sind weniger Urteile (objektiv nachvollziehbare Bewertungen von Fakten, Vorgängen etc.) gefragt, sondern Meinungen. Meinungen sind beliebt, weil die Inhalte beliebig sind und keinerlei Ansprüche an Erkenntnisfähigkeit des Meinenden und Meinungen Präsentierenden gestellt werden. Jeden Tag kann man in den Medien lesen und sehen, dass der erkenntnisfreien Meinungsverbreitung tatsächlich keine Grenzen gesetzt sind. „Es darf noch dümmer sein“ scheint Kern des redaktionellen Konzeptes gar manchen Medienorgans zu sein.

Sieht man sich an, auf welche Weise und mit welchen Inhalten viele Wellness- Profiteure für ihre Produkte werben, müsste man eigentlich Menschenrechtsorganisationen zu Hilfe rufen, denn die umworbenen Kunden werden für dumm verkauft. Genannt werden nicht nur wundersame Wirkungen von Wellness, sondern es wird frech behauptet, Wunder seien unausweichliche Begleiterscheinungen von Wellness. Alle Krankheiten seien kurierbar, Alterungsvorgänge leicht zu managen oder sogar umkehrbar. Bei asiatisch angehauchten Behandlungen ist nicht selten die „Einheit des Menschen mit dem Kosmos“ praktisch im Honorar mit eingeschlossen. Wer solchermaßen gewellt wurde, zeigt einen Realitätsverlust, der den Betreffenden vom Anhänger des Infantilismus in tatsächlich kindliche Zustände versetzt.

These 3:

Wellness-Erfolge sind wie Placebowirkungen in der Medizin zu bewerten. Eine höchst interessante Frage ist die, wie sich subjektiv empfundene, möglicherweise auch messbare Erfolge von Wellness-Maßnahmen erklären lassen. Dazu sollte man wissen: In bestimmten Bereichen der Medizin und des Gesundheitswesens gibt es nur sehr unvollkommene Untersuchungen über den Erfolg von Maßnahmen. Während „handfeste“ Disziplinen (z.B. Chirurgie) peinlich genau an der stetigen Verbesserung ihrer Standards und der praktischen Fähigkeiten ihrer Fachkollegen arbeiten, sind andere (z.B. Psychotherapie) eher lax, was solches angeht; bereits die Forderung nach Transparenz gilt manchen als unglaubliche und zu bekämpfende Zumutung. Dahinter mag die Angst stecken, das mit erheblichem Aufwand betriebene Brimborium möge am Ende nichts – oder nicht mehr als ein Placebo – bewirkt haben (und dass dies jemand entdecken könnte!).

Placebowirkungen sind relativ unerforscht. Sie werden in medizinischen Studien nur selten diskutiert, was sich beispielsweise daran zeigt, dass eine Meta-Studie, in der die Wirkungen von antidepressiv wirkenden Medikamenten mit denen von Placebos verglichen wurden, auf nur 20 von 1.500 Studien zurückgreifen konnte. Gleichwohl: Was über Placebowirkungen bekannt ist – auch über Gefahren von Placebos –, kann sinnvolle Fragestellungen zu Wellness ergeben.

Der Placeboeffekt

Der Placeboeffekt wird definiert als eine messbare, beobachtbare oder fühlbare Verbesserung der Gesundheit, die nicht auf Behandlung zurückzuführen ist. Placebos sind Medikamente ohne Wirkstoff; sie bestehen aus Stärke oder Milchzucker und sind im Aussehen „echten“ Medikamenten gleich; dadurch können in medizinischen Studien zwei Patientengruppen gleich aussehende Präparate verabreicht werden. Als wirksam gilt ein Medikament, wenn es dem Placebo deutlich überlegen ist.

Es ist erstaunlich, was Placebos alles bewirken, und dass bereits das Erscheinungsbild zur „Wirkung“ beiträgt. So wirken sehr kleine und sehr große Tabletten mehr als mittelgroße; rote haben bessere Resultate als weiße; Spritzen wirken mehr als Tabletten, erst recht, wenn der Arzt sie setzt und nicht die Krankenschwester. Je bombastischer der Name, desto größer der Heilerfolg; Namensänderungen können die Ansprechrate von 20 Prozent auf 70 Prozent steigern. Neben Pillen gibt es auch Placebo-Verfahren, so genannte „fake surgery“ und „fake psychotherapy“. Ein berühmtes Beispiel für „fake surgery“ lieferte vor über 40 Jahren der Kardiologe Leonard Cobb. Bei seiner „internal mammary ligation“ setzten die Chirurgen kleine Schnitte in die Brust und Knoten in zwei Arterien, um den Blutfluss zum Herzen zu erhöhen. Bei der Placebochirurgie wurden ebenfalls kleine Schnitte in die Brust gesetzt, aber die Arterien nicht angetastet – mit identischem Erfolg.

Für Placebowirkungen gibt es einige Erklärungen; eine ist psychologischer Natur: Es handele sich um einen Glauben an die Behandlung oder ein subjektives Empfinden von Verbesserung. Irving Kirsch, Psychologe der Universität von Connecticut, und Guy Sapirstein publizierten 1998 in der psychologischen Fachzeitschrift Prevention & Treatment eine Studie, in der sie das Antidepressivum Prozac® mit Placebos verglichen hatten. Ihr heftig diskutiertes Ergebnis: Die Wirkungen von Prozac seien in hohem Maße dem Placeboeffekt zu verdanken, genauer: ein Viertel der Medikamentenwirkung sei auf die Verabreichung zurückzuführen, die Hälfte auf Placebowirkung und der verbleibende Rest auf „andere, nichtspezifische Faktoren“, die wiederum zu einem wesentlichen Teil placebobedingt sein könnten.

Es wird angenommen, dass der Glaube eines Patienten und seine Hoffnungen tatsächliche biochemische Vorgänge auslösen können – abhängig von der Suggestibilität des Betreffenden. Bekannt ist, dass sensorische Erfahrungen und selbst Gedanken neurochemisch wirksam werden können, mit Auswirkungen auf das Hormon- und Immunsystem. Das soll freilich nicht bedeuten, der Geist beherrsche die Moleküle, sondern eher: Der Geist beeinflusst das Verhalten.

Allein Psychologie kann Placeboeffekte jedoch nicht erklären. Schmerzen und Krankheiten kommen und gehen; es gibt das Phänomen der Spontanheilung, egal, ob jemand einen Placebo bekommen hat oder nicht behandelt wurde. Neu sind Überlegungen, die im Behandlungsprozess selbst eine Erklärung suchen. Der Aufwand, die Aufmerksamkeit, die Sorge um jemanden könne physische Folgen haben; jedenfalls bewirken sie etwas. Der Psychiater Walter A. Brown berichtete von Schmerzpatienten, bei denen die Wirkung des Placebos identisch mit der des (nicht verabreichten) Medikaments war. Daher nimmt Brown an, der Placeboeffekt sei zum größten Teil oder ganz rein physisch, also nicht vom Placebo selbst abhängig. Nicht der Placebo, sondern der Vorgang der Verabreichung mache die Wirkung aus. Die Umstände (Behandlung, Kommunikation mit Therapeuten, das gesamte therapeutische Setting) lösten beim Kranken letztlich physische Prozesse aus wie die Ausschüttung von Endorphinen.

Stechen oder Verprügeln

Diese Behandlungshypothese ist geeignet, den Erfolg homöopathischer und mancher „alternativer“ Verfahren zu erklären. Wellness-Praktiken und Placebowirkungen werfen ethische Fragen auf. Man soll die Menschen nicht betrügen, sagen die einen. Aber was, wenn sich jemand, berauscht durch Düfte aus in kaminbefeuerten Erdhöhlen verbrennendem Kelo-Holz, als keltischer Druide erkennt und nach Ende des „Wellness-Rituals“ seine Umgebung nicht mehr so drangsaliert wie vielleicht zuvor? Oder was ist mit dem, der einem Wellness-Veranstalter glaubt, sich sämtliche Amalgam-Füllungen entfernen lässt und fortan glücklich ist? Ist es richtig, zu sagen: „Egal wie, nur auf den Erfolg kommt es an.“?

In jedem Fall: Wellness und Placebos können Nebeneffekte haben; bei Placebos können solche schwer wiegend sein. Medikamenten-Dermatitis ist beobachtet worden, sogar angioneurotische Phänomene wurden beschrieben. Patienten wurden von Placebos abhängig, was von Wellness-Angeboten weniger zu befürchten ist; abhängig werden Wellness-Konsumenten wohl nur in dem Sinne, dass sie von einer vermeintlichen Sensation zur nächsten jagen.

Was allerdings Wellness-Sucher wie Placebopatienten vereint, ist die Gefahr, von nicht wissenschaftlich Arbeitenden abhängig zu werden. Eine Unmenge an Unsinn wird hierzulande Wellness-Interessierten vorgegaukelt, von Leuten, denen erkennbar jede fachliche Qualifikation fehlt und die stattdessen, wie Prokop und Wimmer in ihrem Buch Der moderne Okkultismus ausführen, Paramedizin und Parapsychologie propagieren, einen „monströs-abstrusen Mischmasch“.

Richtig ist sicher: Wellness ist heute auch Plattform für obskure Geschäftemacher, häufig mit okkultem Hintergrund. Elemente aus Astrologie, Hellseherei, Hexenzauber, Telepathie, aus pseudoasiatischen Lehren und heruntergekommener christlicher Mystik spielen tragende Rollen. Prokop und Wimmer hatten bereits 1987 zu Recht formuliert:

„Eine zunehmende Kritiklosigkeit, unklares und verschmiertes Denken läßt auch intelligente Menschen mystisch-irrationalen Vorstellungen nachhängen. Nüchterne Selbstbesinnung, rationale Intention, mit anderen Worten Vorsicht und Vernunft wollen schwinden. Ein Teil des Abendlandes scheint Abschied zu nehmen von der griechischen und lateinischen Klarheit, ohne die es niemals Wissenschaft gegeben hätte. Da Wundermärlein meist eine sehr viel stärkere Faszination ausstrahlen als klare wissenschaftliche Deduktionen, dürfte es nur eine Zeitfrage sein, wann sich die unheilvolle Massensuggestion zur ernsten Gefährdung der Allgemeinheit ausgewachsen haben wird – wenn nicht mehr sachgerechte Aufklärungsarbeit geleistet wird.“

Ein guter Ratschlag von Prokop und Wimmer zum Schluss, der zeigt, wie sehr der äußere Schein und die Schaffung vermeintlicher Erlebniswelten einen primitiven Kern verdeckt. Bezüglich der von vielen Wellness-Institutionen und sicher allen pseudoasiatisch getarnten praktizierten Akupunktur schreiben sie:

„Wie bei der Homöopathie und anderen okkulten Heilverfahren beruhen ‘Wirkungen’ allenfalls auf Suggestion, so dass man statt des teilweise recht schmerzhaften Stechens die Patienten eigentlich genauso gut auch verprügeln könnte.“