01.05.2002

Eine Zukunft ohne Hook und Ahab

Analyse von Levan Gvelesiani und Claus Hagenhoff

Der Mensch darf sich körperlich verschlechtern - warum nicht auch verbessern? Deshalb gibt es jetzt High-Tech-Prothesen laufen, hören und sprechen lernen.

Die Menschheit kennt Prothesen seit Jahrtausenden. Eine Prothese ist nichts weiter als ein Produkt der vernünftigen Tätigkeit, welches zum Ersatz verloren gegangener Fähigkeiten des Menschen eingesetzt wird. Der grundsätzliche Unterschied zwischen einer Prothese und einem natürlichen Körperteil liegt in ihrer Abstammung: Unsere Körperteile sind Ergebnis eines natürlichen Prozesses. Dagegen ist eine Prothese Ergebnis einer absichtlichen, vorausgeplanten Tätigkeit des Menschen. Natürlich liegt ein großer Unterschied auch im Vollkommenheitsgrad zwischen den natürlichen und den künstlichen Körperteilen. Jedoch kann man feststellen, dass sich dieser Unterschied allmählich verringert. Ersatzhände und -beine, Seh- und Hörprothesen, Herzklappen, Kunstknochen, Silikonbrüste, Hüftgelenke etc. funktionieren teilweise schon fast wie eigene Körperteile. Praktisch alles ist mittlerweile machbar; man muss nur die Kosten und die Entwicklungszeit richtig kalkulieren. Daher sollten wir erwarten, dass in absehbarer Zeit die Kapitäne Hook oder Ahab eine technisch einwandfreie und brauchbare Hand- bzw. Beinprothese bekommen und keinen funktionellen Unterschied mehr spüren werden. Genauso wird es sich auch in den anderen Bereichen zutragen: Der Mensch wird seine verschlissenen, abgenutzten und verlorenen Organe neben den organischen Transplantaten durch High-Tech-Prothesen ersetzen.

Die Notwendigkeit einer Prothese wächst aus der Not heraus: Man hat durch einen Unfall oder nach einer Krankheit ein Körperteil verloren und sucht Ersatz. Teilweise erhält man einen organischen: Eine Niere, ein Herz oder ein Stück Vene, die aus dem eigenen oder einem Spenderkörper stammen. Wahrscheinlich wird das Tissue Engineering uns in der Zukunft erlauben, die notwendigen Organe zu züchten. Oft – vor allem, wenn es sich nicht um innere Organe handelt – schrecken wir davor zurück, Körperteile von Verstorbenen transplantiert zu bekommen. Hier suchen wir technische Lösungen und stützen uns auf die Ingenieurskunst. Ihre Entwicklung hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren dermaßen beschleunigt, dass sehr vieles, was gestern noch dem Reich der Fantasie angehörte, heute zum Alltag gehört. Sehr bald werden wir in der Lage sein, unseren Körper durch High-Tech-Gerätschaft einwandfrei mit Ersatzteilen auszurüsten.

Gott die Arbeit abnehmen

Die Entwicklung der High-Tech-Körperteile wird dabei eine bedeutende Grenze überwinden: die Grenze zwischen Substitution und Verbesserung. Wir werden imstande sein, nicht nur erkrankte und fehlerhafte, sondern auch gesunde Körperteile durch High-Tech-Geräte zu ersetzen. Wenn ich mein blindes Auge mit einer Sehprothese vollwertig ersetzen kann, warum soll ich nicht auch noch das Sehvermögen des gesunden Auges verbessern? Das Auge, das ich anstelle meines erblindeten oder auch des gesunden natürlichen Auges einsetzen lasse, soll nicht nur das bewerkstelligen, was mein natürliches Auge bewältigt hat, sondern mehr: Es soll beispielsweise die Fähigkeit haben, im Dunkeln scharf zu sehen, oder außer den sichtbaren Wellenbereichen auch infrarote oder ultraviolette Strahlen einzufangen. Warum nicht? In einigen Dekaden wird das alles nicht mehr Utopie sein, sondern technisch problemlos machbar.

Das Motto wird dann lauten: ”Sich allseitig verbessern”. Man wird nicht nur Prothesen gebrauchen, die zum Ersatz der fehlerhaften oder verlorenen Organe dienen, sondern seine gesunden durch „verbesserte“ Organe ersetzen. Obwohl unser Körper eigentlich sehr funktionstüchtig ist, kann man immer etwas der Verbesserung Bedürftiges finden.

Wir wollen hier die moralischen Aspekte dieser Entwicklung nicht tiefer behandeln, obwohl sich die Frage danach zwangsläufig stellt. Inwieweit hat der Mensch das Recht, seinen Körperbau zu verbessern? Dass er seinen körperlichen Zustand durch falsche Ernährung, Drogen, Stress etc. verschlechtert, ist allgemein bekannt, und dafür straft ihn niemand: Jeder tue, was er/sie wolle, solange dies nicht die Freiheit eines Anderen verletzt. Verschlechtern darf er sich. Darf er sich aber auch körperlich verbessern? Was machen zum Beispiel die der Körperkultur frönenden Athleten und Athletinnen mit ihren Körpern, wenn sie verschiedene Anabolika einnehmen, um das Muskelwachstum zu stimulieren? Wir überlassen die Beantwortung dieser Fragen den Philosophen und Moralisten.

Private Communicator

Wenn sich der Gedanke des ”Sich-physisch-Verbesserns” etabliert hat, wird der Mensch versuchen, seinem Körper auch andere, für ihn alltägliche Funktionen untrennbar einzupflanzen. Warum soll ich Telefon, Ausweis, Kreditkarte, Terminplaner, Fahrerlaubnis usw. nicht mit meinem Körper verschmolzen als Teil der Identität, Individualität und zur besseren Funktionalität tragen? Auch das leidige Problem des Verlegens und Verlierens wäre behoben. Was spricht dagegen?

Heutzutage ist der Mensch eigentlich schon überall zu orten, denn Handys funktionieren fast allerorts, und wenn ich mein Telefon abschalte, nimmt die Mailbox für mich auf. Theoretisch bin ich immer zugänglich, auch im Bett, in der Badewanne oder in den schneebedeckten Bergen; man kann mich eigentlich immer ausfindig machen. Das hat nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile: Verschüttete Personen, Menschen auf dem Rettungsboot im Meer oder verschollene Bergsteiger im Himalaja denken wenig über die Unsittlichkeit solcher Ortungsmöglichkeit und über die Freiheitsbeschränkung des einzelnen Menschen nach, sondern beten, dass jemand den Anruf aus ihrem Handy entgegennimmt und dass der Akku durchhält. Die Satelliten erlauben uns, miteinander in Verbindung zu stehen, immer, wenn wir es wollen, ”online” zu sein.

Damit die Satelliten ihre Verbindungsarbeit leisten, brauchen sie Empfangs- und Sendestationen auf dem Boden. Diese Stationen werden immer raffinierter und erlauben uns schon heute, ohne Zwischen- bzw. Signalverstärkungsstationen mit ihnen direkt zu kommunizieren. Die künftigen Technologien versprechen weiteren Fortschritt in dieser Sache. Die Entwicklung der Kommunikationstechnik geht hin zur Minimierung der Geräte und andererseits zur Verbesserung der Funktionstüchtigkeit. Es ist nicht zu bezweifeln, dass diese Geräte bald wirklich winzig werden. Auch die Proteste gegen den wachsenden Elektrosmog oder den Ausbau der Mobilfunkantennen in Wohngebieten werden diesen Trend nicht aufhalten können.

In den futuristischen Kinofilmen tragen die Zukunftssoldaten kompakte Kommunikationsgeräte, die sehr vieles leisten können. Anders als beim Menschen sind diese Geräte bei den Cyborgs Teil des Kopfes oder eines anderen Körperteils. Von diesen Darstellungen könnte vieles wahr werden. Die Integration des Technischen in das Natürliche geschieht bereits. Die technischen Mittel werden wie Prothesen zu integrierten Körperteilen. Es ist nicht erforderlich, dass jemandem aus dem Kopf Handys oder Antennen wachsen; es genügt, wenn im Schädelknochen ein Paar Chips eingepflanzt werden, die die Hauptfunktion des gegebenen Geräts erfüllen – in unserem Fall – die Funktionen des Senders und Empfängers. Energiequelle kann der Körper selbst sein. Auch dieses Problem kann mittlerweile (theoretisch) gelöst werden. Der Rest ist ein Kinderspiel. Der Chip empfängt einen Anruf, den er direkt zum Ohr (erinnern wir uns an die handelsüblichen Hörgeräte) bzw. an die Hörnerven leitet. Man hört das Klingeln oder seinen Namen und den Namen des Anrufers und reagiert mit einem sanften Druck auf sein Ohrläppchen. Die Verbindung steht. Das im Backenzahn installierte Mikrofon nimmt die eigene Stimme auf und leitet sie zum im Schädel eingepflanzten Chip. Der strahlt die Message an den Satelliten aus.

Big Brother

Diesen Kommunikator im Kopf kann man vielfältig einsetzen: Erstens dient er als Mobiltelefon. Zweitens kann man Informationsdienste oder Radio hören. Drittens wäre der Kommunikator der ideale Erinnerer oder Memorizer: Alle Termine könnten auf dem Chip im Kopf gespeichert und bei Bedarf aktiviert werden. Viertens kann man jederzeit geortet werden. Und ich habe meinen Kommunikator immer dabei. Verlust und Diebstahl sind unmöglich.

Diese letzte Funktion ist aber auch in Anbetracht des Heranwachsens eines totalitären Staates, den wir alle noch vor uns haben (George Orwell, wenn er noch am Leben wäre, hätte wahrscheinlich sein Werk ”2084” nennen müssen), sehr wichtig. Die technologischen Entwicklungen eröffnen die Möglichkeit, über eine Macht zu verfügen, die, angenommen, dass sie in verwerflicher Absicht genutzt wird, umfangreiche Schäden verursachen kann. Die freie Entscheidung eines jeden Individuums über Auswahl, Nutzung und Nichtnutzung zur Verfügung stehender Technologien bleibt daher auch in Zukunft oberstes Gebot demokratischer Systeme. Weder darf der Staat hier die Kontrolle übernehmen und seine Bürger entmündigen, noch darf er es dulden, dass andere, die über Machtmittel verfügen, dies tun.