01.03.2004

Eine Brücke zwischen zwei Kulturen

Analyse von Mark Lythgoe

Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird derzeit ein Disput über die Bedeutung der modernen Hirnforschung ausgetragen. Sind Freiheit, Verantwortung und Schuldfähigkeit von Individuen wirklich nur Illusionen, von denen wir uns bald werden verabschieden müssen?

Von Geburt an halten wir uns an die Wissenschaft. Gleich, ob Sie sich die Zähne putzen oder sich im Flugzeug anschnallen, Sie vertrauen ihr. Vielleicht deshalb wurde beim „Cheltenham Festival of Science“ im Juni 2003 darüber diskutiert, was an den Naturwissenschaften das Beste sei. In einer Diskussion standen sich gegenüber: Peter Atkins, Chemieprofessor in Oxford, und Peter Tallack, vormaliger Herausgeber von Nature und jetziger Herausgeber des Science Book. Atkins Wahl für Highlights der Naturwissenschaft fiel auf das evolutionäre Gesetz der natürlichen Auslese, das expandierende Universum und das zweite Gesetz der Thermodynamik. Tallack hielt dagegen mit der naturwissenschaftlichen Methode, der Atomtheorie und der neueren Geist- und Hirnforschung.1

Tallack argumentierte, dass die naturwissenschaftliche Methode – die Vorstellung, dass es eine objektive Welt gibt, die experimentell erforscht werden kann – allen anderen Erkenntnissen der Naturwissenschaft vorangehe. Ohne die naturwissenschaftliche Methode als Voraussetzung hätten all die anderen Entdeckungen nie gemacht werden können. Ich teile Tallacks Ansicht, aber das Publikum in Cheltenham wählte die natürliche Auslese auf den ersten Platz. Zwar hatte auch das Publikum die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Methode gut verstanden, aber wahrscheinlich gewann die Evolutionstheorie, da über sie mehr populärwissenschaftliche Bücher geschrieben worden sind als über jedes andere Wissenschaftsfeld. Zudem ist Charles Darwin in Großbritannien immer noch der wohl berühmteste Wissenschaftler.

Leicht vergisst man, dass wir nicht mit einem intuitiven Verständnis der naturwissenschaftlichen Methode geboren werden und dass dieser Ansatz Jahrhunderte der Entwicklung und Verfeinerung bedurfte, bis er zur strengen Methode wurde, die es Naturwissenschaftlern erlaubt, Fragen in einer Art zu stellen – und zu beantworten –, die Philosophen, Historikern oder Kulturwissenschaftlern nicht zur Verfügung steht. Für Tallack ist das der Grund dafür, dass die Naturwissenschaften in einem viel stärkeren Maße als Religion, Kunst oder Literaturwissenschaft verifizierbare und verlässliche Ergebnisse hervorbringen. Abschließend bemerkte Tallack: „Die naturwissenschaftliche Methode ist die erfolgreichste Forschungsmethode, die je entwickelt wurde – und ihre Entwicklung dauerte nur vierhundert Jahre. Ich wüsste nicht, warum sich mit ihr nicht auch weiterhin die Welt in all ihren Aspekten und Facetten erklären lassen sollte.“

Ich hatte in der Diskussion die Ansicht vertreten, dass keines der Konzepte, das vorgestellt worden waren, eine wahrhaft große Idee sei. Die bedeutsamste naturwissenschaftliche Einsicht heute ist es, statt einfach die Vorzüge der naturwissenschaftlichen Methode herauszustreichen, zu begreifen, wo die Grenzen unserer Erkenntnis liegen. Darauf möchte ich im Folgenden etwas genauer eingehen.

Vor einiger Zeit nahm ich einen Freund, der gerade Beziehungsprobleme hatte, mit zu einer Vorlesung mit dem Titel „Die neuralen Grundlagen der romantischen Liebe“2, da ich dachte, die Wissenschaft könne ihn von dem ablenken, was zu Hause schief lief. In der Vorlesung wurde erklärt, in welchem Teil des Gehirns „die Liebe“ angesiedelt ist. Ich fragte den Vortragenden: „Sie haben dargelegt, wo im Gehirn Liebe verortet ist; welche Auswirkungen hat das für Ihr persönliches Verständnis von Liebe?“ Die Naturwissenschaften können derartige Fragen nicht beantworten, noch werden Sie sie je beantworten können – sie sind hier fehl am Platz.

Die Begrenztheit der Sprache ist mir immer sehr bewusst gewesen. Als Kind hatte ich das Glück, synästhetisch Formen schmecken zu können. Die Naturwissenschaften können präzise beschreiben, wie und warum das geschieht. Sie können jedoch nicht den Geschmack der Ecken eines Vierecks oder der Glätte einer Fläche wiedergeben oder vermitteln. Vielleicht hatte Nietzsche gar nicht so unrecht, als er bemerkte, die Naturwissenschaften könnten die Welt in wunderbare Einzelheiten zergliedern, ohne jedoch, zu seiner Enttäuschung, dabei je etwas eigentlich zu erklären.

"Naturwissenschaftler und Künstler können angeregt miteinander arbeiten. Sie haben unterschiedliche Ziele und Methoden, gehen aber häufig ähnlichen Fragen nach."

Der Naturwissenschaftler Frank Jackson schrieb 1982, Mary, eine hypothetische, farbenblinde Neurologin, wäre vielleicht dazu in der Lage, alle physischen Einzelheiten des Farbensehens zu erfassen, dennoch wüsste sie dann immer noch nicht, wie es sei, Farben zu sehen.3 Entsprechend können die Naturwissenschaften zahlreiche Vorgänge im Gehirn beschreiben, die mit Emotionen wie Angst oder Liebe zusammenhängen, aber verständlicher sind uns diese Emotionen danach nicht.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Naturwissenschaften endlich damit begonnen, sich mit dem menschlichen Bewusstsein zu beschäftigen. Künstler hingegen setzen sich schon seit Jahrhunderten mit der Art, wie wir die Welt sinnlich erfahren, auseinander. Der Neuropsychologe Richard Gregory formuliert das Problem des Bewusstseins so: „Der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Hypothese und einer sinnlichen Hypothese ist, dass nur die Sinne zu Bewusstsein führen – zu Eindrücken wie Farben, Geräuschen oder Schmerz.“4

Derartige lebhafte Eindrücke, mit denen Künstler arbeiten, können durch die sinnlichen und emotionalen Aspekte der Kunst, des Theaters, der Musik oder der Literatur ausgelöst werden. In der Kunst wird es möglich, sinnlich unmittelbar in volles, gelebtes Leben einzutauchen, Erfahrung wird begreifbar und vereinzelte Erfahrung kann bewusst, kollektiv nacherlebt werden. Mittels Mikroröhren, wie der Mathematiker Roger Penrose vorschlug, wird uns dergleichen nicht gelingen.5

Meine Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern und Künstlern hat mir im Laufe der letzten zehn Jahre gezeigt, dass große Kunst der Erforschung des Wesens des Menschen dient – als Erforschung unserer Erfahrungs- und Gedächtniswelten und der Liebe, allesamt Themen auch der Naturwissenschaften. Naturwissenschaftler und Künstler können angeregt miteinander arbeiten. Sie haben unterschiedliche Ziele und Methoden, gehen aber häufig ähnlichen Fragen nach.6

Unser Verständnis des Gehirns ist durch naturwissenschaftliche Fortschritte wie neue bildgebende Verfahren sehr gewachsen. Neue Techniken erlauben es uns, Hirnstrukturen in kleinsten Einzelheiten bildlich zu erfahren und zu sehen, welche Hirnareale bei welcher Art von Tätigkeit aktiv werden – bei der Bewegung der Finger, beim Sprechen, beim Nachdenken. Mit diesen bildgebenden Verfahren kann man auch sehen, welche Teile des Gehirns bei Gefühlen wie Freude, Furcht oder Wut aktiv werden.

Können aber die Naturwissenschaften darüber hinaus auch erklären, was Liebe ist, was Hass? Können sie uns das Bewusstsein erklären? Um ganz ins Gehirn hineinsehen zu können, um wirklich zu erfahren, wie andere empfinden, brauchen wir wohl doch etwas anderes als die Naturwissenschaften. Die Kombination von Kunst und Wissenschaft könnte hier den Weg weisen.