01.05.2002

Ein zusätzlicher Pfeil im Kampf gegen den Welthunger

Essay von Klaus M. Leisinger

Klaus M. Leisinger beschreibt, was die Biotechnologie zur Lösung der Welthunger-Probleme beitragen kann.

Wenn wir im Folgenden von Gen- und Biotechnologie sprechen, so reden wir nicht über „Anti-Matsch-Tomaten“, also besonders lange erntefrisch aussehende Tomaten, über fleckenfreie Bananen oder goldlindgrüne Erbsen, sondern über einen relevanten Beitrag zur besseren Nahrungsversorgung einer schnell wachsenden Weltbevölkerung.

Allein seit dem Jahr 1960 verdoppelte sich die Weltbevölkerung und sie wächst zur Zeit Tag für Tag um 220.000 neue Esser. Das sind pro Jahr fast 80 Millionen Menschen, etwa so viele, wie Deutschland Einwohner hat – Jahr für Jahr und noch auf viele Jahre hinaus.

Nach heutigem Ermessen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahre 2050 auf über 9,3 Milliarden Menschen anwachsen. Dieses Wachstum wird zu 98 Prozent in den ärmsten Teilen der Erde stattfinden. Wir haben damit zu rechnen, dass sich die Bevölkerung Afrikas von jetzt etwa 820 Millionen auf über 1,8 Milliarden mehr als verdoppeln wird – trotz der hohen und vermutlich steigenden Sterblichkeit aufgrund der Immunschwäche-Krankheit HIV/AIDS. Auch die Bevölkerung vieler armer Länder Asiens wird dramatisch anwachsen, die von Bangladesh zum Beispiel von heute etwa 135 Millionen auf fast 210 Millionen Menschen im Jahr 2050. In Pakistan wird die Einwohnerzahl von heute 145 Millionen Menschen auf fast 350 Millionen steigen, die Bevölkerung Indiens wird von heute wenig mehr als einer Milliarde auf deutlich über 1,6 Milliarden Menschen wachsen. Damit wird Indien China als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Denn China wird im Jahr 2050 von deutlich weniger als 1,4 Milliarden Menschen bevölkert sein. Das sind aber immer noch 130 Millionen Menschen mehr als heute.

Auch in den Entwicklungsländern nimmt die Zahl der in Städten lebenden Menschen stark zu – so stark, dass bald auch im armen Süden mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land. Sie alle werden, weil sie sich nicht mehr vom eigenen Acker als Selbstversorger ernähren können, auf einen steten Zufluss möglichst billiger Nahrungsmittel angewiesen sein.

Die Welternährungssituation

Die Welternährungssituation ist trotz aller Fortschritte noch immer durch Massenhunger geprägt: Nach Angaben der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, leiden rund 840 Millionen Menschen in Entwicklungsländern an Hunger und chronischer Unterernährung. Besonders in Afrika südlich der Sahara und in Südasien sind die Defizite dramatisch – so dramatisch, dass schon kleine Abweichungen von der kargen Normalität katastrophale Folgen haben können. Äthiopien – viele Jahre eine der wenigen Erfolgsgeschichten der landwirtschaftlichen Entwicklung Afrikas – rutschte im Frühjahr 2000 durch eine einzige Trockenperiode an den Rand einer Hungerkatastrophe. In Simbabwe, jahrzehntelang eine der wenigen Kornkammern Afrikas, entzieht eine menschenverachtende Despotenpolitik vielen Menschen das verbleibende Minimum an Ernährungssicherheit.

Es scheint, dass eine weitere Steigerung der Erträge bei Getreiden mit konventioneller Züchtung nicht mehr möglich ist.

Während die Weltbevölkerung zunimmt und der Druck auf die ländlichen Gebiete wächst, Nahrungsmittel in ausreichender Menge, guter Qualität und zu niedrigen Preisen zu produzieren, schrumpfen die natürlichen Ressourcen, die zur Nahrungsmittelproduktion erforderlich sind:

Ackerland

So gehen täglich etwa 20.000 Hektar Ackerland verloren – durch Wind- und Wassererosion, durch Überbauung oder Übernutzung. Die Fruchtbarkeit der Ackerböden in den Entwicklungsländern wird derart stark abnehmen, dass es zu erheblichen Ernteausfällen kommt. Weite Landstriche sind bereits schwer geschädigt, und in vielen Ackerbaugebieten des Südens wird dem Boden nachhaltig mehr Fruchtbarkeit entzogen, als ihm durch angepasste Anbaumethoden oder Dünger zugeführt wird.

Wasser

Auch Wasser, die Quelle allen Lebens, wird zunehmend knapp. Mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Gebieten, denen schwerer Wassermangel droht. Am stärksten gefährdet sind ausgerechnet die Gebiete mit den höchsten Erträgen. Der Wasserbedarf wird in den kommenden Jahren sehr viel schneller zunehmen als das Angebot. Im absehbaren Verteilungskampf zwischen Industrie und städtischen Haushalten einerseits und der Landwirtschaft anderseits dürfte sich die Landwirtschaft kaum durchsetzen können.

Besonders Wassermangel bringt die Ernährungssicherheit in Gefahr, weil in der Dritten Welt fast 60 Prozent der Äcker bewässert werden. Bis 2025 müssen 80 Prozent des Nahrungsbedarfs der Entwicklungsländer von bewässerten Kulturen kommen. Sollte die Verfügbarkeit entsprechender Wassermengen jedoch stagnieren oder, was wahrscheinlicher ist, abnehmen, dürften die durchschnittlichen Ernteerträge zurückgehen.

Globale Klimaveränderungen

Die Auswirkungen der heute für wahrscheinlich gehaltenen Klimaveränderungen sind noch immer schwer vorherzusagen. Falls allerdings eine Erhöhung der bodennahen Durchschnitts-Temperaturen (global warming) im heute für möglich gehaltenen Ausmaß eintrifft, so hätte dies für die Landwirtschaft vieler Entwicklungsländer zusätzliche Probleme zur Folge – mit dramatischen Folgen für die Ernährungssicherheit der Menschen in einkommensschwachen Ländern in den niedrigen und mittleren Breitengraden des Globus.

Um für die wachsenden Bevölkerungen ausreichend Nahrung zu sichern, müssen mehr Nahrungsmittel vor allem dort produziert werden, wo sie konsumiert werden.

Stagnierende und abnehmende Ertragszuwächse

Die zukünftige Welternährungslage wird noch verschärft durch eine Entwicklung, die im Zusammenhang mit der Diskussion um die Gen- und Biotechnologie aufmerken lässt: Es scheint, dass eine weitere Steigerung der Erträge bei Getreiden mit konventioneller Züchtung nicht mehr möglich ist. Die Ertragszuwächse nehmen – mit wenigen Ausnahmen – messbar ab. Auch der Abstand zwischen den in Versuchsstationen gewonnenen Erträgen (maximales Potenzial) und den Erträgen der besten Landwirte in den besten Anbaugebieten wird kleiner. Gleichzeitig wächst die Erwartung, dass die Landwirte künftig auf kleineren Anbauflächen und schlechteren Böden und mit weniger Wasser höhere Erträge erzielen.

Mehr lokale Produktion – nicht mehr internationales Verteilen

Die FAO schätzt, dass zur Sicherung der Welternährung allein in den nächsten zwanzig Jahren die globale Nahrungsmittelproduktion verdoppelt werden müsse. Schenkt man den Annahmen der FAO Glauben, so kann dieses Produktionsziel auf globaler Ebene erreicht werden. Allerdings verstecken sich hinter der Zusammenfassung zur globalen Nahrungsmittelproduktion höchst unterschiedliche regionale und nationale Produktionstrends – dort, wo die Probleme schon heute am größten sind, sind auch in Zukunft die größten Schwierigkeiten zu erwarten.

Ich teile nicht die Ansicht einiger Vertreter von Hilfswerken, dass man das Welternährungsproblem durch Umverteilung lösen kann: Um für die wachsenden Bevölkerungen in Asien, Afrika und Lateinamerika ausreichend Nahrung zu sichern, ohne die Abhängigkeit von internationalen Märkten oder Nahrungsmittelhilfen zu vergrößern, müssen mehr Nahrungsmittel vor allem dort produziert werden, wo sie konsumiert werden. Einfuhren eignen sich allenfalls zur Überbrückung kurzfristiger Engpässe oder zur Linderung akuter Not. Die Produktion vor Ort können Importe nicht ersetzen. Die oft empfohlene Umverteilung von Getreide-Überschüssen aus den USA, Europa, Australien oder Argentinien scheitert nicht nur an den immensen logistischen Defiziten Afrikas und Asiens, sie übersieht auch weitere wesentliche Probleme.

Landwirtschaft als produktiver Beschäftigungssektor und kulturelles Erbe

Die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern ist weitaus mehr als nur Nahrungsmittelproduzentin. In den meisten armen Ländern finden nach wie vor 60 bis 80 Prozent aller Erwerbstätigen ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Dies gilt nicht nur für Bauern und Farmarbeiter, sondern auch für die Beschäftigten in den vor- und nachgelagerten Branchen und der Kleinindustrie. Diese Bereiche beschäftigen landlose Arbeiter, Kleinhändler oder Arbeiter in der Heimindustrie. Eine prosperierende Landwirtschaft ist nicht nur die beste Waffe gegen ländliche Armut. Die gesamte volkswirtschaftliche Entwicklung durch Industrie und Dienstleistungssektor wäre in kaum einem Land der Erde ohne eine florierende Landwirtschaft als Motor des Wachstums möglich gewesen.

Zweitens sorgt die Landwirtschaft auch für die Bewahrung ökologisch intakter Strukturen. Bearbeitete Felder verhindern die Erosion und erhalten die natürliche Umwelt. Wie der englische Begriff für Landwirtschaft „agriculture“ impliziert, ist die Landwirtschaft auch als Bewahrerin des facettenreichen kulturellen Erbes der Entwicklungsländer unentbehrlich.

Komplexe Probleme erfordern komplexe Lösungen

Wer sich seriös mit der Zukunft der Nahrungsmittelsicherheit armer Länder auseinander setzt, sieht sich Herausforderungen von hoher Komplexität gegenüber. Wichtige Gründe für die verbreitete Ernährungsunsicherheit in vielen Entwicklungsländern liegen in einer nationalen Landwirtschaftspolitik begründet, die der einheimischen Nahrungsmittelproduktion eine unangemessen niedrige Aufmerksamkeit schenkt. Dies hat zur Folge, dass bei der Verteilung der Haushaltmittel die Landwirtschaft viel zu schlecht wegkommt. Verschärfend kommt hinzu, dass innerhalb des schlecht alimentierten Sektors Landwirtschaft die kleinbäuerlichen Betriebe, die 85 Prozent aller landwirtschaftlichen Produkte herstellen, besonders ungünstig fahren. Sie ackern auf den schlechtesten Böden, leiden unter ungesicherten Bodenrechts- bzw. Landnutzungsverhältnissen oder schlechten Pachtbedingungen und haben kaum je Zugang zu ländlichen Beratungsdiensten sowie zu Verarbeitungs- und Vermarktungsinstitutionen. Ohne Eigentum an Grund und Boden haben sie keine Sicherheiten und somit kaum Möglichkeiten, Kredite aufzunehmen, um in moderne Anbauformen investieren zu können. Auch die Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur ist im ländlichen Raum deutlich schlechter als in den städtischen Agglomerationen.

Gen- und Biotechnologie kann viel und Positives für die Ernährungssicherheit der Menschen in Entwicklungsländern bewirken – aber keine Wunder herbeizaubern.

Ernährungsdefizite sind immer eng mit Armut verknüpft. Besonders auf dem Land wird klar, dass damit nicht nur ein Mangel an Einkommen gemeint ist, sondern auch der fehlende Zugang zu lebenswichtigen Dienstleistungen. Armut ist immer auch Mangel an Mitbestimmung, Armut ist immer auch Rechtlosigkeit, Ausgrenzung und Verletzung der Menschenwürde. Das gilt besonders für die Frauen armer Gesellschaften: Armut hat ein weibliches Gesicht. Diejenigen, die in ihren Gesellschaften die größte Last für die Nahrungsmittelproduktion, -verarbeitung und -zubereitung tragen, haben die geringsten Rechte und sind durch Krankheit, Mangel an Bildung und Unterernährung zusätzlich behindert.

Nachhaltig erfolgreich können Lösungsansätze nur dort sein, wo sie alle Elemente des gesamten Problembündels angehen und von Land zu Land – vielfach sogar innerhalb desselben Landes von Region zu Region angepasste Lösungen umsetzen. Nicht das Durchschlagen „Gordischer Knoten“ tut Not, sondern das mühselige Zusammensetzen eines komplexen Puzzles aus politischen, sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen, biologischen und technologischen Teilstücken – und dies immer in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen lokalen Partnern und unter Nutzung ihres kulturellen Wissens.

Was kann von neuen Technologien erwartet werden?

Keine Technik der Welt kann mangelnden politischen Willen zur Umsetzung bekannter und bewährter Reformen ersetzen. Wo überfällige Land- oder Pachtrechts-Reformen an der politischen Macht von Großgrundbesitzern scheitern, können Kleinbauern nicht vom technischen Fortschritt profitieren. Wo Kleinbäuerinnen keinen Zugang zu landwirtschaftlicher Beratung haben, können sie die Möglichkeiten ertragssteigernder Technik nicht nutzen und bleiben „working poor“. Wo nur diejenigen, die es eigentlich nicht nötig hätten, billige Kredite bekommen und diejenigen, die sie am meisten bräuchten, leer ausgehen oder auf wucherische traditionelle Geldverleiher angewiesen sind, muss die ländliche Entwicklung auf niedrigem Niveau stagnieren.

Deshalb noch einmal die Ursprungsfrage: Welchen Beitrag können wir realistischerweise von der Gen- und Biotechnologie zur Lösung der Welthunger-Probleme erwarten? Die Antwort ist simpel: Denselben Beitrag, den landwirtschaftliche Technik schon bisher erbrachte. Denn die Kernziele der gen- und biotechnischen Forschung und der Entwicklung von neuen Saatsorten zur Verbesserung des Ernteertrags sind im Wesentlichen dieselben wie die der konventionellen Züchtung:

  • das gegebene Ertragspotenzial unter den lokalen agro-ökologischen Gegebenheiten sichern,
  • das Ertragspotenzial steigern und
  • die Anbau-Produktivität und somit auch die Einkommen erhöhen.

Um diese Ziele zu erreichen, suchen die Züchter nach bestimmten Pflanzeneigenschaften wie z.B. Resistenzen oder Toleranzen gegenüber Pflanzenkrankheiten (wie Pilzen, Bakterien, Viren) und Schädlingsbefall (z.B. Insekten, Milben oder Würmer) sowie gegen Stressfaktoren wie Wasserknappheit oder minderwertige Bodenqualität. Die Gen- und Biotechniker tun dies jedoch nicht – wie der traditionelle Züchter – durch Selektion und Kreuzung von Pflanzen, sondern sie suchen im Labor nach geeigneten Genen, die sie isolieren und in die Zellen der Pflanzen einbauen, die sie verbessern wollen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen konventioneller Züchtung und Gentechnik ist die Möglichkeit, natürliche Kreuzungsgrenzen zu überwinden. Mit anderen Worten: Durch Gentechnik ist es möglich, einer Spezies die Gene einer fremden, nicht verwandten Spezies einzubauen, um »transgene Varietäten« hervorzubringen.

Leidenschaften und Polemik

Die Beurteilung des Nutzens und der Risiken dieser gezielten Veränderung des ererbten genetischen Materials von lebenden Organismen spaltet unsere Gesellschaft. Selten prallten Ablehnung und Euphorie in Bezug auf eine Technologie so krass aufeinander; kaum je wurden neue technische Möglichkeiten so kontrovers diskutiert wie die Gen- und Biotechnologie.

Die große Mehrzahl der international renommierten Forscher, aber auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und das Entwicklungsprogramm der UNO messen der Gen- und Biotechnologie ein hohes Potenzial für die Steigerung von Produktion und Produktivität in Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei zu. Dies besonders in Gebieten, wo die Landwirtschaft heute nicht mehr in der Lage ist, genügend Nahrung für die wachsende Bevölkerung zu produzieren.

Keine Technik der Welt kann mangelnden politischen Willen zur Umsetzung bekannter und bewährter Reformen ersetzen.

Diesem Urteil steht das einiger entwicklungs- und umweltpolitisch engagierter Aktionsgruppen und Nicht-Regierungsorganisationen entgegen. Sie warnen vor katastrophalen Folgen der neuen Technik und vergleichen sie sogar mit den schlimmsten Desastern der modernen Technikgeschichte, darunter auch die Atomkatastrophe von Tschernobyl.

Auseinandersetzungen über wissenschaftlichen oder technischen Fortschritt sind nichts Neues. Das ganze 20. Jahrhundert, so schreibt der Historiker Eric Hobsbawm in seinem Buch „Das Zeitalter der Extreme“, fühlte sich mit der Wissenschaft unbehaglich, jener Wissenschaft, die seine außergewöhnlichste Errungenschaft war. Schon die ersten Eisenbahnen lösten Panik aus, ebenso das Auto, und später mussten sich auch medizinische Errungenschaften wie das Penicillin und Impfstoffe gegen hartnäckige Vorurteile durchsetzen. Bei der landwirtschaftlichen Gen- und Biotechnologie ist dies nicht anders – hier allerdings besteht die Gefahr, dass satte Menschen aus Industrieländern, die jährlich Milliarden für die Lagerung von landwirtschaftlichen Überschüssen aufbringen müssen, mit ihrer politisch motivierten Ablehnung über technische Optionen entscheiden, die möglicherweise vielen Millionen hungernder Menschen im Süden in wenigen Jahren fehlen könnten.

Großes Nutzenpotenzial

Die anhaltende politische Ablehnung der landwirtschaftlichen Gen- und Biotechnologie erstaunt, denn das bisher sichtbare Nutzenpotenzial ist beträchtlich, und das prophezeite Unheil ist auch nach über 20 Jahren Erfahrung mit der landwirtschaftlichen Gen- und Biotechnologie nicht eingetreten.

Im letzten Jahr haben weltweit 5,5 Millionen Bauern auf über 52 Millionen Hektar Kulturland gentechnisch verändertes Saatgut angebaut.1 Mehr als ein Viertel dieser Produktionsfläche lag in Entwicklungsländern. Mehr als drei Viertel dieser Bauern waren ressourcenarme Landwirte aus Entwicklungsländern. Am eindrücklichsten sind die Erfolge in der Volksrepublik China. Dort werden mittlerweile in großem Stil transgene Sorten von Reis, Mais, Weizen, Baumwolle, Tomaten, Kartoffeln, Soja und Raps angepflanzt. Das Ziel laufender Forschung und Entwicklung in China – wie in anderen Ländern – sind Pflanzen, die gegen Krankheiten widerstandsfähig sind, die auf schlechten Böden und bei Wassermangel oder anderen klimatischen Widrigkeiten gedeihen und gleichzeitig eine bessere Qualität und höhere Erträge bieten.

China weist mit der dank des Bacillus thuringensins schädlingsresistenten Baumwolle den heute weltweit eindrucksvollsten Erfolg der Gentechnik vor: Die Erträge konnten erheblich gesteigert und die Anwendung von Pestiziden erheblich verringert werden. Das so erzielte zusätzliche Einkommen belief sich für die betreffenden Kleinbauern allein im Jahr 1999 auf über 330 Millionen Dollar.2

Zu den Erfolgen in Indien zählen die ertragreiche Anwendung von Gewebekultur, Stressbiologie, Marker-unterstützter Züchtungen sowie neuer Formulierungen für Biodünger und Biopestizide. Indische Forscher können in der Entwicklung genetisch verbesserter Pflanzen für Kohl, Mungobohnen, Baumwolle und Kartoffeln gute Fortschritte vorweisen.

Auch auf den Philippinen, in Thailand, Brasilien, Costa Rica, Mexiko, Ägypten, im Iran, in Jordanien, Kenia, Südafrika und Simbabwe laufen an örtliche Bedürfnisse und Prioritäten angepasste erfolgreiche Programme. Von besonderem Interesse für Afrika südlich der Sahara sind die Forschungsergebnisse zu transgenen Süßkartoffeln, die gegen ein hauptsächlich in Kenia verbreitetes Virus resistent sind, sowie zu südafrikanischen transgenen Süßkartoffeln, die bis zu fünfmal mehr Proteine enthalten als herkömmliche Süßkartoffeln.

Unter den zahlreichen bisherigen Errungenschaften ist eine von besonderem Wert für Menschen in Entwicklungsländern: Reis kann heute genetisch so verändert werden, dass er einen höheren Vitamin-A-Gehalt besitzt. Dies könnte künftig für die 250 Millionen armen und unterernährten Menschen von immensem Nutzen sein, deren Überleben fast ausschließlich von Reis abhängt.

Schließlich ist es Forschern der Washington State University gelungen, ein Maisgen in Reis zu übertragen. Diese neue Art von genetisch verändertem Reis lässt die Ernteerträge um etwa ein Drittel anwachsen. Ein weiterer Vorteil: Der genetisch veränderte Reis, der bereits in China, Südkorea und Chile getestet wurde, verwertet 30 Prozent mehr Kohlendioxid aus der Luft als Reis aus den Kontrollgruppen und hat damit einen positiven Einfluss auf das Klima.

Solchen Erfolgen misst ein Bericht der britischen Royal Society, der Wissenschaftsakademien Brasiliens, Chinas, Indiens, Mexikos sowie der Vereinigten Staaten im Juli 2000 weit reichende Bedeutung zu: Angesichts der wachsenden Probleme bei der Sicherung der Welternährung wird es durch Gentechnik möglich, wesentliche Hindernisse, die einer Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion und Anbauproduktivität entgegenstehen, zu überwinden.

Wie steht es mit den Risiken?

Keine Art menschlichen Handelns ist risikolos – nicht einmal das Nicht-Handeln. Es geht daher auch nicht darum, ob Gen- und Biotechnologie überhaupt mit Risiken behaftet sind, sondern nur darum, ob diese Risiken in einem akzeptablen Verhältnis zu dem erreichbaren Nutzen stehen. Für die Entscheidung über die Wertigkeit eines bestimmten Handelns – auch für die Beurteilung der Wertigkeit einer Technologie – ist eine Güterabwägung erforderlich, in die alle erörterten Nutzen und Risiken eingehen. Aus einer Vielzahl guter Gründe müssen die wahrgenommenen Risiken in technologieinhärente und technologietranszendente Risiken unterteilt werden.

Technologieinhärente Risiken

Technologieinhärente Risiken sind solche, die daraus erwachsen, dass eine bestimmte Technologie angewendet wird und aus dieser Anwendung Risiken entstehen, die bei Nichtanwendung nicht entstünden. Die im Zusammenhang mit Gen- und Biotechnologie wahrgenommenen inhärenten Risiken sind beispielsweise allergische Reaktionen beim Menschen oder horizontaler Gentransfer, also das ungewollte Überspringen von Genen auf wilde Spezies oder Landrassen. Nach dem derzeitigem Stand des Wissens weist allerdings nichts darauf hin, dass gentechnisch veränderte Organismen wesentliche oder unkontrollierbare langfristige Gefahren für die Gesundheit von Mensch oder Tier mit sich bringen.

Auf den im Jahre 2001 weltweit über 52 Millionen Hektar großen, mit transgenen Sorten bepflanzten Anbauflächen wurden bis heute – trotz größten Bemühens der Gentechnologie-Kritiker – keine besonderen oder einzigartigen Probleme gefunden, erst recht keine unkontrollierbaren Risiken.

Nach Feststellung des U.S. National Research Council besteht heute ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass sich Organismen, die mit modernen molekularen und zellulären Methoden verändert wurden, in der Umwelt gleich verhalten wie solche, die durch klassische Züchtung entstanden sind.

Technologietranszendente Risiken

Technologietranszendente Risiken sind unbeabsichtigte, gesellschaftliche Sekundär- und Tertiärfolgen als Konsequenz der am Einsatzort historisch vorgegebenen sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Im Hinblick auf soziale und politische Risiken ähnelt die heutige Kritik an Gentechnik und Biotechnologie in ihrer Struktur den Diskussionen über die Grüne Revolution in den 70er-Jahren. Die verbesserten Pflanzensorten, die zur Grünen Revolution der 50er- und 60er-Jahre besonders in Asien geführt haben, waren durch systematische Selektion und Kreuzung entstanden und hatten zum Ziel, die angesichts hohen Bevölkerungswachstums als zu niedrig erachteten Erträge zu erhöhen. Trotz ihres unbestrittenen Erfolgs bei der beträchtlichen Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und der positiven Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt wurde (und wird) die Grüne Revolution z.B. aus entwicklungs- und sozialpolitischer Perspektive kritisiert und für zunehmende Einkommensungleichheiten in armen Ländern verantwortlich gemacht.

Entwicklungen dieser Art waren und sind allerdings keine Folge der Technologie an sich, sondern ihrer Nutzung in einem bestimmten sozialen Umfeld. Risiken dieser Art werden weder von der Technologie an sich verursacht, noch können Technologien per se sie verhindern. Wo es Landreformen und Unterstützungsprogramme für Kleinbauern gab, konnten auch sie von den Innovationen profitieren – wo soziale Reformen ausblieben, wurden nur diejenigen besser gestellt, die aufgrund ihrer Startvorteile privilegiert waren.

Bei unveränderten sozioökonomischen Rahmenbedingungen und gleichbleibend kleinbauernfeindlicher Regierungspolitik kann die beste Technik in ihren Auswirkungen keine sozialen Wunder bewirken. Auch für die Gen- und Biotechnologie wird gelten, dass dort, wo sich zwischen dem wissenschaftlich-technischen Können des Menschen und seiner sittlichen Verantwortungsbereitschaft eine Kluft auftut, jede Technologie nur so gut sein kann wie die Menschen, die mit ihr umgehen.

Aus meiner Sicht haben die Nutzen der Gen- und Biotechnologie ein deutlich höheres Gewicht als die Risiken – dennoch bleibt das Problem der Ambivalenz, das der große deutsche Theologe Helmut Gollwitzer im Kontext der Beurteilung von Fortschritt mit den folgenden Worten beschrieb:

Fortschritt ist „nichts anderes als dauernder Kampf um das Erringen seiner positiven Aspekte, das Bestehen seiner ihn begleitenden Gefahren und das Verwinden der von ihm verursachten Einbußen. Was diese ‚positiven Aspekte’, ‚Gefahren’ und ‚Einbußen’ jedoch im konkreten Fall sind, ist strittig, sie liegen – wie die Schönheit – meist im Auge des Betrachters. Lösungen im Sinne einer abschließenden Entscheidung über das dadurch entstehende Dilemma sind nicht möglich: Je nachdem, wie die Wertigkeit eines durch technischen Fortschritt gewonnenen oder verlorenen Gutes aus der Sicht eines urteilenden Individuums ausfällt, wiegt der Gewinn oder der Verlust höher.“

Es besteht die Gefahr, dass satte Menschen aus Industrieländern technische Optionen ablehnen, die Millionen hungernder Menschen in wenigen Jahren fehlen könnten.

Gen- und Biotechnologie kann viel und Positives für die Ernährungssicherheit der Menschen in Entwicklungsländern bewirken – aber keine Wunder herbeizaubern. Keine Technologie ist von inhärentem Wert. Den Einsatz von Biotechnologie und Gentechnik zur Verbesserung der Ernährungssicherheit in den Entwicklungsländern zu befürworten, heißt daher nicht, diese Technologien um ihrer selbst willen oder aus dem Zusammenhang gerissen zu unterstützen. Biotechnologie und Gentechnik müssen stets im Kontext eines umfassenden technologischen Pluralismus betrachtet werden. Ihr Einsatz ist nur dann und nur dort wünschenswert, wo sie in der Lage sind, landwirtschaftliche Ziele effektiver zu erreichen als die herkömmlichen Methoden.

In dieser Hinsicht besteht allerdings Grund zur Hoffnung: Mit der Gen- und Biotechnologie steht der Menschheit nach bestem Wissen und Gewissen ein zusätzlicher Pfeil im Kampf gegen den Welthunger zur Verfügung. Eine zusätzliche technische Option - nicht mehr, aber auch nicht weniger.