01.11.2000

“Ein Schnupfen ist oft das Schlimmste, was Kinder an Krankheiten haben.”

Interview mit Martin Kasten

Sabine Beppler sprach mit Kinderarzt Martin Karsten über Eltern, die bei ihren Kindern zunehmend Allergien und Infektionskrankheiten fürchten.

Novo: Es heißt, Allergien seien im Vormarsch und es gebe heute sehr viel mehr allergiekranke Kinder als vor noch zehn oder zwanzig Jahren. Stimmt das mit Ihrer Erfahrung überein?

Martin Kasten: Ja, natürlich. Es gibt in der Tat sehr viel mehr Kinder mit Allergien als früher. Es gibt Neurodermitis, Milchallergien, allergische Reaktionen gegen Nüsse und vieles mehr. Dennoch würde ich sagen, dass Allergien heute zum Modethema geworden sind. Mehr noch: Sie sind das Modethema schlechthin.

Wie meinen Sie das?

Modethema deshalb, weil Allergien überbewertet werden. Wenn man über Allergien spricht, sollte man gleichzeitig auch über deren Krankheitswert nachdenken. Wir haben heute mehr Allergien, aber weniger Infektionskrankheiten. Die meisten Kinder können trotz Allergien ein ganz normales Leben leben. Allergien führen in den meisten Fällen nicht zu einer entscheidenden Minderung der Lebensqualität. Fast jeder hat heute eine Pollenallergie, und dennoch hindert das einen im Frühjahr nicht daran, aus dem Haus zu gehen. 90% aller Allergien treten nur in leichter Form auf, aber trotzdem hat das Thema im Bewusstsein und in der gesellschaftlichen Diskussion einen hohen Stellenwert. Sobald ein Kind zwei Ekzeme hat, heißt es, es habe Neurodermitis – wirklich schwere Allergien sind relativ selten.


Was ist aus medizinischer Sicht der Grund für die Zunahme von Allergien?

“Untersuchungen zufolge haben Kinder mit Geschwistern weniger Allergien.”

Es gibt verschiedene Theorien. Eine davon ist die so genannte Drecktheorie. Kinder wachsen heute zu steril und sauber auf. Das Immunsystem muss sich folglich nicht mehr mit natürlichen Allergenen auseinandersetzen. Untersuchungen zufolge haben Kinder mit Geschwistern weniger Allergien. Auch ein Hund im Haushalt soll einen gewissen Schutz bieten, da Haushalte mit Hunden einfach nicht so sauber sein können wie “haustierfreie” Haushalte. Kinder auf dem Land haben ebenfalls weniger Allergien. Interessant ist das Ost-West-Gefälle im Hinblick auf Allergien. In vielen Ländern Osteuropas sind Allergien quasi unbekannt. Auch in der ehemaligen DDR gab es sie praktisch nicht. Dies hat sich nach der Wende geändert; nunmehr hat eine Angleichung stattgefunden. Das liegt wohl daran, dass man nach der Wende im Osten den Lebensstil des Westens übernommen hat, und Allergien kamen als Begleiterscheinung hinzu.

Was raten Sie Eltern, um Kinder vor Allergien zu schützen?

Zunächst einmal möchte ich als Kinderarzt ganz vehement davor warnen, Kinder, um sie vor Allergien zu schützen, bewusst Infektionen auszusetzen. Es gibt Eltern, die das tun, indem sie ihre Kinder gezielt mit Kranken zusammenbringen. Ein solches Vorgehen kann ich nicht befürworten, denn es hat ebenfalls mit der Überschätzung von Allergien zu tun. Allergien sind künstliche Krankheiten. Man kann sie auch als Zivilisationskrankheit bezeichnen, die erst mit dem Rückgang wirklicher Krankheiten zu einem Problem wurden. Infektionskrankheiten hingegen können wirklich gefährlich sein. In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie schrecklich es für Kinder ist, wenn sie schon im frühesten Alter ständig Infektionen haben und beispielsweise permanent an Bronchitis leiden.

” Oft fällt es Eltern einfach schwer, zu akzeptieren, dass sich die “süße” Babyhaut ihres Kindes verändert hat.”

Manchmal reicht schon die Angst vor Allergien aus, um Unverträglichkeiten hervorzurufen. Manche Kinder, die in meine Praxis kommen, reagieren auf jeden Allergietest negativ, obwohl sie allergische Symptome aufweisen. Da ist dann einfach nichts nachzuweisen. In solchen Fällen geht es mehr um die Angst der Eltern als um die Gesundheit der Kinder. Oft fällt es Eltern einfach nur schwer zu akzeptieren, dass sich die “süße” Babyhaut ihres Kindes verändert hat.

Sollte nicht schon im Säuglingsalter dafür gesorgt werden, dass Kinder keine Allergien bekommen – z.B. dadurch, dass Kinder möglichst in den ersten Lebensmonaten gestillt werden?

Durch Stillen können Allergien nicht grundsätzlich vermieden werden. Die Vorstellung, Muttermilch biete einen vollständigen Schutz, ist überholt. In Studien, bei denen Mütter akribisch aufgeschrieben haben, welche Nahrung ihre Kinder erhalten haben, wurde festgestellt, dass Stillkinder nicht weniger an Allergien leiden als Kinder, die nicht gestillt wurden. Das heißt natürlich nicht, dass die Ernährung keinen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder hat. Es wäre selbstverständlich unsinnig, einem drei Monate alten Baby Obstsäfte oder Ähnliches zu füttern. Aber es geht mir darum, festzuhalten, dass der hohe Stellenwert, der dem Stillen in diesem Zusammenhang beigemessen wird, wissenschaftlich nicht fundiert ist.

Dennoch scheinen Eltern oft Angst vor schädlichen Einflüssen auf die Gesundheit ihrer Kinder zu haben. Es gibt mehr und mehr Eltern, die ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen, aus Angst, ihnen könne dabei etwas zustoßen.

Das ist auch ein Beispiel für eine Wahrnehmung, die größten Wert auf mögliche kleinste Risiken legt und die großen Gefahren nicht mehr ernst nimmt. Die wirklich debilitierenden, schlimmen Infektionskrankheiten kennt man heute zum Glück nicht mehr. Vor noch fünfzig Jahren kannte jeder irgendein Kind aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft, welches an Kinderlähmung erkrankt war. Zum Glück wurde eine Impfung gegen dieses schreckliche Leiden gefunden. Die Krankheit ist mittlerweile praktisch eliminiert, so dass sich niemand mehr vor ihr fürchten muss. Würden wir jedoch die Impfungen unterlassen, könnte es wieder zu Poliofällen kommen. Dennoch glauben immer mehr Eltern, die Impfung wäre schädlich.

Aber es ist ja nicht so, dass Eltern ihre Kinder schädigen wollen. Es scheint vielmehr, als seien Eltern vollkommen verunsichert und hätten wirklich Angst vor schädigenden Einflüssen.

Das stimmt, diese Verunsicherung erlebe ich täglich in meiner Praxis. Viele Eltern machen sich große Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Das Gros der Eltern hat jedoch gesunde Kinder. Ein Schnupfen ist oft das Schlimmste, was Kindern an Krankheiten widerfährt. Die Kinder- und Säuglingssterblichkeit ist bei uns auf ein immens niedriges Niveau zurückgegangen, aber trotzdem glauben viele Eltern, ihre Kinder wären vor schlimmen Krankheiten nicht gefeit oder großen Gefahren ausgesetzt. Es ist gut, dass Eltern auch mit kleinen Sorgen bei ihrem Kinderarzt vorsprechen können. Ein Kinderarzt sollte gesundheitlichen Probleme von Kindern und die Ängste der Eltern ernst nehmen. Dennoch scheint paradoxerweise die Besorgnis der Eltern heute größer, obwohl die tatsächlichen Gefahren gering sind.

Woher kommt diese Verunsicherung?

wird heutzutage viel publiziert und gelesen – eine ganze Flut von Zeitschriften zum Beispiel. Jeder kann hier schreiben, ohne dass gefragt wird, über welche Qualifikation der Autor verfügt. Den Verfassern dieser Texte wird viel zu wenig Rechenschaft abverlangt. Insofern kann viel Unsinn publiziert werden, und das trägt natürlich zur Verunsicherung vieler Eltern bei. Mein Eindruck ist ohnehin, dass es beim Umgang mit Kindern zu einer Art “Erstarren in der Theorie” kommt. Man geht nicht mehr entspannt mit seinen Kindern um. Stattdessen fragt man sich ständig, ob man Fehler macht. Das ist fatal und führt zu einem angespannten Eltern-Kind-Verhältnis.

Man liest immer wieder, Allergien seien auf negative Umwelteinflüsse zurückzuführen. Gibt es Umwelteinflüsse, die Kinder krank machen?

Ja, Zigarettenrauch zum Beispiel. Wir wissen heutzutage, wie negativ sich das Rauchen auf die Atemwege und damit auf die Gesundheit von Kindern auswirkt. Das ist im Gegensatz zu vielen anderen angeblichen Gefahren wirklich erwiesen. Ich finde es immer wieder unbegreiflich, dass Eltern mit großen Sorgen wegen allem Möglichen zu mir kommen und mir sinnlose Studien über Quecksilbervergiftungen durch Amalgam-Füllungen oder Trinkwasserverseuchung durch Kupfer präsentieren, aber gleichzeitig rauchen wie die Schlote. Manche Eltern ziehen sogar aus ihren Wohnungen aus wegen vermeintlicher Gefährdung durch Holzschutzmittel, geben aber das Rauchen nicht auf.

“Es wird Kindern heutzutage oft viel zu schwer gemacht, Kind zu sein.”

Welches sind die größten Probleme, mit denen Kinder heutzutage konfrontiert sind?

Bei älteren Kindern nehmen Verhaltensaufälligkeiten zu. Es gibt immer häufiger hyperkinetische Kinder. Auch das so genannte ADS-Syndrom [Attention Deficiency Syndrom] erlebe ich oft in meiner Praxis. Diese Kinder leiden u.a. an Konzentrationsschwäche. Hier muss man sich fragen, was die Ursache dieser Phänomene ist. Es wird Kindern heutzutage oft viel zu schwer gemacht, Kind zu sein. Kinder müssen toben dürfen. Früher hat man sich über aktive Kinder gefreut und gesagt: Schau, wie toll das Kind tobt. Kinder brauchen ihren eigenen Spielraum, aber der wird ihnen heute nicht selten genommen. Viele Kinder dürfen sich heutzutage viel zu wenig bewegen. Das liegt zum einen daran, dass die Mütter “overprotective” sind, ihre Kinder also überbehüten, sie zu stark überwachen und ihnen zu wenig erlauben. Das erlebe ich selbst in meiner eigenen Praxis. Ich habe hier im Warteraum für die Kleinen eine Spielfläche mit zwei Treppenstufen. Da gibt es Mütter, die ihr 2-jähriges Kind nicht einmal zwei Stufen allein laufen lassen. Gerade bei Erstkindern haben die Eltern oft enorme Ängste, die sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken und es sogar krank machen können. In diesem Sinne ist es problematisch, dass die Ein-Kind-Familie zunimmt. Hinzu kommt, dass Eltern selbst immer älter werden. Junge Eltern sind eher bereit als ältere, mit ihren Kindern Achterbahn zu fahren oder mit ihnen zu toben. Darüber hinaus werden viele Kinder werden außerdem unter einen enormen Druck gesetzt. Manche Eltern verlangen von ihren Kindern neben guten schulischen Leistungen, dass sie nahezu täglich außerschulischen Aktivitäten wie Musikunterricht oder Sonstigem nachgehen. Das ist vor allem bei besser gestellten Familien der Fall.

Was können Eltern für die Gesundheit und das Glück ihrer Kinder tun?

Ich rate Eltern, mit ihren Kindern locker umzugehen. Sie sollen nicht immer glauben, dass sie etwas falsch, sondern eher, dass sie viel richtig machen. Eltern müssen sich an ihren Kindern freuen können und sollten sich nicht auf die negativen Dinge wie den kleinen Pickel konzentrieren. Das Erziehen von Kindern darf nicht durch ständige Zweifel und Ängste beschwert werden. Das Wichtigste für Kinder sind ausgeglichene Mütter und Väter. Eine Kultur der Angst macht krank.