29.09.2010

Ein offener Brief an das BMU

Von Tilman Kluge

Vergleiche dürfen nicht in Kuriosität ausarten.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer auch immer die Rede von Herrn Dr. Röttgen verfasst hat, hätte beachten müssen, dass Vergleiche nicht in Kuriosität ausarten dürfen. Hierbei lassen wir einmal außen vor, ob Vergleiche hinken oder nicht. Aber es geht umso mehr darum, dass jede Kuriosität bereits ein politischer Fehler zu viel ist, wenn dadurch auch nur ein Leser den Text weniger gut versteht, als er ihn bei korrekter Formulierung hätte verstehen können.

Im deutschen Text heißt es:

Allein in der Zeit meiner Ansprache werden wir in Deutschland mehr als die Hälfte eines Fußballfeldes in Verkehrs- und Siedlungsfläche umgewandelt haben; weltweit werden wir in derselben Zeit 170 Fußballfelder entwaldet haben.(1)

Hier muss der organisierte Sport protestieren, weil Fußballfelder Fußballfelder bleiben müssen. Aber immerhin sind 170 Fußballfelder entwaldet worden. Wir lassen einmal dahingestellt, wie der Wald auf die Fußballfelder gekommen ist (da hat der Hausmeister wohl einige Jahre zu lange mit dem Mähen gewartet) oder wie diese Wiederherstellung von Fußballfeldern forstrechtlich einzuordnen wäre. Es ist allemal unterhaltsam, sich dies alles in der gebotenen Vielfalt optisch vorzustellen.

Im englischen Text heißt es:

During the time of my speech alone, more than half a football field of German land will have been converted into transport and settlement areas. Globally, in the same period of time, the equivalent of 170 football field will have been deforested.(2)

Hier findet man zwar einen Rechtschreibfehler (es fehlt ein “s” hinter “field”) und es hätte einleitend besser “Alone in the time of my speech” heißen sollen oder, wie die UN Pressestelle über Dr. Roettgen im Pressekonjunktiv schreibt, “the time it would take to deliver his statement”), aber immerhin findet zum zweitgenannten Fußballfeld-Ereignis, also der Entwaldung, die korrekte Formulierung FFH-Äquivalent Anwendung. Noch korrekter wäre “equivalent of 170 soccerfields’ area” gewesen, denn es geht um Flächenäquivalente und nicht andere mögliche, z.B. ökologisch funktionale, Äquivalente.

Absolut unverständlich erscheint mir aber in Ihrer dazugehörigen Pressemitteilung (4), dass diese auch mit dem Begriff der Biodiversität kokettiert, während im Redetext konsequent (und damit für jedermann verständlich) von “biologischer Vielfalt” die Rede ist. Auch hierbei geht es darum, dass die Verwendung des auch im Wortsinne als solchem zu verstehenden Fremdwortes ein politischer Fehler ist, wenn auch nur ein Leser den Text nicht vollständig versteht (zum Beispiel weil er schlichtweg nicht weiß, was Biodiversität ist oder nicht erkennt, dass Biodiversität und biologische Vielfalt das Gleiche meinen).

Bei einer Passantenbefragung, die die Maria Ward Schule in Kooperation mit der genannten Behörde in Bad Homburg in einer Fußgängerzone durchführte, ging es darum zu erfahren, wie die Leute den Nutzen von Biodiversität für sie persönlich einschätzen. Dabei schreckte alleine der Begriff “Biodiversität” Personen von inhaltlichen Antworten ab (dafür erhielt man Antworten wie “kein Interesse” und ähnliches). Dagegen stellte der Begriff “biologische Vielfalt” durchaus inhaltlich fruchtbare Verbindungen und intensive Gespräche her. Sie, sehr geehrte Damen und Herren, mögen sich ja mit ihrer Pressemitteilung unheimlich global aufgestellt vorkommen, aber in der Sache bringt diese Wortwahl hier im Lande keinen Mehrwert für den Transport der Information. Denn was auf UN-Ebene sinnvoll ist, ist vor dem Hintergrund einer deutschsprachigen Leserschaft als “snobbish level” (im Vertrauen in Ihre Englischkenntnisse) einzuordnen.

Was hilft die beste, beispielhafteste und intensivste Jugendarbeit vieler anerkannter Naturschutzverbände oder engagierter und fähiger Schulpädagogen in Sachen biologische Vielfalt, wenn bei den Erwachsenen unnötige Kommunikationsfehler zu Lasten eines noch möglichen inhaltlichen Tiefganges gemacht werden. Es ist ein fataler, weil politisch je nach Interessentenlage bewusst oder unbewusst nicht ausreichend erkannter Trend, dass dieser Tiefgang durch naturwissenschaftlichen Humbug ohnehin schon von einigen Zeitgenossen bewusst nach dem neoleninistischen Motto “Macht ist die Dummheit der anderen” oder aufgrund populismusbewirkter Nachlässigkeit verflacht wurde. Zu diesem Humbug, der auf hoher politischer Ebene fast ohne Widerspruch verbreitetet wird, zählen etwa die Begriffe “genfreies Saatgut” (statt gentechnikfreies Saatgut), “CO2-freie Mobilität” (statt CO2-neutrale Mobilität)  oder gar “CO2-freie Städte” beziehungsweise “kohlenstofffreie Zukunft”.

Dem muss verantwortungsvolle Politik endlich erkennbar entgegenwirken. Ich habe allerdings zumindest von Seiten der Bundesregierung respektive von Seiten Ihres Hauses noch keine Kampagne bemerkt, die diesem Trend mit der gebotenen Publizität und Vehemenz begegnete. Wenn ich andererseits sehe, welchen – hierzu vergleichsweise als Marginalien anzusehenden – Themen und Spotlights ein nur marginaler publizistischer Raum gegeben wird, sei es in Reden oder schriftlichen Veröffentlichungen der Regierung, sind die entsprechenden Gewichtungen dringend korrekturbedürftig.

MfG

Tilman Kluge

Guten Tag,

in diesem ersten Nachtrag zu meiner obigen Nachricht merke ich noch an, dass Redenschreiber, wenn sie schon zu einer anderen Quelle aus dem eigenen Hause greifen – hier vermutlich zu der Denkschrift des Wissenschaftlichen Beirates Bodenschutz beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) aus dem Jahr 2002 Ohne Boden - bodenlos (5)– dies doch wenigstens nicht ohne vorherige Prüfung machen sollten. Da im Jahr 2002 der Wert “Überbauung der Fläche von 170 Fußballfeldern” pro Tag konstatiert wurde und in Ihrer etwa vier- bis fünf-minütigen Rede im Jahr 2010 ebenfalls ein Wert von (errechneten) 170 Fußballfeldern pro Tag veranschlagt wurde, liegt der Verdachte nahe, dass hier wohl ungeprüft ins Antiquariat gegriffen wurde – es sei denn, der Wert wäre 8 Jahre stabil geblieben. Das ist er aber nicht. Ganz im Gegenteil ist laut Ihrer doch wesentlich neueren BMU-Kinderseite(6) nur noch eine Fläche von 158 überbauten Fußballfeldern pro Tag aktuell. Das ist doch eine gute Entwicklung um immerhin minus 7 Prozent seit 2002.

Überlassen Sie also den Fatalismus anderen Leuten und erwähnen Sie neben berechtigterweise öffentlich zu nennenden drohenden Entwicklungen auch ebenso Trends, die nach Maßgabe ihres Hauses nachweislich positiv verlaufen.

Insoweit erwähne ich auch gerne in diesem Nachgang Ihre Aussage, “Aufmerksamkeit ist die Bedingung für politisches Handeln” (das hat wohl noch nicht so richtig geklappt mit Ihren Rede-Zahlen), aber noch lieber Ihr Ziel, “das Wissen über die biologische Vielfalt verbessern und es in geeigneter Form politischen Entscheidungsträgern bereitstellen” zu wollen. Damit sprechen Sie das Grundproblem meines Briefes an, aber noch keine veritable Lösung desselben.

Gruß

Tilman Kluge