01.09.2000

Ein Lob der Faulheit

Analyse von Dirk Maxeiner

Vom Segen des Nichtstuns und der zerstörerischen Wirkung falschen Fleißes.

Teilen wir die Menschen einmal ganz grob in Fleißige und Faule, Intelligente und Dumme ein. Wer macht was am besten? Und wer lässt was am besten sein? Für die Produktion von Wohlstand würde eine Gesellschaft selbstverständlich am liebsten nur auf intelligente und fleißige Menschen zurückgreifen. Doch die sind nun einmal eine Minderheit. Das macht aber nichts: Die intelligenten und faulen Zeitgenossen haben zwar einen schlechten Ruf, sind aber von nicht minder großem Nutzen. Der Hauptvorteil dieser Schlawiner liegt darin, dass sie ständig darüber nachdenken, wie sich Arbeit vermeiden lässt. Johannes Gutenberg war zu faul, Bücher abzuschreiben, Karl Benz zu faul, zu Fuß zu gehen. Der Abakus, der Taschenrechner und der Computer wurden erfunden, weil intelligente Menschen zu faul zum Kopfrechnen waren.


Intelligente, aber faule Menschen sind auch für Regierungen und Verwaltungen ein echter Segen, weil sie diejenigen, die ihre Arbeiten machen wollen, in Ruhe lassen. Als Fallbeispiel hierfür mag der schlecht beleumundete EU-Kommissar Martin Bangemann fungieren. Dem guten Leben aufgeschlossen, förderte er in jeder Hinsicht die kreative Freizeitgestaltung seiner Mitarbeiter und seiner selbst. Seine üppige Barock-Figur wurde abwechselnd in Brüsseler Fresstempeln, auf seiner spanischen Finca oder seinem Segelschiff gesichtet, so gut wie nie aber hinter seinem Schreibtisch. Seinem eigentlichen Aufgabengebiet, der Deregulierung der europäischen Telekommunikations-Landschaft, tat Bangemanns Freizeitverhalten ausgesprochen gut.

 

“Intelligente, aber faule Menschen sind auch für Regierungen und Verwaltungen ein echter Segen, weil sie diejenigen, die ihre Arbeiten machen wollen, in Ruhe lassen.”


Er kontrollierte nichts und niemanden (wann denn auch?). Der Deregulierung des Telefongeschäftes in Europa stand der Dreizentner-Mann jedenfalls nicht im Wege. Das segensreiche Nicht-Wirken des schillernden und vorzeitig beurlaubten Faulpelzes kann heute jeder Bundesbürger auf seiner Telefonrechnung ablesen. Hinzu kommt: In gleichem Maße, wie die Gebührenrechnung sank, stieg die Zahl der Beschäftigten in der Telekommunikationsbranche. Auch wenn die Einsicht wehtut: Nichtstun kann Arbeitsplätze schaffen.Nun gibt es nicht nur clevere, sondern auch eine Menge dummer Zeitgenossen, die in eine Gesellschaft eingebunden werden wollen. Sind sie dumm und zugleich faul, handelt es sich meist um nette und wenig gestresste Menschen, die vielfältig verwendbar sind. Beispielsweise als Präsidentendarsteller. Denken wir nur an Ronald Reagan. Ob er wirklich doof war oder manchmal nur so tat, kann man bei einem Schauspieler natürlich nie wissen. Biographen aus seinem Umfeld beschreiben ihn jedenfalls als “uninteressiert” und ziemlich faul. Reagan, so wird kolportiert, war der erste Präsident der USA mit Dienstzeiten von 9 bis 17 Uhr (am Wochenende geschlossen). Doch die Amerikaner blicken auf seine Amtszeit mit Wohlwollen zurück. So prosperierte die Wirtschaft und Reagan vermied – von einigen Scharmützeln abgesehen – jeglichen Krieg (wahrscheinlich, weil dann nach Feierabend so oft das Telefon klingelt).Ein wirklich bedrohliches Kaliber sind hingegen dumme Menschen, die zum Fleiß neigen. In der Kombination können sich diese beide Eigenschaften zum Fleisch gewordenen Supergau auswachsen. “Sie ruinieren alles, jede Firma, jede Organisation, jede Beziehung”, sagt der Unternehmensberater Otto Buchegger, “und sie sind kaum zu bremsen in ihrem Drang, alles zu vernichten”. Die Anzahl der Dummen dürfte in Deutschland nicht größer sein als anderswo. Die Anzahl der Fleißigen wahrscheinlich auch nicht. Problematisch scheint aber die Tatsache, dass in Deutschland offensichtlich eine zu große Zahl fleißiger Menschen in Regierungsämtern, Behörden und Verwaltungen massiert, wo sie fleißig dumme Dinge tun.

“Ein wirklich bedrohliches Kaliber sind hingegen dumme Menschen, die zum Fleiß neigen.”

“Den Abgeordneten gilt der Gesetzesausstoß als Leistungsbeweis”, sagt der Juraprofessor Ulrich Karpen über den deutschen Bundestag. Und weil niemand als faul gelten will, sind die Ergebnisse verheerend: “In der Zeit von 1948 bis 1998 sind 5500 deutsche Gesetze sowie 18000 Verordnungen entstanden, alles in allem etwa 85000 Paragraphen.” Im Steuerrecht kommen jedes Jahr 40 neue Erlasse, 200 Bundesfinanzhofurteile, 1000 Durchführungsverordnungen und 3000 Finanzgerichtsurteile hinzu. Alle Versuche, dieser Hydra die Köpfe abzuschlagen, waren bislang vergebens.

Allein die Bewältigung der staatlichen Bürokratie kostet ein Industrieunternehmen im Jahr durchschnittlich 93 000 Mark. Am schlimmsten ist es für Kleinunternehmen und Handwerker, die im Schnitt 6 800 Mark dafür bezahlen müssen, dass man ihnen das Leben schwer macht (die deutsche Ausbildungsverordnung für Gärtner ist 74 Seiten lang).Vorschlag zur Weiterbildung der Staatsbediensteten: Da sich Dummheit nicht beseitigen lässt, sollte wenigstens der Fleiß entsorgt werden.

Fleiß ohne Sinn und Verstand treibt ja mittlerweile die seltsamsten Blüten: Früher haben Menschen gearbeitet, um Geld zu verdienen. Heute scheut der Staat keine Kosten, damit Hundertausende in “Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen” Arbeit simulieren. Wie Hamster im Rädchen werden sie fit für reguläre Arbeitsplätze gemacht, die es für sie nicht gibt. Hinzu kommen nach Angaben des Kieler Instituts für Weltwirtschaft allein in Deutschland etwa 300 Milliarden (!) Mark an staatlichen Subventionen, die zu einem erheblichen Teil in unwirtschaftliche Branchen wie Landwirtschaft, Bergbau oder Fischerei nebst großindustrielle Subventions-Abzocker und den dazugehörigen bürokratischen Wasserkopf gepumpt werden. Auch hierbei handelt es sich um Bezahlung für unsinnige Arbeit, die obendrein oft die Umwelt plündert oder schädigt. Im angelsächsischen Sprachgebrauch wurde dafür der Begriff “perverse subsidies” (perverse Subventionen) geprägt.

“Nichtstun ist in den Ferien viel teurer als am Arbeitsplatz” lautet eine Einsicht geplagter Pauschalreisender. Für zahlreiche Beschäftige in Deutschland und Europa gilt inzwischen das Gegenteil: Es wäre für alle billiger und besser, sie sofort nach Mallorca zu schicken. Doch man stelle sich den öffentlichen Aufschrei vor! Nichtstun ist nämlich nur dann gesellschaftlich akzeptiert, wenn es freiwillig geschieht. In den diversen Fragebögen der Zeitungen und Zeitschriften verraten viel beschäftigte Promis jeder Art gern ihren Traum von “mehr Muße”. Von FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle (“sich ohne Termine treiben lassen”) bis zu Greenpeacechef Thilo Bodo (“nichts Schöneres als Nichtstun”) gehört der Wunsch nach Faulheit zum imagefördernden Repertoire (bitte, bitte, macht es endlich wahr!). Arbeitslose werden hingegen für den gleichen Tatbestand gesellschaftlich verachtet. “Muße als solche erhebt nicht in gesellschaftlichen Rang – geadelt wird man erst durch den täglichen Stress, der die Faulheit zur Sehnsucht macht”, schreibt Ulrike Herrmann in der taz.


Von Arbeitslosen wird verlangt, das sich ihr gesamtes Sinnen und Trachten um die Arbeit
dreht -beziehungsweise um deren Beschaffung. Es wurde daher ein gigantisches System von Scheinlöhnen und Scheinbeschäftigungen installiert, nur um politische Statistiken zu schönen und ein Trugbild aufrechtzuerhalten. Damit ja niemand auf die Idee kommt, wir faulenzten, erfinden wir ständig neue Arbeit, die keine ist. Das lässt sich sogar an unserer Sprache erkennen. Die beiden Humoristen Eckhard Henscheid und Gerhard Henschel haben in ihrem Buch Das Jahrhundert der Obszönität zwei eng beschriebene Seiten durchgeknallter Arbeits-Begriffe gesammelt: “Annährungsarbeit”, “Beziehungsarbeit”, “Friedensarbeit”, “Kulturarbeit”, “Partnerarbeit”, “Projektarbeit”.


Die gesamte Gesellschaft vergöttert Arbeit als Selbstzweck und propagiert ein “Recht auf Arbeit”. So etwas nennt man Angstfleiß. Dem setzte Paul Lafargue einst sein “Recht auf Faulheit” entgegen. Der Schwiegersohn von Karl Marx schrieb: “Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder ... Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende bis zur Erschöpfung der Individuen und Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heilig gesprochen”. Selbst die Freizeit galt es alsbald mit so genannten “sinnvollen” Beschäftigungen auszufüllen.


Heute wird auch ein Nickerchen durch die Erfindung der “schöpferischen Pause” zum integralen Bestandteil der Arbeit erhoben. Selbst die – Gott sei Dank weitgehend verschwundene – schwere körperliche Arbeit wird künstlich wieder zum Leben erweckt. Mittlerweile zahlen fünf Millionen deutsche Fitness-Clubmitglieder hohe monatliche Mitgliedsbeiträge für die Simulation schweißtreibender Knochenarbeit, anstatt wie Opa im Akkord dafür bezahlt zu werden. Und die Krankenkassen zahlen dann noch einmal für reihenweise auftretende Bänderrisse und Bandscheibenschäden.


Der Berliner Spaß-Guerilla der “glücklichen Arbeitslosen” geht das Getue mit der Arbeitsmoral inzwischen gründlich auf den Geist. Statt dumm herumzuhocken und Unzufriedenheit zu heucheln, plädieren sie dafür, sich lieber einen schönen Lenz zu machen: “Immerhin verfügen alle Arbeitslosen über eine preiswerte Sache: Zeit. Das könnte ein historisches Glück sein, ein vernünftiges, sinn- und freudvolles Leben zu führen”. Zur Schau gestellte Freude am Nichtstun würde – siehe oben – jeden anständigen Steuerzahler auf die Palme bringen, käme ihn aber billiger.
Die Anarcho-Arbeitslosen schreiben in ihrem Manifest: “Man rechne einmal nach, wie viel Geld insgesamt von den Steuerzahlern und Betrieben für Arbeitslosigkeit offiziell ausgegeben wird, und dividiere diese durch die Zahl der Arbeitslosen: Na, da sind eindeutig mehr Nullen dran, als wir auf unserem Konto finden, nicht wahr?” Und wer weiß, vielleicht würde das überraschende Wendungen nach sich ziehen. Die Stütze-Spontis jedenfalls wollen es nicht ausschließen: “Es kann auch passieren, dass ein Grüppchen von Arbeitslosen dermaßen glücklich und erfolgreich wird, das sie sich in glückliche Geschäftsmenschen verwandeln.” Das Leben ist eben voller Risiken.