01.11.2002

Ein Krieg, den Bush schon verloren hat

Essay von Mick Hume

Nicht Saddam Hussein ist der eigentliche Gegner der Vereinigten Staaten, es sind die amerikanischen Selbstzweifel. Von Mick Hume.

Nach dem Bombenanschlag in Bali erklärte der amerikanische Präsident George Bush, er wolle den Kampf gegen den Terrorismus nun „an zwei Fronten“ führen – gegen Saddam Husseins Irak und gegen Al Qaida, das geheimnisvolle Terrornetz, dem er den Anschlag zurechnete. Trotz dieser kämpferischen Worte und obgleich der amerikanische Kongress dem Präsidenten alle Kriegsvollmachten eingeräumt hat, wird zunehmend zweifelhaft, ob Bush wirklich in der Lage ist, diese Ankündigung auch umzusetzen.

Die Spannungen im Zentrum der amerikanischen Regierung, also zwischen den „Tauben“ im State Department und den „Falken“ im Verteidigungsministerium, werden immer öffentlicher ausgetragen. Außerhalb des engeren Zirkels um Bush beginnt der nach dem 11. September 2001 geschmiedete nationale Konsens zu zerbrechen. Ein renommierter Kolumnist der New York Times schrieb dazu: „Der Präsident hat schließlich die Zustimmung des Kongresses gewonnen, aber unter außenpolitischen Experten herrscht deutliche Skepsis gegenüber einem Irakkrieg. Selbst in Militärkreisen ist man keineswegs begeistert; General Anthony Zinni, einst Sonderbeauftragter des Präsidenten für den Nahen Osten, hat sich wiederholt gegen eine Invasion ausgesprochen und zieht eine Politik der Eindämmung vor. Selbst der CIA hat seine Bedenken gegen eine Invasion kundgetan.“[1]

Der gleiche Beobachter äußerte sich auch erstaunt über das „erschreckende Tempo“, in dem Kritik an den Kriegsplänen der US-Regierung, die noch vor einem Jahr als unpatriotisch gegeißelt worden wäre, nun „selbst im politischen Mainstream um sich greift“. Und die New York Times gilt manchen aufgrund ihrer kritischen Berichterstattung zum Thema inzwischen sogar fast als linkes Blatt.[2]

Wieso stehen prominente Amerikaner, die Saddam Hussein hassen und sich weder als Pazifisten noch als Anti-Interventionisten betrachten, Bushs Kriegspolitik plötzlich so kühl gegenüber? Hintergrund dieser Entwicklung ist die größte Niederlage, die das amerikanische Establishment je ereilt hat: seine Niederlage in den „Culture Wars“ in den Vereinigten Staaten.

Während das US-Establishment in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nach außen seinen Status als unbestrittene Führungsmacht der Erde verstärken konnte, erlebte es im eigenen Land eine heftige Auseinandersetzung darüber, wofür Amerika eigentlich steht. Traditionelle Vorstellungen von der Überlegenheit des „American way of life“ und der „Manifest Destiny“ der Vereinigten Staaten als globaler Führungsmacht wurden suspekt und fast jeder Aspekt der amerikanischen Geschichte – insbesondere durch den Hinweis auf ihre Kontamination mit Rassismus und Kolonialismus – Gegenstand tiefen Selbstzweifels.

Dieser Kulturkrieg untergrub die alten Gewissheiten über Wahrheit, Gerechtigkeit und den amerikanischen Weg. Und ohne den alten Wertekonsens wurde es erheblich schwieriger, im eigenen Land Zustimmung für Amerikas Abenteuer auf der Weltbühne zu finden. Ihren ersten Höhepunkt erreichte diese Krise im Vietnamkrieg in den 60er- und 70er-Jahren, als Dissens salonfähig wurde und breite Kreise der amerikanischen Mittelschichten sich einfach weigerten zu kämpfen.

"Bush wird heute für Dinge angegriffen, die früher recht unkontrovers gewesen wären.”

Seit der Niederlage in Südostasien gab es in den USA in den 80er-Jahren unter Reagan und Bush senior genauso wie heute unter Bush junior immer wieder Versuche, das „Vietnam-Syndrom“ zu überwinden und traditionelle amerikanische Werte mit neuem Leben zu füllen. Aber die zugrunde liegenden soziokulturellen Trends weisen beharrlich in eine andere Richtung.

Daher wird Bush heute für Dinge angegriffen, die früher recht unkontrovers gewesen wären. Das gilt auch für die von Bush jüngst verlautbarte Doktrin der präventiven Intervention. Folgt man ihren hochrangigen Kritikern, könnte man fast den Eindruck gewinnen, die USA hätten noch nie zuvor eine interventionistische Außenpolitik praktiziert. Dabei hat das Weiße Haus seit Präsident Monroe 1823 in seiner nach ihm benannten Doktrin, welche die gesamte westliche Hemisphäre zur amerikanischen Schutzzone deklarierte, immer wieder das Recht beansprucht, überall dort zu intervenieren, wo es ihm nötig scheint. Selbst Präsident Jimmy Carter, dem gerade der Friedensnobelpreis verliehen wurde, erklärte vor 22 Jahren seine eigene Interventionsdoktrin.

Ähnlich verhält es sich mit der Empörung hochrangiger westlicher Kommentatoren angesichts Bushs Vorschlag eines Regimewechsels im Irak. Als Präsident Clinton und der britische Premierminister Tony Blair vor nur zweieinhalb Jahren in der Absicht, den serbischen Präsidenten Milosevic aus dem Amt zu entfernen, einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien lancierten (wohlgemerkt ohne UN-Mandat), waren von diesen Kritikern keinerlei Bedenken zu hören. Jener Krieg wurde in Einklang mit der zeitgenössischen Sprache der humanitären Intervention als Maßnahme zur Verteidigung der Kosovaren deklariert. Seit traditionelle Konzepte der westlichen Überlegenheit ihre Legitimität eingebüßt haben, bietet die Doktrin der humanitären Intervention mehr oder weniger die einzige verbleibende Rechtfertigung für amerikanische und europäische Interventionen. Selbst der Republikaner Bush sah sich im vergangenen Jahr genötigt, seinem Bombenkrieg gegen Afghanistan durch den Abwurf von Lebensmittelpaketen neben den Bomben einen humanitären Anstrich zu verpassen. Es fällt dem Weißen Haus allerdings wesentlich schwerer, humanitäre Gründe für eine Invasion des Irak vorzubringen.

Das wahre Ausmaß der Niederlage der amerikanischen Elite in den Kulturkriegen des späten 20. Jahrhunderts wird erst heute sichtbar. Wenn es je ein Ereignis gab, von dem man erwartet hätte, dass es einen nationalen und internationalen Konsens über die Rolle Amerikas begründen kann, dann der 11. September 2001. Nach den Terroranschlägen auf New York und Washington schien Amerika wieder vereint, und die vereinzelten Stimmen des Protests verklangen nahezu ungehört, als die Vereinigten Staaten in Afghanistan ihren „Krieg gegen den Terror“ führten. Doch nur ein Jahr später scheint dieses Vertrauen schon wieder aufgebraucht.

In Wirklichkeit war diese Brüchigkeit schon unmittelbar nach dem 11. September sichtbar. Die Unsicherheit über Amerikas Rolle in der Welt äußerte sich sehr deutlich in der gespaltenen Haltung der Öffentlichkeit gegenüber dem Islam. Auch die Bush-Regierung selbst gab eine gewisse Defensivität gegenüber ihrem eigenen Antiterrorkrieg zu erkennen, als sie immer wieder hervorhob, es handele sich nicht um einen Krieg gegen den Islam. Während Bush beim Besuch einer Moschee die Schuhe abstreifte, zog Tony Blair mit dem Koran im Arm um die Welt, um Bündnispartner für den Krieg zu gewinnen. Andere gingen viel weiter. Neben ihrer Flagge präsentierten viele Amerikaner Schilder, die ihre Nachbarschaft als „hassfreie Zone“ deklarierten. Studenten und Professoren an den führenden Universitäten des Landes protestierten lautstark gegen eine vermeintliche (aber überwiegend unsichtbare) Woge amerikanischer „Islamophobie“. Manche trugen einen Tag lang islamische Gewänder, um ihre Sympathie mit islamischen Studenten zu bekunden. Viele andere belegten Kurse über den Islam und die arabische Welt.

Ein Jahr später ist noch deutlicher geworden, wie stark kulturelle Spannungen die Haltungen gegenüber dem Krieg gegen den Terror prägen. Besondere Aufmerksamkeit erregt in den USA zur Zeit die Kontroverse über den offiziellen „Poet Laureate“ von New Jersey Imamu Amiri Baraka. In seinem Gedicht „Somebody Blew Up America“ behauptet Baraka, die amerikanischen Nachrichtendienste seien im voraus über die Angriffe auf New York und Washington unterrichtet gewesen. Das Gedicht endet mit der Frage: „Wer sagte den 4.000 israelischen Arbeitern in den Zwillingstürmen/dass sie an jenem Tag zu Hause bleiben sollten/Warum blieb Sharon fern“.[3] Interessant ist, dass er diesen Unsinn im Oktober 2001 schrieb – also Monate, bevor er zum offiziellen Staatsdichter ernannt wurde. Kürzlich fand eine literarische Veranstaltung statt, auf der Baraka sich nicht nur weigerte zurückzutreten, sondern dafür gefeiert wurde, dass er die Mitglieder der Bush-Regierung als weiße Rassisten und gefährlichste Terroristen der Welt beschimpfte.

"Jede amerikanische Institution – selbst das Militär – wird inzwischen durch das schwindende Vertrauen in traditionelle amerikanische Werte geschwächt.”

Aber die Folgen der „Culture Wars“ zeigen sich nicht nur an den Universitäten oder in kulturellen Kreisen. Jede amerikanische Institution wird inzwischen durch das schwindende Vertrauen in traditionelle amerikanische Werte geschwächt. Das gilt selbst für das amerikanische Militär: Seit Jahren fehlt es ihm an Rekruten, die bereit sind, für ihr Land zu kämpfen. Zwar meldeten sich nach dem 11. September viele Veteranen zu den Fahnen, aber es gab keine Welle junger Freiwilliger wie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Zweiten Weltkrieg. „Militärbeamte und andere Experten, die Rekrutierungstrends verfolgen, sagen, die Zahl der Freiwilligen, die den vier Waffengattungen beitreten wollen, sei von den Terrorangriffen großenteils unbeeinflusst geblieben“, so eine Studie vom August 2002.[4] Anderswo wurde getitelt: „Keine Rekrutenwelle für den Kampf gegen Saddam“.[5]Bedeutender noch ist der Einfluss, den der Kulturkrieg und das „Vietnam-Trauma“ auf die Qualität jener genommen haben, die dennoch den Streitkräften beitreten. Heute konkurrieren im Training dieser Rekruten traditionelle militärische Werte mit therapeutischen Vorstellungen und den Normen der Political Correctness. Schon während des Kosovokriegs im Jahre 1999 äußerten Experten Bedenken darüber, „dass die (amerikanische) Armee oft bestrebt scheint, sich in eine große, glückliche, multikulturelle Familie zu verwandeln“. Sie berichteten von einer weiblichen Generalmajorin, die kampfgestählte Leutnants in „der neuen Höflichkeitspolitik der Armee, genannt COO“ unterwies (Consideration of Others – Achtung vor Anderen) und sie warnte, dass Soldaten „ohne Einfühlungsvermögen“ nicht geduldet würden.[6]

In den letzten Jahren prägte das, was ein Verteidigungsexperte als „postheroische Strategie“ bezeichnet hat, die Schlachtpläne des amerikanischen Militärs. Oberste Priorität hat dabei offenbar die Vermeidung amerikanischer Verluste nach dem Motto: „Leave no Man Behind“. Die Folge sind Langstreckenkriege wie im Kosovo oder in Afghanistan, in denen die USA alles am Boden aus großer Höhe bombardieren, während ihre Kommandeure sich weigern, Bodentruppen in den Kampf zu schicken. Das Ergebnis dieser Kampfscheu veranschaulicht das Debakel des Afghanistankriegs.[7]

Zweifellos möchten viele Mitglieder der Bush-Regierung die Kampagne gegen den Irak nutzen, um die kulturellen Niederlagen des Konservatismus umzukehren. So schreibt die liberale Kolumnistin der New York Times, Maureen Dowd: „Für die Bush-Falken ist dies das letzte Kapitel der Culture Wars, der konservative Traum von der Wiederherstellung des amerikanischen Glaubens an die Manifest Destiny…. Die Ablösung Saddams soll beweisen, wie hart wir einer Welt gegenübertreten, die meint, wir seien weich geworden, seit jener letzte Hubschrauber 1875 das Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon verließ.“[8]

So groß ihr militärischer Ehrgeiz auch sein mag – die Wirklichkeit lässt eher vermuten, dass es den Falken nicht gelingen wird, die amerikanischen Eliten für einen rückhaltlosen Krieg gegen den Irak zu mobilisieren. Nach ihrer Niederlage im Kulturkrieg scheinen sie nicht mehr in der Lage, überzeugende Argumente für einen Krieg vorzubringen, an dem selbst viele ihrer eigenen Anhänger nicht teilnehmen möchten.

"Es ist die logische Konsequenz der Autoritätskrise in Washington, dass die lauthals verkündete Invasion des Irak mit 200.000 Mann nicht stattfinden wird.”

Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine starke oder kohärente Bewegung gegen den Krieg. Die meisten prominenten Bush-Kritiker sind keinen Deut anti-militaristischer als er selbst. Hier herrscht Zynismus, Indifferenz und die moralische Feigheit jener, die Bushs lächerlicher Behauptung zustimmen, Saddam Hussein sei ein zweiter Hitler, sich aber gleichzeitig vor den Folgen eines konsequenten Durchgreifens fürchten. Ein Kolumnist der Washington Post beschriebt die Zweifler im Demokratischen Lager sehr treffend als geteilt zwischen jenen, „die sich vor den unbeabsichtigten Folgen des Handelns ängstigen“ und jenen, die „sowohl die Folgen des Handelns als auch jene des Nichthandelns“ fürchten.[9] Prinzipien sind unter den Kriegsgegnern, die noch mehr von Angst getrieben scheinen als die Regierung, nicht festzustellen.

Es ist die logische Konsequenz der Autoritätskrise in Washington, dass die lauthals verkündete Invasion des Irak mit 200.000 Mann nicht stattfinden wird. Bush wird den Willen nicht aufbringen können, eine solch grandiose Eroberung umzusetzen. Aber Kriege folgen nicht der Logik. Wie die Dinge sich in dieser hochexplosiven Atmosphäre weiterentwickeln, lässt sich nicht vorhersagen. Auf den grünen Tischen im Pentagon liegen zweifellos jede Menge denkbarer Kombinationen von Luftkrieg und militärischen Inkursionen.

Über eines können wir jedoch sicher sein: Welche Option gegenüber dem Irak auch immer schließlich zur Anwendung kommt, sie wird den globalen Einfluss der Vereinigten Staaten in jedem Fall schwächen und die Konfliktlage innerhalb des Landes verschärfen. Einerlei wie der Krieg gegen den Irak ausgeht – der Kulturkrieg wird im 21. Jahrhundert weiter einen dunklen Schatten auf Amerika werfen.