01.05.2007

Editorial

Von Thomas Deichmann

German Aufbruch `07 - Erregungen über den Zustand der Menschheit und unseres Planeten (begleitet von Betroffenheitsritualen, Opfergetue, Demutsversprechen und Spargelübden) werden mittlerweile im Monatsrhythmus abgespult. Es mehren sich zwar vereinzelt Gegenstimmen, das Frappierende ist aber: Zu wenige Menschen versuchen, der „hysterischen Zukunftsangst“ (Matthias Horx) Paroli zu bieten.

Die Politik liebt ihre Knuts sowie die Klima- und andere Katastrophen, um zu signalisieren: „Liebe schutzbedürftige Verbraucher, wir wissen, wo’s langt geht.“ Viele Medien eifern fleißig mit – so auch die Bild, die neuerdings in offizieller Mission gemeinsam mit Greenpeace und Co. danach trachtet, den (zum x-ten Mal angekündigten und ausgefallenen) Weltuntergang abzuwenden.
Anbiederung an Fortschrittsmuffel oder Panikmacher gehört längst auch in der Industrie zum guten Ton. Suchen Sie einmal nach einer Firmenwebsite, die frei ist von Huldigungen des „Vorsorgeprinzips“ und anderem Nachhaltigkeitsgebrabbel. Der Milchmulti Campina hat sich im letzten Jahr (anders als die Müllermilch-Gruppe) im Zuge der engstirnigen Kampagne gegen gentechnisch veränderte Futtermittel vorsorglich und nachhaltig in den Greenpeace-Schwitzkasten nehmen lassen. Jetzt kuscht der Lebensmittelgroßhandel als Defensivreaktion auf den vermeintlichen „Pestizidskandal“ bei Obst und Gemüse. Firmennormen schreiben den Hauslieferanten neuerdings Grenzwerte für Pflanzenschutzmittelrückstände weit unterhalb der gesetzlichen Toleranzen vor. Ein Apfel, der dieser „Fühlnorm“ entspricht, ist nicht gesünder, wohl aber erscheint jetzt plötzlich Obst und Gemüse, das allen wissenschaftsbasierten Qualitätsanforderungen genügt, als potenziell giftig. So stärkt man die Autorität der deutschen Angstindustrie.
Den Knüller bietet die Lidl-Kette, die von Greenpeace zunächst scharf kritisiert wurde. Seit Sommer 2006 verkauft der Discounter das Greenpeace-Magazin in seinen über 2600 deutschen Filialen – unter Umgehung des Pressegrossos. Das wäre nicht der Rede wert, gäbe es da nicht ein interessantes Detail: Lidl rechnet nicht (wie sonst üblich) nur die verkauften Magazine ab (und remittiert den Rest), sondern steht für die bestellte Gesamtmenge von ca. 100.000 Stück gerade – die genaue Anzahl verrät leider niemand. Für eine Tagesmeldung des Greenpeace-Magazins, in der man den Lidl-Chef abfeierte, wurde verschmitzt formuliert (als kenne man nicht einmal in Hamburg die exakten Zahlen), es „soll sich um ein gewaltiges Stück der Gesamtauflage handeln“ (18.4.07).
Eigene Recherchen lassen darauf schließen, dass ein Großteil dieser Magazine später im Altpapier landet, weil sie bei Lidl keine Abnehmer finden. Trotzdem klingeln mit jeder Ausgabe satte, vermutlich sechsstellige Eurobeträge in der Kasse des Greenpeace-Magazins. Da könnten wir bei Novo schon fast neidisch werden: Chapeau nach Hamburg für dieses originelle Geschäftsmodell! Nehmen wir es also lieber spaßig, wie auch folgende Frage: Hat in Hamburg jemand nachgerechnet, wie viel CO2 durch diesen Deal nur für volle Lidl-Altpapiercontainer emittiert wird? Beim zweiten „Supermärkte-Pestizid-Vergleich“ belegte Lidl übrigens einen Spitzenplatz. Ein Zusammenhang mit dem Magazinverkauf ist aber natürlich ausgeschlossen.


Für das vorliegende Heft haben unsere Autoren kräftig in die Tasten gehauen, um diese wie andere Gepflogenheiten freundlich, aber mit Nachdruck zu hinterfragen. Ganz besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen die Beiträge von Frank Furedi, Matthias Horx, Michael Miersch, Sabine Reul, Lee Silver, Stuart Simpson sowie meinen eigenen Essay.


Anregende und unterhaltsame Lektüre wünscht Ihr

 


Thomas Deichmann
Chefredakteur