01.03.2006

Editorial

Von Thomas Deichmann

Energieverschwendung

Angesichts der politischen Eskalationen im Zuge des Karikaturenstreits und der iranischen Atompolitik erschienen die innenpolitischen Fragen, die hierzulande die Gemüter bewegten (Rentenalter, 35-Stunden-Woche, Energie), fast trivial. Wenn die anfänglichen Reaktionen auf den Abdruck der „Mohammed-Karikaturen“ im In- und Ausland etwas zeigten, dann wohl vor allem das Unvermögen von Politikern und Intellektuellen, Ideen zu formulieren, die den Menschen weltweit einen gemeinsamen Weg in eine bessere und friedliche Zukunft aufzeigen könnten.
Stattdessen werden die Schützengräben immer tiefer. Strömungen in der islamischen Welt präsentieren sich als „Opfer“ großspuriger Ambitionen des „Westens“. Unterstützung erhalten sie von westlichen Kulturpessimisten des traditionell „linken“ Lagers. Betriebsblind zelebrieren sie ihr Lieblingsfeindbild USA und den vermeintlich progressiven „Multikulturalismus“. Aus den westlichen Regierungsstellen werden die Schuldzuweisungen in Richtung Naher Osten zurückgeschickt, und es werden Angstszenarien ob der „muslimischen Bedrohung“ der „freien Welt“ verbreitet.
Von einem „Dialog zwischen Okzident und Orient“ kann kaum noch die Rede sein. Statt Brücken zu schlagen, an denen sich Menschen, egal welcher Abstammung und Religion, orientieren könnten, sehen wir allerorts provinzielle Abschottung und spontanen Partikularismus. Die einen gießen mit ihren Schuldzuweisungen Öl ins Feuer der Emotionen, den anderen fällt nichts Besseres ein, als laut über eine „deutsche Leitkultur“ oder rigidere Einwanderungskriterien nachzudenken. Sabine Reul kommentiert diese Besorgnis erregenden Tendenzen. Sie schlägt vor, die „Obsession mit kultureller Fremdheit“ aufzugeben, um dem „Gedanken des Universalismus“ wieder mehr Geltung verschaffen zu können.


An aufklärenden universalistischen Positionen mangelt es auch in der hiesigen Energiediskussion, die wir zum Schwerpunktthema dieser Novo-Ausgabe gewählt haben. Anlass hierfür ist auch der 20. Jahrestag des Reaktorunfalls in Tschernobyl im April. Statt von Sachverstand und Fortschrittswillen ist die aktuelle Energiepolitik eher von ökologistischem Pathos und durch Angst vor Veränderung geprägt. Pessimismus und die mangelnde Fähigkeit, sich vorzustellen, dass gesellschaftlicher Wandel in positive Bahnen gelenkt werden kann, sind mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. Mit einer latenten Weltuntergangsstimmung im Nacken werden geistige und materielle Ressourcen verschwendet. Zum Ausdruck kommt die Sehnsucht nach einem Leisetreten der Menschheit nicht zuletzt darin, dass „Energiesparen“ zum zentralen Dogma der Diskussion geworden ist, obwohl wir längst über das Wissen und die technologischen Voraussetzungen verfügen, die Energieerzeugung massiv zu steigern, um ambitionierte technologische Projekte im globalen Maßstab anzugehen und insbesondere in den Entwicklungsländern den Lebensstandard anzuheben.