01.09.2007

Editorial

Von Thomas Deichmann

Geplante Bildung - „Ein Gespenst geht um in den Universitäten – das Gespenst des Neoliberalismus.“ So beginnt unser „Hörsaal“ zum Thema Bildung und Forschung von Boris Kotchoubey. Unser Autor kritisiert die schleichende Ökonomisierung der deutschen Hochschulen und rät jenen, die sich von der „Qualität“ einer ausschließlich auf den Markt orientierten Forschung überzeugen wollen, einen Blick nach Russland zu werfen. Die einst berühmte russische Grundlagenforschung sei, dank der Marktfokussierung, mittlerweile fast vollständig ausgerottet. Ein russischer Professor oder Institutsleiter verdiene mitunter weniger Geld als eine Putzfrau.

Von diesen Zuständen sind wir ohne Frage weit entfernt. In vielen Bereichen der Politik dominiert aber auch hier und heute ein technokratischer Ansatz, der komplexe gesellschaftliche Prozesse auf mathematische Gleichungen und Zielvorgaben zu reduzieren versucht. Kotchoubey spricht in diesem Sinne auch von einer Regulierungsbesessenheit, die sich unweigerlich zu den Ökonomisierungstendenzen geselle, und er wagt die Prognose: „Die Befürchtung, dass die deutsche (vielleicht auch die europäische) Wissenschaft zu Wirtschaft verkommt, mag berechtigt sein. Aber nicht zur Marktwirtschaft, sondern zur Planwirtschaft.“ Befördern neuerdings auch marktliberale Ansätze aufgrund ihres einseitigen Reduktionismus’ postmoderne Betonstrukturen?
Die beschriebene Regulierungswut scheint heute ein zentrales Markenzeichen unterschiedlichster politischer Strömungen zu sein – seien sie offiziell eher marktliberal oder staatsdirigistisch orientiert. So werden auch Schulen und Kindergärten von allerlei Strategen in Programme und Pläne gepresst und müssen fortan kontrolliert funktionieren. „Controlling und nochmals Controlling“ sei heute an Schulen angesagt, beklagt Josef Kraus an anderer Stelle unseres Magazins. Das klassische „Kerngeschäft“ der Wissensvermittlung verkümmere hingegen immer mehr. Kraus fordert eine „Re-Kultivierung unserer Gesellschaft und unseres Bildungsgeschehens“. Mehr zum Thema lesen Sie in diesem Novo auch bei Frank Furedi und Hubert Markl. Passt zu den monierten Entwicklungen nicht auch die von Carl Wiemer angeprangerte Konfektionierung des deutschen Literaturbetriebs? Lesen Sie selbst.
Anregende Lektüre wünscht Ihr

 


Thomas Deichmann