01.07.1999

Dürfen Kinder nicht normal sein?

Analyse von Patrick Körber

Mobbing-Experten gibt es zum Leidwesen von Kindern und Jugendlichen jetzt auch vermehrt an Schulen. Von Patrick Körber

Der Mobbing-Experte Karl Dambach ist der Auffassung, es sei unstrittig, daß “Mobbingverhalten in der Schule gelernt, trainiert und verfeinert wird” (Mobbing in der Schulklasse). Seit rund drei Jahren überschlagen sich Pädagogen und Psychologen, die Schule zu einem Ort zu machen, wo ein friedliches Miteinander nicht mehr existiert. Diffuse Ängste und Mißtrauen werden auf die junge Generation projiziert. Der Schulhof erscheint vielen als Hort des Schreckens. “Schüler sagen, daß sie Angst vor Klassenkameraden haben; Eltern ziehen aufs Land, um ihre Kinder nicht dem Frankfurter Schulalltag auszusetzen, Schulleiter gestehen – hinter vorgehaltener Hand – ihre Ohnmacht”, hieß es in der Frankfurter Rundschau (18.5.99). “Der neue Begriff, vom englischen ‚Mob’ (Pöbel) hergeleitet, beschreibt eine vertraute Erscheinung: Fast jeder Schüler hat schon das Drangsalieren, Quälen, Beschimpfen oder Ausgrenzen einzelner durch gleichaltrige Klassentyrannen miterlebt, fast jeder Erwachsene kann sich erinnern”, meinte der Spiegel (34/1997).
Daß Spotten über den Mitschüler, Rangeleien oder Prügeleien in der Schule nichts Neues sind, darüber sind sich die Mobbing-Analytiker einig. Jedoch hat sich in den vergangenen Jahren die Perspektive, mit der Jugendliche beobachtet werden, verändert. Der Begriff Mobbing verrät schon, daß Verhaltensweisen, um die man früher kaum Aufhebens machte, nun mit Argwohn betrachtet werden und die Intervention Dritter (Pädagogen, Psychologen) nach sich ziehen. Doch verbirgt sich hinter “Mobbing in der Schule” im Grunde nichts wirklich Problematisches. Beleidigen, Hänseln oder Schlagen sind zwar keine lobenswerten Züge, doch gehören sie zum normalen Aufwachsen von Kindern dazu.
In der Schule kommen Kinder zum ersten Mal mit vielen Gleichaltrigen auf lange Zeit zusammen. Das schafft Konflikte. Daß sie zu deren Bereinigung dieser immer reife oder faire Mittel wählen, versteht sich von selbst. Das müssen sie erst lernen. Dabei gilt es, Erfahrungen zu sammeln und Grenzen zu erleben. Heute wird hingegen suggeriert, daß Kinder und Jugendliche immer einen Dritten brauchen, um Probleme auszuräumen. Man vergißt dabei völlig, daß auch schon Kinder ein Gefühl für Loyalität und Fairneß haben, was gefördert und nicht auf den Kopf gestellt werden darf.

Jeder fünfte Mobber wird gemobbt

Die wissenschaftliche Literatur ist voller Paradebeispiele dafür, daß der normale Schulalltag zu einem außergewöhnlichen Problemfeld erklärt wird. Im Rahmen einer Studie der Psychologen Reimer Knaack und Reiner Hanewinkel wurden 14788 Grund-, Haupt- und Realschüler und Gymnasiasten ab Klasse 3 in anonymen Fragebögen zum Thema Mobbing befragt. Das Ergebnis scheint verheerend: 21 Prozent aller Befragten geben an, häufiger bis mehrmals in der Woche gemobbt zu werden, 22,6 Prozent bekennen sich dazu, ein Mobbing-Täter (der häufiger als zweimal wöchentlich andere drangsaliert) zu sein. Doch das ist kein Wunder, denn die Definition der Psychologen für Mobbing kann alles meinen: “Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines/einer oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist”. Unter negativen Handlungen können verstanden werden: Worte (Drohen, Spotten, Hänseln, Beschimpfen), Körperkontakt (Schlagen, Stoßen, Treten, Kneifen, Festhalten), und ohne Worte und Körperkontakt: Fratzenschneiden, schmutzige Gesten, Ausschluß aus einer Gruppe, Weigerung, den Wünschen eines anderen entgegenzukommen. Dabei betonen die Wissenschaftler, daß nur solche Fälle gemeint sind, wo ein “Ungleichgewicht der Kräfte” – körperlich oder seelisch – vorliege.
Anscheinend meint Mobbing also so gut wie jedes Verhalten, das nicht den Umgangsformen im Knigge entspricht. Schon die wiederholte Bemerkung “deine gelbe Bommelmütze ist häßlich” entspräche dem Tatbestand des Mobbings, wenn der Bommelmützenträger seelisch von schwächerer Konstitution wäre. Ans Absurde grenzt auch der Hinweis aufs “Kneifen”. Es ist nichts Besonderes daran, daß Kinder ihre Mitschüler durch körperliche Piesackereien provozieren. Doch mit ihren Eltern machen sie es oft ähnlich: Kinder nerven ihre Eltern so lange, bis sie zumindest einen Rüffel bekommen. So lernen sie ihre Grenzen kennen. Doch hilft es ihnen nicht, wenn sie einen kompletten Verhaltenskodex mit auf den Weg bekommen, wie sie mit Gleichaltrigen zu streiten haben. Denn auch als Erwachsene sind Menschen darauf angewiesen, allein mit den anderen zurechtzukommen. Auch Beschimpfungen sind im Prinzip eine ganz gute Angelegenheit. Denn wenn ein Kind nun meint, daß sein Mitschüler ein Idiot ist, wird er es ihm mitteilen – sicher mit derberen Kraftausdrücken. Was ist daran dramatisch? Es ist kein Geheimnis, daß Kinder einen besonderen Reiz verspüren, “Pfui-Wörter” zu gebrauchen, gerade weil es ihnen verboten wird. Folgt man der Logik der Psychologen, dann hätten Kinder nur noch Defizite beim Umgang miteinander.

Psychische Gewalt

In einer 1999 veröffentlichen Studie von Wissenschaftlern der Universität Bielefeld ergibt sich ein ähnlich dramatisierendes Bild. Rund 3500 hessische Schüler aus allen in Hessen vorkommenden Schulformen der Klassen 6 bis 10 wurden nach bestimmten Delikten, die sie begangen haben, gefragt. Durchschnittlich 35 Prozent von ihnen gaben an, innerhalb der letzten 12 Monate sich mehrmals mit anderen geprügelt zu haben. 65 Prozent von Schülern der neunten und zehnten Klasse haben laut der Untersuchung innerhalb eines Jahres mehrmals andere Schüler gehänselt, 55 Prozent andere Schüler mit gemeinen Ausdrücken beschimpft, und 46 Prozent haben andere mit Sachen beworfen. “Hänseln”, “Beschimpfen” oder “andere mit Sachen bewerfen” wird von den Bielefelder Jugendforschern unter den Terminus “psychische Gewalt” subsumiert.
Wie schon in der Studie von Knaack und Hanewinkel wird mit gewaltigen Begriffen operiert (diesmal statt “Mobbing” mit “Psychischer Gewalt”), die ein völlig falsches Bild von Schülern geben. “Sachen werfen” schon als Quasi-Psychoterror zu bezeichnen, stellt eher die Seriosität einer Studie in Frage, als daß die Realität objektiv dargestellt würde. Na klar: Schüler wollen sich produzieren, am liebsten hinter dem Rücken des Lehrers. Dabei zieht oft immer ein und derselbe Mitschüler den kürzeren. Meist weil er sich anders verhält, als es seine gleichaltrigen Spötter akzeptieren. Doch gerade durch solche Rangeleien entdecken junge Menschen eine Welt, in der es sich zu behaupten gilt.

Mobbing in Asterix?

Da man mittlerweile jeden Disput durch schwache und allgemeine Definitionen zum Mobbing erklären kann, steht im Prinzip fest: Jeder ist ein potentielles Opfer von Mobbing, aber jeder ist natürlich auch ein potentieller Täter. Diesen Eindruck vermittelt auch Karl Dambach in seinem Buch Mobbing in der Schulklasse. Als Beispiel für die vermeintliche Akzeptanz für die Unterdrückung anderer führt Dambach den Comic Asterix an. Vorwurfsvoll stellt der Pädagoge fest, daß sich die Millionen von Lesern an dem Schicksal des Sängers Troubardix erfreuen, der regelmäßig von seinen gallischen Kollegen geschlagen, gefesselt und geknebelt wird. “Dies wird offensichtlich als lustig empfunden… Die Leser wollen es (und kaufen es).” Aus dieser konstatierten Latenz für Mobbing erklärt sich für Dambach fast von selbst, daß dagegen etwas getan werden muß.
In der Studie von Knaack und Hanewinkel werden die Schwerpunkte für die Schulen in der Gewaltprävention beschrieben: Schulhofgestaltung, Klassengespräche über Konfliktbewältigung, Verbesserung der Pausenaufsicht, Arbeit mit Tätern/Opfern usw. Festgestellt und bedauert wird in der Fachliteratur zudem, daß Opfer von Mobbing sich nicht an Lehrer wenden und sie um Hilfe ersuchen. Bei den Opfern sei das Vertrauen in die Entschlossenheit und in die Möglichkeiten der Lehrer gering. Die Opfer befürchteten durch “Petzen” weitere Repressalien, oder es sei den Gemobbten einfach peinlich, führt die Untersuchung aus Schleswig-Holstein als Gründe dafür an. Zudem sei “es der Schule und den Eltern bisher nicht gelungen, den Kindern die Bedeutung der Differenzierung zwischen ‘Petzen’ einerseits und der notwendigen Information Erwachsener bei grob antisozialem Verhalten andererseits zu vermitteln” (Hanewinkel / Knaack).
Der letzte Punkt zeigt eine Qualität des Verhaltens von Kindern, die ihnen an anderer Stelle abgesprochen wird: Loyalität. Selbstverständlich scheint bedingungslose Loyalität nicht gegenüber dem Mitschüler angebracht, der andere drangsaliert. Aber trotz Repressalien durch Mitschüler zeigen die Gehänselten oft ein gesundes Gefühl dafür, wer ihnen eigentlich näher steht: nicht der Lehrer, sondern die Mitschüler. Ein solches Gemeinschaftsgefühl, das erwachsene Autoritäten in Frage stellt, ist alles andere als schlecht. Es fördert letztlich die Sozialkompetenz. Das Kind lernt zudem, auf sich selbst angewiesen zu sein, selbständig zu handeln und mit Konflikten eigenständig fertig zu werden. Kindern nach Erhalt der Schultüte mit Anti-Mobbing-Kampagnen oder Gewaltpräventionsprogrammen zu zeigen, daß sie keinem anderen trauen dürfen, ist eine furchtbare Perspektive.