24.09.2009

Dünne Luft auf dem Gipfel der Kultur

Von Sophie Linnenbaum

Politiker suchen Niveau und bücken sich dafür sehr tief.

Die mausbraunen Haare flattern im Wind, ein spitzbübisches Lächeln, die Finger als Victory-Zeichen empor gereckt. Knapp war die Wahl, doch am Ende – wie sollte es anders sein – war es der Publikumsjoker, der den entscheidenden Ausschlag gab. Ja, Günni ist glücklich. Günni hat es geschafft. Günni Jauch ist Bundespräsident…

Plopp – die Seifenblase platzt. Wir reiben uns die Augen und blinzeln in das fade Grau der Politik. Denn während wir Deutschen nur von dem richtigen Mann an unserer Spitze träumen können, haben andere Länder den Absprung in ein neues, buntes Leben bereits geschafft. Kalifornien, fest in der Hand eines ehemaligen Cyborgs, zum Beispiel. Oder die kleine Stadt Hartlepool in England, regiert von ihrem Football Maskottchen, H’Angus the Monkey. Das Wahlversprechen? Free bananas for all schoolchildren!

Professionelle Promi-Politik oder vollendete Volksverdummung – fest steht, die Stars und Sternchen haben sich aus dem engen Korsett der Frauenzeitschriften und Klatschmagazine längst herausgeschält. Wo wir auch sind, flimmern uns Heidi und Co entgegen. Flucht ist zwecklos, solange die Kübelböcks und Bohlens sogar die oberen Stufen der Bestsellerlisten besiedeln.

Überlebensgroß, prominent, omnipotent – sie sind überall – und selbst aus unseren herrlich intellektuellen Köpfen nicht mehr wegzudenken. Aber was reitet Menschen, einen Mann im Gorillakostüm zum Bürgermeister zu küren? Warum bleiben Mienen, die sich bei den Worten „Küblböck“ und „Gurkenlaster“ aufhellen, bei „Göbel“ und „Glühbirne“ zappenduster?

Der erste Grund ist so schlicht wie unser Fernsehprogramm selbst: Nach dem zermürbenden Arbeits- oder Hartz IV-Tag gönnt der Deutsche seinem Gehirnmuskel eben gern ein bisschen Entspannung. Nicht leichte Kost, Unterhaltungsbulimie ist gefragt. Wer da nicht den Kopf frei bekommt, dem kann nicht geholfen werden.

Und praktischerweise sind Informationen über unsere Medientitanen nicht nur besonders leicht verdaulich, sondern auch mit wertvollen Emotionen angereichert. Diese kitzeln eine wichtige Schaltstelle im Gehirn, die Amygdala, durch die wir Wissen besser abspeichern. Gefühlsduselei als Merkvorteil quasi. Wir können die Prominenz also nicht nur nicht übersehen, wir können sie auch nicht vergessen.

Wollen wir auch gar nicht. Wir haben sie doch so lieb – sagt zumindest die Psychologie mit ihrem Mere-Exposure-Effekt. So schlossen Studenten in einem Experiment nach ein paar Wochen Freundschaft mit einem Unbekannten in einem schwarzen Sack, nur weil er jeden Tag schweigend in ihrer Vorlesung saß. Wird uns also ein Stimulus bis zum Erbrechen präsentiert, schließen wir ihn schließlich in unser Herz. Siehe Daniel Küblböck.

Nur – dieser Effekt funktioniert nicht immer. Klatscht man uns etwas um die Ohren, das in uns schon von Anbeginn den Brechreiz reizt, wird unsere Abneigung noch verstärkt. Siehe ebenfalls Daniel Küblböck.
Kein Wunder also, dass es der gute Daniel geschafft hat, eine ganze Nation zu spalten. Ach, ach, das ewig geteilte Land. Denn während manch einer sich fragt, wie lange es noch dauert, bis „Fremdscham“ in den Duden aufgenommen wird, schauen 5,86 Millionen Deutsche auch dieses Mal wieder bei DSDS dumm in die Röhre.

Und Bohlen? Wird zum „Aushängeschild für Deutschland“ deklariert. Wen wundert es, dass bereits andere Sterbliche nach solch heiligen Würden streben. Die Politiker sind es, die zaghaft an die Türen des Ruhmes klopfen. Um dem Volk die Hand zu reichen, muss man sich heute tief bücken. So drängelt und schubst sich, was in der Politik Rang und Namen hat, an den Morast der Oberflächlichkeit.

Merkel zum Beispiel überzeugt in Oslo mit einem „Überraschungdekoltee“ und zeigte damit laut der Chefredakteurin der Bunte „eine andere, menschliche Seite von sich“. Mal eben durch den Ausschnitt in das Innere des Menschen geguckt. Politische Ideale und Ziele? Zu kompliziert, sagt die Bunte.

Ja, Jubel, Trubel, Heiterkeit, so einfach war Politik noch nie. Da kann man mit Gysi jetzt im Internetforum StudiVZ politisch diskutieren, Westerwelle hübsche Beschimpfungen auf der digitalen Pinnwand hinterlassen, Steinmeier auf lustige Nacktbildchen verlinken – oder wahlweise alle mit einem einzigen Klick ignorieren. Die Kontaktaufnahme zum Volk scheint bestanden, die Grenzen überschritten.

Dabei war der Weg eigentlich gar nicht so weit. Der eigentliche Grund, warum wir uns nach den Sternen strecken, ist nämlich ein ganz primitiver. Denn seien wir ehrlich, in der ganzen Diskussion geht es weder um Günni, Merkel oder Bohlen – es geht nur um uns.

Die da oben, das sind wir. Sie haben ihre Fehler, die eigentlich unser Fehler sind. Sie bringen unsere Zahnlücken auf Modenschauen zur Geltung und unsere fehlende Bildung zu Weltruhm. Wunder geschehen, das unbegreifbare des Göttlichen zeigt sich uns in elektromagnetischen Wellen. Vor unseren Augen wird Susan Boyle, das hässliche Entlein, zum Weltstar. Selber hässlich? Prima, dann sind Sie ja quasi berühmt.

Lebenstraumteleshopping ganz bequem aus dem heimischen Fernsehsessel. Eine Boyle wird zum Messias, zu einem Bindeglied zwischen uns und unserer Gottheit. „Ein Gebet ist immer auch ein Selbstgespräch“, sagt Dieter Bohlen – und der muss es ja wissen.

Ist es da noch überraschend, dass das GNTM-Finale ein Zuschauerrekordhoch zu verzeichnen hatte, während sich die Europawahl mit einem Rekordtief herumschlagen musste? Aber kein Grund, den Kopf hängen zulassen. Immerhin gaben 60mal so viele Deutsche bei der Europawahl ihre Stimme ab, wie bei dem Finale von Germany’s Next Top Model vor dem Fernseher saßen.

Apropos Politik. Das Football Maskottchen H’Angus the Monkey wurde dieses Jahr wiedergewählt. Und auch die Zukunftsaussichten für die deutsche Bundeskanzlerwahl am kommenden Sonntag sind klar vorgezeichnet: Merkel, im sexy Hosenanzug und feschem Pilzkopf, schreitet schüchtern vor Dieter Bohlen. „Liebe Nation, ich hab dir was zu sagen“, schmettert sie aus vollem Hals. Dieter grinst breit: „Also für mich bist du weiter!“