01.07.1999

Drogendollar für den Freiheitskampf

Die Kosovo Befreiungsarmee (UCK) gilt als achtbare nationalistische Bewegung. Doch die UCK wird in stillschweigendem Einvernehmen der westlichen Alliierten vom organisierten Verbrechen finanziert. Der Multimilliarden-Dollar-schwere Drogenhandel spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Von Michel Chossudovsky

Die Verflechtung der UCK mit Verbrechersyndikaten in Albanien, der Türkei und in Europa ist westlichen Regierungen und Geheimdiensten seit Mitte der 90er Jahre bekannt. Sie wurde in europäischen Polizeiakten und Studien umfangreich dokumentiert: “Die Finanzierung der Kosovo-Guerilla ist eine kritische Frage und testet auf schmerzhafte Weise die Ansprüche einer ‘ethischen’ Außenpolitik. Soll der Westen eine Guerillaarmee unterstützen, die offenbar vom organisierten Verbrechen finanziert wird?”, fragten Journalisten der Times.er[1]
Während UCK-Führer der US-Außenministerin Madeleine Albright in Rambouillet die Hände schüttelten, war Europol damit beschäftigt, “einen Bericht für die europäischen Innen- und Justizminister über die Verbindungen zwischen der UCK und albanischen Drogenbanden zu verfassen.”er[2]

Die Rebellenarmee wurde von den internationalen Medien in den Monaten vor den NATO-Luftangriffen als weitgehend repräsentativ für die ethnischen Albaner im Kosovo avancierte. Mit UCK-Führer Hashim Thaci als Chefunterhändler in Rambouillet wurde die UCK praktisch zur führenden Kraft im Namen der Mehrheit der ethnischen Albaner. Der Westen benutzte die UCK-Marionetten, um ein Abkommen durchzusetzen, das das Kosovo in ein besetztes Gebiet unter westlicher Verwaltung verwandeln sollte. Robert Gelbard, der US-Sondergesandte für Bosnien, beschrieb die UCK-Kämpfer noch 1998 als “Terroristen”. Und Christopher Hill, US-Chefunterhändler und Architekt des Rambouillet-Abkommens, “war zugleich ein scharfer Kritiker der UCK wegen ihrer mutmaßlichen Drogengeschäfte”.er[3] Auf Grundlage von Berichten der US-Beobachtermission bestätigte das US-Außenministerium sogar nur wenige Monate vor Rambouillet die Rolle der UCK bei der Terrorisierung und Entwurzelung der ethnischen Albaner: “Die UCK belästigt oder kidnappt jeden, der zur Polizei kommt [...] UCK-Vertreter haben Dorfbewohnern mit dem Tode und dem Verbrennen ihrer Häuser gedroht, wenn sie nicht der UCK beitreten [...] Der Druck durch die UCK hat eine Intensität erreicht, daß die Bewohner von sechs Dörfern in der Region Stimlje bereit sind zu flüchten.”er[4] Diese UCK-Politik wurde während der NATO-Bombardements fortgesetzt. Doch von all dem hört man heute nichts mehr.

Verdeckte Finanzierung der “Freiheitskämpfer”

Erinnern wir uns an Oliver North und die Contras: das US-amerikanische Vorgehen bezüglich des Kosovo gleicht dem anderer verdeckter Operationen des Geheimdienstes CIA in Mittelamerika, Haiti und Afghanistan, bei denen “Freiheitskämpfer” durch das Reinwaschen von Drogengeldern finanziert wurden. Seit Beginn des Kalten Krieges haben westliche Geheimdienste eine komplexe Beziehung zum illegalen Drogenhandel entwickelt. Immer wieder wurden mit Drogengeld verdeckte Operationen finanziert. Alfred McCoy zufolge wurde diese Praxis während des Indochina-Krieges entwickelt.er[5] Seitdem ist sie in Mittelamerika und in der Karibik eingesetzt worden. “Die ansteigende Kurve der Kokainimporte in die USA”, schrieb der Journalist John Dinges, “folgt nahezu vollständig dem Fluß US-amerikanischer Waffen und Militärberater nach Mittelamerika”.er[6]
Es ist heute bekannt, daß die Militärs in Guatemala und Haiti, denen die CIA verdeckte Unterstützung gewährte, am Drogenhandel, der über den Süden Floridas abgewickelt wurde, beteiligt war. Und durch die Enthüllung der Iran-Contra-Affäre und der Machenschaften der “Bank of Commerce and Credit International” (BCCI) gelangten Beweise an die Öffentlichkeit, denen zufolge weitere verdeckte Operationen durch Geldwäsche finanziert worden waren. Schmutziges Geld, recycelt durch das internationale Bankensystem und anonyme Briefkastenfirmen, wurde eingesetzt, um Rebellengruppen und Guerillabewegungen wie die Contras in Nicaragua und die afghanischen Mujaheddins zu unterstützen.
In einem Bericht des Time-Magazins aus dem Jahre 1991 hieß es: “Da die USA die Mujaheddins mit Stinger-Raketen und anderen Rüstungsgütern ausrüsten wollten, brauchten sie die volle Kooperation Pakistans. Mitte der 80er Jahre wurde die CIA-Niederlassung in Islamabad zur größten US-Geheimdienst-Basis der Welt. ‘Wenn die BCCI eine solche Blamage für die USA ist, daß keine öffentliche Untersuchungen durchgeführt werden, hat dies eine Menge damit zu tun, daß die USA hinsichtlich des Heroinschmuggels in Pakistan beide Augen zudrückten’, sagte ein US-Geheimdienstmann.”er[7]
Seit den frühen 90er Jahren arbeiteten Deutschland und die USA – auch auf der Ebene der Geheimdienste – Hand in Hand bei der Festigung ihrer Einflußsphären auf dem Balkan. Nach Ansicht des Geheimdienstexperten John Whitley wurde die verdeckte Unterstützung der UCK gemeinsam vom CIA und vom Bundesnachrichtendienstes (BND) betrieben. Der BND hatte bereits eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung der nationalistischen Regierung unter Franjo Tudjman in Kroatien gespielt.er[8] Die Stärkung der UCK wurde zunächst von deutschen Stellen betrieben: “Sie benutzten deutsche Uniformen, ostdeutsche Waffen und wurden teilweise durch Drogengeld finanziert”, sagte Whitley. Später sei der CIA an der Ausbildung und Ausrüstung der UCK in Albanien beteiligt gewesen.er[9]
Die Aktivitäten des BND deckten sich mit den politischen Interessen Bonns. Man war darauf bedacht, seinen Einfluß in den Balkanländern auszubauen. Der Organisation “Geopolitical Drug Watch” zufolge favorisierten politische Kräfte in Deutschland und in den USA inoffiziell die Schaffung eines Großalbaniens, bestehend aus Albanien, dem Kosovo und Teilen Mazedoniens.er[10] Laut Sean Gervasi bat die deutsche Regierung bei ihren Alliierten um freie Hand, um die “ökonomische Dominanz in Gesamtmitteleuropa zu erlangen”.er[11]

Fundamentalisten für die UCK

Die Politik Bonns und Washingtons beinhaltete die Stärkung nationalistischer Befreiungsbewegungen in Bosnien und im Kosovo, was die Destabilisierung Jugoslawiens zur Folge hatte. Die finanzielle Unterstützung dieser Organisationen aus fundamentalistisch-islamischen Kreisen und die Einreise von Söldnern wurde geduldet.er[12] Söldnertruppen, finanziert von Saudi-Arabien und Kuwait, kämpften zunächst in Bosnien. Das gleiche wiederholte sich später im Kosovo: Mujaheddins aus verschiedenen islamischen Staaten kämpfen in den Reihen der UCK. Es wurde zudem berichtet, daß die UCK von deutschen, türkischen und afghanischen Militärexperten in Guerilla- und Ablenkungstaktiken ausgebildet wurde.er[13]  Laut einer dpa-Meldung von März 1998 floß die finanzielle Unterstützung für die UCK von islamischen Ländern über den früheren albanischen Chef des “National Information Service”, Bashkim Gazidede.er[14] Die Versorgungsrouten für die Bewaffnung der UCK verliefen über die zerklüfteten Gebirgsgrenzen zwischen Kosovo und Albanien bzw. Mazedonien.
Albanien ist eine Drehscheibe für den Drogenhandel des Balkans. Von dort gelangt hochwertiges Heroin nach Westeuropa. 75 Prozent des nach Westeuropa gelangenden Heroins stammt aus der Türkei. Ein Großteil dieser Drogen wird durch den Balkan transportiert. Nach Angaben der US-Drogenbehörde DEA “verlassen jeden Monat schätzungsweise 4 bis 6 Tonnen Heroin die Türkei mit Bestimmungsort Westeuropa.”er[15] In einem kürzlich veröffentlichten Bericht stellte das deutsche Bundeskriminalamt fest, daß ethnische Albaner inzwischen die stärkste Gruppe beim Heroin-Handel in westlichen Verbraucherländern sind.er[16]
Die am Drogenhandel beteiligten Verbrechersyndikate haben Verbindungen bis in hohe Regierungsämter. Schmuggelringe mit Kontakten in der türkischen Regierung sollen den Heroinschmuggel durch den Balkan kontrollieren und dabei “eng mit anderen Gruppen kooperieren” – einschließlich krimineller Gruppen in Albanien und im Kosovo.er[17] Mächtige Zirkel aus der globalen Finanzwelt, die mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung stehen, pflegen zudem den Kontakt zu Politikern und Repräsentanten des militärischen und geheimdienstlichen Establishments.

Die Albanien-Connection

Der Waffenschmuggel von Albanien ins Kosovo und nach Mazedonien begann Anfang 1992, als die Demokratische Partei unter Präsident Sali Berisha an die Macht (1992-1997) kam. Schwarzmarkt-Ökonomie und illegaler Grenzhandel begannen zu florieren. Ein Dreieckshandel von Öl, Waffen und Drogen entstand. Er profitierte vom gegen Serbien und Montenegro verhängten Embargo und der von Griechenland gegen Mazedonien ausgeübten Blockade.
Als Folge der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) gegen Jugoslawien verhängten Sanktionen gingen die Industrie und die Landwirtschaft im Kosovo im Jahre 1990 weitgehend bankrott. Kosovo-Albaner und -Serben gerieten in abgrundtiefe Armut. Der ökonomische Zerfall schuf ein Klima, das den illegalen Handel förderte. Die Arbeitslosenquote im Kosovo stieg auf bis zu 70 Prozent. Die Armut verschärfte die angespannten ethnischen Beziehungen. Tausende von arbeitslosen Jugendlichen schlossen sich der UCK an.er[18]
Im benachbarten Albanien schufen die ab 1992 eingeleiteten marktwirtschaftlichen Reformen Bedingungen, die die Korruption staatlicher Institutionen begünstigten. Drogengeld wurde massiv in den albanischen Investmentfonds, den sogenannten “Pyramiden”, gewaschen.er[19] Diese zwielichtigen Fonds schossen unter der Regierung Berishas wie Pilze aus dem Boden und waren eine Konsequenz der ökonomischen Reformen, die Albanien vom Westen aufgebürdet wurden. Die Drogenbarone im Kosovo, in Albanien und Mazedonien, die ihrerseits Verbindungen zur italienischen Mafia pflegten, wurden rasch zur neuen Elite und verknüpften ihre Aktivitäten oftmals mit westlichen Geschäftsinteressen. Nachfolgend wurden Gewinne aus dem illegalen Drogen- und Waffenhandel in andere illegale Operationen gesteckt. Kriminelle Gruppen aus Albanien “sind durch die Betreibung von Prostitutionsringen so machtvoll geworden, daß sie selbst jene aus Calabria an Stärke und Einfluß übertreffen”, hieß es hierzu im Guardian.er[20]
Die Einleitung der Wirtschaftsreformen unter Anleitung des IWF trug dazu bei, daß das albanische Bankensystem und die gesamte albanische Wirtschaft zusammenbrachen. Das daraus resultierende Chaos bot amerikanischen und europäischen transnationalen Konzernen die Möglichkeit, sich gut zu positionieren: Westliche Ölgesellschaften einschließlich Occidental, Shell und British Petroleum schielten auf Albaniens unerforschte Ölvorräte, andere westliche Investoren interessierten sich für die umfangreichen Reserven an Chrom, Kupfer, Gold, Nickel und Platin. Die Konrad-Adenauer-Stiftung machte Lobby für deutsche Bergbauinteressen. Berishas Verteidigungsminister Safet Zoulali, dem die Beteiligung am illegalen Öl- und Drogenhandel nachgesagt wird, war der Architekt des Übereinkommens Albaniens mit der deutschen Preussag über die Chrombergwerke im Land. Ein Wettbewerbsangebot des US-kontrollierten Konsortiums Macalloy Inc und Rio Tinto Zimbabwe (RTZ) wurde ausgeschaltet.er[21]
Große Mengen schmutziger Dollars wurden auch in den Privatisierungsprogrammen recycelt, wodurch die Mafia Staatsanteile erwerben konnte. In Albanien führte das Privatisierungsprogramm zur Entstehung einer reichen Klasse, die sich dem “freien Markt” verpflichtet fühlte. In Nordalbanien ist diese Klasse eng mit den “Guegue-Familien” assoziiert, die wiederum mit der Demokratischen Partei in Verbindung stehen. Unter der Obhut der Demokratischen Partei Berishas und mit Unterstützung westlicher Banken wurde auch Albaniens größter Pyramiden-Fonds, die VEFA Holdings der “Guegue-Familien”, aufgebaut. Gegen die VEFA lief 1997 in Italien ein Verfahren wegen ihrer Verbindungen zur Mafia, die vermutlich dazu benutzt worden waren, Geldwäsche zu betreiben.er[22]
Presseberichten zufolge waren während Berishas Präsidentschaft bis 1997 Mitglieder der albanischen Regierung, darunter Kabinettsmitglieder und Angehörige der Geheimpolizei, in den Drogenhandel und Waffenschmuggel in das Kosovo verwickelt: “Die Anschuldigungen sind stichhaltig: Es ist anzunehmen, daß Drogen, Waffen und Schmuggelzigaretten von einem Unternehmen gehandelt wurden, das offiziell von der Demokratischen Partei [...] betrieben wird [...] Im Jahr 1996 wurde Verteidigungsminister Safet Zhulali [beschuldigt], sein Amt dazu mißbraucht zu haben, um Waffen, Öl und Schmuggelzigaretten zu transportieren [...] Drogenbarone aus dem Kosovo [...] operieren ungestraft in Albanien, und ein Großteil des Transports von Heroin und anderen Drogen von Mazedonien und Griechenland durch Albanien auf dem Weg nach Italien wird vermutlich durch die Shik, die Sicherheitspolizei, organisiert [...] Geheimdienstmitarbeiter sind der Überzeugung, daß die Kommandoketten in den Schmuggelringen bis hinauf zur Spitze gehen, und sie zögerten nicht, in ihren Berichten die Namen von Ministern zu nennen.”er[23]

Die Erträge aus dem Drogenhandel haben die UCK in die Lage versetzt, in kurzer Zeit eine Armee von etwa 30.000 Mann aufzubauen.

Der Handel mit Drogen und Waffen florierte trotz der Anwesenheit amerikanischer Truppen an der albanisch-mazedonischen Grenze. Die US-Truppen waren dort seit 1993 mit dem Mandat stationiert, das Embargo gegen Jugoslawien durchzusetzen. Die Gewinne aus Öl- und Drogenschmuggel dienten der Finanzierung von Waffenkäufen. Auch der Tauschhandel blühte: “Öllieferungen an Mazedonien, die das griechische Embargo durchbrachen, konnten benutzt werden, um verdeckten Heroinhandel zu betreiben. Das gleiche geschah mit Lieferungen von Kalaschnikows an albanische ‘Brüder’ im Kosovo.”er[24] Die Clans aus dem Norden entwickelten Verbindungen zu den italienischen Verbrechersyndikaten.er[25] Umgekehrt spielten letztere eine Schlüsselrolle beim Waffenschmuggel über die Adria in die albanischen Häfen Dures und Valona. Ende 1992 wurden überwiegend leichte Waffen in das Kosovo gebracht, darunter Kalaschnikows, RPK- und PPK-Maschinengewehre und Schnellfeuerwaffen vom Kaliber 12,7.
Die Erträge aus dem Drogenhandel haben die UCK in die Lage versetzt, in kurzer Zeit eine Armee von etwa 30.000 Mann aufzubauen. Das Washingtoner Außenbüro einer vorübergehend in Genf ansässigen, selbsternannten “Kosovo-Regierung” nahm die US-Public-Relations Firma Ruder Finn unter Vertrag, die für ihre Propagandaaktivitäten gegen die Regierung in Belgrad bekannt ist.er[26] Die Waffenlieferungen an die Rebellenarmee im Kosovo scheinen sich mit den geostrategischen Zielen des Westens zu decken. Deshalb überrascht es nicht, daß die internationale Politik und die Medien über diese verdeckten Geschäfte und Verbindungen schweigen.