01.05.2002

“Diese Politik ist nicht grün, sondern menschenfeindlich”

Interview mit James Heartfield

James Heartfield ist Mitherausgeber der Anthologie "Sustaining Architecture in the Anti-Machine Age". Das Buch hat eine hitzige Diskussion über die Verantwortung von Architekten in der Natur entfacht.

Novo: Im britischen Magazin Blueprint haben Sie kürzlich gefordert, man solle die ländlichen Gegenden zubetonieren. Meinen Sie das ernst?

James Heartfield: Das habe ich zugespitzt formuliert, um klar zu machen, dass die Verantwortlichen in Europa ihre „Grüngürtel“-Politik und die daraus folgenden Baurestriktionen lockern sollten. Vielerorts herrscht Wohnraumknappheit. Das treibt die Immobilienpreise derart in die Höhe, dass sich immer weniger Menschen ein Eigenheim leisten können. Gleichzeitig werden aber immer mehr landwirtschaftliche Betriebe geschlossen und Bauern verlassen ihre Höfe. Durch effizientere Landwirtschaftsmethoden gelingt es heute den Großbetrieben, höhere Ernteerträge von weniger Ackerfläche einzufahren. Deshalb ist meine Haltung klar: Man sollte auf dem frei werdenden Land Häuser bauen. Allein die britische Regierung schätzt, dass derzeit vier Millionen Eigenheime fehlen. Aber es ist politisch inkorrekt geworden, die Erschließung neuer Lebensräume zu fordern. Das ökologische Ethos lässt Neubauten und -siedlungen als Sündenfall erscheinen.

Es lässt sich aber doch nicht leugnen, dass sich städtische Wohngebiete immer mehr in ländliche Gebiete ausbreiten...

So mag es aussehen, aber die Grünflächen werden dadurch nicht kleiner. In Europa und in den USA sind die Waldflächen in den letzten Jahren stark gewachsen. Mehr Land, nicht weniger, wird heute von Wildreservaten und Naturparks bedeckt. Überall in der industrialisierten Welt lässt sich beobachten, dass Regierungen wegen der Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft dazu übergehen, einstige Ackerflächen an die Natur zurückzugeben. Die Zahl der Naturreservate mit einer Größe von mehr als zehn Quadratkilometern ist im Zeitraum 1960 bis 2000 von 3000 auf über 12.400 angewachsen. In Großbritannien hat kürzlich der „National Trust“ in der Gegend von Wicken Fen im Osten des Landes eine Fläche von 36 Quadratkilometer gekauft, um daraus ein Reservat für Käfer und andere Insekten zu machen. Vergleichbare Projekte gibt es überall in Europa. In Nordamerika sind rund 20 Prozent des gesamten Landes geschützt. Tausende Hektar Land in den Everglades, wo früher Zuckerrohr angebaut wurde, sind gerade als Schutzgebiet ausgewiesen worden. Und im afrikanischen Gabun und in Brasilien sind Millionen von Hektar Waldgebiete unter Naturschutz gestellt worden. Weltweit stehen fast neun Prozent des Landes unter Naturschutz – das sind 13 Millionen Quadratkilometer. Das sind zweifelsohne positive Entwicklungen. Aber was bringt der Umweltschutz, wenn Menschen darunter leiden? Wer soll sich an den diesen riesigen Naturschutzgebieten erfreuen?

Nicht jeder hat das Gefühl, unter zu viel Naturschutz zu leiden. Es gibt häufig Protest, wenn neue Straßen, Wohnsiedlungen oder Flughäfen gebaut werden. Sollte man das ignorieren?

Jedes neue Bauprojekt muss sorgfältig abgewogen und die Position der Gegner gehört werden. Aber der Charakter dieser Proteste ist nicht immer so klar, wie das Ihre Frage suggeriert. Oft sind diese Protestgruppen sehr klein. Aber sie haben in der Regel eine unverhältnismäßige Medienpräsenz. Die Demonstranten haben oft keinen Blick dafür, was außerhalb ihrer unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, und sie verfolgen sehr engstirnige Interessen. Deshalb passiert es nicht selten, dass Leute gegen den Bau einer Umgehungsstraße protestieren, nur weil sie durch ein Waldstück führt. In Newbury hatten wir vor ein paar Wochen einen solchen Fall: Die Bewohner der Ortschaft waren froh, dass sie eine Umgehungsstraße bekamen. Die Demonstranten interessierte das wenig. Heute würden wahrscheinlich die meisten Europäer glauben, dass ihr Land mit Straßen nur so zugepflastert ist. In Wirklichkeit sind aber beispielsweise in England drei Viertel des Landes Agrarflächen, etwa ein Zehntel sind Naturschutzgebiete und nur ein Hundertstel ist mit Straßen bedeckt. Im Weltmaßstab sieht es nicht anders aus: Etwa 60 Prozent der Menschheit konzentriert sich auf der 10 Prozent der Landfläche, und menschliche Siedlungen bedecken weniger als 0,4 Prozent der Kontinente und Inseln. Jedes Mal, wenn ich mit dem Flugzeug über Europa fliege – sei es über Frankreich, Italien, Spanien oder Deutschland – , bin ich überrascht, wie viel Waldfläche und freie Landschaften es gibt. Da frage ich mich, wie Leute auf diese Ideen kommen.

Machen Sie Demonstranten und die Medien dafür verantwortlich?

Deren Einfluss kann nicht negiert werden. Ich meine aber, der tiefere Grund dafür, dass viele Menschen irrtümlich glauben, die Naturgebiete würden immer kleiner, liegt woanders. Die Gesellschaft empfindet heute eine gewisse Visionslosigkeit und Verunsicherung. Dadurch werden die Menschen ängstlich und skeptisch – vor allem, wenn es darum geht, über Fortschritt zu reden oder darüber, wie wir uns die Umwelt zu Nutze machen. Städter sind für solche Stimmungen besonders anfällig. Als Kinder der Romantik verknüpfen wir ländliche Gegenden automatisch mit Freiheit. Dabei sollten wir nicht vergessen, das wir auch Kinder der Aufklärung sind. Sie hat die Erwartung einer anhaltenden Verbesserung unseres Lebensstandards geprägt. Wir möchten bessere Häuser, Verkehrssysteme und bessere Waren im Allgemeinen. Manchmal scheint es so, als müssten sich die Ideen der Romantik und der Aufklärung gegenseitig ausschließen. Das halte ich für falsch.

Wie aber lässt sich die Vorstellung von Wachstum und Fortschritt mit der Sorge um unsere Umwelt in Einklang bringen?

Das Gefühl der Entfremdung von unserer baulichen Umwelt lässt sich nicht so einfach überwinden, weil es nichts mit einem Mangel an Grünflächen zu tun hat. Ich glaube, dass ein befriedigenderes Leben und Wohnen in der Zukunft in einem neuen Verständnis von Stadt und Land zu finden ist. Die Vorstellung, beides seien komplett verschiedene und sich irgendwie antagonistisch gegenüberstehende Räume, sollte überwunden werden. Über Jahrhunderte diktierten uns agronomische Faktoren, wo Ackerbau und Viehzucht betrieben werden mussten und wo die Zentren der Industrie entstehen konnten. Diese Abhängigkeiten sind brüchig geworden. Die modernen Agrarindustrien benötigen längst nicht mehr die großen Ackerflächen, um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Gleichzeitig unterliegen die industriellen Ballungszentren und die Städte um sie herum einem anhaltenden Wandel. Die Industriebetriebe haben sich verändert, der Lebensstandard ist allgemein gestiegen, und die Mobilität der Menschen ist wegen der Autos und der Nahverkehrsmittel rapide gewachsen. Die Leute zieht es raus aus den Ballungszentren, weil sie lieber im Grünen leben.

Wird das nicht schon genügend berücksichtigt?

Viel zu oft noch hängen die Raumplaner alten Gewohnheiten nach. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: In Großbritannien wurde versucht, die Erschließung neuer Siedlungen im ländlichen Raum dadurch aufzuhalten, dass neue Wohngebiete dort, wo früher einmal Braunkohle abgebaut wurde, errichtet wurden. Richard Rogers, der Architekt, der dieses Projekt im Auftrag der Regierung durchführte, hoffte, damit eine Art Renaissance des städtischen Lebens zu bewirken. Geplant waren Siedlungen mit hübschen kleinen Wohnhäusern und einem reichen kulturellen Angebot. Doch das Konzept ging nicht auf. Rogers wollte nicht wahrhaben, dass das Auto unsere Lebensgewohnheiten drastisch verändert hat. Alle Statistiken deuten darauf hin, dass Menschen mehr fahren und weniger zu Fuß gehen. Es drängt sie raus aus den Großstädten des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig hat sich der ländliche Raum verändert. Die historische Trennung zwischen Stadt und Land macht deshalb keinen Sinn mehr.

Die Autoren in Ihrem Buch behandeln das Konzept der Nachhaltigkeit. Was ist ihr Ansatz?

Paul Hyett geht der zentralen Frage nach, inwiefern „nachhaltiges Design“ als moralischer Imperativ in die kreativen Berufe Einzug erhalten sollte. Er vertritt die Auffassung, dass Architekten in die Pflicht genommen werden müssen, um die Umwelt zu schützen. Aus einem solchen Moralkodex heraus würden schließlich auch gesetzliche Vorgaben für die Baubranche abgeleitet werden können. Diese Vision gefiel mir und Ian Abley, mit dem ich Sustaining Architecture herausgegeben habe, überhaupt nicht. Abley ist Architekt, und er hatte eine frühe Vorahnung davon, dass eine solche Entwicklung seinen Beruf völlig umkrempeln würde. Also bemühte er sich, eine kontroverse Diskussion über dieses Thema anzuzetteln. Unser Buch ist ein Ergebnis dieser Diskussion: Die Plattitüden über „nachhaltiges Bauen“ lassen in unseren Augen viele wichtige Fragen unbeantwortet. Hyett ist ein entschiedener Verfechter der nachhaltigen Architektur. Andere Buchautoren sind diesbezüglich sehr kritisch. Nicht, dass irgend einer etwas dagegen hätte, vernünftig mit der Natur umzugehen. Als größtes Manko dieses Nachhaltigkeitskonzepts erscheint uns allerdings, dass fortschrittliche Lösungen für Mensch und Natur durch verbesserte Technologien zustande kommen, nicht, indem man versucht, einen möglichst kleinen „ökologischen Fußabdruck“ zu hinterlassen.

Sie plädieren also dafür, mehr natürliche Ressourcen bei der Städte- und Raumplanung zu verbrauchen?

Austin Williams, der Herausgeber des Architects' Journal, gibt in unserem Buch auf diese Frage die passende Antwort. Er sagt: Die Herausforderung, umweltbewusste Architektur zu betreiben, mag den einen oder anderen Planer inspirieren und interessante Lösungen hervorbringen. Die zugrunde liegende Philosophie aber, die besagt, es gelte, die Einflussnahme des Menschen auf die Natur zu minimieren, ist destruktiv. Wir fangen nämlich an, rückschrittliche Verhältnisse, wie solche in Entwicklungsländern, schönzureden. Williams dreht den Spieß um. Er vertritt die provozierende These, wir sollten unsere Einflußnahme auf die Natur weiter steigern. Und er hat Recht. Die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen haben Menschen immer schon nur dadurch erreicht, dass sie ihre Umwelt intensiver nutzten, nicht umgekehrt.

Es geht uns aber nicht darum, ein neues Dogma zu predigen. Am meisten liegt uns am Herzen, zu einem rationalen Diskurs zu kommen. Ein Beispiel dafür sind Ableys Beitrag und der des umstrittenen Architekturkritikers Martin Pawley. Beide beschreiben bauliche Lösungen, die auf den ersten Blick meilenweit von Ökologie und Nachhaltigkeit entfernt scheinen. Statt für natürliche Baustoffe plädiert Abley für die stärkere Nutzung von Fertigteilen. Und Pawley hält nichts von engen Bebauungen. Er fordert größere Siedlungsflächen. Mit solchen Ideen lassen sich schwerlich grün orientierte Leser begeistern. Aber ich meine, die Zeit ist reif, dass „Technikfreaks“ und „Ökos“ ihre Kriegsbeile begraben. Moderne Technologien bieten eine Reihe von Optionen für den Umweltschutz – zum Beispiel der Einsatz von Solarzellen als Wärmespeicher. Im Buch werden einige solcher Anwendungen vorgestellt.

Ist „nachhaltige Entwicklung“ also kein völlig falsches Konzept?

Der Begriff Nachhaltigkeit ist ursprünglich wertneutral. Wenn es um Fischerei in der Nordsee oder um Forstwirtschaft geht, ist es natürlich sinnvoll, darüber nachzudenken, wie viel Heilbutt gefangen und wie viel Bäume geschlagen werden dürfen, ohne dass die Bestände nachhaltig dezimiert werden. Ein Problem mit diesem Wort entstand erst, als „Nachhaltigkeit“ zu einer philosophischen Weltanschauung mutierte. Es ist schon witzig, wer und was heute alles nachhaltig ist: die US-Armee, die Börse usw. Dieser Begriff wird heute in allen möglichen Zusammenhängen angewendet. Aber dahinter verbirgt sich meist ein und derselbe Duktus, den ich ablehne: die ökologisch korrekte Vorsicht und Zurückhaltung. Dieser Ökologismus ist wie eine moderne Religion. Leuten mit Ambitionen wird immerzu ein schlechtes Gewissen eingeredet. „Nachhaltige Entwicklung“ klingt nett, aber der Begriff spiegelt selbst einen Kompromiss. Er verbindet nämlich ganz geschickt die Sorge um das Prinzip der Zurückhaltung mit der pragmatischen Sicht, dass wir keine allzu großen materiellen Einschnitte akzeptieren möchten. Das Konzept ist also ein bisschen scheinheilig. Wenn es nach mir ginge, sollten wir aufhören, Menschen wegen ihres „Egoismus“ zu kritisieren und sie auf ökologische Glaubenssätze zu trimmen.

Können wir von nachhaltigem Wachstum auf lange Sicht profitieren?

Nicht unbedingt. Schauen Sie nach Holland. Große Teile des Landes gäbe es heute gar nicht, wenn Nachhaltigkeit das Schlüsselkonzept der Entwicklung Europas gewesen wäre. Die Holländer haben das Land der Nordsee abgerungen, indem sie Deiche gebaut und Unmengen von Sand in der Nordsee aufgeschüttet haben. Das war und ist eines der unnachhaltigsten europäischen Bauprojekte, aber das Ergebnis ist fantastisch. Andererseits gibt es Beispiele dafür, dass die Bevölkerung unter dem ökologistischen Dogma ihrer Regierung leidet. In Deutschland gibt es sogar eine Ökosteuer, um Löcher im Sozialetat zu stopfen. Und die britische Regierung hat 1998 ein Gesetz verabschiedet, um Leute davon zu überzeugen, weniger Auto zu fahren. Investitionen in den Straßenbau wurden gekappt und auf Fahrbahnen wurden Schwellen angebracht, um die Fahrtgeschwindigkeiten zu reduzieren. Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und bin ich alles andere als begeistert davon. Der Autoverkehr in London kriecht mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 15 Stundenkilometern. Überall gibt es Staus und kein Durchkommen für Busse oder Räder. Viele Londoner sind unzufrieden. Den gleichen Effekt hat die Wohnungsbaupolitik. Viele jüngere Familien können es sich nicht leisten, ein Eigenheim zu kaufen, weil die Regierung es nicht einmal schafft, die eigenen Planziele für Neubauten zu erfüllen. Durch die ökologisch begründeten Baubeschränkungen in ländlichen Gegenden sind die Immobilienpreise unerschwinglich hoch. Diese Politik ist nicht grün, sie ist menschenfeindlich.