01.11.2007

Die Wurzeln des IPCC

Essay von Tony Gilland

Kürzlich ist der UN-Klimarat IPCC mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Tony Gilland enthüllt die wahren Hintergründe und Wurzeln des Rates, der keine streng wissenschaftliche, sondern eine zutiefst politische Organisation ist, die ihre Existenz der Fortschrittsverdrossenheit zu verdanken hat.

Beobachtet man, mit welchem Engagement heute über die globale Erwärmung diskutiert wird, fällt es schwer, sich eine Zeit vorzustellen, in der der Klimawandel nicht ein prägendes Merkmal des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens war. Heute wird alles, von Überschwemmungen in Europa bis zur Armut in der Dritten Welt, als Ergebnis der globalen Erwärmung betrachtet. Dennoch ist das Thema relativ neu, wurde bis vor 50 Jahren kaum erwähnt und erst in den letzten beiden Jahrzehnten als bedeutendes politisches Thema verankert.
Die Zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), die heute wie Salomon über die Kernfragen der internationalen Entwicklung, der Souveränität und des gesellschaftlichen Fortschritts berät, wurde erst Ende der 80er-Jahre gegründet und erlangte erst im Verlauf der letzten zehn Jahre allmählich ihre heutige Prominenz. Dennoch waren die letzten Berichte des IPCC dem damaligen britischen Umweltminister (und heutigen Außenminister) David Miliband Anlass genug, bekanntzugeben, dass die „Debatte über Wissenschaft und Klimaänderung ein für allemal beendet“ sei und dass „es das internationale politische Bekenntnis zum Handeln“ sei, das nun dringend gefordert sei, um den „gefährlichen Klimawandel zu vermeiden“.[1]Ähnliches war in Deutschland und in vielen anderen Ländern zu vernehmen.

„Das Aufkommen der Klimaforschung hing mit starken kulturellen und politischen Strömungen zusammen, die sich mit der Wissenschaft verbanden und unser Verständnis des Klimawandels mit einer menschenfeindlichen Prägung versahen.“

Wie ist es dazu gekommen, dass die Klimaforschung eine so große Bedeutung für das politische Leben im Jahr 2007 gewinnen konnte? Zum einen, würden wohl die meisten sagen, hat die Forschung uns mehr Wissen über klimatische Prozesse und den Einfluss des Menschen auf das Klimageschehen geliefert. Zum anderen fiel jedoch das Aufkommen der Klimaforschung mit starken kulturellen und politischen Strömungen zusammen, die sich mit der Wissenschaft verbanden und unser Verständnis des Klimawandels mit einer menschenfeindlichen Prägung versehen haben.
Obgleich es verschiedene politische Positionen zum Klimawandel gibt, dominiert doch eine zentrale Botschaft die Diskussion. Diese besagt, „die Wissenschaft“ warne davor, dass unser Tun die Existenz der Menschheit auf diesem Planeten gefährde und dass wir die entsprechenden Aktivitäten drosseln müssten, um unseren Fortbestand zu sichern. Da die Botschaft vonseiten der Wissenschaft und nicht von der Politik oder Kampagnen-NGOs zu kommen scheint, wird sie zum fait accompli. Doch wenn wir besser verstehen wollen, wie wir weitermachen sollen, müssen wir untersuchen, wie es zu dieser Situation gekommen ist.

„Der IPCC, ein nicht gewähltes Gremium, übt einen erheblichen Einfluss auf das Leben eines jeden auf diesem Planeten aus, und jeder Versuch, die Legitimität dieses Gremiums infrage zu stellen, wird als „Leugnung“ wissenschaftlicher Fakten attackiert”.

Vielfach wird eine Politisierung der Wissenschaft bemängelt – die entweder zur Über- oder Untertreibung der Gefahren führe. Diesen Vorwurf sollte man genauer untersuchen. Doch woran es in den letzten Jahren wirklich mangelte, ist eine substanzielle politische Debatte darüber, wie wir den Klimawandel wahrnehmen und wie wir ihm begegnen sollten. Dies hat zu einer Situation geführt, in der der IPCC, ein nicht gewähltes Gremium, erheblichen Einfluss auf das Leben eines jeden auf diesem Planeten ausübt und jeder Versuch, die Legitimität dieses Gremiums infrage zu stellen, als „Leugnung“ wissenschaftlicher Fakten attackiert wird.
Um zum Einstieg in eine fundierte Debatte über den Klimawandel beizutragen, möchte ich nachzeichnen, wie das Thema sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, und dabei folgenden Fragen nachgehen:

  • Wie viel haben neue wissenschaftliche Erkenntnisse und wie viel haben größere kulturelle und politische Trends zur heutigen Klimadebatte beigetragen?
  • Wie wurde die Entwicklung der „Klimaschutzpolitik“ durch die Interaktion zwischen Wissenschaftlern, internationalen Institutionen, Medien und Aktivisten beeinflusst?
  • War die Einrichtung des IPCC eine visionäre Tat oder Ausdruck einer politischen Implosion in der westlichen Welt?

Ich möchte hier keine umfassende Geschichte der Klimawandeldebatte bieten, sondern vielmehr einen Beitrag zu einer zu entwickelnden Kritik leisten. Denn was immer die Fakten uns sagen, sie sagen uns nicht, dass die Debatte um den Klimawandel beendet ist.

Die Entdeckung des Klimawandels

Die Klimaforschung erhält heute weit mehr Forschungsgelder und Aufmerksamkeit als in den 50er- und frühen 60er-Jahren, als einige Forscher damit begannen zu untersuchen, wie sich der CO2-Gehalt in der Atmosphäre durch von Menschen verursachte Emissionen verändert. Dem letzten IPCC-Bericht (von 2007) kann man entnehmen, dass 95 Prozent der wissenschaftlichen Papiere zum Thema Klimawandel seit 1834 in der Zeit nach 1951 veröffentlicht wurden und sich die Zahl der pro Jahr in den Fachzeitschriften zur Klimaforschung veröffentlichten Artikel zwischen 1951 und 1995 verdreifacht hat. [2]Die erste Fachzeitschrift, die sich ganz auf den Klimawandel konzentrierte, Climate Change, wurde 1977 gegründet.

Der Wissenschaftshistoriker Spencer Weart zeigt in seinem faszinierenden Buch The Discovery of Global Warming [3] auf, wie sehr sich die Sicht auf das Thema Klimawandel im letzten halben Jahrhundert verändert hat. Laut Weart hat der berühmte amerikanische Ozeanograph Roger Revelle gemeinsam mit ein paar anderen Wissenschaftlern „die Frage als Nebenthema“ aufgegriffen, als gute Möglichkeit für „ein paar Publikationen abseits ihrer eigentlichen Arbeit, zu der sie schnell zurückkehrten“. Revelle bekam ein kleines Budget, das er nutzte, um den jungen Geochemiker Charles David Keeling zu beauftragen, eine erste Erfassung der CO2-Werte rund um die Welt vorzunehmen.
1960, nachdem dieser die Daten der letzten beiden Jahre für die Antarktis erhoben hatte, berichtete Keeling, dass die CO2-Werte gestiegen seien und der „Anstieg etwa dem entsprach, was zu erwarten war, wenn die Ozeane nicht den größten Teil der Industrieemissionen aufnahmen“. 1963 gingen jedoch die Gelder für das Projekt zur Neige, und die CO2-Überwachung wurde eingestellt. Doch Keeling gelang es, neues Geld von der National Science Foundation zu erhalten und die Arbeit fortzusetzen.[4]Keelings Daten, so heißt es in einem historischen Überblick des IPCC, wird heute ein „ikonischer Status in der Klimawandelforschung beigemessen als erster Nachweis der Auswirkungen menschlichen Handelns auf die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre“.[5] Doch Weart weist darauf hin, dass dies nicht die Entdeckung der globalen Erwärmung gewesen sei, sondern der Möglichkeit der globalen Erwärmung. Tatsächlich war es laut IPCC „nicht möglich, vor 1980 eine globale Erwärmung zu messen“, obwohl einige „vorhersagten, diese würde innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte sichtbar“.[6]

Auffällig in der Darstellung von Weart ist, in welchem Ausmaß schon damals, als die Klimaforschung noch in der Kinderschuhen steckte, einige Wissenschaftler über die möglicherweise verheerenden Konsequenzen von Menschen verursachter Emissionen spekulierten. Keeling war an einer Tagung der Conservation Foundation im Jahr 1963 beteiligt, auf der vor schmelzenden Gletschern, steigenden Meeresspiegeln und Küstenüberflutungen in der Zukunft gewarnt wurde. Im August 1965 wurde eine Klimakonferenz in Boulder, Colorado, durch einen Vortrag von Edward Lorenz, einem der Pioniere der Chaostheorie, eröffnet. Laut Weart sagte Lorenz, dass „die kleinste Veränderung der Anfangsumstände zufällig enorme Veränderungen des zukünftigen Klimas zur Folge haben könnte“. Andere Wissenschaftler stimmten wohl zu, dass entgegen der verbreiteten Auffassung, das Klima stabilisiere sich selbst, „es ein gefährliches Potenzial für dramatische Veränderung, von selbst oder durch menschliche Eingriffe, zeige, und zwar schneller, als irgendwer angenommen hatte“.
Wie kann man diesen Übergang von bruchstückhaften Erkenntnissen hin zu Katastrophenszenarien erklären? Weart argumentiert überzeugend, dass solche Voraussagen ebenso sehr durch kulturelle Strömungen wie durch wissenschaftliche Fakten motiviert waren. Er verweist auf den verbreiteten Protest gegen Atomwaffentests, die Sorge über Luftverschmutzung und die Effekte von Chemikalien wie DDT und sagt, die Wissenschaft allein könne nicht den tief greifenden Sichtwandel in Hinblick auf die Stabilität des Klimasystems erklären, sondern einige Ereignisse hätten „die Sicht aller in der modernen Gesellschaft verändert“.

Klima des Unbehagens

Diese frühen Spekulationen über den Einfluss des Menschen auf das Klima waren Teil eines aufkeimenden Unbehagens hinsichtlich des Umgangs der Menschen mit der Natur. Der erste „Tag der Erde“ (Earth Day) im Jahr 1970 markiert den Übergang der Umweltschutzideen, die bis dahin Teil der Hippie-Bewegung waren, zu einem festen Bestandteil der Weltsicht der meisten Menschen.[7]Millionen von Amerikanern gingen auf die Straße. Es folgte, so Weart, ein „umfassendes Treffen von Experten aus 14 Ländern“ in Stockholm im Jahr 1971. Dies war die erste große Konferenz, die sich ausschließlich der „Erforschung des Einflusses des Menschen auf das Klima“ widmete. Obwohl es keinen Konsens darüber gab, was wahrscheinlich passieren werde, enthielt der Konferenzbericht einen „Aufruf, die Aufmerksamkeit auf die Gefahren durch die menschlichen Emissionen von Partikeln und Treibhausgasen zu richten“, und einen Hinweis auf die Möglichkeit, dass das Klima in den nächsten Jahren sich infolge der menschlichen Aktivitäten gefährlich verändern könnte.
Die Warnungen passten gut in die Zeit und fügten sich ein in eine Vielzahl von Schriften, die alle dieselbe Botschaft hatten: Der Mensch gefährdet die Natur. Die Natur aber ist das Wichtigste überhaupt. So wurde die Klimawandelforschung sozusagen in eine Zeit hineingeboren, in der der Optimismus in Hinblick auf die Macht von Wissenschaft und Technik durch wachsende Sorge ob der Arroganz des Menschen getrübt wurde, der durch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung die Umwelt und letztlich den ganzen Planeten gefährde. Dies ist der Hintergrund dafür, dass es in der Folge zu einer starken Politisierung des Themas Klimawandel kam.

Wissenschaftliche Aktivisten

Die 70er-Jahre gelten weithin als eine Zeit wachsender Desillusionierung in Hinblick auf die vorherrschende Politik. Die USA waren konfrontiert mit Vietnamkrieg, Watergate und der iranischen Geiselkrise, der Westen insgesamt mit der Weltwirtschaftskrise und der Sorge über zurückgehende Ölvorräte. Die Politik war an einem Tiefpunkt angelangt.
Die Wahlbeteiligung ging zurück, und Bürgerinitiativen mit oft sehr engem Fokus kamen auf. Hierzu passten auch die Aktivitäten einiger Klimaforscher, die sich entschieden, sich über die üblichen Konventionen der Wissenschaft hinwegzusetzen, um ihr Anliegen vorzubringen. Laut Weart nahmen während der 70er-Jahre einige Wissenschaftler die Vorstellung einer drohenden Klimakatastrophe so ernst, dass sie sich veranlasst sahen, sich persönlich an die breite Öffentlichkeit zu wenden, während die meisten Wissenschaftler der Auffassung waren, dass jede klare Position zum Klimawandel verfrüht gewesen wäre. Einer der Forscher, die sich an die Öffentlichkeit richteten, war Stephen Schneider, der mit seiner Frau zusammen ein populäres Buch mit dem Titel The Genesis Strategy: Climate and Global Survival (in deutscher Sprache unter dem Titel Klima in Gefahr. Strategien zur Beherrschung des Wetters) verfasste. Schneider wurde später einer der bekanntesten Kommentatoren zum Thema Klimawandel und einer der Hauptautoren des IPCC.
Weart beschreibt Schneider als „einen der Forscher mit der geringsten Scheu, vor Klimagefahren zu warnen“. So waren es auch Schneider und sein Kollege James Hansen, die dafür sorgten, dass 1981 erstmals auf Seite 1 der New York Times auf die Gefahren des Treibhauseffekts hingewiesen wurde. Hansen schickte ein Manuskript an die Zeitung, in dem es hieß, der Planet werde merklich wärmer, noch bevor es in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Science erschienen war. Es waren nur einige wenige Forscher, die sich darauf konzentrierten, an die Öffentlichkeit zu treten. Während der 80er-Jahre bot sich ihnen auf einer Reihe von Konferenzen, die unter der Schirmherrschaft supranationaler Organisationen durchgeführt wurden, ein Forum.

Die 80er-Jahre waren die entscheidende Periode für die Herausbildung der sogenannten Klimapolitik und die Etablierung des IPCC. Wendy Franz, damals an der Kennedy School of Government, Harvard University, zeichnet sie in einem Aufsatz von 1997 nach. Demnach wurden auf der ersten, von der Meteorologischen Weltorganisation WMO organisierten Weltklimakonferenz „alle Nationen dazu aufgerufen, gemeinsam den Klimawandel zu erforschen und entsprechende Planungen anzustellen, nicht jedoch dazu aufgerufen, etwas zur Verhinderung eines zukünftigen Klimawandels zu unternehmen“. Die folgende Konferenz im Jahr 1980 im österreichischen Villach, die gemeinsam vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der WMO und dem International Council for Science (ICSU) ausgerichtet wurde, kam auch zum Schluss, dass die Bedrohung groß genug sei, um ein Programm zur internationalen Forschungskooperation aufzulegen, doch dass es aufgrund der wissenschaftlichen Unsicherheiten verfrüht wäre, einen CO2-Reduktionsplan zu erarbeiten. Eine Folgeeinschätzung sollte im Jahr 1985, erneut in Villach, erfolgen.

Die Villach-Konfernz von 1985 gilt weithin als der entscheidende Schritt in Richtung einer Verankerung des Klimawandels auf der internationalen politischen Agenda und der Gründung des IPCC. Auf dieser Konferenz kamen die Wissenschaftler nämlich zu dem Schluss, dass die Notwendigkeit politischen Handelns weit dringender sei als bisher angenommen. In einer gemeinsamen Erklärung der drei Veranstalter heißt es: „Als Folge der steigenden Konzentrationen von Treibhausgasen, so glauben wir nun, könnte in der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen erfolgen, der größer ist als jemals in der Geschichte der Menschheit … Während eine gewisse Erwärmung des Klimas nun unvermeidbar erscheint, könnte das Tempo und das Ausmaß zukünftiger Erwärmung erheblich durch politische Maßnahmen in Hinblick auf Energiesparen, Nutzung fossiler Treibstoffe und die Emission von Treibhausgasen beeinflusst werden.“

Bemerkenswerterweise brachte die Erklärung die Klimaerwärmung auch mit anderen viel diskutierten Umweltthemen in Zusammenhang: „Klimaveränderung und Anstieg der Meeresspiegel durch Treibhausgase stehen in engem Zusammenhang mit anderen wichtigen Umweltproblemen wie Säureeinträgen und der Gefährdung der Ozonschicht der Erde, hauptsächlich infolge der Veränderungen der Atmosphäre durch menschliche Aktivitäten. Eine Reduzierung des Verbrauchs von Kohle und Öl sowie Energieeinsparungen zur Verminderung der Säureeinträge wird auch zu einer Reduktion der Treibhausgase führen, eine Reduzierung der Fluorchlorkohlenwasserstoffe wird zum Schutz der Ozonschicht beitragen und auch den Klimawandel bremsen.“ [8]
Franz weist darauf hin, dass diese Schlussfolgerungen weit mutiger waren als alle vorherigen und sich deutlich von jenen unterschieden, die zwei Jahre zuvor in einem Report des US National Research Council gezogen worden, zu „Vorsicht, nicht Panik“ aufforderten und sich gegen eine CO2-Reduktionspolitik aussprachen. [9]Sie fragt auch, weshalb die Schlussfolgerungen sich so stark von denen der Villach-Konferenz von 1980 unterschieden, die deutlich vorsichtiger waren und nicht zu politischem Handeln, sondern zu mehr Forschung aufriefen. Franz ist der Auffassung, dass die Schlussfolgerungen von 1985 nicht durch neue Forschungsergebnisse erklärt werden können. Sie fragt, was die Ursache für diese Hinwendung zur Politik gewesen sein kann.
Ihrer Analyse zufolge spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Einer war, dass diese Schlussfolgerungen keinen nationalen politischen Zwängen unterlagen, und die Tatsache, dass die Organisatoren – UNEP, WMO und ICSU –, die die Wissenschaftler ausgewählt und sie eingeladen hatten, als „Personen und nicht als Vertreter ihrer Regierung“ teilzunehmen, den Wunsch nach politischen Empfehlungen deutlich gemacht hatten. Franz weist auch darauf hin, dass die Teilnehmer von Villach nicht nur Klimaforscher waren, sondern auch Biologen, andere Naturwissenschaftler und Ingenieure, die „mehr geneigt waren, sich mit den praktischen Konsequenzen der Forschungsergebnisse zu beschäftigen“ und die sich noch nicht eingehend mit Klimaforschung beschäftigt hatten und über die Forschungsergebnisse und die Implikationen für die Geschwindigkeit, mit der der Klimawandel erfolgen könnte, überrascht waren.

Die Tatsache, dass die Teilnehmer von den Organisatoren ausgewählt und dazu aufgefordert worden waren, Empfehlungen für die Politik zu geben, erklärt, weshalb das Thema Klimawandel so schnell an Bedeutung gewann. Mit der Autorität supranationaler Organisationen wie den UN versehen und von der Rechtfertigung gegenüber den eigenen nationalen Regierungen entbunden, konnte eine kleine Zahl wissenschaftlicher Aktivisten einen überproportionalen Einfluss gewinnen und Empfehlungen aussprechen, die nicht an Politik oder Machbarkeit gebunden waren.

Dieser Trend in Richtung „internationaler” politischer Einflussnahme, bei dem die Autorität nationaler Regierungen im Vergleich zu Organisationen wie den UN oder der EU an Bedeutung verliert, ist heute stets sichtbar, sobald es um kontroverse Themen geht, sei es der Irakkrieg, die Entwicklung von gentechnisch veränderten Nahrungspflanzen oder irgendetwas, das mit Menschenrechten zu tun hat. Dieses Vorgehen, bei dem über die Köpfe nationaler Regierungen hinweg entfernte, aber dennoch mächtige Bürokratien angesprochen werden, wirft eine Reihe von Fragen hinsichtlich Demokratie und Verantwortlichkeit auf. [10]Zu beachten ist hier insbesondere auch die Bereitschaft dieser Organisationen, Aktivisten ebenso einzubeziehen wie Vertreter nationaler Regierungen. Kommentatoren haben angesichts der aktiven Rolle einer Gruppe von Rockstars beim letzen G8-Gipfel bereits von den „G9“ gesprochen.
Franz weist auch darauf hin, dass ein wichtiger Einflussfaktor der Villach-Konferenz von 1985 die Wiener Konvention zum Schutz der Ozonschicht vom März 1985 war. Der damalige UNEP-Chef Mostafa Tolba sah beim Thema Klimawandel die nächste große Chance zur Profilierung der UNEP.

Während es in Villach 1985 um CO2 und andere Treibhausgase ging, konzentrierte man sich danach „fast ausschließlich auf das CO2 und die Reduktion der Nutzung von fossilen Treibstoffen“, so Franz. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die starken Forderungen in der Erklärung von Villach sich hauptsächlich durch die auf der Konferenz geschaffene Wissenschaftlergemeinde und durch die zeitgemäße Verbindung mit dem Thema Ozonloch erklären lassen.
Andere sind zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen. Ronald Brunner argumentiert in seinem Aufsatz „Science and the Climate Change Regime“, dass einer der Faktoren, die dazu führten, dass der Klimawandel zu einem solch viel beachteten Thema wurde, eine Gruppe von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisatoren war, die als Unternehmer agierten und das Thema Klimawandel durch Konferenzen, Reports und persönliche Kontakte pushte. Die wissenschaftlichen Empfehlungen galten nicht mehr der Wissenschaft, sondern der Politik.[11]

Stimmung des politischen Aktivismus

Im Juli 1986 gründeten UNEP, WMO und ICSU als Folge der Villach-Konferenz einen Beirat, die Advisory Group on Greenhouse Gases (AGGG), um die Forderung der Konferenz, „sicherzustellen, dass die entsprechenden Institutionen den Empfehlungen von Villach 1985 folgen und, wenn für notwendig erachtet, die Verhandlung eines globalen Abkommens zu initiieren“, in die Tat umzusetzen. [12]Laut Shardul Agrawala führte die Hast, mit der dieser Rat in der Euphorie von Villach eingerichtet wurde, zu einigen schweren Fehlern, die später zu seiner Auflösung führten. [13]
Agrawala spricht von einer „Stimmung des politischen Aktivismus” während dieser Zeit, mit zwei Workshops in Villach und Bellagio im Jahr 1987 unter der Leitung der AGGG. Er schreibt: „Viele der Teilnehmer dieser Workshops glaubten, dass trotz der vorherrschenden Unsicherheiten starke politische Aktivitäten zum Thema Klimawandel notwendig seien.“
Besonders waghalsig agierte dabei laut Weart der bereits erwähnte James Hansen. Bis zum Sommer 1988 war der Klimawandel in der allgemeinen Öffentlichkeit kein Thema. Doch dies änderte sich mit einer Reihe von Hitzeperioden und Dürren, die Hansen für sein Anliegen nutzte.[14]

Allen Wissenschaftlern war bewusst, dass einzelne extreme Wetterlagen nicht durch die globale Erwärmung erklärt werden können. Doch Hansen arrangierte mit Senator Timothy Wirth eine Anhörung vor dem Kongress, bei der er sagte, dass es einen langfristigen Trend der Klimaerwärmung gebe, der höchstwahrscheinlich durch den Treibhauseffekt bewirkt werde. Weiter bezeugten er und gleichgesinnte Wissenschaftler, dass die globale Erwärmung zu häufigeren Stürmen und Überflutungen sowie lebensbedrohlichen Hitzewellen führen könnte. Im Anschluss sagte Hansen gegenüber Journalisten, es sei Zeit, „mit dem Geschwafel“ aufzuhören und zu sagen, dass „die Beweise für die Existenz des Treibhauseffekts sehr stark“ seien. Später sagte er, er habe „die Kosten, falsch zu liegen, gegen die Kosten, nichts zu sagen“, abgewogen und sich entschieden, dass er sich an die Öffentlichkeit wenden müsse. [15]
Die Medienaufmerksamkeit durch Hansen war gut getimt, da Ende Juni 1988 eine große Konferenz in Toronto anberaumt war, die von Wissenschaftlern organisiert wurde, die auch in Villach und Bellagio dabei gewesen waren. Die Konferenz hatte 341 Teilnehmer aus 46 Ländern. Davon waren 20 Politiker und Botschafter, 118 Politik- und Rechtsberater und hohe Regierungsbeamte, 73 Physiker, 50 Industrievertreter und Energiespezialisten, 30 Sozialwissenschaftler und 50 Umweltaktivisten. Franz weist darauf hin, dass die auf der Konferenz formulierte Forderung einer CO2-Reduktion von ungefähr 20 Prozent in Bezug auf das Niveau von 1988 bis 2005 stark hinter den in Villach und Bellagio empfohlenen 66 Prozent zurückblieb, und kommt zum Schluss, dass der Einfluss der Wissenschaft auf dieses Ergebnis minimal war. [16]
Laut Stephen Schneider zog die Konferenz in Toronto so viele Journalisten an, dass zusätzliche Räume für die Presse geschaffen werden mussten. Über die Ergebnisse der Konferenz wurde in den Medien weltweit ausführlich berichtet.

Viele Wissenschaftler standen dem Ansatz von Hansen und einigen anderen kritisch gegenüber, da sie die Integrität der Wissenschaft beschädigt sahen. Laut Weart tadelten angesehene Wissenschaftler Hansen öffentlich dafür, dass er weit über das hinausgegangen sei, was die wissenschaftliche Beweislage rechtfertigte. [17]Doch Hansen und einige andere, die politisch aktiv geworden waren, sahen dies ganz anders. Trotz der wissenschaftlichen Unsicherheiten (und Hansens eigener Erklärung, dass die Auswirkungen des Klimawandels nicht vor dem Jahr 2000 sichtbar würden) waren sie davon überzeugt, Warnzeichen des zerstörerischen Einflusses des Menschen ausgemacht zu haben, und hatten sich der Mission verschrieben, den Planeten vor den Menschen und die Menschen vor sich selbst zu retten.
Nur die Fakten zu erforschen, war ihnen nicht genug. Den Politikern war ohnehin nicht zuzutrauen, in Fragen derartiger Bedeutung richtig zu entscheiden. Es galt, im Namen des Planeten die Medien zu nutzen, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Schneider selbst gab zu, dass die Angst einflößenden Geschichten in den Medien „sehr wenig wissenschaftlichen Gehalt“ aufwiesen. Doch er betrachtete das als legitim, um Aufmerksamkeit in der Politik und moralisches Oberwasser zu gewinnen.

Klima der Empfänglichkeit

Während der 80er-Jahre stieg die Empfänglichkeit für Umweltthemen generell an. Vegetarismus, Tierschutz, Naturkostläden, Open-Air-Festivals, Radfahren, Wandern usw. wurden Teil des bevorzugten Lebensstils. Themen wie saurer Regen und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom Mai 1986 sorgten für wachsende Sorge Ängste in der Öffentlichkeit. Auch das Ozonloch war ein großes Thema. Im September 1987 wurde das Montreal-Protokoll zum stufenweisen Abbau der FCKW-Nutzung von 29 Ländern und der EU unterzeichnet. In 1987 erschien auch der Brundtland-Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“, der die Idee einer nachhaltigen Entwicklung bei Politik und Medien bekannt machte.
Gleichzeitig verlor der Kalte Krieg nebst atomarem Wettrüsten seinen bedrohlichen Charakter. 1986 trafen sich Reagan und Gorbatschow in Reykjavik, 1988 gab Gorbatschow den Rückzug der Sowjetarmee aus Afghanistan bekannt. Damit ging die Ära einer übersichtlichen Links-rechts-Politik zu Ende. Die Linke ging ihres Projekts des gesellschaftlichen Fortschritts verlustig, und die Rechte, die ihren historischen Feind verloren hatte, geriet in die Rolle, nun den Kapitalismus als solchen verteidigen zu müssen.

Was sollte die neue Ära prägen? Die Vorstellung, es sei notwendig, die Aktivität des Menschen einzudämmen, war seit den 70er-Jahren gesellschaftlich fest verankert und wurde zunehmend von einer im Niedergang befindlichen Linken aufgegriffen, die ihr Vertrauen in die Möglichkeit gesellschaftlichen Fortschritts verlor und sich dem Umweltschutz zuwandte. Zum prägenden Merkmal der späten 80er-Jahre wurde jedoch die Idee der Vorsorge, die aufkam, als mit dem Ende des Kalten Krieges die Vorstellung, es gäbe keine Alternative zur Marktwirtschaft, zu einem tiefen gesellschaftlichen Pessimismus führte, in dem das menschliche Potenzial mehr als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen wurde. [18]Die Orthodoxie der Vorsorge betonte nicht nur die tatsächlichen Umweltschäden, sondern auch mögliche zukünftige Bedrohungen. Hier konnten einige Wissenschaftler das Thema globale Erwärmung exakt einpassen. Und Umweltschutzorganisationen, die dem Thema bis Ende der 80er-Jahre keine Beachtung geschenkt hatten, konnten später neue Kampagnen darauf aufbauen.

„Zum prägenden Merkmal der späten 80er-Jahre wurde die Idee der Vorsorge, die aufkam, als mit dem Ende des Kalten Krieges die Vorstellung, es gäbe keine Alternative zur Marktwirtschaft, zu einem tiefen gesellschaftlichen Pessimismus führte, in dem das menschliche Potenzial mehr als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen wurde“

Politiker zeigten sich äußerst empfänglich für die Voraussagen zukünftiger Gefahren. Im September 1988 hielt Margaret Thatcher eine viel beachtete Rede vor der Royal Society. Darin sagte sie: „Über Generationen hinweg haben wir geglaubt, die Aktivitäten der Menschen hätten keinen Einfluss auf das fundamentale Gleichgewicht der Systeme der Welt und der Atmosphäre. Doch es ist möglich, dass wir mit all diesen enormen Veränderungen (der Bevölkerung, der Landwirtschaft und bei der Nutzung fossiler Energien) in so kurzer Zeit, ohne es zu wissen mit einem großen Experiment mit dem System des Planeten begonnen haben.“ Sie beendete die Rede mit den Worten, „stabiler Wohlstand“ könne „überall auf der Welt erreicht werden, vorausgesetzt, die Umwelt wird gepflegt und beschützt“. Dieses „Gleichgewicht der Natur“ zu schützen sei „daher eine der größten Herausforderungen des späten 20. Jahrhunderts“.[19]
In den USA gab es, obwohl verschiedene staatliche Stellen hinsichtlich der Ernsthaftigkeit der Bedrohung durch eine globale Erwärmung anderer Ansicht waren, ebenfalls den klaren Wunsch zu handeln und Kontrolle über die Angelegenheit zu erlangen. Es waren, wie Agrawala bemerkt, sogar die USA, die schon 1986 die Initiative zur Etablierung des IPCC durch die UNEP und WMO ergriffen – noch lange, bevor die Medien sich im Sommer 1988 ausführlich dem Thema widmeten.[20]
Aufgrund der „kumulativen Expertise” des Landes in der Klimaforschung, seiner Position als „größter Emittent von Treibhausgasen“ und „größter Geldgeber der UN“ spielten die USA eine Schlüsselrolle dabei, diesen Prozess in Gang zu setzen, wobei sie dafür sorgten, dass offizielle Experten eingesetzt wurden, und das politische Ziel verfolgten, durch einen zwischenstaatlichen Mechanismus Regierungen auf der ganzen Welt in die Entscheidungsprozesse in der Klimapolitik einzubeziehen. Der IPCC wurde im November 1988 gemeinsam von WMO und UNEP gegründet.

Welche Kompromisse es auch gegeben haben mag und wie weit die Meinungen hinsichtlich der Verlässlichkeit vorliegender Einschätzungen zum Klimawandel auch auseinandergegangen sein mögen – die Gründung des IPCC zeigt, dass Politik und Wissenschaft beim Thema Klimawandel zusammengefunden haben. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass es – so Weart – „schwer gewesen wäre, Mitte der 70er-Jahre 100 Wissenschaftler zu finden, die qualifiziert genug und bereit gewesen wären, sich der Aufklärung des Klimawandels zu widmen“. [21]
Das rasche Aufkommen des Klimawandels als politischem Thema scheint sich ganz klar ebenso stark den kulturellen und politischen Trends der 70er- und 80er-Jahre zu verdanken wie der Wissenschaft. 20 Jahre später ist die Politik noch immer im Niedergang begriffen, und der kulturelle Pessimismus ist noch angewachsen. Diese Faktoren, die mit den wie auch immer gearteten Realitäten des Klimawandels nichts zu tun haben, haben einen großen Einfluss darauf, wie das Thema wahrgenommen und wie damit umgegangen wird.

Die engen Grenzen der Klimawandeldebatte überwinden

Von Anfang an war das Verhältnis von Wissenschaft zu Politik beim Thema Klimawandel ein ungesundes. Dies hat sich sowohl auf die Wissenschaft als auch auf die Politik negativ ausgewirkt. Die Wissenschaft ist immer dann in ihrer Objektivität bedroht, wenn sie sich anschickt, uns zu sagen, was wir tun sollen, statt uns darüber zu informieren, was wir wissen und was wir noch nicht wissen. Dennoch sind heute erstaunlich viele Wissenschaftler, indem sie sich für eine bestimmte Klimapolitik einsetzen, sehr intolerant gegenüber abweichenden Meinungen.
So befindet sich beispielsweise die wichtigste wissenschaftliche Gesellschaft Großbritanniens, die Royal Society, heute unter den Vorreitern, die darüber wachen, dass nicht an dem gerüttelt wird, was sie für den wissenschaftlichen Konsens halten. Im September 2006 wandte sie sich mit einem offenen Brief an den Ölkonzern ExxonMobil, um ihn aufzufordern, Gruppen nicht mehr finanziell zu unterstützen, die „die Klimawissenschaft nicht richtig repräsentieren, da sie die Beweislage offen leugnen“.[22] Der Autor des Briefes, Bob Ward, erklärte dazu der Tageszeitung The Guardian: „Es ist heute wichtiger denn je, dass wir eine Debatte haben, die auf korrekten wissenschaftlichen Informationen beruht. Es ist nicht hilfreich, wenn Leute Informationen produzieren, die die Leute in die Irre führen. Der nächste IPCC-Bericht soll den Menschen den letzten Anstoß geben, damit sie handeln. Und wir können jetzt keine Leute brauchen, die das unterminieren.“ [23]
Diese eher düstere Auffassung von Wissenschaft, die den Menschen den „letzten Anstoß, damit sie handeln“ geben soll, beruht auf denselben Überzeugungen, mit denen schon Hansen und andere in den 80er-Jahren ihre Aktivitäten begründeten: dass Politikern und Bevölkerung nicht alle Sichtweisen über das komplexe Gebiet der Klimaforschung zur Kenntnis nehmen sollten, weil sie sonst, egoistisch und kurzsichtig, wie sie sind, sich nicht dafür entscheiden, so zu handeln, wie „sie sollten“.

Hans von Storch, Direktor des Instituts für Küstenforschung am GKSS Forschungszentrum in Geesthacht und Professor am Meteorologischen Institut der Universität Hamburg, hat überzeugend seine Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die Wissenschaft in der Klimadebatte missbraucht werde und sich selbst schade. In einem Artikel im Spiegel vom Januar 2005 schrieb er, der Klimawandel infolge menschlicher Aktivitäten sei ein wichtiges Thema, wir hätten aber einen Punkt erreicht, an dem jede neue Aussage über die Zukunft von Klima und Planet noch ein wenig dramatischer sein müsse als die bisherigen. Wenn Forscher öffentlich eine zurückhaltende Position einnähmen, werde das innerhalb der Wissenschaftlergemeinde oft als der „guten Sache“ abträglich kritisiert. Dies sei eine Bedrohung für die Wissenschaft: „Diese Selbstzensur in den Köpfen der Wissenschaftler führt letztlich zu einer Art Taubheit gegenüber neuen, überraschenden Erkenntnissen, die im Wettstreit mit oder gar Widerspruch zu den üblichen Erklärungsmodellen stehen. Die Wissenschaft degeneriert zu einer Art Reparaturwerkstatt für konventionelle, politisch opportune wissenschaftliche Thesen. So wird die Wissenschaft nicht nur impotent. Sie verliert auch ihre Fähigkeit, die Öffentlichkeit objektiv zu informieren.“ [24]

Der IPCC ist bemüht, von sich zu weisen, er wolle uns vorschreiben, was zu tun sei. [25]Dennoch ist sein konsensbasierter Ansatz darauf aus, den Spielraum für politische und öffentliche Debatten möglichst einzuengen. Liegen die Entwürfe der Wissenschaftler vor, werden sie an die Regierungen aller beteiligten Länder verschickt. Die Wissenschaftler und Regierungsbeamten kommen zusammen, um Zeile für Zeile den Wortlaut jeder der Zusammenfassungen für die Politik abzustimmen.
Rajendra Pachauri, der gegenwärtige Chef des IPCC, beschrieb die Bedeutung dieses Vorgehens bei der Veröffentlichung des Reports der Working Group I The Physical Science Basis im Februar 2007: „Es sind grundsätzlich die Wissenschaftler und die Experten, die das Wissen bewerten und liefern. Aber es wird von den Regierungen diskutiert und debattiert, und da wir alles im Konsens annehmen, impliziert das, dass alles, was hier akzeptiert wird, einen Akzeptanzstempel von allen Regierungen der Welt erhalten hat.“ [26]
Hat der IPCC einmal gesprochen, so gibt es nur noch wenig Raum für weitere Diskussion. Dass solch ein einschränkendes und technisches Vorgehen „Zeile für Zeile“ von so vielen als nützlich oder notwendig anerkannt wird, spricht Bände darüber, wie kastriert die Politik heute ist. Offenbar muss jeder erst einmal die neueste Version des „wissenschaftlichen Konsens“ abzeichnen, bevor eine Diskussion beginnen darf.

Wir brauchen beim Thema Klimawandel eine politische Debatte, die die bestmöglichen wissenschaftlichen Informationen erhält, nicht aber von der Wissenschaft diktiert wird. Stattdessen wird uns das Thema als ein wissenschaftliches präsentiert, und die Botschaft lautet, wir hätten die Lektion zu lernen, dass die Grenzen, die die Natur dem menschlichen Handeln auferlege, zu akzeptieren seien. Im Laufe der Jahre hat sich die Debatte zudem in eine Richtung entwickelt, in der der Klimawandel als Ausdruck einer moralischen Krise erscheint. Die Debatte ist zu einer Kampagne geworden, die permanent von jedem Einzelnen verlangt, sein Verhalten zu ändern und seinen „CO2-Fußabdruck“ zu verkleinern. Der IPCC, der sich selbst als wissenschaftliche Instanz sieht, hat sich immer mehr bereit gezeigt, diese moralischen Kampagnen mitzutragen.
So stellte Pachauri bei der Vorstellung des Berichts der Working Group III Mitigation of Climate Change im Mai 2007 stolz fest: „Es ist eine große Genugtuung, dass dieser Bericht erstmals davon handelt, welch wichtige Rolle Lebensstil und Konsumverhalten für die Verminderung von Treibhausgasen spielen. Natürlich können Sie auf die Technologie schauen, Sie können auf die Politik schauen. Doch die extrem mächtige Botschaft dieses Berichts ist, dass die menschliche Gesellschaft als Ganzes damit beginnen muss, Veränderungen im Lebensstil und beim Konsum ins Auge zu fassen.“[27]

„Wir brauchen beim Thema Klimawandel eine politische Debatte, die die bestmöglichen wissenschaftlichen Informationen erhält, nicht aber von der Wissenschaft diktiert wird.“

Vom Zeitpunkt der Geburt des IPCC an wurde der politische Ansatz für eine offene Debatte, wie mit Fragen und Problemen in Zusammenhang mit dem Klimawandel umzugehen sei, von Politikern kompromittiert, die keine eigenen Ziele hatten und sich daher immer mehr mit der Vorstellung von „natürlichen Grenzen“ anfreundeten, die Legitimation für politische und wirtschaftliche Stagnation boten. Während die politischen Überzeugungen und Ziele immer verwaschener wurden, gewannen Politiker und Aktivisten jedweder Couleur Gefallen daran, sich zur Untermauerung ihrer Forderungen auf die Wissenschaft zu berufen.
Die Art und Weise, wie Politiker, die Medien und die Öffentlichkeit dem IPCC förmlich an den Lippen hängen, wenn der seine Berichte vorstellt, zeigt, wie die Wissenschaft mittlerweile weltweit als Politikersatz institutionalisiert worden ist. Dies hat dazu geführt, dass es fast unvorstellbar geworden ist, das Thema Klimawandel in einer anderen als der vorgegebenen Weise zu diskutieren. Doch wenn wir eine wirklich offene Debatte haben wollen, die noch immer der beste Weg zu einem guten Ergebnis ist, dann müssen wir unsere Vorstellungskraft wieder weiten und den zu eng gesteckten Rahmen aufbrechen, um neu über Politik und Wissenschaft des Klimawandels zu diskutieren.