01.03.2003

Die therapeutische Gesellschaft

Essay von Michael Fitzpatrick

Wer seine Mitmenschen als potenzielle Bestien oder bedauernswerte Opfer betrachtet, kann kein Freund der Freiheit sein. Von Michael Fitzpatrick.

Humanitäre Interventionen im Ausland, Sozialreformen im Inland – welche Beziehungen zwischen Staat und Bürgern werden heute nicht vom Ethos der Therapie beherrscht? Der therapeutische Staat hilft uns nicht; er macht Opfer zu Rollenmodellen und beschneidet dabei die Autonomie des Einzelnen.

Kürzlich wurden im Middlesborough General Hospital 24 Menschen möglicherweise mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) infiziert. Im britischen Gesundheitsministerium reagierte man auf die Ereignisse mit der Entsendung von Beratern und dem Angebot, die Betroffenen auf Lebenszeit zu unterstützen. Die Aktion ist ein typisches Beispiel für den therapeutischen Staat in Aktion.[1]Dahinter steht die Annahme, dass Beratung – Trost und Mitgefühl – den Betroffenen hilft, die schlimme Mitteilung zu verarbeiten, eventuell im Laufe der nächsten 30 Jahre an der unheilbaren Nervenkrankheit zu erkranken.

Das therapeutische Ethos sitzt mittlerweile so tief, dass es eher überraschen würde, wenn die 24 Beratungsempfänger den Schicksalsboten die Tür gewiesen und die ihnen zugedachte Opferrolle im gängigen Psychodrama verweigert hätten. Der Besuch eines Beraters – was braucht es heute mehr, um einen Bürger auf ewig in ein Opfer zu verwandeln?

Im Zusammenspiel zwischen einer sich selbst nicht sicheren Regierung und verletzlichen Einzelnen, die nach Anerkennung und Bestätigung suchen, entwickelt sich – vermittelt durch professionelle Berater – die fatalistische Dialektik der therapeutischen Gesellschaft. Tony Blair erklärte vor einiger Zeit, das rund um die Uhr verfügbare Beratungstelefon des National Health Service (NHS) sei eine der größten Errungenschaften seiner ersten Amtszeit. Deutlicher hätte er wohl kaum sagen können, wie wichtig ihm die therapeutische Beziehung zwischen Regierenden und Regierten ist.

Das Beratungstelefon des NHS ist die symbolische Hand, welche die Regierung den Erniedrigten und Leidenden entgegenstreckt. Sie zeigt: Der Staat sorgt sich um euch – solange es nicht wirklich etwas kostet.

Schon mehreren Beobachtern ist aufgefallen, dass solche „psycho-sozialen“ Initiativen auch in westlichen Interventionen wie in Ex-Jugoslawien oder Konflikten wie in Nordirland eine immer größere Rolle spielen.[2] In ihrer Kritik des „therapeutischen Regimes“ belegt die Nottinghamer Universitätsdozentin Vanessa Pupavac auf Grundlage von Interviews, die sie mit Flüchtlingen aus Bosnien und anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens geführt hat, dass „der psychische Zustand vom Krieg betroffener Bevölkerungen zum Gegenstand internationaler Politik geworden ist“. Im Westen, so Pupavac, gelte als Emblem für die Folgen von Krieg und Katastrophen in den Ländern des Südens heute nicht mehr das hungernde Kind, sondern die traumatisierte Frau.[3]

Hinter der psychosozialen Form der Intervention steht die Annahme, dass Krieg ganze Bevölkerungen traumatisiert und dass die daraus folgenden gravierenden psychischen Schäden tiefe Wunden hinterlassen, welche das betroffene Land zu endlosen Spiralen der Gewalt und Gegengewalt verdammen. Die Neigung, Trauer und Leid zu pathologisieren, veranschaulicht die inzwischen allseits akzeptierte Indikation „Post-traumatische Belastungsstörung“ (PTSD, Post-Traumatic Stress Disorder) in der Analyse von Krisenregionen.

„Früher gingen Psychologen davon aus, die Menschheit bestehe aus belastbaren, widerstandsfähigen Individuen und versuchten dann, individuelle Anfälligkeiten für psychische Störungen zu diagnostizieren.”

Der Psychologe Derek Summerfield hat eine von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone durchgeführte Untersuchung vorgestellt. Anhand von Diagnosemodellen, die in westlichen Krankenhäusern erstellt worden waren, kam man zu dem Ergebnis, dass 99 Prozent der Bevölkerung unter schwerer PTSD litten. Summerfield merkt dazu an, dass „Kennzeichen der PTSD hier meist sekundär auftreten und den Betroffenen weder wichtig scheinen noch sie sich sehr beeinträchtigt fühlen. Die meisten von ihnen bleiben aktiv und handlungsfähig – und das selbst angesichts sehr schwieriger und unsicherer Lebensumstände.“ Dazu meint Summerfield: „Der unkritische Einsatz von PTSD-Diagnosebögen führt zu stark überhöhten Schätzungen, was die Zahl der Menschen betrifft, die einer Behandlung bedürfen.“[4]
Wie Pupavac ausführt, fußt das internationale psychosoziale Modell auf der Prämisse der „Verletzbarkeit“ des Individuums. Früher gingen Psychologen davon aus, die Menschheit bestehe aus belastbaren, widerstandsfähigen Individuen und versuchten dann, individuelle Anfälligkeiten für psychische Störungen zu diagnostizieren. Der PTSD-Ansatz hingegen geht davon aus, wir alle seien durch die Bank extrem verwundbar, fürsorgebedürftig und letztlich psychisch labil.

Diese Diagnose bildet die Prämisse psychosozialer Interventionen in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Dazu zählen u.a. Traumaberatung, Friedenserziehung, Konfliktmanagement- und Toleranzprogramme sowie Schulungen zur Stärkung des Selbstbewusstseins. Frauen und Kinder, von denen offenbar vermutet wird, sie hätten dergleichen besonders nötig, sind die Hauptzielgruppe solcher Maßnahmen. In der Regel werden diese Programme von Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) betrieben, beispielsweise vom Roten Kreuz, Oxfam, Save the Children oder dem Weltfriedensdienst. Häufig arbeiten diese Organisationen im Rahmen von UN-Programmen oder unter Aufsicht staatlicher Organe.

Das Beste, was man über solche Maßnahmen sagen kann, ist, dass sie häufig ins Leere gehen. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Beratung und therapeutische Gespräche zur Verarbeitung schrecklicher Erlebnisse nicht nur wenig beitragen, sondern die Folgen häufig sogar verschlimmern, da sie die Strategien, die jeder Einzelne entwickelt, um solche Erlebnisse zu verarbeiten, oft untergraben.[5]
Summerfield meint dazu: „Ärzte und Psychologen sollten sich davor hüten, menschliche Reaktionen auf das Erlebnis des Krieges durch ihre westliche medizinisch-therapeutische Brille zu sehen. ‚Gesundung‘ ist kein abstrakter Vorgang; sie erfolgt konkret, im Leben konkreter Menschen und nicht im Lehrbuch der Psychopathologie.“

„Psychosoziale Intervention ist gerade gegenüber den Ländern des Südens eine besonders degradierende Maßnahme. Diese Gesellschaften gelten als krank, folglich muss der gesunde Westen ihre politische und gesellschaftliche Steuerung übernehmen.”

Psychosoziale Interventionen behandeln ihre Subjekte obendrein als „halb Wilde, halb Kinder“ – um Rudyard Kiplings Beschreibung der Objekte eines früheren, ähnlich gelagerten Diskurses aufzugreifen. Behandelt man Menschen wie psychische Wracks, spricht man ihnen damit auch ihre Autonomie als rationale Individuen ab. Sie sind von vornherein nicht auf der gleichen Augenhöhe, sondern bestenfalls Bürger zweiter Klasse.
Psychosoziale Intervention ist deshalb gerade gegenüber den Ländern des Südens eine besonders degradierende Maßnahme. Die Prämisse lautet: Diese Gesellschaften sind krank, folglich muss der gesunde Westen ihre politische und gesellschaftliche Steuerung übernehmen. Die Bevölkerung der betroffenen Länder wird als psychisch und politisch geschädigt deklariert, woraus folgt, dass äußere Mächte berufen sind, die Vormundschaft über sie zu übernehmen. Pupavac gelangt zu folgendem Schluss: „So wird die Selbstbestimmung in Post-Konflikt-Gesellschaften und so genannten ‚gescheiterten Staaten‘ auf unbestimmte Zeit ausgesetzt – und dies durch sozio-therapeutische Maßnahmen legitimiert.“[6]

„Der Ausbau des therapeutischen Staats geht überall mit dem Verfall demokratischer Institutionen einher.”

Die Aussetzung von Bürgerrechten geht mit psychosozialen Interventionen generell Hand in Hand. So wird Bosnien derzeit von „König“ Paddy Ashdown regiert, einem Politiker der britischen Liberal-Demokraten. Offiziell ist er „Hoher UN-Vertreter der internationalen Gemeinschaft“. Er hat eine Horde Berater an seiner Seite. Die Wahlbeteiligung bei den letzten Wahlen zu einem Parlament, dessen Rechte ungefähr denen einer Schülervertretung entsprechen, lag bei ca. fünfzig Prozent.

So weit hergeholt es auf den ersten Blick scheinen mag: Auch in den westlichen Industriestaaten schleichen sich neuerdings vergleichbare Praktiken ein. Die letzten Wahlen zum US-Kongress wurden von mehreren tausend Anwälten überwacht, die ähnlich auftraten wie westliche Wahlbeobachter auf dem Balkan. Die Wahlbeteiligung war dort häufig übrigens sogar noch geringer.[7]

Der Ausbau des therapeutischen Staats geht überall mit dem Verfall demokratischer Institutionen einher. Großbritannien droht mit der Implosion der Konservativen zu einem Ein-Parteien-Staat zu werden, geführt von Tony Blair – einem der vollendetsten Protagonisten der therapeutischen Politik.

Wie ausgeprägt das therapeutische Ethos in Großbritannien heute ist, zeigen u.a. folgende Entwicklungen:
- Die königliche Familie ist mittlerweile eine Reality-Show im Big-Brother-Container. Der Opferkult, der mit Diana begann, ist inzwischen das Leitmotiv jeder Hintertreppengeschichte aus dem Königshaus.
- Die neue Epidemie am Arbeitsplatz heißt „Arbeits-Stress-Syndrom“. Unter diesem Label werden Konflikte, die früher Gegenstand gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen waren, auf der Ebene der Psychopathologie und unter Beteiligung von Beratern, Ärzten und Gerichten verhandelt.8]
- Die Definition psychischer Pathologien hat sich dermaßen erweitert, dass laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums derzeit 25 Prozent aller Briten psychisch krank sind. Da jede Art Unzufriedenheit heute als Depression gilt, fallen allein in diese Kategorie inzwischen zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung (je nach Herausgeber der entsprechenden Studie). Und Menschen, die als psychisch krank gelten, bedürfen, so die Empfehlung, dringend psychotherapeutischer oder medizinischer Behandlung.
- Im Erziehungswesen sind Berater allgegenwärtig. Jede Leistungshürde und jedes Schulversagen ist Anlass für intensive Beratung.
- Von schwangeren Teenagern bis zu Familienkrisen gelten Probleme des täglichen Lebens inzwischen als Symptome zu geringen Selbstbewusstseins. Zur Therapie wird geraten.

Die therapeutische Politik ist heute ein ebenso verbreitetes wie akzeptiertes Phänomen. Fernsehprogramme, in denen Menschen eigene Defekte zur Schau stellen und Moderatoren als Beichtväter auftreten, haben die Sprache des therapeutischen Diskurses popularisiert. Diese Kultur hat sich mittlerweile bis in die entlegensten Bereiche der Gesellschaft ausgebreitet. Die chassidische jüdische Gemeinschaft, deren Mitglieder sich kleiden und leben wie im Polen des 18. Jahrhunderts, hat eine eigene Beratungsstelle eingerichtet, die „Talking Matters Association“. Mehrere Rabbiner haben sich zu Beratern ausbilden lassen, Schulungen in Stressvorsorge mitgemacht und versuchen nun, ihren Gemeinden die Gesprächstherapie nahe zu bringen.

„Heute werden Mitmenschen oft vor allem als potenzielle Bestien betrachtet“, schreibt George Williamson, Leiter einer Kampagne gegen unbegründete Missbrauchsvorwürfe.[9]Vorauseilende Schuldvermutungen führen dazu, dass eine gründliche Untersuchung solcher Vorwürfe nicht selten unterbleibt. Und selbst wenn sich nichts beweisen lässt, wird im Zweifel eine Therapie verordnet.

Der Schlüssel zum Verständnis solcher Entwicklungen liegt in den sozialen und politischen Veränderungen der letzten 20 Jahre, die das Vertrauen in die positiven Potenziale der Individuen untergraben haben.[10]Die Thatcher-Ära, der Rückzug des Sozialstaates und das Ende der Arbeiterbewegung brachten nicht, wie sich die Konservativen das vorgestellt hatten, selbstbewusste, dynamische Unternehmertypen hervor, sondern bedrückte Opfer.

Was aber war der Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung, die mit dem Zerfall der alten Linken begann und mit Entstehung der therapeutisch sensiblen neuen Sozialdemokratie endete? Manche Kommentatoren verweisen auf den erfolglosen englischen Bergarbeiterstreik von 1984/85, andere auf den Zusammenbruch des Ostblocks. Ich denke, es war der Skandal um Kindesmissbrauch in Cleveland im Jahre 1987. Es war der erste Fall dieser Art, der großes öffentliches Aufsehen erregte. Es kam zu einer breitangelegten Untersuchung der Missbrauchsfälle – in deren Folge auch die ersten Initiativen entstanden, die sich gegen haltlose Vorwürfe sexuellen Missbrauchs zur Wehr setzten.

Das Besondere an dem Fall in Cleveland war, dass die Initiative, Eltern reihenweise ihre Kinder zu entziehen, von Sozialarbeitern und Ärzten ausging – und zwar gegen den Widerstand der Polizei. In der folgenden Auseinandersetzung teilten sich die Meinungen rasch in ein neuartiges „linkes“ und ein „rechtes“ Lager, wobei die als links bezeichnete Strömung aus neuen Linken und Feministinnen vor allem die Sozialdienste verteidigten, während der Abgeordnete des Wahlkreises (ein traditionalistischer Vertreter der Labour-Partei) und die Kirche die Position der Polizei vertraten.

„Opferpolitik nimmt die vakant gewordene Stelle einer Politik der Befreiung ein.”

Dass Linke und Feministinnen die Vorwürfe der Sozialbehörden in Cleveland unterstützten, sexueller Missbrauch sei unter den Eltern der Region ein allgegenwärtiges Phänomen, veranschaulicht, wie ausgeprägt schon damals eine degradierte Sicht des Individuums war. Opferpolitik nahm die vakant gewordene Stelle einer Befreiungspolitik ein. Feministinnen haben diese Entwicklung seinerzeit am entschiedensten gefördert.

Obgleich die therapeutische Kultur derzeit dominant ist, ist sie doch alles andere als gefestigt. In verschiedensten Forschungs- und Politikbereichen gibt es inzwischen Stimmen, die auf ihre Gefahren hinweisen. Um das Ethos der Therapie erfolgreich zu bekämpfen und zurückzudrängen, muss es allerdings erst in seiner vollen gesellschaftlichen Bedeutung begriffen werden.