12.10.2010

Die Renaissance der Kernenergie in der Welt

Kommentar von Lutz Niemann

Wie denkt und handelt eigentlich der Rest der Welt bezüglich der Atomkraft?

Soeben hat Deutschland beschlossen, die Laufzeit seiner Kernkraftwerke zu verlängern und damit erst nach 40 beziehungsweise 46 Jahren Betriebsdauer zu verschrotten. Aus diesem Grunde ist es nützlich zu sehen, wie der Rest der Welt bezüglich dieser Energiequelle denkt und handelt:
Von 1998 bis 2008 wurden auf der Welt 36 Kernkraftwerksneubauten fertig gestellt, im Mittel innerhalb dieser 10 Jahre also 3 bis 4 Neubauten pro Jahr. Die Gesamtzahl der KKWs auf der Welt hat sich trotzdem nur gering erhöht, da immer gleichzeitig kleine Prototyp-Anlagen stillgelegt wurden.
Die zunehmende Aktivität bei den Neubauten zeigt sich an der steigenden Anzahl der in Bau befindlichen Kernkraftwerke: Das waren
Ende 2007 29 KKW’s in Bau.
Ende 2008 43 KKW’s in Bau
Ende 2009 56 KKW’s in Bau


Weiterhin waren Ende 2009 80 KKWs in konkreter Planung, 130 in beabsichtigter Planung.
Die Ende 2009 in Bau befindlichen Kernkraftwerke befinden sich in Finnland (1), Frankreich (1), Russland (10), Ukraine (2), Slowakei (2), Bulgarien (2), Iran (1), Pakistan (1), Argentinien (1), USA (1), Indien (5), China (20), Japan (1), Taiwan (2), Südkorea (6).

Europa

Frankreich: In Flamanville ist ein KKW (EPR = „Europäischer Druckwasserreaktor“ ist eine Weiterentwicklung mit gesteigerter Sicherheit) in Bau, ein zweiter Neubau ist in Planung.
Finnland: In Olkiluoto ist ein KKW in Bau (EPR von AREVA), 2 weitere KKWs in Planung.
Schweden: Hatte 1980 den Ausstieg bis 2010 beschlossen. Barsebäck 1 + 2 (in der Nähe von Malmö + Kopenhagen) wurden stillgelegt (1999, 2005) aus Rücksichtnahme auf die dänischen Nachbarn, aber ausgeglichen durch Leistungserhöhungen der anderen KKWs. Das Neubauverbot wurde von schwedischen Parlament aufgehoben, bis zu 10 neue KKWs erlaubt das neue Gesetz.
Italien: Hatte nach Tschernobyl nach einer Volksabstimmung seine drei Kernkraftwerke still gelegt, dann jahrelang den Ersatzstrom aus französischen KKWs bezogen. Jetzt wurde durch Parlamentsbeschluss mit überwältigender Mehrheit der Wiedereinstieg beschlossen. Es sollen 4 neue KKWs gebaut werden und Italien will sich außerdem an Kernkraftwerken im Ausland beteiligen.
Tschechien: Die rechtlichen Hindernisse für zwei weitere Kraftwerksblöcke Temelin 3 + 4 wurden beseitigt, die Ausschreibung ist bereits erfolgt. Temelin versorgt schon jahrelang das Ausstiegsland Österreich mit KKW-Strom, das sind circa 500kWh pro Bürger im Jahr (ca. 10 Prozent des gesamten österreichischen Strom oder circa 30 Prozent des in den Haushalten verbrauchten Stroms). Eine österreichische Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen Temelin ist gescheitert.
Polen: Hat bisher kein KKW, Neubauten von 4 Kraftwerksblöcken sind geplant. Verschiedene Regionen Polens bewerben sich als Standort, ein Standort bei Danzig wurde festgelegt. Zusammenarbeit mit Frank-reich ist vereinbart.
Schweiz: In der Vergangenheit wurde in mehreren Volksabstimmungen von den Bürgern der Ausstieg aus der Kernkraft abgelehnt. Die Gründe waren: Unabhängigkeit bewahren, volkswirtschaftlichen Schaden abwenden, Kernenergie ist CO2-frei. Seit eine Stromlücke droht, werden die Bürger durch vielfältige Information systematisch auf die Notwendigkeit von Neubauten vorbereitet. Die Neubauten werden an den bestehenden Standorten geplant, dort herrscht große Zustimmung unter der Bevölkerung. Alle bestehenden KKWs haben unbefristete Betriebsbewilligung.
Belgien: Die Regierung hat einen früheren Beschluss aus dem Jahr 2002, der die Laufzeit der 3 älteren KKWs auf 40 Jahre beschränkte, aufgehoben und deren Laufzeit um weitere 10 Jahre (auf insgesamt 50 Jahre) verlängert. Damit wurde das in Belgien bestehende Gesetz, das auch den Ausstieg bis 2025 festlegte, in wesentlichen Teilen außer Kraft gesetzt.
Niederlande: Ein Ausstiegsbeschluss wurde zurückgenommen, die Laufzeit des bestehenden KKWs wurde um 30 Jahre verlängert. Das Verfahren zum Neubau eines zweiten Blockes in Borssele läuft.
Spanien: Laufzeitverlängerung um 10 Jahre von einem Block, Leistungserhöhungen bei bestehenden KKWs. Damit wurde dem grundsätzlichen Bekenntnis Spaniens zu einem Ausstieg (das aber nicht per Gesetz fixiert ist) durch tatsächliches Handeln widersprochen.
Großbritannien: 10 potenzielle Standorte genehmigt, 4 große Blöcke an 2 Standorten in Planung.
Russland: Am 16.6.2010 begannen die Russen mit den Bauarbeiten an zwei großen Kernkraftwerksblöcken in Kaliningrad (1200MW), dem früheren Königsberg. 2016 beziehungsweise 2018 sollen sie fertig sein und Strom für den Export produzieren (nach Deutschland?). Laufzeitverlängerungen bei bestehenden KKWs um 15 Jahre bis 2025 genehmigt. 10 KKWs in Bau.
Ungarn: 2 weitere Blöcke sind in Paks in Planung.
Slowakei: Im Rahmen des EU-Beitritts musste ein (oder zwei?) KKW stillgelegt werden, es werden in früherer Zeit begonnene – aber unterbrochene – Neubauten fortgeführt.
Bulgarien: 2 KKWs sind in Betrieb, weitere 2 KKWs sind in Bau.
Slowenien: Ein zweiter Block ist in Krsko in Planung.
Rumänien: Planungen für 2 neue Kernkraftwerksblöcke sind angelaufen.
Weißrussland: Bisher ohne KKW, plant 2 Neubauten, Vertrag mit Russland abgeschlossen.
Armenien: Der Ersatz des bestehenden KKWs durch eine neue, größere Anlage beschlossen.

Naher Osten

Emirate: Die Emirate haben für 20 Mrd. US Dollar 4 KKWs in Südkorea bestellt.
Jordanien: Plant den Bau von 4 KKWs zur Stromerzeugung und zur Meerwasserentsalzung, dazu sind weitreichende Verträge mit Russland geschlossen worden.
Türkei: Hat bisher kein KKW, Neubauten von 4 Kraftwerksblöcken sind geplant, es wurden Verträge mit Russland geschlossen.

Amerika

USA: Für 59 der 104 KKWs wurde die Betriebserlaubnis auf 60 Jahre verlängert. Bei den Behörden sind 18 Neubauanträge für insgesamt 28 Kraftwerksblöcke (COL = kombinierte Bau- und Betriebsbewilligungen) eingegangen (5 davon wurden inzwischen vorläufig zurückgestellt). Mit dem Bau eines neuen Werkes für Reaktor-Schwerkomponenten wurde begonnen. Unter der Bevölkerung besteht seit Jahren eine überwiegende Zustimmung zur Kernkraft, die je nach Fragestellung 60 bis 80 Prozent beträgt.
Kanada: Laufzeitverlängerungen zwischen 10 und 30 Jahren genehmigt. Regierung beauftragt Energieversorger zu Neubauten.
Brasilien: Genehmigung zur Fertigstellung des dritten Kraftwerkblocks am Standort ANGRA ist erteilt.
Argentinien: Hat ein neues Kernenergiegesetz mit großer Mehrheit verabschiedet, welches Neubauten und Laufzeitverlängerungen um 30 Jahre erlaubt.

Fernost

Hier liegt der Schwerpunkt bei den Kernkraftwerksneubauten, denn wirtschaftlicher Aufschwung ist untrennbar mit zunehmendem Stromverbrauch verknüpft (Ungekehrt erfolgt abnehmender Stromverbrauch nur bei Zusammenbruch der Wirtschaft, wie in den Jahren nach der deutschen Einheit durch den Niedergang der Wirtschaft in den neuen Bundesländern zu sehen war).
Insbesondere zu erwähnen sind China (die meisten Neubauten), Südkorea (steigt ein in den Export von KKWs), Indien (betreibt 4 große Forschungszentren und entwickelt Brüter und Hochtemperaturreaktoren). Es steigen auch Staaten ein, die bisher keine KKWs betreiben, zu nennen ist etwa Vietnam.

Und wie geht es weiter?

Mit der Kernkraft geht es auf der ganzen Welt voran. Nur Deutschland steht abseits, der Ausstiegsbeschluss von Rot-Grün wurde von Schwarz-Gelb nicht aufgehoben, sondern seine Durchführung nur aufgeschoben. Unsere Nachbarn mit gesetzmäßig festgelegtem Ausstiegsbeschluss Italien, Schweden, Belgien, Niederlande waren realistischer, sie haben ihre früheren Entscheidungen als falsch erkannt und rückgängig gemacht.


Nur Österreich und Dänemark, die keine Kernkraftwerke betreiben, halten weiterhin an ihren politischen Entscheidungen gegen die Kernenergie fest.
Laufzeitverlängerungen, Neubauten und Neubauplanungen gibt es rund um Deutschland bei den näheren Nachbarn: Schweden, Niederlande, Belgien, Frankreich, Schweiz, Slowenien, Tschechien, Slowakei, Polen, Russland. Alle diese Nachbarn machen ihre Planungen sicherlich auch in Hinblick auf das Verhalten Deutschlands, denn der Verkauf von Strom an ein reiches Land verspricht ein langfristiges gutes Geschäft (solange der Käufer noch zahlungskräftig ist).


In Deutschland werden die Lichter so schnell nicht ausgehen, dazu trägt auch der Bau der Ostseepipeline bei. Wenn beide Röhren fertig sind, wird die Kapazität nahezu ausreichend sein zum Ersatz sämtlicher deutscher Kernkraftwerke. Russland baut Kernkraftwerke im eigenen Land, damit es Erdgas für den Export spart und so Devisen einnehmen kann. Erdgas gilt als saubere Energiequelle, die Kraftwerke sind schnell und billig zu bauen. Es gibt keinen (organisierten) Widerstand gegen Neubau von Erdgaskraftwerken. So wurden in den letzten 8 Jahren 11 Gaskraftwerke bei uns fertig gestellt, ein Kohlekraftwerk und ein Kohle/Gas Kombikraftwerk. Mit seinem Gaslieferungen und dem in Bau befindlichen Kernkraftwerk in Königs-berg dehnt Russland in aller Stille seine Macht nach Westen aus.


Der „revolutionäre Schritt Deutschlands hin zum Zeitalter der Erneuerbaren Energien“ (O-Ton Merkel) erzeugt angesichts der Entwicklung auf der Welt Unbehagen beim deutschen Bürger. Die fossilen Energiequellen reichen einige Jahrhunderte, die Quellen der Kernspaltungsenergie Uran und Thorium jedoch sehr viele Jahrtausende. Die Erneuerbaren Energien reichen nach menschlichem Ermessen zwar unendlich lange, ohne andere Quellen und heutigen Wohlstand angenommen allerdings nur für ca. 5 Prozent unserer Bürger. Was machen wir dann mit den anderen 95 Prozent? Wer soll die Subventionen verdienen?


Die Sonnenstaaten im Nahen Osten haben verstanden, was zu tun ist: nicht Solarstrom, sondern Kernkraftstrom ist die Zukunft. Wann wird man das in Deutschlands Führungsetage begreifen?